„Worüber wir schweigen“ | Michaela Kastel [Janna]

Das Buch wurde mir vom Emons Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Die Frage der Schuld

Zwölf Jahre sind vergangen, seit Nina ihr Heimatdorf fluchtartig verlassen hat. Nun kehrt sie unerwartet zurück, und ihre Ankunft wirft das sonst so ruhige Leben in der Gegend aus der Bahn. Was führt sie wieder an den Ort, den sie so lange gemieden hat? Das Zusammentreffen mit ihrer alten Clique weckt unangenehme Erinnerungen an ein Ereignis, an dem ihre Freundschaft einst zerbrach. Und über das alle bisher geschwiegen haben …

Klappentext

Drei Perspektiven, drei Familien. Und viele Geheimnisse. Nina, Tobias und Gregor. Drei Charaktere die mir ihre finstersten Seiten offenbarten. Über mehrere Jahre hinweg begleitete ich ihre Gedanken.

Nina ist durch und durch eine Antagonistin! Ein Charakter der mir relativ schnell unsympathisch war und von Seite zu Seite verschärfte sich dieser Eindruck. Die Autorin hat ihr Ziel erreicht! Wobei ich auch immer mehr über sie und ihre Kindheit, ihr Elternhaus erfuhr. So wie ich sie als erwachsene Frau kennen lerne, so war sie bereits als Kind. Erst durch Melanie, ihre beste Freundin, blüht sie auf. Zu mindestens ist dies der Eindruck eines anderen Protagonisten. Ich empfand dies nicht wirklich so. Nina ist eine Künstlerin des Verschleierns. Sie spricht nicht über ihre tiefsten Gedanken, über ihre Verletzungen. Sie ist unausstehlich gegenüber ihrer besten Freundin. Sie ist eine Frau die nie glücklich war. Nur einen Moment. Damals als sie noch eine Jugendliche war. Doch dieses Glück wurde überschattet. Durch ihr eigenes Handeln und durch Ereignisse die ihre Schatten auch nach zwölf Jahren noch werfen.

Tobias wohnte damals gegenüber von Nina. Wirklich wahrgenommen hat sie ihn nie. Er war der „Streber“, der kleine Bruder von. Ein zurückhaltender Protagonist mit düsteren Gedanken. Seine Intelligenz verblasst neben den beliebten Bruder und der Neid wächst. Als erwachsener Mann blickt er wehmütig zurück, doch die Vergangenheit lässt sich nachträglich nicht mehr ändern. Und auch nicht mehr gutmachen, wenn die Person nicht mehr ist.

Gregor ist Ninas Vater. Zunächst skizzieren seine Rückblicke Ninas Charakter und die Überforderung der Eltern. Die Mutter steht unter Medikamenteneinfluss, der Vater findet keinen Bezug zu seiner Tochter. Im weiteren Verlauf zeigt sich der Zerfall seiner Ehe.

Es geht jedoch nicht nur um diese drei Personen, auch ihr engstes Umfeld spielt eine bedeutende Rolle. Melanie, Ninas beste Freundin. Und natürlich Dominik. Zwei Personen die keine eigenen Kapitel erhalten, aber für die Geschichte nicht weniger wichtig sind.

Melanie ist instabil und verunsichert. Als Jugendliche, als erwachsene Frau. Sie sei es, die Nina aufblühen lies und doch ist sie es, die Nina verfallen ist. Sie sind zusammen aufgewachsen, doch ihre Wege trennten sich. Zwölf Jahre lang. Und bereits bei ihrer ersten Begegnung nach so langer Zeit wird deutlich, dass es einen schmerzvollen Bruch in ihrer Freundschaft gab.

Dominik ist der Mittelpunkt innerhalb der Geschichte. Er ist der große Bruder von Tobias. Er ist der Nachbar von Nina. Und er war der Freund von Melanie. Und er ist es, der in den gegenwärtigen Kapiteln fehlt. Eine Tragödie über die nicht gesprochen wird.

Melanies Familie, ihre Mutter, spielt keine bedeutende Rolle und doch ist sie Teil der Ereignisse. Drei Familien die über die Jahre auf eine Katastrophe zusteuern. Jede Familie in ihre eigene und doch allesamt miteinander verwoben.
Wie wären die Leben der Familien verlaufen, hätten Nina und Melanie als Kinder niemals an der Schaukel gespielt? Kleine Ereignisse führen zum Großen und daraus hätte etwas Großes entstehen können.

Doch mich konnte der Verlauf nicht gänzlich für sich einnehmen. Ich liebe Charakterskizzierungen wenn sie Geheimnisse verbergen, eine Entwicklung durchleben oder Schicht für Schicht entblättert werden. Zum Teil ist dies zu finden, zum anderen war es mit stellenweise zu langatmig. Mir ist bewusst, dass einige Geschehnisse erzählt werden wollen, um zu verdeutlich wie sich etwas entwickelt und zur Katastrophe führt. Diese erzeugten auch Neugierde bei mir, aber keinen allumfassenden Sog. Es ist früh klar, wofür Nina heimkehrt, jedoch nicht wen es betrifft und warum. Natürlich fragte ich mich immer wieder, wann ich die Antwort dazu erhalte und ich will auch nicht an Ninas Vorhaben an sich herumkritisieren, sondern wie sie es vorhat. Für mich hätte diese Rückkehr mit mehr psychologischen Elementen umgesetzt werden dürfen, als das was da am Ende aufblitzt.

Der Schreibstil war etwas gewöhnungsbedürftig für mich. Nicht weil dieser schlecht ist, sondern sich stark von ihrem Debüt unterscheidet. Auf der einen Seite absolut interessant, zwei sprachlich unterschiedliche Bücher derselben Autorin zu lesen. Doch mir fehlte die leicht poetische Sprachgewalt, die ich in diesem Buch nur vereinzelt fand. Ich denke es hätte bei „Worüber wir schweigen“ nicht so gut hineingepasst wie in „So dunkel der Wald“, aber dies war etwas worauf ich mich freute und nur vereinzelt fand.

Ein weiterer Punkt der mich störte, befindet sich im Ende der Geschichte:

SPOILER

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Als klar war, dass Nina und Tobias sich im April begegneten, dass er es war, der im Hinterzimmer auf dem Sofa lag und er selbst Nina alles gestanden hat – ich war begeistert von dieser Wendung. Und dann war ich irritiert! Es wusste wer sie war und ging einfach davon aus, dass Nina ihn nicht erkennen würde. Natürlich sind 12 Jahre eine lange Zeit und er war noch jung, aber ich bin darüber gestolpert. Und als Nina zurückkam, kam er nicht mal im geringsten auf die Idee, sie könne ihn erkennen, sie wüsste nicht dass er vor wenigen Monaten alles gebeichtet hat? Das war etwas unausgegoren für mich, zumal er auch von „Mel“ sprach (Seite 246). Er war stark betrunken – für mich, auch durch ihre Haare, wäre es nachvollziehbarer gewesen, wenn er sie a) nicht bewusst aufgesucht hätte und b) sie erst gar nicht an diese Begegnung erinnern könnte.

Ich weiß nicht ob ich vielleicht einfach sehr kritisch bin, aber es war unstimmig. Auch wenn mich die Geschichte zuvor nicht absolut fesselte, so machte diese Aufklärung mir das Ende etwas madig. Das es am Ende jedoch ein Zufall war, zu welchen Tabletten Melanie griff, war die Wendung auf die ich gehofft hatte. Dies skizzierte nochmals die ineinander verwobenen Handlungen.

SPOILER ENDE

Und ich bin mal wieder die Thriller-Kritikerin, aber auch bei diesem Buch finde ich das Genre nicht richtig gewählt. Es ist vielmehr ein Spannungsroman, ein Drama mit Thriller-Elementen. Mit diesem Wissen hätte ich auch das Buch anders gelesen, hätte andere Erwartungen an den Verlauf gehabt.

Ein Spannungsbogen, egal in welchem Genre, kann aus vielen Punkten bestehen. Gekonnt sind es in dieser Geschichte die damaligen Geschehnisse, die Tragödien die sich zuspitzen und von Seite 8 an war es die Blechbox. Was verdammt nochmal ist da drin? Irgendwann lässt es sich erahnen, aber welches Geheimnis sie verbirgt, hat mich viele Seiten beschäftigt. Ebenso fragte ich mich immer wieder, wohin die Geschichte mit mir will. Das liebe ich! Wenn nicht absehbar ist, welcher Verlauf mich erwarten wird. Dies hat die Autorin lange Zeit aufrechterhalten können und mich dadurch an die Geschichte gefesselt.

Man sammelt. Eindrücke, Gefühle, Fehler, einfach alles was das Leben hergibt. Je bunter die Zusammenstellung, umso besser. Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass der Sack voller wird. So bleibt man am Boden, wenn der Alltag plötzlich ganz stürmisch wird.

Seite 78

Der Sturm ist Nina. Oder ist sie nur das Ergebnis zweier menschen, die dem Eltern sein nicht gerecht wurden? Ich traf leider auf zwei Stereotypen (Mutter und Vater von Nina, ihre Problematiken), dennoch gefiel mir die Frage die in den Raum gestellt wird. Wer trägt die Schuld? Ist es eine Frage der Schuld oder nur eine Verkettung einzelner Handlungen und Ereignisse? Diesbezüglich hätte ich mir mehr Intensität gewünscht.

Mich sprechen die Themen an mit denen sich die Autorin Michaela Kastel beschäftigt und auseinandersetzt. Auch wenn ich bei dem zweiten Thriller von ihr mehr zu kritisieren hatte als bei ihrem Debüt, bin ich dennoch gespannt auf eine weitere Geschichte aus ihrer Feder!
Ich hoffe sehr auf ein weiteres Buch ähnlich wie „So dunkel der Wald“, wieder so sprachgewaltig und atmosphärisch einnehmend. Zwei Komponente die mir bei diesem Buch leider etwas fehlten.

Rezension verfasst von © Janna
★★★☆☆


Rezension zu Michaela Kastels Debüt:

Worüber wir schweigen und worüber wir Leser*innen sprechen:

1 Geschichte – 2 Meinungen: Kerstins Rezension

– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails
Titel: Worüber wir schweigen
– Einzelband –
Autorin: Michaela Kastel
Verlag: emons
— Rezensionsexemplar –

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6
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Schurkenblog
Gast

Jetzt habe ich WORÜBER WIR SCHWEIGEN endlich auch gelesen. Komme ja zu nix momentan hier im Schurkenblog. Ich kann deine Kritikpunkte nachvollziehen, besonders die Szene, die du im Spoiler angesprochen hast, hat mich auch ein wenig irritiert – allerdings hat sie den Lesefluss nicht gestört, weswegen ich darüber gerne hinwegsehe. Was mir bei Kastel wieder mega gefallen hat, sind ihre Charaktere. Hier sind es die Gegenpole, die trotz der Gegensätzlichkeiten zusammengefunden haben. Und für ne Antagonistenhauptrolle gibt es von mir sowieso gleich mal vorneweg einen Bonuspunkt. Ninas Vater und Mutter fand ich jetzt nicht so stereotyp wie du, eher lebensnah… Read more »

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo Janna,
schade, dass es Dir nicht wirklich gefallen hat. Aber ich kann Deine Kritikpunkte nachvollziehen.

Ich habe mich wirklich gut unterhalten gefühlt und das Ende hat mich umgehen.
Deinen Spoiler habe ich in ähnlicher Form mit Glitzerdings diskutiert. Ich habe mich da überhaupt m+nicht dran gestört…

Ich finde es spannend, wie weit da das persönliche Empfinden auseinander geht.

Sehr schöne Rezension.

LG

Nicole
Gast

Tolle Rezi! Jetzt weiß ich, dass es nichts für mich ist. Aufgrund der vielen Posts zu dem Buch war mein Interesse geweckt, doch die erwähnten Punkte würde mich ebenfalls stören.