„Worüber wir schweigen“ | Michaela Kastel [Kerstin]

Das Buch wurde mir vom Emons Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Drama!

Zwölf Jahre sind vergangen, seit Nina ihr Heimatdorf fluchtartig verlassen hat. Nun kehrt sie unerwartet zurück, und ihre Ankunft wirft das sonst so ruhige Leben in der Gegend aus der Bahn. Was führt sie wieder an den Ort, den sie so lange gemieden hat? Das Zusammentreffen mit ihrer alten Clique weckt unangenehme Erinnerungen an ein Ereignis, an dem ihre Freundschaft einst zerbrach. Und über das alle bisher geschwiegen haben …

Inhalt laut Verlag

Ganz ehrlich? Als ich mit „Worüber wir schweigen“ begann und diese Nina kennenlernte, die nach langer Zeit wieder auf dem Weg nach Hause war und diese kleine Blechkiste mit sich schleppte, führte mich meine allererste Assoziation an die Erinnerungen zum Buch „Und es schmilzt“ von Lize Spit.

Gespannte Vorfreude kam auf. Würde es auch so eine böse, schmerzhafte Geschichte werden? Die schwarzen Schmetterlinge und Dornen auf dem Cover weisen doch mehr als deutlich in diese Richtung. Es wurde böse und nicht minder schmerzhaft, allerdings mehr für die Figuren im Buch, aber es hat mich das komplette hindurch bestens unterhalten und dafür gesorgt, dass ich scheinbare Nebenfiguren im Nachhinein als ungemein wichtig empfand.

Bringt jemand diese Ordnung durcheinander, ist es ein bisschen so, als würde die Welt untergehen

Seite 296

Alle Ereignisse dieser Geschichte haben einen Ursprung in der Vergangenheit.

Nina ist eine von drei Figuren, die alles aus ihrer Sicht erzählt. Sie kennenzulernen war eine Herausforderung, denn schon früh ist zu erkennen, dass dieses Mädchen und spätere junge Frau, kein einfacher Charakter ist. Zu sagen, dass sie böse ist, wäre zu einfach, denn dafür muss man ihre Hintergrundgeschichte erfahren. Das alltägliche Verharmlosen der Erkrankung der Mutter und vor allem das Verschweigen eben dieser. Hier kommt die zweite Figur ins Spiel – Gregor, der Vater. Auch er erzählt seine Sichtweisen und bei ihm ist es der Autorin sehr gut gelungen, seine Zerrissenheit gegenüber Ehefrau und Tochter zu spiegeln. Ein Mann, der so viel mehr möchte, wünscht und sich seiner eigenen Schwäche durchaus bewusst ist und doch nicht aus seiner Haut kann und damit aus diesem Leben.
Die dritte Figur, die als Ich-Erzähler die Geschichte in komplett andere Bahnen führt, ist Tobias. Der Nachbarsjunge, der auch im Erwachsenenalter nicht von zu Hause fortkommt und dessen fünf Jahre älterer Bruder Dominik ihm mehr als nur den Nerv raubte.
Drei Namen, verteilt als Ich-Erzähler in vielen kleinen Kapiteln mit unterschiedlichen Jahreszahlen. Beides zu Beginn der Kapitel benannt, macht einem im Laufe der Geschichte klar, dass da etwas im Argen lag und noch immer liegt. Man muss sehr aufpassen, diese Zeiten richtig wahrzunehmen, damit die jeweiligen Geschehnisse auch zueinander passen.

Die Autorin benutzt sehr gekonnt die Verschwiegenheit der einzelnen Figuren bzw. deren Unfähigkeit Tatsachen auszusprechen. Alle scheinen ein Geheimnis zu haben oder möchten eins aufklären. Dadurch entstand eine sehr unterschwellige Spannung und die Frage, was wann geschehen war. Genau dies liebe ich an Büchern, das Verlangen nach Aufklärung und der damit unweigerlich verbundenen Neugierde, welche einen durch die Seiten treibt.

Man weiß erst was man hatte, wenn es nicht mehr da ist.

Seite 296

Thriller steht unten am Rand des Cover. Eine Genrebezeichnung, die einen gewaltig in die Irre führen kann. So manche Thriller-Leser_Innen habe da vielleicht eine andere Erwartungshaltung. Dies hier ist keine blutrünstige Geschichte, es wird nicht gemetzelt und man rennt auch keinem x-beliebigen Serienkiller oder Ermittler hinterher.
Genau deswegen mag ich diese Geschichte sehr!
Was mich so an „Worüber wir schweigen“ faszinierte, waren die Darstellungen der Figuren. Die Autorin gibt tiefe Einblicke in deren Seelenleben, lässt dadurch so manche Handlung zwar nicht nachvollziehen, aber verstehen.
Keine einige der vorkommenden Figuren sind lieb oder nett, aber sie sind auf ihre Art dennoch liebenswert. Ein buntes Gemisch an polarisierenden Gestalten, die mehr oder weniger so gemacht wurden, wie sie waren.

Mir hat insbesondere die Zeichnung diese Nina irre gut gefallen.

Ich bin mir nicht sicher ob die Autorin bewusst diese Frau so kreiert hat, dass man versucht ist, insbesondere durch deren Verhalten, eine gewisse Abscheu ihr gegenüber an den Tag zu legen. Wahrscheinlich interpretiere ich (wieder einmal) zu viel hinein, aber ich bin versucht zu behaupten, dass dieses einstige Kind, in einem anderen Leben, eben nicht diese Nina geworden wäre. So wie auch Mel ohne Nina nicht, oder Tobi ohne Mel. Einer prägt den anderen, mittels Dominanz oder Unterwürfigkeit. Macht und Machtlosigkeit, Mut und Furcht, Liebe und Hass – alles baut aufeinander auf und macht in diesem Buch die Charaktere aus.

Ich schließe die Augen, damit die Erinnerung nicht aufhört, damit sie für immer in meinem Kopf gespeichert bleibt, für immer so lebendig wie in diesem Moment.

Seite 306

Ein bisschen hatte ich etwas geahnt, aber nur ein klitzekleines bisschen. Das Ende hat mich von daher nicht überrascht und doch habe ich das Bedürfnis da nochmal über etwas sprechen zu müssen. Auch ein Pluspunkt für dieses Buch, denn wenn ich mir noch lange nach dem Lesen meine Gedanken dazu mache, hat es mich auch über die Lesezeit hinaus beschäftigt.

In „Wir worüber wir schweigen“ herrscht kein Friede, Freude, Eierkuchen. Es ist auch kein Thriller. Vielmehr empfand ich es als eine Tragödie, insbesondere durch die Verkettung der Umstände und der Unfähigkeit des nicht aussprechen können.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆


1 Geschichte – 2 Meinungen: Jannas Rezension

– Weitere Eindrücke –
Fluchtpunkt Lesen

Dieses Buch gehört für mich definitiv zur Challenge „WirLesenFrauen“.


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Buchdetails
Titel: Worüber wir schweigen
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Michaela Kastel
Verlag: Emons
— Rezensionsexemplar —


Triggerwarnung:
dieses Buch enthält Themen, die nicht jeder lesende Mensch verkraften kann.
(Einfach mit dem Cursor das blaue Feld markieren)

| DEPRESSION | SUIZID | TOD |


Hier geht es zu meiner Rezension zu Michaela Kastels Debüt „So dunkel der Wald“

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Anja
Gast
Anja

Liebe Kerstin,

ich finde die Rezension toll. Mir hat das Buch auch gut gefallen und die finale Auflösung war für mich wirklich krass.
Ich finde ja auch, dass mit der Beueivhnung Thriller zu inflationär umgegangen wird. Aber trotzdem ist es spannend.