Buch trifft Film: „Winters Knochen“ | Daniel Woodrell

Eine Odysee ins Nirgendwo

Inhalt laut Verlag

Jessup Dolly taucht unter, als der Winter kommt. Seiner Familie, die in bitterarmen Verhältnissen im Hinterland von Missouri lebt, fehlt es an allem. Sie haben kaum etwas zu essen und nicht einmal genug Feuerholz, um das Haus warm zu halten. Aufopferungsvoll kümmert sich Jessups sechzehnjährige Tochter Ree um ihre pflegebedürftige Mutter und die beiden jüngeren Brüder. Doch dann passiert das Unvermeidliche. Die Polizei steht vor der Tür und teilt Ree mit, dass ihr Vater, der schon einmal wegen Drogengeschäften im Gefängnis war und nun erneut unter Anklage steht, das Haus für seine Kaution verpfändet hat. Wenn Jessup nicht bei Gericht erscheint, verliert seine Familie alles, was sie hat. Ree bleibt eine Woche Zeit, um ihren Vater zu finden – tot oder lebendig.

Vorab muss ich direkt sagen, dass ich dieses Buch im Hochsommer gelesen habe – war nicht meine beste Idee! Es fiel mir zu Beginn wirklich schwer, mich auf den winterlichen Flair einzulassen, während die Sonne mit über 30°C auf mich schien …

… und auch die sehr detaillierten Beschreibungen ließen mich zuerst etwas distanziert lesen. Wer meine Rezensionen schon etwas länger liest weiß, dass ich davon kein großer Fan bin bzw. mich dies in den wenigsten Geschichten einnehmen kann. Nicht das ich es grundlegend als störend empfinde, es darf nur nicht sämtlichen Raum einnehmen. Davon jedoch lebt diese Geschichte und als ich mich darauf einließ, konnte sich mich auch einnehmen.
Denn so ist es leider mit unseren Erwartungen, hier am Beispiel Klappentext – manchmal sind diese Erwartungen gänzlich eine andere als was man zwischen den Seiten antrifft. Es geht weit über den androhenden Gerichtstermin und dem Finden des Vaters hinaus. Ich wurde mitten ins Nirgendwo geworfen, in ein gänzlich anderes Leben mit seinen ganz eigenen Regeln.

Die Suche nach Jessup Dolly, ist nur der Ausgangspunkt, ein Teil der Geschichte. Vielmehr geht es um seine 16jährige Tochter Ree Dolly, die sich hingebungsvoll um ihre zwei kleinen Brüder und ihre psychisch erkrankte Mutter kümmert. Eine junge Heranwachsende die viel älter ist, als man aufgrund ihres Alters vermuten mag.
Ein Leben das von Gewalt bestimmt ist, bei dem der Name über die Zukunft entscheidet. Eine Geschichte über das Überleben.

Ree trägt die Verantwortung. Sie bringt ihren Brüdern bei, was sie über das Leben und zum Überleben wissen müssen. Auf sich allein gestellt, während ihre Mutter im Schleier verschiedener Pillen den Tag verbringt und ihr Vater in den Meth-Küchen der Umgebung verschwindet. Doch dann steht das Gesetz vor der Tür und Ree läuft Gefahr alles zu verlieren. Während Ree sich auf die Suche nach ihrem Vater begibt, damit er rechtzeitig – lebendig oder tot – rechtzeitig vor Gericht erscheint, lässt sie mich für einen kurzen Zeitraum an ihrem Leben teil haben.

Das Leben auf der Farm, der Familien-Clan, die Angst. Und mittendrin Ree, ein junges Mädchen, welches zu früh eine Frau werden musste. Eine Heranwachsende die sich entgegen der unausgesprochenen Regeln verhält. Eine Frau die den Weg geht, denn sie gehen muss. Eine Geschichte die durch die Beschreibungen von Ree, ihren Gedanken und Gefühlen, besticht. Eingebettet im Nirgendwo. Ein Buch mit einem ganz eigenen Sog durch das Leben darin.

Ich denke zu einer anderen Jahreszeit hätte mich Rees Leben zu Beginn direkt gefesselt! Sollte ich es geschafft haben Euch neugierig zu machen, dann schnappt Euch das Buch an einem herbstlichen Nachmittag oder an einem klirrend kalten Abend im Winter. Mukkelt Euch in eine Patchwork-Decke und lasst Euch in Rees Leben entführen. Und ganz wichtig, blendet den leicht reißerischen Klappentext aus. Auch wenn Ree sich auf die Suche begibt, so ist das was wir als Leser*innen mit ihr finden etwas ganz anderes. Es ist die Geschichte einer jungen Frau die sich gegen Jahrzehnte alter Gegebenheit auflehnt, um das (gewohnte) Leben ihrer Familie zu sichern.

Filmishe Umsetzung
„Winter’s Bone“

Ich stehe Buchverfilmungen grundlegend kritisch gegenüber, aber bei dieser Verfilmung frage ich mich wirklich, warum?!? Für sich allein, ohne die Vorkenntnisse des Buches, mag der Film gelungen sein – aber im direkten Vergleich? Wie kann man versuchen die geschriebenen Worte in ein Schauspiel umzusetzen, wenn das Buch vor allem durch Beschreibungen lebt?
Nach nicht mal zehn Minuten war mir klar, der Film wird den Flair des Buches nicht einfangen und wiedergeben können … schlimmer noch, dieser geht komplett verloren! Ein Buch unter 300 Seiten, mit wenig Konversation – diese lassen sich gut umsetzen. Problematisch jedoch, wenn genau die anderen Szenen die Geschichte tragen. Rees Gedanken, ihr Leben, der Ort. Und trotz dieser Beschreibungen war es dem Film nicht möglich, dies einzufangen und darzustellen.
Ein Film der vor dem Lesen geschaut werden sollte! Dann mag er gut sein, aber so gehört er für mich zu den schlechteren Umsetzungen. Nicht jedes geschriebene Wort eignet sich zur szenischen Darstellungen in Filmen.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails
Titel: Winters Knochen
Buchreihe: Einzelband
Autor: Daniel Woodrell
Verlag: Liebeskind
      Ozark-Reihe
Band 1 ~ „Stoff ohne Ende“
Band 2 ~ „Tomatenrot“
Band 3 ~ „Der Tod von Sweet Mister“
Band 4 ~ „Winters Knochen“

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Sorben
Gast

Hi,
ich mag den Film total. Wollte immer das Buch lesen, habe es bis jetzt aber nicht geschafft. Dein Beitrag hat mich daran erinnert und auch etwas bestärkt dies zu tun :) Danke dafür!

Schurkenblog
Gast

Hallo Janna,
hach, ich liebe „Winters Knochen“. Der Titel passt auch so perfekt zum Inhalt, finde ich. Den Film habe ich nicht gesehen, aber ich glaube, den kann ich mir sparen, zumal mir noch ein Film besser als das Buch gefallen hat :-).
Liebe Grüße dir!

-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Janna, Was für eine tolle Rezension. Ich mag deine Art zu schreiben so gern. „..klirrend kalte Wintertage…“ hach… <3 Ich habe bisher nur den Film gesehen, und den fand ich damals ziemlich gut. Wahrscheinlich habe ich einfach die "richtige" Reihenfolge gewählt. Ich wusste um ehrlich zu sein gar nicht, dass der Film eine literarische Grundlage hat. Aber du hast mich jetzt echt neugierig auf das Buch gemacht. Vor allem, wenn es ja anscheinend noch besser ist, als der Film, der mir ja schon gut gefallen hat. Ich werde das Buch mal auf die Leseliste setzen und bei Gelegenheit schauen,… Read more »

Christin
Gast

Also ich liebe den Film und das Buch.
Da ich Filme und Bücher schon sehr lange nicht mehr vergleiche, lass ich es.
(bin dann eher so gestrickt: gefällt mir das Buch, schau ich den Film äußerst ungern danach. In dem Fall kannte ich erst den Film)
Ich mag das Flair was in dem Buch aufgebaut wird :3
(und auch die etwas andere, ebenfalls rohe Version des Films <3)

edit:
Hätte auch bei dem Buch eher auf eine Kritik von Kerstin getippt, anstatt von dir :D