„Wer übrig bleibt, hat recht“ | Birkefeld & Hachmeister

Inhalt laut Verlag

Winter 1944, irgendwo in Deutschland. In einem Militärkrankenhaus kuriert der SS-Offizier Kalterer eine Schußverletzung aus – und macht sich Gedanken über seine Zukunft. Er weiß, daß der Krieg verloren ist und er das Strafgericht der Sieger zu fürchten hat.

Zur gleichen Zeit nimmt der entflohene KZ-Häftling Ruprecht Haas in Berlin grausame Rache an denen, die er für sein und seiner Familie Schicksal verantwortlich macht. Als sich unter den Mordopfern auch ein hochrangiger Parteigenosse findet, bekommt Kalterer von höchster Stelle den Auftrag, den Fall aufzuklären.

Bild by Kerstin

Recht haben oder Recht bekommen?

Tatzeitpunkt: 8. Oktober 1944
Tatort: Berlin Höhmannstraße. Feine Gegend in Dahlem

 (S. 87)

Da fehlen einem ja fast die Worte. Eine Mordermittlung inmitten des Nazi-Wahnsinns. Während Tausende und Abertausende kaltblütig niedergemetzelt werden, findet in Berlin eine Mordermittlung statt. Tja, Prioritäten müssen gesetzt werden und wenn das Opfer auch noch einer der Parteimitglieder war, ist das Interesse an der Aufklärung umso größer. So kommt der gerade genesende Kalterer zu seinem Job, nebst klitzekleinen Büro im Keller und einer wunderhübschen Sekretärin. Kalterer ist der Unsympath schlechthin. Ahnt man was er alles auf dem Kerbholz hat. Schließlich tagträumt er des Öfteren davon. Und doch – erweckt er Mitleid wegen seiner Einsamkeit und eben genau diesen alptraumhaften Erinnerungen? Mitnichten, man kann durchaus verifizieren.

Denn da ist eben Ruprecht Haas, der ehemalige Kaufmann, jetziger Flüchtling inmitten der Großstadt. Ein Heimatloser in der eigenen Heimat, ein Ausgestoßener, Freiwild, nichts mehr wert. Alles wurde ihm genommen, sogar die Frau und das Kind. In der Stadt, in der Tag wie Nacht die Bomben fallen und eine Fliegerwarnung nach der anderen zu Fluchten in die Luftschutzkeller führt, ist er auf seiner ganz eigenen und sehr persönlichen Jagd. Rache – das ist es was ihn antreibt, was ihn am Leben gehalten hat, in der furchtbaren Zeit im Lager. Nun sucht er. Die Person oder Personen, wegen denen er erst in Haft und dann als Wehrkraftzersetzter im Lager landete. Ein salopper Spruch oder besser gesagt die Wahrheit hat dazu geführt. Denunziation – kein Gespenst, sondern Alltag. Jeder für sich selbst und keiner für den anderen.

Je mehr Haas in Erfahrung bringt, umso seltsamer wird alles, für ihn und die Leser.
Da stimmte doch etwas nicht. So sucht er verbissen weiter und kommt einer Sache auf die Spur, dessen Entdeckung und Bekanntwerden so manchem gar nicht passt.

Irgendetwas stimmte nicht an der Geschichte…
(S. 179)

So kommen Kalterer und Haas sich quasi gegenseitig in die Quere und obwohl ihre Ansinnen dermaßen unterschiedlich sind, verfolgen beide doch ein Ziel. Überleben, durchkommen, weitermachen.

Berlin, 1944 – hier ist dem Autorenduo eine historisch sehr gut dargestellte Szenerie gelungen. Das Setting ist perfekt in den Kriminalroman integriert oder umgekehrt.
Die Trümmerfassaden, die Bombentrichter, die Sirenen und das TackTackTack der nächtlichen Flak sind authentisch und fast schon greifbar. Mulmig wird es einem, wenn es wieder losgeht und alle irgendwo Schutz suchen. Feuer, Qualm, Brände, Todesangst.
Danach geht es weiter. Staub abklopfen, die Toten bergen, die Lebenden aufatmen.
Dazwischen immer wieder Kalterer oder Haas. Von einem Kapitel ins nächste, da muss man schon aufpassen, wer gerade an der Reihe ist.

Es entwickelt sich dieses Katz und Maus Spiel. Wer liegt vorne, wer hängt hinterher. Gelungen auch diese kleinen Dinge. Der eine speist gegen Marken im Hotel, der andere isst Rübensuppe. Macht und Machtlosigkeit im Duett.

Was ich ebenfalls sehr interessant fand waren die Erwähnungen von bestimmten Markenartikeln, die es in der Zeit gab. Zigaretten, Reinigungsmittel, Zeitungen.
Dazu immer wieder der Blick auf die Menschen. Männer wie Frauen. Unterschiedlich in Alter und Auffassung was den Krieg und die Zugehörigkeit ging. Solche die sich bereicherten und solche die halfen. Das Buch gibt von allen Menschen genug her und zeigt doch die üblen und ganz besonders schlimmen. Solchen denen man nicht in die Quere kommen sollte und solche die in ihrer Stellung und Machtposition vergessen dass sie doch eigentlich als Mensch gleich sind, manche fühlten sich nur eben gleicher.
Besonders zum Ende der Geschichte hin und damit zum Ende des Kriegswahnsinns, offenbaren sich in kleinen kurzen Erwähnungen noch der perfide und menschenverachtende Umgang miteinander.

Wahnsinn auf Berlins Straßen und doch führen Kalterer und Haas ihre eigenen Ermittlungen weiter. Verbissen und zielorientiert. Der eine öffentlich und der andere im Stillen. Vollkommen unterschiedlich sind ihre Ziele und doch führt es sie ungewollt in eine Richtung – bis es soweit kommt, wie es kommen muss!

Und über allem lag eine entsetzte, vernichtende Stille. Es war nicht einfach nur ein Schweigen, es war ein Stummsein
(S. 353)

Bildquelle: Eigenverlag Richard Birkefeld

Da das Buch in der Print-Variante nur noch gebraucht erhältlich ist – hier einmal das Cover der im Eigenverlag von Richard Birkefeld herausgegebenen E-Book-Ausgabe

Bei Geschichten und Bücher, die in der Zeit des 2. Weltkrieges angesiedelt sind, wünsche ich mir immer einen guten Ausgang für die Charaktere. Doch man weiß um das Ende vieler und so hat es mich nicht überrascht.

Eine böse, spannende und lesenswerte Geschichte, in der man nicht genau sagen kann, wer denn nun gut ist und wer nicht.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆ 

Buchdetails
Titel: Wer übrig bleibt, hat recht
Buchreihe: Einzelband
Autoren: Richard Birkefeld & Göran Hachmeister
Verlag: dtv  

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Dunkles Schaf
Gast

Das Buch ist mir jetzt schon zum zweiten Mal begegnet und hört sich ungemein spannend an, wobei ich zugegebenermaßen nicht so ein Fan von historischen Stoffen bin, schon gar nicht in und um den 2. WK. Ach, ich pack es trotzdem einfach mal auf meine Merkliste.
Sehr interessant finde ich aber auch die Veränderung der Umschlagsgestaltung. Früher sahen Krimis doch irgendwie noch anders aus. :-)

laberladen
Gast

Einen Krimi gegen Ende des 2. Weltkrieges spielen zu lassen, ist außergewöhnlich. Und genau das macht ihn auch für mich noch interessanter. Und dann noch dieser bösartige Titel – ich glaube, das Buch behalte ich mal im Blick.

LG Gabi

Sandra
Gast

Huhu!
Kennst du die Bücher von Harald Gilbers? Sie spielen auch in der NS-Zeit und sind, wie ich finde, unheimlich gut geschrieben. Dort ermittelt ein jüdischer Kommissar, der jedoch auch selbst um sein Leben fürchten muss. Mir gefallen die Bücher sehr.