„Wer die Nachtigall stört“ | Harper Lee

 

Aufgabe Nummer 10 der Challenge #WirLesenFrauen
Eva-Maria Obermann sagt:
Lest einen Literaturklassiker einer Autorin

Eigentlich mache ich nicht immer, was man oder frau mir sagt, aber zu dieser Aufgabe habe ich ein Buch von der lieben Marlene geschenkt bekommen, das so hervorragend dazu passt.


Inhalt laut Verlag

Amerika in den 30er Jahren. In die idyllische Südstaaten-Kindheit der achtjährigen Scout und ihres älteren Bruders Jem drängt sich die brutale Wirklichkeit aus Vorurteilen und Rassismus. Scouts Vater Atticus, ein menschenfreundlicher Anwalt, soll den schwarzen Landarbeiter Tom Robinson verteidigen, der angeblich ein weißes Mädchen vergewaltigt hat. Tapfer versuchen Scout und ihr Bruder, das demokratische Gerechtigkeitsempfinden ihres Vaters zu unterstützen, und geraten dabei selbst in große Gefahr.

Bildquelle : „Wer die Nachtigall stört“ Graphic Novel / Rowohlt Verlag

Zeitloser Klassiker

Es gibt Klassiker und es gibt Klassiker. Während ich die einen nie wieder lesen werde, gibt es da die anderen, die mir in jungen Jahren so imponiert haben, dass sich ein re-read definitiv lohnt. Bei „To kill a Mockingbird“ (ja es ist die Spottdrossel und nicht die Nachtigall – aber beide haben einen unverwechselbaren Singsang) kam diese Graphic Novel so passend. Nicht nur als Buch für eben diese eine Aufgabe, sondern weil es mich wieder einmal in die Vergangenheit führte.

Alabama, 1930er Jahre, die Rassentrennung ist trotz Aufhebung der Sklaverei noch immer extrem. Der Rassismus hat sich festgesetzt, besonders in den Köpfen der Menschen. Die Zeiten sind schlecht und viele Menschen auch.
Das Mädchen Jean Louise und ihr ältere Bruder Jem wachsen als Halbwaisen auf. Ihr Vater Atticus ist Anwalt und nach ihren Ansinnen tut er eigentlich nichts, außer im Büro zu sitzen. Das sich hinter seinem ruhigen und gelassenen Äußeren aber ein so starker, unerschütterlicher und gerechter Mensch verbirgt, erfahren beide in diesem Zeitraum von ungefähr 2 Jahren, in dem die Handlung der Geschichte spielt.

Eigentlich ist es ein Rückblick, denn Jean Louise, die von allen nur Scout genannt wird, erzählt ihre eigene Kindheit und was sich in dem Ort Maycomb abspielte. Eine Geschichte um eine glückliche Kindheit, wichtige Menschen im Umfeld und so manchem geheimnisvollen Erlebnis. Doch all der Friede wird gestört, als Atticus einen Mann vor Gericht verteidigen soll, da dieser wegen Vergewaltigung angeklagt ist. Ein schweres Verbrechen, das dadurch nochmals eine Steigerung erfährt, da der Täter ein Afroamerikaner ist und das Opfer eine weiße Frau. Für Scout ist es eine Lebenserfahrung, der Umgang der Menschen untereinander, das Gerede, die Gerüchte. Von leisem Gehetze, lauteren Schimpfworten bis hin zu einem wütenden Mob, müssen sie alles erfahren, was die menschliche Unart des Unmenschlichseins ausmacht.

Die damalige Zeit wird insbesondere durch die Sprache sehr authentisch

Bildquelle : „Wer die Nachtigall stört“ Graphic Novel / Rowohlt Verlag

wiedergegeben. Die Menschen werden nach Hautfarben benannt und die Anmerkung am Ende des Buches zu den heute nicht mehr tragbaren Bezeichnungen ist sehr deutlich und sollte auch genauso akzeptiert werden. Die Autorin, selbst Afroamerikanerin, hat die Sprache gewählt, die in der Zeit von allen benutzt wurde und die sie selbst hören musste. Vielleicht hätte die Anmerkung aber schon im vorderen Bereich besser hingepasst. Auf jeden Fall empfand ich sie als sehr wichtig, gerade in Hinsicht auf missbräuchliche und verachtende Bezeichnungen für Menschen afroamerikanischer Herkunft.

Bei der Graphic Novel haben mich die Bilder wie kleine Flashbacks zurück in den Klassiker getragen. Auf einmal waren da wieder Erinnerungen an Situationen, wie der Baum mit den kleinen versteckten Dinge und vor allem Boo, der unheimliche Nachbar, dessen Geschichte schon im Buch damals eine irre Sogwirkung hatte.
Die liebenswerte Haushälterin, die verschrobene Nachbarin, Cousin Dill und viele Menschen, die auf einmal alle eine Gesicht bekamen.

Eine äußert lebendige Graphic Novel und auch wenn man den Klassiker nicht kennt, eine spannende Geschichte mit einer sehr wichtigen Botschaft dahinter.

Bildquelle : „Wer die Nachtigall stört“ Graphic Novel / Rowohlt Verlag

Die Autorin hat mit der jungen Scout eine famose Erzählerin geschaffen. Das kindlich naive kommt genauso heraus, wie die Neugierde und der Wunsch alles verstehen zu wollen.
Die Geschichte an sich ist eine Mut-mach-Geschichte und die Altersempfehlung ab 12 Jahre ist sehr gut gewählt. Eine Kombination aus Abenteuer und Aufklärungsarbeit über Rassenhass und dass es eben Mut bedarf dagegen anzustehen. Besonders Boos Rolle ist da so großartig eingeflochten. Der Außenseiter, der am eigenen Leib erfahren musste was eine Strafe anrichten kann.

In dem Buch sind es auch die Frauen, die ganz viel Raum einnehmen und die Geschichte zu dem macht, was sie ist. Frauen, in aufgezwungenen Opferrollen und unfähig sich zur Wehr zu setzen. Dagegen andere, die das Leben trotz und mit all ihren Entbehrungen erleben und genießen. Solche die stillschweigen und solche die kein Blatt vor den Mund nehmen.

Die Zeichnungen sind wunderschön und mit den Sprechblasen und kurzen erläuternden Texten, lässt sich alles erfahren was geschehen ist. Die Tat an sich ist ein wichtiger Bestandteil, kommt aber nicht in detaillierter Form zur Sprache. Was aber unumwunden angesprochen wird, ist die Ungleichheit der Menschen, die Folgen von Lüge und Unterstellung und die furchtbaren Konsequenzen.

Bildquelle : „Wer die Nachtigall stört“ Graphic Novel / Rowohlt Verlag

Scout, Jem, Dill, Atticus, Calpurnia und sogar der Richter prägen sich einem ein. Besonders die Szenen vor Gericht und der Kampf um Gerechtigkeit macht diese Geschichte aus.

Eine absolut gelungene Umsetzung des Klassikers, der auch wenn so unendlich viel Text fehlt, durch die Zeichnungen von Fred Fordham, ganz viel Raum zum Interpretieren lässt.

Die Gestaltung der Grapic Novel fängt schon mit einem sehr gelungenen Cover an. Das Buch an sich, mit seinen 273 Seiten, ist viel mehr als nur ein Comic. Ein fester Einband und eine besondere Geschichte darinnen.
Wer sich fragt, was denn die Nachtigall nun mit all dem zu tun hat – im Buch gibt es eine Stelle an der Atticus die Kinder „warnt“ die Nachtigall zu stören, denn sie singt ja nur im Verborgenen und stört niemanden. Dies kann man auf eine bestimmte Person in der Geschichte beziehen.

Großartig und besonders wertvoll. Für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

 – Weitere Eindrücke –
Literaturwerkstatt-kreativ/Blog • 


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Titel: Wer die Nachtigall stört
Buchreihe: Einzelband  
Autorin: Harper Lee
Verlag: Rowohlt Verlag
Illustriert und bearbeitet von: Fred Fordha


Wer mehr von und über unsere, für diese Challenge gelesenen oder geplanten Bücher wissen möchte – hier geht es zum Beitrag.

Dort gibt es alle 12 Aufgaben zu sichten und ob wir schon die ein oder andere erfüllt haben.

#WirLesenFrauen

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin, Es ist noch gar nicht soooo lange her, dass ich diesen Klassiker auch gelesen habe. Die Erzählerin der naiven Scout hat mir damals auch sehr gut gefallen. Und überhaupt: wirklich eine bewegende Geschichte. Als Graphic Novel kann ich mir das auch sehr gut vorstellen und was du schreibst, klingt ja auch echt gut. Und die Bilder in deinem Beitrag machen wirklich neugierig auf mehr. Ich mag ja Comics eh sehr gern lesen (das kann man auch mal machen, wenn man von der Arbeit eigentlich zu k.o. zum Lesen ist, finde ich) und deswegen kommt das jetzt mal spontan… Read more »

Pink Anemone
Gast

Hach, was habe ich diesen Klassiker geliebt. Ein so toller und bewegender Roman, welcher nie an Aktualität verliert….leider.
Ich bin nun wirklich am Überlegen, ob ich mir nun nicht auch die Graphic Novel zulegen soll. Die Bilder sehen ja wirklich traumhaft schön aus und von manchen Klassikern kann man einfach nicht genug haben, egal in welcher Ausgabe.
Ich packe es mal auf meine WL…mal schauen ;-)

Vielen Dank für die tolle Rezension.

Busserl
Conny

Marlene
Gast

Deine Rezension ist wundervoll und bewegt automatisch dazu diese Graphic Novell ein zweites Mal zu kaufen und diesmal für mich mein Bauchgefühl hat mich nicht im Stich gelassen da ich selbst schon ganz gebannt war als ich der Buchhandlung in dem Buch geblättert habe.