„VOX“ | Christina Dalcher

Das Buch wurde mir von der Lektorin Teresa Pütz (Fischer Verlag) kostenlos zum Lesen und rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.

Erschreckend realistisch!

Inhalt laut Verlag |Auszug|

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz.
Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben – das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Nicht ihr. […]

Schon die inhaltliche Beschreibung machte mich verdammt neugierig auf die Geschichte darin. Hundert Wörter täglich. Kein weiterer Bezug zu Worten. Keine Bücher, kein Stift und kein Papier. Und vor allem keine Rechte. Dafür Gänsehaut!
Es ist kein fiktiver Roman im Sinne von Science-Fiction, es ist eine Geschichte die sich dicht an Fakten, sowie der Realität hält.

[…] einmal zu viel marschiert, einen Brief zu viel geschrieben, ein Wort zu viel gebrüllt […].

In den Medien wird es immer lauter. Themen die nicht mehr verschwiegen werden sollen. Ein Ungleichgewicht in der Sprache. Ein Geschlecht als Fleischware. Und wenn es zu laut wird? Verändern wir etwas oder kommt von irgendwo ein wütender Mensch daher mit einem perfiden Plan?
Würden wir uns dagegen erheben? Würden wir es überhaupt mitbekommen? Käme es schleichend und dann mit voller Gewalt? Das Buch regt zum Nachdenken an, stellt ungefragte Fragen in den Raum, macht wütend. Und man fällt so leicht in diese Geschichte hinein, da alles greifbar ist, so sein könnte.

Es fällt mir mehr als schwer zu diesem Buch eine Rezension zu verfassen, die Euch einen Einblick in das Buch gibt, ohne zu viel vorweg zu nehmen. Ich würde am liebsten all dies direkt an dieser Stelle aufarbeiten, meine Gedanken mit Euch teilen! Diese Geschichte wiederzugeben, die eigenen Eindrücke zu verfassen, ohne dass ich Euch die Ereignisse verrate, die mit voller Wucht beim Lesen des Buches und nicht innerhalb meiner Besprechung zu schlagen sollen, stellt mich vor eine Herausforderung.

Ich bin keine politische Leserin, solchen Themen widme ich mich in Dokumentationen oder direkten Diskussionen und doch konnte ich hier nicht widerstehen. Zu aktuell ist das, was die Autorin anspricht. Und es ist beim Lesen immer deutlicher geworden, das diese Geschichte nicht nur für Frauen steht.

Wie reagieren Kinder und Heranwachsende auf solche Veränderungen? Innerhalb dieser Geschichte wird sehr gut aufgezeigt, wie manipulativ die Politik ist. Wie wenig hinterfragt wird, wenn in ganz kleinen Schritten diese perfide Umsetzung gestreut wird. Und was es innerhalb einer Familie bewirkt, die vom Standpunkt und den Maßnahmen der Politik überzeugt und auf der anderen Seite zum stillschweigenden Leiden verurteilt ist.

Kapitel die emotional fordern, besonders der erste Teil des Buches hatte mich vollkommen gefangen genommen. Wie die Protagonistin Jean den schleichenden Prozess schildert. Wie sie von ihrem Leben mit dem Wortzähler und innerhalb ihrer Familie erzählt, welche Auswirkungen erkennbar sind – mit einem Ehemann, drei Söhnen und eine sechsjährigen Tochter. Eine Tochter die vor Worten übersprudeln, sich die Welt durch Fragen erschließen sollte. Sollte! Denn Sonia schweigt. Dafür spricht Jeans ältester Sohn umso mehr und ihr Ehemann vergeudet die für sie so kostbaren Worte für Banalitäten. Eine Ehe die enger zusammenwuchs, um dann langsam und still zu zerbrechen. Umgeben von Frauen, die den Männern den Weg der Wortkontrolle ebneten und nicht mehr zurück können. Wäre die Hoffnung verloren und die Gesellschaft gefügig?

Diese Geschichte skizziert so viele Themen, dass ich gar nicht weiß wo ich anfangen und wo ich enden soll. Ich sprühe vor Fragen die ich gerne mit anderen Leser*innen dieser Geschichte durchgehen und auseinandernehmen würde! Wie würde ich reagieren? Wenn mir nicht nur die Worte genommen werden würden, sondern, wie auch in diesem Buch, jegliche Art einer alternativen Kommunikation (Gestik und Mimik). Wäre dieser fiktive Roman wirklich denkbar in Hinblick auf unsere geschichtlichen Erfahrungen? Würden wir wieder schweigen oder uns direkt erheben? Dies sind nur wenige Fragen, die mir während des Lesens durch den Kopf gingen. Besonders das einnehmende 7. Kapitel steht für so viele Aspekte solch einer Situation.

Ich habe keine Wörter mehr übrig.

Wer das Buch noch nicht kennt, völlig gleich wessen Geschlechts, sollte sich andere Leser*innen suchen, um sich direkt auszutauschen. Ich hatte oft Bedarf mich innerhalb einer Diskussion mitzuteilen, am liebsten in einem kleinen Kreis, ohne Internet, sondern mit ganz vielen direkten Worten.

Ich hab zwei kleine Kritikpunkte an dieser Geschichte oder vielmehr ihrer Umsetzung, kann aber ohne inhaltlichen Bezug zu nehmen, nicht darauf eingehen. Jene die das Buch noch nicht kennen, sei jedoch gesagt, dass diese kaum Einfluss auf das gesamte Leseerlebnis nehmen. Und vielleicht ist Kritik auch das falsche Wort, denn bezüglich dem, was die Autorin mit der Geschichte ausdrücken will, wäre es wahrscheinlich kontraproduktiv gewesen, eine andere Entwicklung als die im Buch zu wählen.

| SPOILER |
Bezieht sich vor allem auf den Verlauf zum Ende hin!

Jean ist eine Figur, die sich politisch kaum aktiv beteiligt hat und als sie es tat, hat sie sich relativ schnell von ihrem Mann ausbremsen lassen. Innerhalb der Ereignisse lehnt sie sich immer mehr auf. Eben deshalb finde ich auch das Wort Kritik an dieser Stelle falsch, denn um sich gegen Unrecht zu erheben ist nie zu spät. Mir war nur die Entwicklung der Protagonistin zu extrem, zu schnell.

Das Ende ist wichtig so wie es ist. Es zeigt auf das sich das Kämpfen lohnt, nur ist es mir fast schon ein wenig zu seicht, zu gut in seinem Ausgang. Von jetzt auf gleich gibt es verschiedene Verbindungen, die dazu führen das fast alle Beteiligten mit heiler Haut aus der Situation kommen. Es hätte einen längeren Zeitraum gebraucht, mehr Rückschläge.

Der einzige Punkt der mich wirklich störte, war das Einbinden einer Affäre. Für mich persönlich hätte die Geschichte ebenso gut auch ohne diesen Handlungsstrang funktioniert! Der Bruch innerhalb der Beziehung wäre dennoch deutlich gewesen. Ohne diese weitere Beziehung hätte es dem Bruch der Ehe sogar noch viel mehr Ausdruck verliehen. Eine intakte Beziehung die durch die äußerliche Veränderung eine inhaltlichen Machtverschiebung erlebt und durchlebt.

SPOILER ENDE

Wenn ich als Frau nur noch 100 Wörter und überhaupt noch die Möglichkeit hätte, diese zu verschriftlichen, würde meine Rezension wie folgt aussehen – ohne Titel für die Buchbesprechung, denn dies würde bereits kostbare Worte kosten:

| Eine Geschichte die nachdenklich stimmt und wütend macht. Kein Sci-Fi, sondern erschreckend realistisch! Es erinnert an ein dunkles Kapitel unserer eigenen Geschichte und lässt ängstlich in die Zukunft blicken. Nicht nur die Stimme wird genommen, sondern jedes einzelne Wort!
Jegliche Verantwortung und Selbstbestimmung ist nicht mehr existent. Frauen und Mädchen haben keinen Zugang mehr zu Buchstaben, weder schriftlich noch in Gestik und Mimik. Homosexuelle Menschen werden entmündigt und die weiteren Konsequenzen und Schritte sind absehbar. Es ist der Anfang vom Ende. Oder gibt es sie noch, die Menschen die sich erheben? Was für eine Gesellschaft sind oder wären wir?!

Das waren 99 Worte – für den gesamten restlichen Tag hätte ich noch ein Kontingent von einem Wort, ich könnte meiner Tochter und meinem Freund nur noch ein „Nacht“ wünschen …

Dieses Buch sollte nicht nur von Frauen gelesen werden und es sollte auch nicht ausschließlich für Frauen stehen. Es ist eine Geschichte die auf jede*n einzelnen von uns zu treffen könnte! Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität, Glaube, Lebenseinstellung / Lebensstil … Man nehme unsere heutige Technologie, schweigsame Menschen, menschenunwürdige Pläne und wir wären inmitten diesen Romans!

Meine Rezension hat vom Titel (Inhaltsbeschreibung und Klammern ausgenommen) bis zum letzten Wort dieses kleinen Absatzes, Zitate und Spoiler-Hinweis inbegriffen, ca. 1.170 Worte. In Bezug auf die im Buch aufgeführten Konsequenzen, würde ich nicht mehr gerade Stehen und diese letzten Zeilen verfassen können …

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★


– Weitere Eindrücke –
Leselust °
Tintenhain °

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Buchdetails
Titel: VOX 
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Christina Dalcher
Verlag: Fischer
— Rezensionsexemplar —

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Cathy
Gast

Ich habe so Lust auf dieses Buch. Ich mag solche Gedankenspiele und bin überhaupt sehr gespannt, wie sich diese Regel entwickelt hat (wenn drauf überhaupt eingegangen wird), hoffe auf Protest und gehe davon aus, dass ich beim Lesen sehr oft sehr wütend sein werde. So, so gespannt.

Diana
Gast

Hallo Janna,
habe es heute mal geschafft bei deiner Rezension vorbeizuschauen. Das Buch habe ich schon länger mal ins Auge gefasst und nach deiner Rezension bin ich überzeugt, das ich es unbedingt mal lesen muss. Ich käme wahrscheinlich mit nur 100 Worten noch nicht mal über den Morgen.
Toll finde ich deine Idee, eine Rezension in 100 oder 99 ;) Worten zu verfassen.
Wie wenig man damit ausdrücken kann.
Nun ist das Buch ganz oben auf meiner Wunschliste. Danke. ;)
Liebe Grüße
Diana von lese-welle.de

Schurkenblog
Gast

Ich habe VOX noch nicht gelesen, sondern werde es erst im Rahmen einer Leserunde lesen. Bin inzwischen auch froh über diese Entscheidung, denn anscheinend verursacht das Buch, das Thema darin, eine Menge Gesprächsstoff :-).

Bisher habe ich nur Begeisterung zum Buch gelesen, bis auf eine Besprechung, die etwas zurückhaltender war. Hoffe endlich auch mal wieder eine Dystopie zu lesen, die bei mir für Begeisterung sorgt. Denn die heuer gelesenen Dystopien haben mich allesamt enttäuscht zurückgelassen.

Melde mich also nochmal, wenn ich „durch“ bin. Mit den 100 Wörtern.

Tamara
Gast

Wow, was ein Gänsehautfeeling allein nur durch deine Rezension. Das ist definitiv ein Buch, was unter die Haut geht und ich werde es mir gleich mal auf die Wunschliste setzen. Unglaublich! Ich könnte mir nicht vorstellen, wie diese Welt ist, ich würde sie mir aber auch nicht vorstellen wollen. Ich danke dir für diese tolle Rezension und bin gespannt, wie mir das Buch „gefallen“ wird.

Tintenhain
Gast

Mir ging es wohl so wie dir. Ein wichtiges und aktuelles Thema und ein erschreckendes Szenario, nur die Umsetzung ist leider nicht so toll gelungen. Ich hatte irgendwo einen Vergleich mit „1984“ von Orwell gelesen und halte den für weit hergeholt. Dafür ist das Buch bei weitem nicht genug ausgereift. Ich glaube auch nicht, dass „Vox“ so lange nachhallen wird.

Lieben Gruß,
Mona

Anja aka Ana
Gast

Hallo Janna,

ich habe den Spoiler übersprungen, denn ich habe das Buch selber noch hier auf dem Tablet in habe es bisher es angelesen.
Aber den Rest habe ich gelesen und bin begeistert von Deiner Rezension. Jetzt freue ich mich noch mehr auf das Buch.

Vielen Dank und einen tollen Abend für Dich.
Anja

-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Janna, Ich kann deiner Rezension nur zu 100 Prozent zustimmen. Sowohl deiner positiven Meinung, als auch deiner Kritik. Ganz genau so habe ich das beim Lesen auch wahrgenommen. Mich hat es ebenso wütend gemacht und schockiert. Voller Unbehagen und doch mit Spannung habe ich von den schleichenden Prozessen der Veränderung gelesen und ganz unwillkürlich immer Parallelen zu meinem Leben und der politischen Situation hier gezogen. Wirklich erschreckend, dieses Szenario! Und genau wie dir, hat mir das Ende nicht ganz so gut gefallen. Auch mir war es zu seicht, ging es zu schnell. Da hätte dieses starke Buch ein stärkeres… Read more »