„Und was hat das mit mir zu tun?“ | Sacha Batthyany

Inhalt laut Verlag

Sacha Batthyany wächst in der Schweiz auf, weder seine Eltern noch er haben einen besonders engen Bezug zur Familie. Aber es gibt diese seltsamen Momente, in denen geschwiegen wird, Leerstellen, wenn das Gespräch auf die Vergangenheit kommt. Und es gibt ein unklares Gefühl, als Sacha selbst Vater wird: Kann er die Verantwortung, eine Familie zu gründen, wirklich tragen? Die Suche nach Erklärung führt tief in die Vergangenheit, und Sacha stößt auf ein schreckliches Familiengeheimnis. Wie hat das Verbrechen, das seine Großtante 1945 beging, sein Leben beeinflusst? Stück für Stück verändert sich sein Blick auf seine Familie und auf sich selbst. 

Ein Verbrechen im März 1945. 

Und was hat das mit mir zu tun?

Dieser Titel hat mich die ganzen Zeit, während des Lesens und Pausierens begleitet und je weiter ich im Buch vorankam, die Geschichte um Sacha Batthyanys Familie und dessen Vergangenheit erfuhr, um so lauter, energischer und gewissenhafter wurde meine Antwort darauf: Alles!

Ja, es ist lange her. Nein, es ist nicht genug darüber gesprochen und geschrieben worden! Pflegen wir nicht unsere Toten? An Feiertagen, auf den Friedhöfen mit Prozessionen und frischen Grabgestecken? Mit Anzeigen und Gedenkkärtchen? Halten wir unsere Toten nicht in unseren Erinnerungen und Herzen? Warum, um alles in der Welt, wollen wir dann nichts (mehr) wissen, von all den ermordeten Juden, Roma, Sinti, psychisch oder physisch Erkrankten, Homosexuellen, politischen Häftlingen und solche, die zwischen das grausame Mahlwerk des Nationalsozialismus gelangten?

Sacha Batthyany hat mit seinem Buch ganz tief aus seiner Vergangenheit und seinem Herzen gesprochen. Die Aufarbeitung einer Familiengeschichte, deren Anstoß eine Zeitungsanzeige über die Gräfin Margit Thyssen-Batthyány gab. Sachas Großtante, die im österreichischen Rechnitz ein rauschendes Fest in dem Schloss veranstaltete und bei dem gegen Mitternacht die Gäste 180 Juden, die am Bahnhof auf den Weitertransport warten, erschießen. Mit diesem Verbrechen beginnt er seine Geschichte und seine Fragen nach dem, was damals geschah, ob seine Großtante daran beteiligt war und wie alles erst soweit kommen konnte.
Fragen über Fragen, die er sich selbst stellt und durch Hilfe eines Psychologen zu beantworten versucht. Eine Art Selbstfindung, die nur gelingt, wenn alles was im Verborgenen lag, endlich heraus kommt und auch wenn es schmerhafte, erschütternde Dinge sind, die es zu erfahren gilt, ist es ein Weg sich selbst zu erkennen.

Das Buch ist von der Aufgliederung sehr übersichtlich gestaltet. Die ersten 35 Seiten sind der Einstieg, Erklärungen zu der Familie, Schilderungen über seine Nachforschungen und Zeiten, Daten, Namen. Sacha redet aber nicht nur über sich, sondern lässt Personen aus der damaligen Zeit auf eine sehr authentische Art erzählen. Dies beginnt ab der Seite 36 mit den Tagebüchern über und von:
Agnes, die Tochter des jüdischen Kaufmanns, die in einer Spinnerei und dem Konzentrationslager Auschwitz die Gräuel am eigenen Leib erfährt.
Marietta, Sachas Großmutter, eine lesebegeisterte Frau, die Agnes und deren Familie persönlich kannte.
Feri, Sachas Großvater, der 10 Jahre in einem russischen Gulag verbrachte.

Im Buch lebt man das Leben dieser und vieler anderer Menschen mit. Es geht nach Ungarn, in die Zeit vor, während und nach der Besetzung durch das NS-Regime.
Viele der Momente werden parallel geschildert, immer aus verschiedenen Sichten die darstellen wie unterschiedlich es den Menschen doch erging. So ist zum Beispiel eine Szenerie ganz besonders: Agnes, die in einem der furchtbaren Züge sitzt und Marietta, die zeitgleich auf einem Feld steht und genau diesen sieht. Während die eine das unsagbare Leid im Inneren schildert, ist es bei der anderen das im Sonnenlicht glänzende Dach des Zuges. Man sieht nur das was man sieht, alles andere verblasst und bleibt unsichtbar.

Dieses Buch führt aber auch nach Russland und in die Geschichte der Gulags. Sacha und sein Vater auf Spurensuche in einer Gegend in der es keinerlei Spuren mehr gibt. Ausgelöscht von den Menschen und vertilgt von der Natur. Der Autor unternimmt Reisen in die Länder, mit denen er zwangsläufig durch seine Familie verbunden ist. Er nimmt einen als Leser*in mit, so das Unterhaltungen mit anderen sich anfühlen, als säße man direkt daneben. Manchmal verliert er sich in Selbstgesprächen über seine Nachforschungen, zweifelt hie und da auch einmal und immer wieder kommen Fragen auf. Ab und an, in ganz kurzen Momenten hatte ich den Eindruck das dieses Wissen wollen wie ein Zwang war. Eine Obsession fast schon, wobei ich es nachvollziehen konnte. Bei dieser Hintergrundgeschichte musste er allem nachgehen, wahrscheinlich schlägt da auch unweigerlich seine journalistische Wissbegier durch.

Wir sind alles Mitläufer. Ja, das sind wir, Mitläufer. Aber zu behaupten, wir mussten gehorchen, ist zu einfach. Was ist unser Anteil an den Gräueltaten?
(S. 71)

Im Buch stellt sich Sacha die Frage ob er es hätte tun können, Juden verstecken? Sich selbst in Gefahr begeben und das eigene Leben für das anderer Menschen opfern? Eine Frage, bei der ich mir denke, dass es genau diese Frage niemals geben dürfte, denn die Antwort sollte selbstverständlich sein. Alles andere wäre ein Schlag ins Gesicht all derer, die im Widerstand aktiv waren. Menschen, die vorbehaltlos anderen zur Seite standen. Es drängt sich mir dann immer der Gedanke auf, dass wir eben zu viel denken, abwägen und überlegen um unsere eigene Haut zu retten.
Genau da kommt dann der Titel des Buches wieder in meine Gedanken, „Und was hat das alles mit mir zu tun?“ und immer noch lautet meine Antwort: ALLES, und ich kann nicht in Worte fassen warum. Es ist ein Gefühl, vielleicht wie jenes, das den Autor veranlasste diese, seine eigene Geschichte, niederzuschreiben.

…seien wir Enkel der Täter, oder Enkel der Opfer, wir alle holen uns etwas, wir graben danach, als wäre es Seltene Erde, und verleiben sie uns ein.
(S. 253)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆

– Weitere Eindrücke –
Frau Hemingway
Nordbreze •


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Buchdetails
Titel: Und was hat das mit mir zu tun?
Buchreihe: Einzelband 
Autor: Sacha Batthyany
Verlag: Bastei Lübbe

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Sandra
Gast

Hallo Kerstin,
eine wirklich detaillierte und interessante Rezension eines Buches, das schon lange auf meiner Wunschliste steht und das ich sicherlich irgendwann einmal lesen werde. Der Titel alleine bringt einen schon zum Nachdenken und ich bin gespannt, ob ich dann zu ähnlichen Schlüssen und Gedankengängen komme, wie du.

LG,
Sandra