„Tulpologie“ | Magret Kindermann [Kerstin]


Gelegenheiten

Marlenes Lüge beginnt beim Blumenhändler. Jetzt denkt jeder, ihr Mann sei verstorben, dabei ist er nur auf einer Reise. Marlene beginnt ihr Leben als vermeintliche Witwe und findet Gefallen daran. Eine Geschichte über den Wahnsinn, das Wollen und die Liebe.

Inhalt laut Klappentext

Eine Novelle ist in der Regel kurz und knackig. Eine Erzählung, deren Inhalt alles kann aber nichts muss. Die ungereimte Prosa wirkt meist anziehend und zwar so, dass es kaum zu vermeiden ist, die Geschichte zu unterbrechen. So erging es mir auch. Einmal hineingesprungen in diese Welt der Frau Marlene Hundsnurscher und schon hatte mich die Autorin komplett eingefangen. 128 Seiten voller Gelegenheiten, die ich mir nicht entgehen lassen wollte und die doch so manchem der Charaktere in die Versuchung führte. Gelegenheit macht Diebe heißt es so schön und dies passt auch zu der „Tulpologie“, auch wenn der begangene „Diebstahl“ eher der einer neuen (Wunsch) Existenz war.

Ein Weltuntergang bedeutet ein Zurücksetzen auf null. Das ist wohl die ewige Faszination daran.

Seite 97

Alles beginnt mit Herrn Huang, der Besitzer eines kleinen Blumenladens. Ein durch und durch freundlicher Mensch, der so ehrlich ist, dass er auch mal auf eine Lüge zurückgreifen muss, einzig um die Menschen nicht vor den Kopf zu schlagen.
Seine liebste Kundin ist Marlene. Die auf die 70 zugehende Frau kommt regelmäßig und kauft ihre Tulpen. Doch an diesem einen Tag ändert sich innerhalb von kurzen Momenten alles.
Ein kurzes unüberlegtes Reagieren, eine unbedachte Äußerung, ein klitzekleines Verdrängen vom Alltag und schwupps, wird aus einer kleinen Flunkerei eine handfeste Lüge.
Die Konsequenz? Marlene ist plötzlich Witwe, dabei ist der Mann gar nicht verstorben. Plötzlich findet ein aufgeregtes Etwas in Marlenes Leben statt. Der Bekannten- und Freundeskreis schenkt ihr Aufmerksamkeiten und so ganz unglücklich war ihr Leben doch gar nicht, könnte man meinen. Es kristallisiert sich aber mit jeder weiteren Seite heraus, dass es eben auch nicht so glücklich war.

Ihr Leben schmeckte plötzlich fad.

Seite 83

Die Autorin macht es einem nicht ganz leicht, mag man Marlene nun oder denkt man schlecht über sie?
Also ich mochte sie, sehr sogar und noch viel mehr mochte ich diese Momente der Verwandlung. Die immer auf ein gutes Auftreten bedachte Frau traut sich auf einmal etwas, und das stand ihr überaus gut.
In manchen Situationen war sie mir auf einmal ganz weit weg, aber ich konnte sie, dank der sehr beeindruckenden Beschreibungen der Autorin, immer wieder einfangen.

Etwas, das mir besonders gefiel, waren die Tulpengespräche, hier hätte ich stundenlang zuhören können. Ebenso die eingebundene Geschichte um Herr Huangs Leben, sie war sehr einprägend, interessant und besonders. Da hatte Margret Kindermann einen Köder für mich ausgeworfen, aber viel zu früh wieder zurückgezogen.

…wir sitzen alle im gleichen Rettungsboot. Ich hab nur noch kein Geld für eine Rettungsweste.

Seite 75

Eine sehr schöne, eingehende Geschichte über einen kurzen Lebensabschnitt, der aber sehr viel aus der Vergangenheit preis gibt.
Die Sprache ist unkompliziert und doch wieder sehr außergewöhnlich.
Herrlich einlullend und entführend in diesen Blumenladen zu Herrn Huang, in Marlenes Gedanken und den Gelegenheiten, die man vielleicht viel früher beim Schopfe hätte packen sollen.

Ein Buch, das ich mit einem Lächeln beendete.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆


1 Geschichte – 2 Meinungen: /Jannas Rezension

– Weitere Eindrücke –
Buchensemble (Kia) •
Matthias Dittmann

Laut der Twentysix-Seite gibt es diese Triggerwarnung:
Das Buch thematisiert Selbstmord, Trauerbewältigung, HIV und den Tod.


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Buchdetails
Titel: Tulpologie
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Magret Kindermann
Verlag: Twentysix

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4
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Antonie
Gast

Hallo Kerstin!

Ach ich mag Magrets Schreibstil unwahrscheinlich – bisher habe ich „leider“ nur „Und dein Leben, dein Leben“ von ihr gelesen, war aber schwer begeistert von der Eindringlichkeit ihrer Worte und diese Novelle hört sich auch ganz nach meinem Geschmack an.

Ich mag es, wenn Charaktere Ecken und Kanten haben, schrullig auf ihre Art sind und polarisieren .. solche Protagonisten müsste es viel öfter geben, aber ich fürchte die wenigsten Autoren trauen sich da dran *seufz*

Ich warte jetzt erstmal sehnsüchtig auf Magrets Zombies und dann mal weitersehen -danke dir für deine schön gewählten Worte für diese Rezension.

Wir lesen uns, liebste Grüße,
Antonie

Pink Anemone
Gast

Hallo Kerstin,
ich war ja schon von „Und dein Leben, dein Leben“ von der Autorin begeistert. Sie schafft es mit nur wenigen, aber umso eindringlicheren Worten, eine Story zu erschaffen, welche trotz weniger Seiten auf ewig hängen bleibt.
Der Klappentext alleine klingt schon interessant und Deine Rezi ergab das Übrige, nämlich, dass das Buch auf meiner WL landete.
Die wahren Schmankerln findet man eben doch meist abseits des Mainstreams und der großen Verlage.

Liebe Grüße aus dem regnerischen Wien
Conny