„Trümmerkind“ von Mechtild Borrmann

Inhalt laut Klappentext

„Der kleine Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel – das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …“

Bild by Kerstin

Der Krieg ist vorbei – die Menschen könnten aufatmen, die Betonung liegt auf „könnten“, denn noch müssen die Menschen tagtäglich um ihr Überleben kämpfen.
Diese Geschichte ist durch die verschiedenen Zeit-Epochen und den darinnen vorkommende Charakteren sehr komplex und vielfältig.
Man sollte genauestens lauschen, um bloß nicht zu verpassen wessen Leben denn nun geschildert wird, wo es geschieht und zu welcher Zeit. So bekommt man im Laufe der Geschichte eine Art Familientragödie erzählt und erfährt Zusammenhänge, die im Voraus gar nicht zu erahnen waren.

 „Ein Verbrechen…“

Damit beginnt alles – wobei diese Aussage sich auf ganz vieles beziehen kann.
Auf den Krieg, auf die Zeit danach. Auf die Flucht und die Vertreibung. Auf die Lebensumstände der Frauen und Kinder, deren Männer gefallen oder vermisst sind.
Auf die Hilflosigkeit nicht zu wissen woher das nächste Feuerholz kommen soll, geschweige denn die Nahrung um einigermaßen bei Kräften zu bleiben, besonders für die Kinder.
Die Charaktere im Buch sind „Kämpferinnen“ – Frauen die mit allen Mitteln versuchen ihres und das Leben der Kinder zu retten.

Eine davon ist Agnes Diez, Hannos Mutter. Sie nimmt sich des Findelkindes an und das obwohl es eh schon schwer genug ist und sie dadurch mit den Anfeindungen derer umgehen muss, die nichts gelernt haben. Diese Frau wächst einem ans Herzen und auch Hanno mit seinen Geschwistern.
Eine weitere ist Anna und ihre Mutter Klara – einst lebte Klara auf Gut Anquist, musste aber fliehen und man fragt sich warum diese Frau so verbittert wurde und mit ihrer Tochter Anna nicht über damals sprechen kann. Wo liegt das Geheimnis – es klärt sich auf, aber es bedarf langer Zeit bis alles ans Licht kommt.

„Die Bilder wohnen hier drinnen….manchmal schlafen sie jahrelang, aber wirklich vergessen kann man das nicht.“

Der Autorin ist es sehr gelungen die Emotionen der Menschen zu spiegeln. Ihre Angst vor dem nächsten Tag, dem nächsten Winter. So mancher Zwiespalt wechselt sich mit einer Flucht nach vorne. Allerdings ist es kein „auf die Tränendrüse drücken“. Gewiss ist es immer wieder traurig und man leidet mit, kann sich in viele Situationen hineinversetzten und ist doch immer wieder schockiert, was die Menschen alles ertragen mussten, konnten und wie eisern der Wille des Überlebens war – auch wenn es Ausnahmen gab.

Oft genug ist es sehr berührend aber immer schwebt diese Ahnung über der Geschichte, dass da noch etwas kommt. Das es irgendwie einen Zusammenhang gibt.
Eine Spannung, die einen an die Geschichte fesselt, will man doch wissen wer es schafft und wer nicht. Wer kann diese Zeit überstehen und wo wird sich das Band schließen?

„Dieses Wanken, wenn die Welt einen nicht mehr hält. Diese Angst ins Bodenlose zu fallen.“

Köln, Hamburg, Lübeck, Gut Anquist und viele andere Orte die man betritt. Manchmal hatte ich den Eindruck alles vor mir zu sehen, die Trümmer, die Kolonnen der Vertriebenen, die Frauen die in der Schlange um Lebensmittel anstanden. Es ist eine sehr plastisch erklärte Geschichte – Bilder die man im Kopf behält.

Was mich am meisten faszinierte, war die Kombination aus damals und heute. Erinnerungen, die mich an meine Großmutter denken ließen und die deren Schilderungen um nichts nachstehen. Kein übertriebenes zur Schau stellen, sondern eine fiktive Geschichte mit ganz vielen realen Inhalten.

Als Hörbuch, mit der Stimme von Vera Teltz, ist es eine sehr eindringliche Geschichte. Die Stimme passt sich an, den Emotionen und Begebenheiten.
Bei einem Print wären mir wahrscheinlich die Orte und Daten besser in Erinnerung geblieben – aber auch so hält „Trümmerkinder“ noch sehr lange nach.
Eine absolut hörens- oder lesenswerte Geschichte über die Nachkriegsjahre, den kleinen und großen Geheimnissen und so manchem Verbrechen.

Rezension verfasst von © Kerstin


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Buchdetails
Titel: Trümmerkind 
Buchreihe: Einzelband 

Autorin: Mechtild Borrmann | Sprecherin: Vera Teltz
Verlag: Hörbuch ~ Argon Hörbuch
| Gebundene Ausgabe ~ Droemer Knaur

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monerl
Gast

Liebe Kerstin,

freut mich sehr, dass dir das Hörbuch gefallen hat! Dann war ich mit meiner Empfehlungs-Liste gar nicht so verkehrt! Und ich freue mich riesig, jetzt mehr Hörbuch-Rezis von dir lesen zu dürfen! Ich stelle immer wieder fest, dass es wirklich Geschichten gibt, die dazu geschaffen waren, als Hörbücher das Licht zu erblicken, da sie in dem Hör-Format erst richtig zur Geltung kommen!

GlG vom monerl

PS.: Wobei es mir im Schnitt gerade andersrum geht. Mir gefallen überwiegend die Bücher besser, die von Männern gelesen werden. ;-)

Nisnis Bücherliebe
Gast

Eine wirklich schöne Rezension zu einer besonderen Geschichte. Leider kann ich mich für Hörbücher ja nicht erwärmen, aber das Buch zu lesen, war äußerst interessant und berührend. Eine Zeit die wir nicht vergessen dürfen, wird uns so sehr authentisch dargestellt.

Liebe Grüße

Nisnis