„TROLL“ | Michal Hvorecky

Das Buch wurde mir vom Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag

Osteuropa in naher Zukunft. Ein Heer aus Trollen beherrscht das Internet, kommentiert und hetzt. Zwei Freunde entwickeln immer stärkere Zweifel und beschließen, das System von innen heraus zu stören. Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.
Die europäische Gemeinschaft ist zerfallen und wurde durch die Festung Europa ersetzt. Ihr gegenüber steht das diktatorisch geführte Reich, in dessen Protektoraten ein ganzes Heer von Internettrollen die öffentliche Meinung lenkt. Einer von ihnen ist der namenlose Held dieser in einer allzu naheliegenden Zukunft angesiedelten Geschichte.

Wenn wir dort noch nicht sind, dann sind wir auf dem besten Weg dorthin!

In der nordischen Mythologie ist der Troll ein dämonisches Wesen. Diese Bezeichnung könnte man auf die Internet-Trolle durchaus übernehmen. Anonyme Gestalten die Gerüchte streuen, Falschaussagen posten und in den Beiträgen anderer mit Hatespeech mittels Kommentaren für ein heilloses Durcheinander sorgen. Wer je selbst davon betroffen war, kann nachvollziehen wie schwer es ist diesen Trollen zu entgehen und dass dabei ganze Leben auf den Kopf gestellt werden. Aus anfänglichen Kleinigkeiten kann es ganz schnell zu existenzzerstörenden Situationen kommen. Anstachelung zu Hetze artet schnell von verbaler Gewalt in tatsächlichen körperlichen Angriffen aus. Michal Hvorecky hat es am eigenen Leib zu spüren bekommen. Sein Buch „Troll“ ist zwar eine fiktive Geschichte, aber der Inhalt sorgt für ein Gespür dessen, was im Ernstfall kommen kann.

Trolling. Eine Halluzination, der man jeden Tag aufs Neue Glauben schenkte
(S. 142)

„Troll“ schien mir vom Klappentext her direkt lesenswert. Es machte neugierig auf die Umsetzung, zumal mir durch den ein oder anderen Mediathek-Beitrag und Interviews die Herr Hovrecky gab, die Tragweite des Trollings durchaus ernsthaft rüberkam. Was im Netz geschieht, kann sich ganz schnell auf das Leben außerhalb davon bewegen.

Das Buch ist anders als erwartet. Was ich erwartet habe? Viele technische Details und eine Computersprache, alles Sachen mit denen ich mich nach wie vor schwer tue. Bekommen habe ich allerdings eine durch und durch verständliche Geschichte. Ein Leben in einem Staat, irgendwo im Osten, regiert vom Anführervater und Anführersohn. Wow, da waren sofort Assoziationen da, egal wie fiktiv dieser Staat war. Ein Land umgeben von einer Mauer, damit die die drinnen sind auch da bleiben und alle anderen die rein wollen, eben keine Chance dazu haben. Ein Leitdiktat zu Meinungen und Nichtmeinungen, repräsentative Darstellungen von Situationen die es so gar nicht gibt. Ein Land in dem das Volk sich fügt und dabei leidet. Wer nicht spurt landet in einem Lager und dort kommen nicht mehr alle zurück. Von Staatswegen wird alles vorgegeben und diktatorisch die Hand über alles und jeden gehalten. Wer nicht im Lager landet, wird auf andere Art stillgelegt, mundtot gemacht oder schlichtweg zerstört. Dafür ist das Internet prädestiniert und genau das, erfährt man in „Troll“.

Der erste Teil des Roman –Kúkav – umfasst 74 Seiten und widmet sich ausschließlich diesem unbekannten Helden. Seine Lebensgeschichte, beginnend mit seinen Eltern und dem Bruder. Seine Kinder-Krankheit und die daraus resultierende Aufnahme im Krankenhaus.

Es ist wie ein Aufklären über die Zustände in dem Land, wie die Menschen leben, was es gibt und was nicht. Wie schwer es ist an Medikamente zu bekommen und wie leicht an Scharlatane zu gelangen. Während um den Jungen die Menschen sterben, fängt er irgendwann an zu genesen. Es dauert lange, Jahre sogar und wäre da nicht diese junge Drogenabhängige gewesen, hätte er es vielleicht gar nicht geschafft.

Stellenweise habe ich mich gefragt, ob das so sein kann, gerade was den jahrelangen Aufenthalt im Krankenhaus angeht. Aber durch diese Schilderungen war es erst möglich alle Seiten des Lebens kennenzulernen und, ganz wichtig für mich, zu verstehen warum er genau diesen einen Weg einschlug.

Früher habt ihr in einem Raum einen Lufthauch verursacht. Jetzt habt ihr die Chance, einen Hurrikan zu entfesseln.
(S. 106)

Der komplette restliche Teil des Romans widmet sich dem 2. Teil Im Netz.

Hier verlassen wir das Krankenhaus und bekommen immer mehr Einblicke in das Trolling und in die Folgen die es für die Betroffenen hat. Es sind immer kurze Episoden die ein zerstörtes Leben schildern, aber auch immer wieder solche, die sich dagegen wehren.

Der namenlose Held und seine Mitkämpferin schleichen sich ein in diese Troll-Fabrik. Hier wird es dann schon spezieller in Sachen Computer und Internet, und doch habe ich es sehr gut lesen können. Es wirkt unkompliziert, hat es aber faustdick hinter den Ohren.
Mich hat es erschrocken, wie schnell aus einem bearbeiteten Bild eine komplett neue Darstellung wird und schon wieder gab es die Assoziationen zu derzeit recht aktuellen Vorgängen.
Hier und da ein verändertes Posting, ein kollektives Falschkommentieren unter Beiträgen, dann und wann etwas zurückrudern um dann so richtig hart zuzuschlagen. Alles unter falschen Identitäten und schwupps, wurde wieder ein Mensch in seinem Socialmedia vernichtet, was sich aber eben auch auf das Reallife überträgt.

Eure Geschäftsgrundlage sind erfundene Meldungen, Konspirationen und die niedrigsten menschlichen Instinkte, die in Krisenzeiten immer reichlich gedeihen.
(S. 189)

Der Held macht weiter, unbeirrbar will er diese Trollingfabrik mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Bekommt er Unterstützung oder hat man ihn bereits im Visier? Es war stellenweise sehr beklemmend, da man nicht wusste wer nun wen überwacht und wer gegen oder mit ihm arbeitete. Das Spannungsniveau nahm mit jeder weiteren Seite zu und hat mich, neben den Schilderungen um dieses Land und die Leute, bestens unterhalten. Es hat aber auch dafür gesorgt, dass ich viel nachdachte und überdachte. Heerscharen von Trollen, die nur dafür da sind gezielt zu agieren und dabei vor nichts und niemand Halt machen. Zu welchem Nutzen? Muss man nicht viel überlegen.

Dieser erzählhafte Stil hatte mich komplett in seinen Bann gezogen. Ein ungeschöntes Beispiel zu dem was geschieht oder geschehen kann im WorldWildWeb. Wie schnell man zur Zielscheibe wird und das dieses Trolling schon lange kein Kavaliersdelikt oder das Werk einzelner ist.
Es wird so gezielt manipuliert, dass wir es oft gar nicht merken. Augen auf im Internet, kann ich da nur sagen. Was offenbare ich und was nicht. Habe ich den Mut den Mund aufzumachen und damit eine gewaltige Maschinerie gegen mich aufzubringen?
Sehr erschreckend, dieses Buch und was es an Emotionen und Eindrücken weckt und vor allem hinterlässt.
Ein Blick hinter die Kulissen und damit noch viel bedrohlicher.

Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen.
(S. 192)

Also, füttert nicht die Trolle!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

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Der Blog der Schurken °


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Buchdetails
Titel: TROLL
Buchreihe: Einzelband  
Autor: Michal Hvorecky
Verlag: Tropen [Klett Cotta]
— Rezensionsexemplar —

7
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Sunita
Gast

Das Buch habe ich auch schon bewundert und jetzt glaube ich, ich sollte es mal lesen. Das Thema ist wirklich extrem wichtig! Auch wenn ich glaube, dass ich eher ein Fan von Teil 2 sein werde, aber mal sehen ;) Kennst du Qualityland von Marc-Uwe Kling? Da gibt es auch eine Figur, die professioneller Internet-Troll ist – natürlich alles satyremäßig überspitzt, aber trotzdem erschreckend aktuell. Das Buch kann ich auch nur empfehlen!

-Leselust Bücherblog-
Gast

Wow, Kerstin, das klingt so gut. Deine Rezension ist ja sogar noch begeisterter als die von Iris. Ihr macht mich so neugierig. Und das Thema ist ja leider auch wirklich aktuell, dennoch weiß ich eigentlich recht wenig darüber, wie das ganze eigentlich abläuft. Die Geschichte im Buch ist natürlich fiktiv, aber wenn der Autor selbst auch damit Erfahrung hat, scheint es ja so, als könne das Buch schon einen Einblick geben, wie so etwas ablaufen könnte.
Eine tolle Rezension auf jeden Fall. Das Buch steht ja schon auf der Wunschliste, aber jetzt möchte ich es noch dringender lesen.
Liebe Grüße, Julia