„Tiefenscharf“ | Roland Spranger

Inhalt laut Verlag:

Das Leben ist nicht immer fair zu einem. Vor allem, wenn die falschen Ent­scheidungen getroffen werden. Drogendealer Max mit Nazihintergrund wirft vor einer Polizeikontrolle die Lieferung aus dem Fenster und irrt danach auf der Suche nach dem Crystal Meth durch den Schnee. Als er einem Flaschen­sammler begegnet, glaubt er, dass der das Päckchen an sich genommen hat, und lässt seine Wut an ihm aus, wird sogar zum Mörder, um einen Zeugen zu beseitigen.
Das Leben des Video-Journalisten Sascha verläuft in ruhigeren Bahnen. Für ihn stellt sich eher die Frage, was der Journalismus im Zeitalter sozialer Medien noch wert ist, wenn ein Attentat mit einer Wasserpistole voller Urin die Schlagzeilen beherrscht. Als er einem Drogendeal auf die Spur kommt, glaubt er an seine große Chance.

Die Dunkelheit wächst, je mehr man in sie schaut.
(S. 191)

Dunkel, dunkler, Noir!
Mit voller Wucht ins Buch hinein und mit genauso viel Wucht einmal komplett dadurch. Etwas mehr als eine Handvoll Personen, und jede einzelne davon ist (pardon) scheiße.
Max, ein durchgeknallter Drogenkurier und selbst Konsument.
Seine Freundin Kira, die liebend gerne so manches Feuer entfacht.
Sascha, ein Journalist, die Kamera immer auf Fokus gestellt, aber dieser verdammte Alkohol.
Carsten, der Türsteher und Musikliebhaber, zuverlässig bis zum bitteren Ende.
Alina, viele Klicks aber nichts dahinter.
Und Lydia, die eigentlich gar nicht zu dem ganzen Mist gehört und doch letztendlich sowas von da hineingezogen wird.

Ein richtig guter Noir überzeugt mich immer mit den Charakteren im Buch. Heldenlose, die sich aufgrund irgendwelcher Situationen oder Umständen so tief in ihres und das anderer Unglück hineinmanövrieren. Ich muss keinen einzigen dieser Charaktere mögen, ich muss auch keinen einzigen davon verstehen. Vielleicht ist das sogar etwas Selbstschutz, da es meist klar ist, wie das Ende ausschauen wird, obwohl es kaum vorhersehbar ist. Heldenlose, wie gesagt und wo es keine Helden gibt, bleibt auch das Happy End auf der Strecke. Genau dieses braucht ein Noir auch gar nicht. Die Charaktere sind eh meist schon so nah am Abgrund.

Wir dürfen keine Scheiße bauen. Wir sind Journalisten. Wenn wir was Illegales machen, werden wir unglaubwürdig. Oder landen im Knast.
(S. 267)

Der Autor Roland Spranger schreibt so auf den Punkt und bringt damit Momentaufnahmen aus dem Leben dieser Menschen aufs Papier und zwischen die Zeilen. Sorgen und Nöte, fast alle hausgemacht und in einem Kontext stehend, der zeigt das jede Handlung eine Konsequenz nach sich zieht.

Die Story hat mich bestens unterhalten. Der Stil sorgt für eine herrliche Kurzweil und zwingt einen dazu noch eine Kapitel zu lesen und noch eines. Die winterliche Jahreszeit sorgt zwar für Schneefall und doch stehen alle im Regen.
Es ist spannend, von Anfang an und es reißt kaum ab. Die Schilderungen sind kurz und knapp und doch ergibt sich eine richtig runde Geschichte.

Die Dialoge sind erfrischend, so oft voll schwarzem Humor und ich habe besonders die Unterhaltungen zwischen Carsten und Sascha sehr genossen. Es war klar worauf alles hinausläuft, was mich aber nie störte, dafür war es einfach zu unterhaltsam. Die unweigerliche Begegnung der Charaktere untereinander, war wie ein Feuer das erst ganz langsam schwelt, um dann irgendwann alles in Schutt und Asche zu zerlegen. Eine gewaltige Zerstörungswut, die schon von der ersten Seite an zu erkennen ist und ja, ich habe gehofft dass so mancher noch die Kurve kriegt und wenn es nur dieser Fuchs wäre.

Böse könnte man diese Geschichte bezeichnen. Fies oder gemein würde auch passen. Auf jeden Fall ist es keine Alltagsliteratur, obwohl es um so viel Alltägliches geht. Den ein oder anderen würde ich durchaus als Drecksack bezeichnen und so manche der weiblichen Charaktere stehen dem in nichts nach. Dabei ist keiner und keine überzeichnet, eher im Gegenteil. Bei dem einen oder der anderen hätte ich gerne noch viel mehr erfahren. Die Gedankengänge brachten schon sehr viel und zeigten mehr als deutlich auf, wo es hakt.

Ein Noir ist kein Krimi und kein Thriller, aber hat viele Elemente davon in sich. Es wird gewalttätig und es gibt Tote, die jedoch kaum mehr Erwähnung finden als die Feststellung der Tatsache. Geheult wird wann anders, nicht in dem Buch, nicht in dieser Geschichte. Mitleid ist wenn, dann nur geheuchelt und das macht es aus. Eine ehrliche, solide und mal so ganz andere Geschichte um Versager und Loser und solche die es nicht hätten sein müssen.

Ich scheiß auf den Karmapunkt. Ich will wissen, was los ist.
(S. 18)

Eine absolute Leseempfehlung für alle, die es leid sind irgendwelchen Ermittler*innen hinterher zu rennen, sondern den ganzen kriminellen Scheiß von Anfang bis Ende wie in einem Film selbst zu erlesen. Kamera ab!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
folgen – wenn bekannt • 


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Buchdetails 
Titel: Tiefenscharf
Buchreihe: Einzelband  
Autor: Roland Spranger
Verlag: Polar

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Anja aka Ana
Gast

Hallo liebe Kerstin,
das hört sich großartig an.
Irre Rezension, die mir super gefällt und richtig Lust auf das Buch macht.

Ich habe nach Pollock keinen guten Noir mehr gelesen. Vielleicht könnte er das ändern.

LG Anja