#SPbuch-Kalender Tag 16 | Elyseo da Silva

| Werbung | Dieser Beitrag entstand innerhalb der Aktion „#SPbuch-Kalender, Adventszeit mal anders“ und basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken, Interesse an den Autor*innen und selbst kreierten Fragen. Da innerhalb dieser Beitragsreihe Autor*innen (aus dem Selfpublishing-Bereich) sowie Verkaufs- und Medienportale vorgestellt und verlinkt werden, sind wir leider dazu verpflichtet, darauf im Eingangswort hinzuweisen. Abmahnungen können wir uns als Freizeit-Bloggerinnen nicht leisten.

Foto © Elyseo da Silva

Ein deutscher Autor, welcher in Portugal lebt und Gin trinkt. Schon mal beste Voraussetzungen, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und dann mit einem optisch sehr ansprechendem Debüt im Gepäck, welches mich dann auch noch absolut einnahm. Heute hat Elyseo ebenfalls etwas für Euch dabei!

Für dieses kleine Zusammentreffen stellt Euch gerne vor, dass ich mit Elyseo in einer Bar sitze. Das Licht gedämmt, auf grünen Ledersitzen, mit leiser Feenmusik von Joanna Newsom im Hintergrund. Wir haben uns gerade erst hingesetzt, den Gin Tonic bereits vor uns stehen.

Janna: Ich muss es einfach direkt zu Beginn fragen! ‚Elyseo da Silva‘ ist Dein Pseudonym, warum hast Du Dich gegen deinen bürgerlichen Namen entschieden? Und noch viel interessanter finde ich die Entstehung dessen!?

Elyseo: Janna, da steigst du, vermutlich ungewollt, gleich in tiefe Sphären ein. Deshalb will ich dir darauf auch nur teilweise antworten. Mit Lügen habe ich es nämlich nicht so. Den Namen Elyseo habe ich mir in Guatemala gegeben, wo ja auch die zentrale Handlung meines „Mosaik der verlorenen Zeit“ spielt. Siehe da, das ist natürlich kein Zufall. Als ich im Jahre 2003/04 vier Monate dort verbracht habe, habe ich nach einem intensiven Gespräch mit einer Freundin beschlossen, ein Schweigeritual zu vollziehen. Das kam daher, dass besagte Freundin mir vorgeworfen hatte, ich würde meine Worte nutzen, um eine Mauer um mich herum zu errichten, ja, sie quasi als Waffen einsetzen. Diese Waffen also beschloss ich niederzulegen.
Während dieses 40-tägigen Schweigens habe ich dann meinen Namen geändert – Elyseo ist ja nicht nur ein Pseudonym, sondern der Name, unter dem ich auch tagtäglich agiere.
Die Zeit in Guatemala war für mich das erste Mal in meinem Leben, das ich als Schriftsteller lebte und auch als solcher wahrgenommen wurde. Dafür stand der Name also von Anfang an. Insofern ist er auf eine Art auch mein Künstlername.
Zugleich wurde mein Aufenthalt in Guatemala zur größten Belastungsprobe und zum absoluten Tiefpunkt meines bisherigen Lebens. Gerade in den folgenden Jahren war der Name Elyseo für mich also vor allem eins: Symbol der Hoffnung darauf, dass ich von jenem tiefsten Punkt meines Lebens zurückfinden konnte, um der Mensch zu sein, der ich sein will.
Zum zweiten Teil des Namens „da Silva“ kam ich erst neun Jahre später. Ich habe ihn von meinem portugiesischen Freund übernommen. Von ihm habe ich eine Lektion gelernt, die ich für wichtig genug halte, um nie vergessen zu werden:
Wenn du ein guter Mensch sein willst, genügt es nicht, dass du selbst weißt, dass du einer bist. Du musst es in deinen Handlungen Tag für Tag aufs Neue beweisen.

Janna: Welch eine wundervolle Antwort und Tiefgründigkeit hinter deinem Pseudonym! Allein mit dieser Geschichte ließe sich bestimmt ein ganzer Abend füllen. Hast du denn daraus dein Debüt entstehen lassen, findet man dich darin wieder?

Elyseo: Persönlich glaube ich, dass jeder Schriftsteller, der behauptet, man fände ihn nicht in seinem Werk wieder, lügt. Natürlich meine ich damit nicht, dass wir alle autobiographisch schreiben. Aber wir sind die Instanz, an der sich die Erzählung bricht. Unsere Wahrnehmung ist der Filter der Geschichte, daran führt kein Weg vorbei – und insofern findet der Leser mich selbstverständlich im Mosaik der verlorenen Zeit wieder. An welchen Stellen im Roman sich mein eigenes Erfahren und Erleben allerdings mit dem meiner Figuren überschneidet, das bleibt natürlich mein Geheimnis.

Janna: Immer diese Geheimnisse *grinst
War ich mit dir, deinem Debüt, bereits an den verschiedensten Orten, bin ich sehr neugierig, was mich diesmal erwarten wird! Da wirst du doch bestimmt etwas redseliger sein, hihi.

Elyseo: Selbstverständlich, auch wenn bislang keineswegs klar ist, wann der Roman fertig sein wird. Worum es geht, kann ich Dir aber natürlich schon verraten.
Mein Debüt spielte ja in Guatemala und insofern dachte ich, blauäugig wie ich bisweilen so bin, es sei wesentlich einfacher über Deutschland zu schreiben. Meine neue Geschichte bleibt also in Deutschland; sie spielt in Köln, allerdings – zumindest zu Beginn – im Köln der späten 60er Jahre. Und siehe da, es ist keineswegs einfacher, über einen Ort, den ich wirklich gut kenne, in der Vergangenheit zu schreiben. Ganz im Gegenteil: bei jedem Haus, jeder Straße, jedem Park frage ich mich: gab es das denn damals schon? Sah es genauso aus wie heute? Wie fühlte es sich an, zu dieser Zeit dort zu sein?
Ich habe dir eine in sich abgeschlossene Geschichte mitgebracht. Es handelt sich um eine Kurzgeschichte mit dem Titel “Wie du mir”, die der angehende Schriftsteller Max Galiano, einer meiner beiden Protagonisten im Roman, verfasst.
Bereits ein gutes Jahr zuvor hat Galiano einen jungen Mann namens Luk kennen gelernt, der, ebenso wie er selbst, Einzelgänger ist. Die beiden freunden sich an und erleben gemeinsam die Zeit der aufkommenden Studentenrevolte, die nach der Ermordung von Benno Ohnesorg in Berlin plötzlich dramatisch an Fahrt aufnimmt. Luk ist bei seinem Vater auf einem Gut im Bergischen Land aufgewachsen und dieser Vater ist es auch, der ihm das Leben schwermacht: er ist ein brutaler Mann, der Luk keine Luft zum Atmen lässt. Galiano verkörpert für ihn das Gegenteil dieser verhassten Welt: bei ihm kann er atmen – hat das Gefühl, gesehen zu werden.
Galiano selbst wiederum hat zum ersten Mal einen Freund gefunden, von dem auch er sich verstanden fühlt, ein Gefühl, das er bislang nicht kennt. Aber ist das alles? Weswegen beispielsweise stört ihn Luks neue Mitschülerin, die rote Rosi? Galianos Weg, Klarheit zu finden, ist – wie könnte es anders sein – der Weg des Schreibers. Also setzt er sich eines regnerischen Samstagabends an seine Schreibmaschine. Wohin ihn seine Geschichte führen wird, weiß er nicht so recht, was er aber weiß, ist, dass kein Weg an ihr vorbeiführt.

Janna: Du lässt uns an dieser Stelle einen Blick in die Zukunft werfen. Es gibt einen kleinen Auszug aus deinem zweiten, noch nicht veröffentlichten Roman!
Ich möchte an dieser Stelle darum bitten, nichts aus dem Text herauszukopieren und weiterzugeben!!

Stellt Euch vor Ihr sitzt mit uns am Tisch. Das Papier raschelt, während Elyseo die Seiten hervorholt und vor sich legt, mit einer warmen Stimme beginnt er vorzulesen:

Wie du mir

Der Tag von Hannes‘ Heimkehr schmeckte nach Flieder. Es war das erste, was ihm auffiel, als er aus dem Zug stieg, der ihn von Prag nach München gebracht hatte. Wie hatte er diesen Duft vermisst! In den Weiten Sibiriens verzog sich der Geruch nach Kälte selbst immer Sommer niemals. Von der Enge des Strafgefangenenlagers von Norilsk ganz zu schweigen.
Hannes strauchelte, als er auf den Bahnsteig trat. Suchend sah er sich um. All die Gesichter – doch so sehr er Ausschau hielt, keines wollte ihm bekannt vorkommen. Würde er sie überhaupt erkennen? 13 Jahre waren eine lange Zeit.
Der Trubel auf dem Bahnsteig drohte ihn zu ersticken. Überall fielen Menschen einander in die Arme. Beteuerten einander, auf nichts auf der Welt sehnlicher gewartet zu haben. Dabei, das wusste er genau, war es so einfach nicht. Nicht nach den Jahren im Lager. Sein Blick wanderte zu den Gesichtern der Kameraden. Ausgemergelt waren sie, allesamt. Die Augen lagen tief in den Höhlen und das Lachen, das sie auf den Lippen trugen, schmerzte sie in den Wangen. Zu lachen hatte es nicht viel gegeben in Sibirien, dem Land des allgegenwärtigen Hungers, der Kälte und des Todes. Für jeden Kameraden, den er ins Auge fasste, fielen ihm zwei ein, die jetzt nicht hier standen.
Nach und nach zogen die Grüppchen ab und es wurde leerer. Schließlich standen außer ihm selbst nur noch zwei andere auf dem Bahnsteig. Der Blick, den er mit ihnen austauschte, bedurfte keiner Worte. Darin waren sie Meister geworden im Laufe der Jahre.
Hannes schwang sich den Seesack mit seinen wenigen Habseligkeiten über die Schulter, wandte sich um und verließ den Bahnsteig. Der Bahnhof war eine riesige Baustelle. Als er auf den Bahnhofsvorplatz trat, traute er seinen Augen nicht. War das noch die Stadt, die er einst gekannt hatte?
Er beschloss, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Bis Gräfelfing war es weit, aber seine Beine verlangten nach Bewegung. Eine Woche hatte es gedauert, bis er endlich hier angelangt war – eine Woche, in der er an nichts anderes hatte denken können, als wieder zu Hause zu sein. Und nun war er hier und nichts war so, wie er es sich vorgestellt hatte. Hatte sie den Brief nicht erhalten?
Unter seinem abgetragenen Hemd suchte Hannes nach dem Amulett. Ein Wunder, dass er es in all den Jahren geschafft hatte, es zu behalten. Seine Finger berührten das kalte Metall und die ihm bekannte Wirkung stellte sich ein. Sein Atem beruhigte sich. Er dachte an Benjamin. Ob er den Krieg überlebt hatte?
Nach wenigen Minuten merkte er, wie geschwächt er war. Die Schritte waren ihm eine Qual. Noch dazu brausten ständig Autos und Straßenbahnen an ihm vorüber, die sein Nervenkostüm zusätzlich reizten. Als er an einem Park vorbeikam, setzte er sich auf eine Bank. Die Frühlingssonne tat ihm gut. Beinahe wäre er eingenickt, doch ehe dies geschehen konnte, raffte er sich auf und setzte seinen Weg fort. Er wäre nicht mehr am Leben, hätte er nicht gelernt, solchen Impulsen zu widerstehen.
Der Marsch erschien Hannes zugleich lang und kurz. Seine Beine schmerzten, sein Magen knurrte und doch wünschte er sich, er wäre noch nicht angekommen, als er den Turm der Stephanskirche vor sich aufragen sah. Was, wenn Irina nicht mehr lebte? Was, wenn ihr Haus nicht mehr stand? Was, wenn sie ihn nicht erkannte? Nichts mehr von ihm wissen wollte? Einen anderen hatte? Er vergessen war, tot und begraben?
Der Kirchturm erschien ihm mit einem Mal wie ein Schafott und der Weg, den er zurücklegte, wie der Henkersgang. Was, wenn er nicht zurückginge? Einfach an irgendeinem Ort auf dieser Welt neu anfinge? Er war frei. Wie lange hatte er sich gewünscht, das von sich behaupten zu können.
Aber was hätte er schon tun sollen. Er war niemand und konnte nichts. Damals, als sie ihn nach Russland geschickt hatten, war er gerade mal 19 gewesen. Jetzt war er ein gebrochener alter Mann von 32 Jahren, der nichts gelernt und den Großteil seines Lebens in Kriegsgefangenschaft verbracht hatte.
Weiter also.
Klopfenden Herzens bog er schließlich in die Geigerstraße ein. Das Haus. Es stand noch. In den Fenstern hingen Gardinen. Ordentliche Gardinen. Weiß. Frisch gewaschen.
Hannes blieb stehen und betrachtete das Haus, in dem er aufgewachsen war. Irina war bei ihnen eingezogen, noch bevor die Wehrmacht ihn drangekriegt hatte. Hatte ja nichts warten können, damals. Geheiratet hatten sie am Tag, bevor er den Zug bestieg, der ihn an die Ostfront bringen sollte.
Er kam sich vor wie ein Eindringling, als er die Klinke des Gartentürchens runter drückte. Sollte er klingeln? Klopfen?
Niemand reagierte auf sein Klingeln. Auch nicht nach dem dritten Mal. Ihm war so übel, dass er sich auf den Rasen hinter dem Haus setzte und sich an die Wäschespinne lehnte. Weiße Wolken zogen über ihn hinweg. Hannes sah sich um. Die Haselnusssträucher waren noch da und sahen so aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Der Kirschbaum wirkte größer als damals, die Blautanne beinahe unverändert, etwas höher vielleicht. Sein Blick blieb an einem Baum an der Grundstücksgrenze hängen. Er konnte die Tränen nicht aufhalten. Diesen mächtigen Ahorn hatte er als Kind gepflanzt. Er war ein Bäumchen gewesen, als er gegangen war, nichts als ein Bäumchen. Nun stand er da, überragte alle Bäume ringsumher.
Hannes schniefte. Er wischte sich den Rotz am Hemdsärmel ab. Noch immer hinterließ er schwarze Schlieren. Steinstaub war hartnäckig. Da hatte er den gottverdammten Krieg überlebt und nun das.
„Was machen Sie auf unserem Grundstück?“
Die Stimme riss Hannes aus seinen Gedanken. Er fuhr sich mit den Handflächen über die Augen und stand auf.
„Hören Sie, das ist–“
„Oh mein Gott, Ben? Ben, bist du das?“ Hannes starrte den Mann an. Gesund sah er aus. Als bekäme er regelmäßig zu essen und schliefe in einem bequemen Bett.
„Hannes?“
Ben gefror. Hannes‘ Herz zog sich zusammen.
„Aber das kann doch gar nicht sein! Hannes? Du? Wir haben geglaubt–“
Hannes griff sich unter das Hemd. Es dauerte einen Augenblick, doch dann zog er Bens Amulett hervor und hielt es ihm in der ausgestreckten Hand entgegen. „Dein Amulett“, wisperte er. „Ich habe es bei mir getragen über all die Jahre.“
Noch immer starrte Ben ihn an. Schließlich ging er auf ihn zu und zog ihn in seine Arme. „Du lebst. Oh mein Gott, Hannes, du lebst. Wenn wir das nur früher gewusst hätten. Hätten wir das doch nur früher gewusst.“
Hannes löste sich aus der Umarmung und umfasste das Gesicht seines besten Freundes mit den Händen. Er war es, in der Tat, er war es. Ben. Der gleiche Ben, mit dem er als Junge am Ufer der Würm Lagerfeuer gemacht und Kartoffeln geröstet hatte. Zum zweiten Mal an diesem Tag nahm ein Geruch Hannes beinahe den Atem. Es war der Geruch von Kindheit und Sorglosigkeit. Bens Geruch.
„Irina?“ fragte er.
„Hannes, mein Hannes. Du lebst. Ich kann es noch gar nicht glauben. Nach all diesen Jahren.“ Ben zog ihn mit sich. „Junge, du musst erstmal etwas essen. Du siehst völlig ausgehungert aus. Komm mit rein, nun komm schon.“
Hannes folgte ihm durch die Terrassentür hinein in die Küche. Eine neue Küche, wie er bemerkte.
„Wo ist Irina, Ben? Und meine Eltern?“ Er schluckte. So lange hatte er auf Antworten auf diese Fragen gewartet.
Ben sah ihn an. „Setz dich erstmal. Du hast Hunger, oder? Wir haben doch jetzt Zeit.“
Ein ungutes Gefühl stieg in Hannes auf. Er wollte sich nicht setzen, wollte nichts essen. Er wollte Antworten.
„Hannes, setz dich“, sagte Ben, als er sah, dass dieser nicht reagierte. Sein Ton klang verändert, streng mithin. Also tat Hannes, wie ihm geheißen.
Ben setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Küchentischs.
„Raus mit der Sprache, Ben.“ Auch Hannes hatte einen ernsten Ton angeschlagen. „Was machst du überhaupt hier, im Haus meiner Eltern?“
„Deine Eltern, Hannes – ich will nicht darum herumreden. Es tut mir so leid, dass das das Erste ist, was du hier zu hören bekommst.“ Ben zögerte dennoch. „Deine Eltern sind vor über zehn Jahren beim Luftangriff auf München ums Leben gekommen.“
Hannes starrte auf seine ineinander verkrampften Hände. Warum fühlte er nichts in diesem Augenblick? Wusste man so etwas als Sohn? Spürte man es? Er hätte keine Antwort auf diese Fragen zu geben gewusst. Was ihn überraschte, war, dass ihn die Nachricht vom Tod seiner Eltern nicht überraschte. Er hatte – und das fiel ihm erst jetzt auf – nicht damit gerechnet, sie hier anzutreffen. Über Irina hatte er nachgegrübelt – Stund um Stund auf der endlosen Fahrt von Norilsk nach Moskau hatte er damit zugebracht. Die Erinnerung an Ben hatte ihm vor Augen gestanden, als wären sie beide noch immer Knaben von 15 Jahren. Wie die beiden wohl aussähen, hatte er sich gefragt; der Gedanke, dass sie nicht mehr am Leben sein könnten, hatte ihn um den Schlaf gebracht. Ein ums andere Mal war er hochgeschreckt, weil er Irinas zerfetzten Körper am Rande einer Landstraße gesehen, Bens verstümmelten Leib auf einem Schlachtfeld entdeckt zu haben glaubte. An seine Eltern indes hatte er nicht auf die gleiche Weise gedacht, wurde ihm schmerzlich bewusst. Natürlich – er hatte an sie gedacht. Aber daran, wer sie gewesen waren, nie, wer sie würden sein können. Die Mutter in der Kittelschürze am Herd. Der Vater, der erschöpft und rußverschmiert aus der Fabrik nach Hause kam.
„Und Irina?“ Er hörte das Zittern in der eigenen Stimme. „Ist sie–?“
„Irina lebt.“
Es war, als ob jemand ihm eine Last von der Seele nahm, die jemand vor langer Zeit unbemerkt dort abgelegt hatte. Irina und Ben, sie waren beide noch am Leben.
„Wo ist sie?“
„Sie müsste gleich kommen. Sie ist nur schnell zum Hermann Milch holen.“
„Der Müllers Hermann?“
„Genau der“, lächelte Ben. „Er hat den Laden von seinen Eltern übernommen.“
„Sind die auch–?“
„Nein, nein. Sie meinten, sie wären zu alt, der Hermann könne das besser – jetzt, wo die Zeiten sich geändert haben.“
„Aber Ben, eine Frage habe ich doch“, Hannes stockte. Jetzt war es Ben, der den Blick auf seine Hände hinabsenkte. „Was machst du hier – im Haus meiner Eltern?“
In diesem Augenblick wurde der Schlüssel in der Haustür umgedreht. „Liebling, rate mal, wen ich beim Hermann getroffen habe?“
Hannes sprang auf, mitten in der Bewegung jedoch erstarrte er.
Ben, der ebenfalls aufgesprungen war, packte ihn bei den Schultern. „Hannes! Es ist nicht wie–“
Da ging die Küchentür auf. „Ben, mit wem–“
Irina sprach den Satz nicht zu Ende. Sie blieb stehen und hielt sich an der Tür fest.
„Hannes?“
Ihre Lippen zitterten. Sie kam näher und berührte seine Wange, so vorsichtig, als wäre er aus Glas. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie vor ihm. Hannes wusste nicht, wie ihm geschah. So lange hatte er sich diesen Moment ersehnt und doch war er so anders, nicht, wie er hätte sein sollen. „Hannes“, hauchte sie. „Du bist es wirklich. Oh mein Gott.“
„Ich bin es, Irina, ich bin es wirklich.“
Mit einem Schrei fiel sie ihm um den Hals, Hannes spürte, wie ihr Körper zu beben begann. Sein Blick wanderte zu Ben. Der stand neben dem Spülbecken. Er hatte den Blick nicht abgewandt. Wieso ließ er sie nicht allein, fragte sich Hannes. Stattdessen kam Ben näher und umarmte sowohl ihn als auch Irina mit seinen starken Armen.
„Endlich, endlich, endlich“, flüsterte er. „Manchmal gibt es doch Gerechtigkeit auf dieser Welt.“
Es war Irina, die ihn schließlich aus ihrer Umarmung entließ. Sie schob ihn ein Stück von sich weg, hielt ihn aber fest, um ihn noch einmal zu betrachten.
„Was haben sie dir nur angetan?“
Hannes machte sich los und sah die beiden an.
„Was ist hier los. Ben, warum bist du hier? Irina, du hast ‚Liebling‘ gerufen, als du reingekommen bist. Haltet mich nicht für dumm, nur weil ich weg war.“
Die beiden sahen einander betreten an. Es war Ben, der schließlich sprach. „Hannes, du musst mir glauben – uns glauben. Wir haben geglaubt, nein, wir waren sicher, dass du tot bist. Was auch immer wir versucht haben, nach dem Krieg – es war unmöglich Informationen zu kriegen. Wir haben gewartet, dass du wiederkommst – so lange haben wir gewartet, aber–“
„Drei Jahre“, bestätigte Irina. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ben hat mir hier geholfen, da deine Eltern“, sie schlug sich mit der Hand vor den Mund.
„Ben hat es mir schon gesagt“, sagte Hannes.
„Es tut mir so leid“, sagte sie. „Du kommst nach Hause und dann musst du all diese schrecklichen Dinge erfahren. Deine Eltern und“, sie stockte, „und dann, dass Ben und ich–“
„Wir sind verheiratet, Hannes“, sagte Ben.
Hannes setzte sich und stützte den Kopf in die Hände. „Und was ist mit mir? Wie habt ihr? – Ihr konntet doch nicht einfach – das ist doch nicht recht – aber doch, anscheinend konntet ihr das.“
Ben schluckte. Er und Irina sahen sich betreten an.
„Wir mussten dich für tot erklären lassen, Hannes.“
Hannes erwachte am nächsten Morgen in seinem ehemaligen Kinderzimmer. Das alles erschien ihm unwirklich. Seine Eltern waren tot, sein bester Freund mit seiner Frau verheiratet. Was war das nur für ein Leben – es schien zugleich seines und nicht mehr seines zu sein.
Das Seltsamste aber war, er konnte den beiden noch nicht einmal böse sein. Er lag in dem Bett, in dem er die Nächte seiner Jugend zugebracht hatte und starrte an die Decke.
Die letzte Nacht in diesem Bett damals, sie war eine Nacht voller Angst gewesen. Eine Angst, die ihm im Vergleich zu dem, was er in den folgenden Jahren erleben sollte, heute geradezu lächerlich schien. Wenn er die Augen zusammenkniff, ergaben die Risse an der Decke noch immer das Gesicht der Hexe, die er als kleiner Junge darin auszumachen geglaubt hatte. Es war, als wäre die Zeit hier stehen geblieben, doch das war sie nicht. Niemals mehr würde er in die Küche hinuntergehen können und seine Mutter am Herd stehen sehen, niemals mehr den seifigen Geruch seines Vaters einatmen, wenn er am Samstagmorgen frisch rasiert aus dem Bad kam.
Er lauschte auf die Geräusche ringsumher. All der Trubel, der ihn gestern in der Stadt so überrumpelt hatte, schien es nicht bis hier raus geschafft zu haben. Einzig die Amsel sang ihr trauriges Lied. Ansonsten Stille. War es noch so früh am Morgen?
Plötzlich knarzte eine der Stiegen im Gang und die Klinke seiner Zimmertür wurde vorsichtig heruntergedrückt. Er hielt den Atem an.
Irinas blonder Schopf schob sich durch den Spalt hindurch. Rasch schloss Hannes die Augen. Er hörte, wie sie barfuß durch das Zimmer tapste. Dann senkte sich die Matratze unter ihrem Gewicht.
Als ihre Hand durch seine Haare strich, schrak er zusammen und öffnete die Augen.
„Entschuldige“, murmelte sie. „Es ist noch früh – ich wollte dich nicht wecken.“
„Schon gut.“
Die beiden sahen sich lange an, ohne ein Wort zu verlieren. So viele Jahre waren vergangen und doch schien es, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie einander so betrachtet hatten. Es war Hannes, der das Schweigen schließlich mit einem Seufzen brach.
„Ich werde mich nach einer anderen Bleibe umsehen.“
Irina antwortete nicht. Sie saß auf der Bettkante und wirkte verloren. Als hätte ihr das Schicksal übel mitgespielt, nicht ihm. Aber wahrscheinlich war dem auch so. Sie alle hatten ihren Preis zu entrichten gehabt. Er unterdrückte den Impuls, sie an sich zu ziehen und tat gut daran, denn in diesem Moment ging abermals die Tür auf. Ben stand in seinem Pyjama vor ihnen. Aus seinem besten Freund war ein Mann geworden, breitschultrig und ernst.
„Komm rein, Ben“, sagte er.
Ben trat zögerlich ein und ging um das Bett herum, das wie eh und je den Raum in zwei Hälften teilte. Er setzte sich auf die andere Bettkante. Hannes sah von einem zum anderen. Mit einem Mal riss es ihn fort, ein Gefühl des Nachhausekommens überflutete ihn und er schaffte es gerade rechtzeitig den Blick zu senken.
Er spürte, wie Irinas Hand sich um die seine schloss. „Hannes“, wisperte sie, doch er konnte nicht, nicht in diesem Zustand, in all den Jahren hatte ihn niemand so zu sehen bekommen. Neben ihm zischte ein Streichholz und es knisterte, als Ben sich eine Zigarette anzündete. Der vertraute Geruch stieg ihm in die Nase.
„Möchtest du eine?“ fragte Ben.
Hannes nickte, ohne die Augen zu öffnen. Er konnte fühlen, wie sich eine Zigarette zwischen seine Lippen schob. Dann hörte er den Klang des Streichholzes, spürte die Wärme des Feuers auf seinen Wangen und sog an ihr. Er musste husten.
„Hast du aufgehört?“
Ben schlug ihm auf den Rücken. Es dauerte ein wenig, bis Hannes wieder zu Atem kam, doch dann nahm er einen weiteren Zug.
Endlich sah er auf. „Das ist die erste seit vielen Jahren.“ Er unterdrückte den nächsten Hustenanfall, der in ihm aufsteigen wollte. Seine Finger hatten das Gefühl einer brennenden Zigarette darin beinahe vergessen.
Er wandte sich zu Ben. „Ich hätte nicht überlebt.“
„Was meinst du?“, sah der ihn fragend an.
„Keiner der Raucher, die ich gekannt habe, hat Norilsk überlebt.“ Er nahm einen weiteren Zug. Ihn schwindelte, aber der Hustenreiz hatte nachgelassen. „Wir bekamen Zigaretten zugeteilt, manchmal. Die, die zu schwach waren, aufzuhören, tauschten andere Dinge gegen Zigaretten. Manchmal rauchten sie Birkenrinde, die sie in Fetzen von Zeitungspapier rollten. Mein Ziel aber war es, zurückzukommen. Ich würde nicht in Norilsk sterben, das hatte ich mir geschworen. Also hörte ich auf, ganz am Anfang, als wir dorthin gebracht wurden ’43. Die Kippen, die mir zustanden, tauschte ich gegen Zucker ein.“ Er zuckte mit den Achseln. „Die Raucher krepierten, einer nach dem anderen. Ich tat’s nicht.“
In Irinas Augen standen Tränen. Sie drückte seine Hand. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist.“
„Ach ja?“
„Wir wussten es doch nicht, Hannes. Wie lange hätten wir warten sollen?“
Er wandte seinen Blick ab, sah aus dem Fenster, hinaus zum Ahorn. „Irina und ich haben noch lange geredet vergangene Nacht, nachdem du zu Bett gegangen bist“, sagte Ben. Hannes regte sich nicht. Was sollte all das Gerede ändern? Sein Leben war vorüber, zumindest das, was es früher einmal gewesen war. War er tatsächlich naiv genug gewesen, zu glauben, es hätte anders sein können?
„Ben“, flüsterte Irina, „er hat gemeint, er will sich eine Wohnung suchen. Wir sollten–“
„Ssssssch“, machte Ben.
Dann spürte Hannes, wie sein bester Freund ihn von hinten in den Arm nahm. Er umarmte ihn so fest, dass es ihm beinahe die Luft abdrückte. Irina legte sich neben ihn aufs Bett, sodass er den Geruch ihres schlaftrunkenen Körpers in die Nase bekam.
Auch Ben ließ sich auf das schmale Bett gleiten und zog ihn mit hinab, sodass sie nun zu dritt nebeneinanderlagen. Hannes spürte, wie Bens Hand ihm über den Kopf strich. Etwas in ihm löste sich. Die Spannung in seinem Körper ließ nach. Er wurde ganz weich.
„Du Dummerchen“, hörte er Ben sagen. „Bist du eigentlich bescheuert?“ Irinas Hand streichelte am Kragen des Pyjamaoberteils entlang, das sie ihm vor dem Zubettgehen gegeben hatte. Hannes schloss die Augen. Ihre Lippen hauchten ihm einen Kuss auf den Hals. „Du wirst natürlich nirgendwo hingehen.“ Er konnte den tiefen Klang von Bens Stimme so dicht hinter ihm in seinen Rückenmuskeln vibrieren spüren. „Du bleibst hier, bei uns. Genau da, wo du hingehörst.“


Ich möchte die Geschichte an dieser Stelle für sich selbst sprechen lassen und den Inhalt nicht weiter kommentieren. Mich hat sie berührt und eben solche Tiefgründigkeit und seine einnehmenden Sätze sind der Grund, warum ich das Debüt von Elyseo wahrhaftig verschlungen habe!

Falls Ihr neugierig auf Elyseos bereits veröffentlichtes Debüt „Mosaik der verlorenen Zeit“ seid, dann schaut gerne bei meiner Rezension zu dem Roman vorbei!

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Grafik © tolino media

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AUFGEPASST!

Bei unserem letzten Beitrag am 24.12.1018 rund um den #SPbuch-Kalender solltet Ihr bei uns (KeJas-BlogBuch) vorbeischauen, denn es warten noch Überraschungen auf Euch! Kleiner Tipp? Es gibt Geschenke, schließlich ist an dem Tag Heilig Abend.

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Irina

Eine wunderschöne Geschichte :-) Auch wenn ich immer etwas verwirrt bin, wenn darin Personen vorkommen, die so heißen, wie ich *grins*