#SPbuch-Kalender Tag 10 | Dominik A. Meier und das Wer-Einhorn

| Werbung | Dieser Beitrag entstand innerhalb der Aktion „#SPbuch-Kalender, Adventszeit mal anders“ und basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken, Interesse an den Autor*innen und selbst kreierten Fragen. Da innerhalb dieser Beitragsreihe Autor*innen (aus dem Selfpublishing-Bereich) sowie Verkaufs- und Medienportale vorgestellt und verlinkt werden, sind wir leider dazu verpflichtet, darauf im Eingangswort hinzuweisen. Abmahnungen können wir uns als Freizeit-Bloggerinnen nicht leisten.


Nur noch 14 Tage – denn heute ist schon der 10. Tag des #SPbuch-Kalender.

Darf ich vorstellen – Autor und Selfpublisher Dominik A. Meier – der mich schon mit seinem ersten Buch “TUMOR” komplett in diese dystopische Welt zog. Es ist der Auftakt einer Trilogie. “Maschinenengel” ist bereits erhältlich und “Project no_face” lässt auch nicht mehr lange auf sich warten.

Dominik, stell Dich doch einmal ganz kurz vor.

Mein Name ist Dominik A. Meier. Ich bin freischaffender Autor und hauptberuflicher Familienvater. Ich wurde 1991 in Bühl (Baden) geboren und habe mich nach dem Abitur zu einem interdisziplinären Studium hinreißen lassen, das ich nach zwei Semestern zugunsten eines Geschichts-Studiums abgebrochen habe. Dieses habe ich mit einem M.A. abgeschlossen. Derzeit lebe ich mit meiner Familie in Oberfranken und widme mich ganz meinem Hobby und meiner Leidenschaft, also dem Schreiben und meiner jungen Familie.

Extra für diese Aktion hat Dominik sich so richtig weihnachtlich in Schale geworfen! Und das mit dem Geweih auf dem Kopf ist eine super Überleitung zu Dominiks neuestem Buch.

© Dominik A. Meier

Kerstin: Sag mal Dominik, dein neues Buch, ab welchem Alter und für welche Art Leser empfiehlst du es denn?
Dominik: Diese Geschichte ist für alle ab 15 Jahren, die Einhörner mögen.

Kerstin: Und ist es jetzt eher Herzschmerz oder Gruselwusel?
Dominik: Es ist EINHORN! Mit ein bisschen Herzschmerz-Schmachterei ;-)

Das neueste Werk von Dominik hat heute, hier auf unserem Blog, seine Premiere. Wow, was für eine Ehre für uns, denn nur hier gibt es heute die Leseprobe dazu.
Ab dem 11.12.2018 ist das komplette Buch erhältlich.

“I AM UNICORN – Einhorn wider Willen”
Viel Spaß bei der Leseprobe
(bitte nicht kopieren, vervielfältigen oder auf eine andere
Art und Weise in Umlauf bringen)


Kapitel 1: I am Unicorn

Alissa seufzte. Letzte Nacht war übel gewesen. Richtig übel. Also die Art von übel, die sie mit Zweigen im Haar und getrocknetem Schlamm am ganzen Körper nach Hause kommen ließ. Mit zerrissener Kleidung und blutunterlaufenen Augen. Und ohne irgendeine Erinnerung an das, was passiert war. So konnte es nicht weitergehen. Sie musste schlafen. Endlich mal wieder richtig durchschlafen. Nicht nur dieses halbherzige Dösen, mit dem sie den ganzen Tag lang versuchte, die Nacht auszugleichen. Das war keine Lösung. Zumindest nicht mehr. Sie fühlte sich jetzt schon wie hirntotes Gemüse, das nur noch durch den Tag schlurfte und versuchte, nicht umzukippen. Mittlerweile fehlte ihr die Kraft für einfach alles.
Sie warf einen schnellen Blick auf die Uhr und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Kurz vor fünf. In einer knappen Stunde würde ihr Nachbar von der Nachtschicht nach Hause kommen und sie dann einmal mehr bis in den frühen Abend mit Bass beschallen. Es lohnte sich also nicht, noch ins Bett zu gehen. Na gut. Dann eben die übliche Routine. Erschöpft ächzend setzte sie sich auf den Hocker, der neben der Tür bereitstand, zog sich die letzten Kleidungsfetzen vom Leib und warf sie in den ebenfalls vorbereiteten Müllsack. Die zerrissenen Reste ihrer Schuhe folgten ihrem Top und ihrer Hose wenige Augenblicke später. Schon viel zu viele ihrer Lieblingskleider hatte sie auf diese Weise entsorgen müssen. Gestern Abend hatte sie sogar mitgekriegt, wie es losgegangen war, hatte noch bewusst erlebt, wie die ersten Nähte gerissen waren, doch ab da hatte sie einen kompletten Filmriss. Sie seufzte. Vom Schlafmangel mal abgesehen, ging die Sache mittlerweile ganz schön ins Geld. Das konnte so einfach nicht weitergehen.
„Frau Neumann, es freut mich, dass Sie Zeit für ein Interview haben.“ Sie schlurfte durch die Dunkelheit ihrer Wohnung in die Dusche und drehte das heiße Wasser auf, während sie den melodischen Singsang eines Fernsehmoderators nachmachte. „Wollen Sie uns vielleicht ein bisschen darüber erzählen, wie es ist, ein Wereinhorn zu sein? Werwölfe kennt man ja aus Filmen und Gruselgeschichten, aber Sie sind etwas ganz Neues!“
„Aber selbstverständlich!“ Sie antwortete sich selbst mit ihrer normalen Stimme, während sie jede Sekunde genoss, in der das warme Wasser auf sie herabprasselte. „Es ist beschissen! Sonst noch Fragen?“
„Wollen Sie das etwas näher ausführen?“
„Aber gerne! Wissen Sie, vor ein paar Wochen war ich noch eine ganz normale Neunzehnjährige. Ich habe gerade meinen Schulabschluss gemacht und wollte jetzt eigentlich ein Jahr lang um die Welt reisen. Ich hatte sogar schon die Tickets gekauft. Schottland, Island, Kanada, Peru, Südafrika, Dubai, Indien, Korea und dann mit der Transsibirischen Eisenbahn wieder nach Hause. Ich habe zwei Jahre lang in sämtlichen Ferien dafür gearbeitet. Aber daraus wird jetzt leider nichts. Und ich kann Ihnen nicht einmal sagen, was passiert ist. Eines Nachts ging es einfach los. Und seither ist mein Leben eine einzige Katastrophe.“
Sie drehte das Wasser noch heißer, wusch sich den getrockneten Schlamm aus den Haaren und von der Haut. Es fühlte sich so gut an, endlich wieder sauber zu sein. Ein paar Minuten lang stand sie nun einfach da, hielt den Kopf gesenkt und atmete den Wasserdampf ein, fühlte, wie sich ihre Muskeln nach und nach entspannten.
„Es ist ja nicht einmal die Tatsache, dass ich ein Wereinhorn bin. Damit käme ich klar. So klassisch einmal im Monat bei Vollmond verwandeln? Darauf könnte ich mich einstellen. Vielleicht könnte ich damit sogar Geld verdienen. Aber so? Ich kann fast nichts mehr machen. Ich kann nicht mehr in Clubs, kann abends nicht mehr essen gehen oder nachts mit dem Zug fahren. Ich habe keinen Einfluss darauf, wann ich mich verwandle. Manchmal passiert es tagelang nicht, dann komme ich wieder eine Woche lang kaum zum Schlafen, weil ich mir jede Nacht um die Ohren hauen muss. Es ist wirklich furchtbar. Und Sie können sich nicht vorstellen, was mit einem Paar Schuhen passiert, wenn sich die eigenen Füße plötzlich in Hufe verwandeln. Oder wenn ein Schwanz Ihre Jeans zerreißt. Verdammt, von den ganzen Glühbirnen, die ich mit dem Horn schon zertrümmert habe, will ich gar nicht reden! Ich traue mich gar nicht mehr, irgendwas Schönes anzuziehen!“
„Denken Sie denn nicht, dass ihr Zustand einen Sinn hat? Können Sie dem denn überhaupt nichts Positives abgewinnen?“
„Wollen Sie mich verarschen, Sie blöde Kuh? Wir können gerne tauschen! Nein, mein ‚Zustand‘ hat nichts Positives an sich und sicher auch keinen Sinn! Das ist bestenfalls ein schlechter Witz des Schicksals oder vielleicht bin ich ja auch gestorben und das ist meine ewige Strafe! Oder was sehen Sie denn Positives daran, sich in ein auf zwei Beinen gehendes Pferd zu verwandeln?“
„Nun seien Sie doch nicht so negativ, Frau Neumann!“
„Ich gebe Ihnen gleich negativ! Wenn Sie noch ein bisschen warten, zeige ich Ihnen mal, wie so eine Verwandlung aussieht! Und dann zeige ich Ihnen auch gerne, wie verflucht spitz so ein Horn sein kann!“
„Okay, ich glaube, wir brechen das Interview an dieser Stelle lieber ab…“
Alissa drehte das Wasser aus, griff nach einem Handtuch und drückte es sich ins Gesicht, während sie lauthals in den Stoff hineinseufzte und anschließend tief Luft holte. Sie liebte und hasste dieses Handtuch. Ihre Cousine hatte es ihr geschenkt. Lina. Die rotzfreche Göre war wie eine kleine Schwester für sie. Und sie liebte ‚Einhörner‘. Deswegen war selbstverständlich auch eines auf dem Handtuch abgebildet und grinste sie mit heraushängender Zunge an. Wie passend. Alissa starrte die Stickerei einen Moment lang finster an, dann lachte sie und wickelte sich das Handtuch um die Haare.
Manchmal hätte sie sich ohrfeigen können. So wie jetzt gerade. Sie war wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, der es schaffte, sich selber zu interviewen und sich dabei dermaßen zur Weißglut zu treiben. Ihr Herz raste selbst jetzt noch wegen der Fragen, die sie sich selbst gestellt hatte. Das musste man erst mal schaffen.
Zum Glück musste sie das Haus heute nicht mehr verlassen. Und das bedeutete, sie musste ihre Müdigkeit und Erschöpfung nicht schon wieder den ganzen Tag lang verstecken und sich allerlei hanebüchene Ausreden einfallen lassen, warum sie schon wieder so aussah, als hätte sie drei Tage lang durchgefeiert. Heute konnte sie einfach zum Bäcker gehen, sich etwas zum Frühstücken holen und ihren Frust erst mal mit einem Liter Kaffee runterspülen. Das hörte sich doch nach einem guten Plan an! Und vielleicht hatte ihr Albtraum von Nachbar heute Nacht ja auch endlich den Arbeitsunfall gehabt, den sie sich schon so lange herbeisehnte, und kam nicht nach Hause. Das wäre einfach herrlich. Ein Samstag ohne den ohrenbetäubenden, Fensterscheiben zum Beben bringenden, nervtötenden Bass, mit dem er sie seit ihrem Einzug jeden Tag terrorisierte. Ruhe war in diesem Haus ein Fremdwort.

*****

Sie war gerade dabei, sich in die letzte Jeans zu zwängen, die sie gerne trug und die auch halbwegs nach etwas aussah, da klingelte plötzlich ihr Handy. Vollkommen ungläubig starrte sie auf das Telefon, das auf dem Tisch vibrierte. Das durfte doch nicht wahr sein! Welcher Spinner war denn an einem Samstag um diese Uhrzeit schon wach? Und wer besaß dazu noch die Dreistigkeit, jemand anderen zu dieser unheiligen Zeit anzurufen? Dem würde sie erst mal ein paar Takte erzählen, diesem idiotischen, früh-anrufenden, arroganten… Oh. Es war Sandra. Alissa seufzte, nahm den Anruf entgegen und hielt sich das Telefon ans Ohr, während sie auf einem Bein weiter durch die Wohnung hüpfte und dabei versuchte, auch noch das andere in die Hose zu kriegen.
„Was gibt’s?“
„Es ist wieder passiert, oder? Warum hechelst du so?
„Ziehe mich gerade an. Und woher weißt du das denn jetzt schon wieder?“
„Wenn du aus dem Fenster schaust, siehst du mich mit einem Besen auf dem Gehweg. Ich putze gerade die schlammigen Hufabdrücke weg, die gut fünfzig Meter vor deiner Bude wieder zu menschlichen Fußspuren werden.“
„Das beantwortet nicht meine Frage!“ Alissa seufzte erleichtert, als ihre Hose endlich saß. „Ganz davon abgesehen gibt es in dieser Straße sowieso nur drei Häuser. In einem wohnst du, das andere steht leer und die meisten Typen in meinem Haus sind eh viel zu besoffen, um das zu bemerken!“
„Es ist trotzdem gefährlich, Alissa! Wenn irgendjemand mal…“
Sie trat ans Fenster, schob den Vorhang zur Seite und schaute nach draußen. Da unten stand tatsächlich Sandra im Schein der Straßenlaterne und fegte den Gehweg, während sie das Handy zwischen Kopf und Schulter geklemmt hatte. Diese Wahnsinnige. „Was? Was soll dann passieren? Ich könnte jedem die Wahrheit erzählen und keiner würde mir glauben! Was denkst du denn, was passiert? Dass man mich einschläfert? Wiiieeeheeer! Und jetzt raus mit der Sprache! Wieso bist du um fünf Uhr früh wach und beobachtest mich?“
Sandra seufzte und schaute zu ihr hoch. „Weil ich mir Sorgen um dich mache. Darf ich hochkommen?“
Sie hielt eine Tüte in die Luft. „Habe auch Brötchen gekauft.“
Alissa schnaubte. „Na gut, du Wahnsinnige. Komm hoch. Die Tür ist offen.“
Mit diesen Worten legte sie auf, warf ihr Handy auf die Couch und suchte sich ein Top aus dem Schrank. Dass sie gerade mit nacktem Oberkörper am Fenster gestanden und mit ihrer besten Freundin telefoniert hatte, störte sie nicht im Geringsten. Das konnte es auch gar nicht mehr. Schon viel zu oft hatte Sandra sie splitterfasernackt irgendwo im tiefsten Wald aufgesammelt, nachdem sie eine besonders heftige Verwandlung durchgemacht hatte. Wie sie sie jedes Mal aufs Neue fand, war ihr zwar nach wie vor ein Rätsel, aber darüber würde sie sich nicht beschweren. Jedenfalls hatte sie spätestens nach dem dritten Mal schließlich sämtliche Scham verloren, denn das war etwas, was sie sich mittlerweile sicher nicht mehr leisten konnte.
Als sie sich nun komplett angezogen hatte, ließ sie sich aufs Sofa fallen und tastete routiniert ihren ganzen Körper ab. Das hatte sie zwar in der Dusche schon getan, aber sie war sich nicht sicher, ob sie dabei auch gründlich genug gewesen war. Manchmal kam es nämlich vor, dass die Rückverwandlung nicht ganz so klappte, wie es sollte. Dann konnte es passieren, dass ihr irgendwo noch ein Büschel Fell aus der Haut wuchs oder noch ein Stückchen Horn auf ihrer Stirn prangerte. Und das war echt unangenehm. Einmal, ganz am Anfang, hatte sie nicht mitgekriegt, dass ihre Ohren noch verwandelt gewesen waren und war fast den ganzen Tag so herumgelaufen. Seither dachten die Leute wahrscheinlich, dass sie irgendeinen Petplay-Fetisch hatte. Naja. Das war wohl ihre geringste Sorge.
„Hey.“ Sandra trat durch die Tür, winkte ihr kurz zu und legte die Tüte mit den Brötchen auf den Tisch. „Schlimme Nacht?“
„Das kannst du laut sagen.“ Alissa setzte sich ächzend an den Tisch und vergrub ihren Kopf in den Händen. Sie hatte Kopfschmerzen. Der Schlafmangel setzte ihr langsam wirklich zu. „Würde es dir was ausmachen, Kaffee rauszulassen? Ich habe gerade echt keine Kraft mehr.“
„Klar, kein Problem“, trällerte sie und hüpfte in die Küche.
Alissa schnaubte. „Warum konntest du nicht diesen Fluch kriegen? Schläfst du eigentlich jemals? Wie kannst du um diese verfluchte Uhrzeit nur so gut drauf sein? Es ist doch zum Heulen! Meine Lieblingsbeschäftigung ist es, bis sechzehn Uhr im Bett zu liegen, und ich verwandle mich jede Nacht in den glitzernden Traum kleiner Mädchen, während du nie schläfst. Das ist doch unfair!“
„Vielleicht sollst du ja lernen, nicht immer alles so negativ zu sehen.“ Sandras Stimme übertönte kaum das Geräusch des aufbrühenden Kaffees, das aus der Küche drang. „Einhörner stehen ja für Glück, Freude und Spaß. Also für alles, was ein geistig gesunder Mensch niemals mit dir in Verbindung bringen würde!“
Alissa lachte. „Ach, halt die Schnauze.“
„Nein, ich meine es ernst, Alissa. Du sagst doch, es hat von einem Tag auf den anderen ganz plötzlich und ohne Vorwarnung angefangen. Ich glaube nicht, dass das einfach Zufall war! Da muss mehr dahinterstecken als bloß Pech. Versuch doch mal, irgendeinen Sinn darin zu sehen! Es muss doch irgendetwas geben, was…“
Sie seufzte. „Dazu fehlt mir wirklich die Kraft, wenn ich die ganze Nacht als halbes Pferd durch den Wald gerannt bin.“
„Ich dachte, du behältst mittlerweile die Kontrolle über dich?“
„Meh. Geht so. Meistens schon, aber heute Nacht wieder gar nicht. Ich würde mich am liebsten irgendwo einschließen. Ich muss mir wirklich einen Käfig oder so kaufen… Aber jetzt mal im Ernst. Was, wenn es noch mehr wie mich gibt? Was, wenn ich irgendwo da draußen auf ein… einen… Oh Mann, gibt es dafür überhaupt ein Wort? Ein männliches Wereinhorn? Ein Er-Horn? Keine Ahnung. Was, wenn ich auf so einen treffe und wir plötzlich einen Haufen Freak-Fohlen machen? Kannst du dir vorstellen, was ich für eine Panik habe?“
Sandra lachte.
„Was bitte ist daran so witzig?“
„Da müsstet ihr beide aber schon sehr… ‚horny‘ sein!“
„Raus.“
„Alissa…“
„Raus.“
„Jetzt komm schon, das war witzig!“
„Ich schwöre bei Gott, bei meiner nächsten Verwandlung breche ich in dein Haus ein und beiße dich! Und dann werden wir endlich herausfinden, ob ich wie ein Werwolf ansteckend bin!“
„Ach, Alissa…“
„Nein, Sandra! Das ist kein Witz für mich! Hier, schau!“
Sie drehte ihr den Rücken zu und zog ihr Top hoch. Von ihrem linken Schulterblatt bis knapp über ihre Hüfte zog sich eine lange, dünne Wunde. Nicht tief, aber sie tat echt weh.
„Siehst du das?“
„Großer Gott, Alissa, was ist denn das passiert?“
„Ich weiß es nicht! Das ist es ja! Ich habe keine Ahnung, was passiert ist! Das ist nicht witzig, sondern gefährlich! Ich bin wie ohnmächtig! Eine fremdgesteuerte, gehörnte Puppe, eine Marionette meiner Instinkte! Was, wenn mich irgendwann ein Tier angreift? Wenn ich deswegen Tollwut kriege? Oder wenn mich ein Jäger erschießt? Verdammt, ich könnte sogar von einem blöden Auto angefahren werden! Dann sterbe ich als Wildunfall!“
Sandra seufzte und nahm einen Schluck Kaffee. „Das war mir so gar nicht bewusst. Sorry. Ich wollte dir echt nicht zu nahe treten. Wollen wir vielleicht nochmal drüber reden, wie alles angefangen hat? Vielleicht finden wir doch noch eine Ursache. Und selbst wenn nicht, tut es dir sicher gut, darüber zu sprechen. Du weißt, ich höre dir immer zu.“
„Das haben wir doch schon zig Mal durchgekaut. Ich kann es mittlerweile selbst nicht mehr ertragen.“
„Es muss einen Grund geben“, setzte Sandra energisch nach und nahm ihre Hand. „Im Ernst! Wenn das irgendwas Genetisches wäre, hättest du es schon länger. Also muss es einen unmittelbaren Auslöser geben. Einen Fluch oder so!“
„Boah, Sandra! Ich werde jetzt nicht darüber reden! Verdammt, ich bin schon wieder seit… Keine Ahnung… Fünfzig Stunden wach oder so. Lass mich damit bitte in Ruhe! Ich bin immer noch ein Mensch! Ich bin mehr als ein blödes Einhorn! Ich will auch mal über was Normales reden!“
Sie kicherte. „Na gut! Was Normales wie den süßen Kerl aus dem Café?“
Alissa zuckte zusammen und spürte sofort, wie sie rot anlief. Volltreffer. Augenblicklich wendete sie den Blick ab und schaute zu Boden, versuchte noch, ihr unwillkürliches Grinsen vor ihr zu verbergen. Vergebens. Sandra kannte sie einfach zu gut. Sofort stieß sie ein triumphierendes Lachen aus, was der Typ in der Wohnung nebenan mit einem wütenden Klopfen gegen die Wand beantwortete.
„Stell dich nicht so an!“ Alissa sprang sofort auf, stürmte zur Wand und schlug ebenfalls dagegen. „In zwanzig Minuten nervst du mich sowieso wieder mit deinem blöden Bass, du Affe!“
„Du solltest wirklich einen Gang zurückschalten, Alissa.“ Sandra legte ihr vorsichtig die Hände auf die Schultern und führte sie zurück zum Tisch. „Der Stress tut dir nicht gut. Du brauchst Ruhe und musst dich mal wieder richtig entspannen. Und das kannst du in diesem Haus sicher nicht. Komm. Packen wir deine Sachen. Du ziehst jetzt erst mal zu mir. Das hier hat keinen Sinn mehr.“
„Sandra…“
„Nein. Du kommst mit! Keine Widerrede! Ich sehe nicht dabei zu, wie du zugrunde gehst, weil du nicht mal tagsüber zur Ruhe kommst! Du weißt selber, was für Deppen du als Nachbarn hast. Der eine hat eine riesige Musikanlage, der andere brüllt nur rum und beim nächsten steht alle zwei Tage die Polizei vor der Tür. Das ist nichts für dich!“
Alissa schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch und wollte ihr schon widersprechen, ließ es dann jedoch sein. Sie hatte Recht. Mit jedem Wort. Lange hielt sie es in dieser Wohnung nicht mehr aus, auch wenn ihr Stolz es ihr schwermachte, das zuzugeben. Immerhin hatte sie diese Wohnung erst vor wenigen Monaten bezogen und das gegen den vehementen Widerstand ihrer Eltern. Aber die Nachbarn hier waren allesamt Idioten, es war niemals ruhig im Haus und außerdem schimmelten die Wände. Die gesamte Wohnung war eine einzige, abgewrackte Bruchbude, für die sie außerdem viel zu viel bezahlte. Eine Bruchbude mit Fenstern, durch die es zog, Türen, die nicht ganz schlossen und Nachbarn, die eigentlich ins Gefängnis gehörten. Sie wollte hier nicht mehr bleiben. Naja, wäre alles nach Plan gegangen, hätte sie diese Wohnung auch schon vor Wochen wieder verlassen und niemals wiedersehen müssen. Dann wäre sie jetzt gerade wahrscheinlich in Island angekommen und bei ihrer Rückkehr hätten ihre Eltern ihre Sachen längst ausgeräumt gehabt. Sie seufzte. Schöne Traumwelt. Gerne wäre sie jetzt ganz weit weg gewesen. Aber sie war hier. Und außer Sandra dachte jeder, der sie kannte, dass sie gerade wirklich auf Weltreise war. Doch stattdessen saß sie noch hier und belog alle, verschickte erfundene Mails und Fotos aus dem Internet.
„Jetzt komm endlich.“ Sandra packte sie am Arm und zog sie hoch. „Verschwinden wir von hier.“
„Ich brauche noch mein Zeug.“ Alissa wollte schon in ihr Schlafzimmer gehen, doch Sandra hielt sie zurück.
„Brauchst du nicht. Weißt du nicht mehr, dass du vor Monaten schon einen Koffer voller Notfallkleidung bei mir deponiert hast?“
„Ne.“
„Hm. Dachte ich mir. Du warst auch wirklich betrunken. Das war, als du den Stress mit deinen Eltern hattest wegen Studium und so. Wir waren was trinken und dir ist dann der Kragen geplatzt. Dann hast du mir die Hälfte deiner Sachen mitgegeben. Mann, Alissa, du hast echt ein mieses Gedächtnis.“
Sie lachte. „Ich hab ja dich. Das erklärt allerdings, wo das ganze Zeug hin ist. Dachte schon, mein Nachbar hätte es geklaut, weil er auf mich steht. Ich dachte echt, der sitzt in seiner Bude und schnüffelt an meiner Wäsche… Oh. Das ist jetzt unangenehm.“
Sandra verstärkte den Griff um ihren Arm und schaute sie finster an. „Was hast du getan?“
„Puh. Einiges? Ich habe ihm Kaugummi ins Schlüsselloch gesteckt… Einen ranzigen Fisch zugeschickt… Ein Einmachglas mit Ameisen durch sein Fenster geworfen… Und Hundekacke auf seine Türklinke geschmiert… Hm. Ich glaube, das war alles. Bin mir nicht mehr sicher, ob ich manches nur im Kopf durchgespielt oder wirklich durchgezogen habe.“
„Du bist so kaputt. Komm jetzt.“

*****

Als Alissa wenige Augenblicke später die Haustür hinter sich schloss, ließ der Bass aus der Nachbarwohnung bereits die Fenster vibrieren und machte jeden Schritt im unmittelbaren Umkreis des Hauses zu einem ohrenbetäubenden Albtraum. Im Wald flogen ein paar Vögel aus den Baumkronen und beschwerten sich lautstark. Alissa hatte keine Ahnung, wie der Typ hieß oder auch nur aussah. Er hatte noch nie die Tür aufgemacht, wenn sie davorgestanden und wie verrückt dagegen gehämmert hatte. Dieser Spinner musste immense Stromkosten haben und war sicherlich längst taub. Aber das war ihm wohl genauso egal wie die Ruhe seiner Nachbarn. Naja, wenigstens war er für die nächsten Tage nicht mehr ihr Problem. Zwischen Sandras Haus und dieser abgewrackten Mietskaserne, die sie ihr Zuhause nannte, lag immerhin das leerstehende und einsturzgefährdete Haus, in dem sie mit ihrer Freundin früher gerne Verstecken gespielt hatte. Hoffentlich genügte das, um den Krach zumindest ein wenig zu dämpfen.
„Danke, Sandra“, murmelte sie schließlich, während sie die wenigen Meter mitten auf der Straße ging und mit ausgebreiteten Armen über den Mittelstreifen balancierte. Hier fuhr nie ein Auto. Ein kleines Stück den Hügel runter gab es eine U-Bahn-Haltestelle, über die man in wenigen Minuten in die Innenstadt gelangte. Außerdem konnte sich von den Idioten in Alissas Haus sowieso niemand einen Wagen leisten. Und selbst wenn das doch mal einem gelingen sollte, dann würde es vermutlich nicht mal eine Stunde dauern, bis ihm der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer wieder entzogen werden würde. Diesen Typen war Alkohol viel wichtiger als Mobilität. Und da die Straße ‚Am Waldrand‘ gleichzeitig eine Sackgasse war, die vor vielen Jahren mal ein ambitioniertes Neubaugebiet hatte erschließen sollen, hieß das, dass man hier sehr lange sehr einsam sein konnte. „Das bedeutet mir echt viel.“
„Nichts zu danken. Wir hätten das schon viel früher machen sollen. Dann hätte ich immer mitbekommen, wenn es losgeht, und hätte dir dann entsprechend helfen können. Mal ganz davon abgesehen, dass du dir dann den Stress in deinem Haus nicht mehr hättest antun müssen. Aber ich hatte ehrlich gesagt Angst, dass meine Eltern doch noch spontan zurückkommen. Das wäre so typisch gewesen. Vermutlich mitten in der Nacht, während du gerade über die Schwelle galoppierst.“
„Ist es denn jetzt sicher, dass sie weg bleiben?“
Sie seufzte. „Fürs Erste, ja. Alle Baugenehmigungen sind noch rechtzeitig gekommen. Damit hätte zwar keiner mehr gerechnet, aber was soll’s. Und das heißt jetzt, dass ich die beiden erfahrungsgemäß die nächsten… hm… zwei bis drei Jahre nur noch an Weihnachten sehen werde. Aber ehrlich gesagt ist das total okay für mich. Ich brauche gerade eh ein bisschen Zeit für mich. Und nächstes Jahr geht ja auch mein Studium los. Bin ganz froh, wenn ich bis dahin keinen Stress habe, weil sie meinen, mir permanent in die Parade fahren zu müssen.“
Alissa blieb stehen. „Nächstes Jahr? Sag mir jetzt bitte nicht, dass du…“
Sie lachte. „Doch. Ich fange erst ein Jahr später an. Wir wollten immer zusammen studieren. Eigentlich wäre das meine Überraschung gewesen, wenn du von deiner Weltreise zurückkommst, aber ich glaube, gerade brauchst du ein bisschen Trost.“
Alissa hielt sich eine Hand vor den Mund und kniff die Augen zusammen. Diese idiotische, dumme, dämliche, wundervolle, süße, tolle beste Freundin. Sie fühlte, wie Tränen in ihre Augen stiegen und versuchte noch, sie zurückzuhalten. Vergebens. Mit dem ersten Blinzeln rannen sie schon über ihre Wangen. Das war so… so… absolut unglaublich von ihr, so liebenswert und dumm zugleich! Sie warf ein ganzes Jahr weg! Nur für sie! Noch bevor sie überhaupt wusste, wie sie darauf reagieren sollte, war sie Sandra bereits um den Hals gefallen und drückte sie fest an sich. Diese quiekte bloß und kicherte, erwiderte dann jedoch die Umarmung.
„Danke.“ Sie drückte sie noch enger an sich. „Danke, danke, danke!“
„Nochmal: Nichts zu danken. Also, was ist jetzt mit dem Kerl aus dem Café? Die Antwort darauf habe ich mir jetzt hoffentlich verdient.“
„Noch nichts.“ Alissa schniefte ein paar Mal und ließ sie los. Sandra schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen und ungläubigem Blick an. „Ich meine es ernst! Da ist nichts! Ich weiß ja nicht mal, wie er heißt. Ich traue mich nicht, ihn anzusprechen. Was soll ich denn sagen, falls es wirklich klappt? Dass ich nur zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf ein Date kann? Oder gleich die Wahrheit riskieren? ‚Hey, Süßer, mit mir bekommt das Wort ‚reiten‘ im Bett eine ganz neue Bedeutung!‘“
„Hm.“
„Was?“
Doch Sandra antwortete ihr nicht. Stattdessen zog sie einen gewaltigen, klimpernden Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die Tür zu ihrem Haus. Alissa hatte nie verstanden, warum eine derart wohlhabende Familie in einer so heruntergekommenen Gegend wie dieser lebte. Sandra war schon seit Kindesbeinen an ihre beste Freundin und hatte auch schon hier gelebt, als sie sich kennengelernt hatten. Doch das hatte es immer recht schwer gemacht, sie zu besuchen. Zwar nicht unmöglich, aber deutlich schwerer als nötig. Alissas Eltern hatten sich meistens ziemlich dagegen gesträubt, wenn sie hierher hatte kommen wollen, um mit ihr zu spielen. Ein Stück weit konnte sie das zwar nachvollziehen, aber im Rückblick fand sie es doch übertrieben. Naja. Das war jedenfalls letztendlich der Grund gewesen, warum sie nach ihrem achtzehnten Geburtstag die erstbeste Wohnung in der Nachbarschaft gemietet hatte, die sie hatte kriegen können… Sandras Haus passte jedenfalls absolut nicht in die Gegend. Wo sonst abgeschlagene Fassaden und ungepflegte Gärten das Bild bestimmten, war hier stets alles sehr ordentlich und sauber. Nicht protzig, aber ordentlich. Und damit wohl doch irgendwie protzig in einer Nachbarschaft wie dieser. Sandra blieb nun im Türrahmen stehen, drehte sich zu ihr um und verzog den Mundwinkel.
„Du hast Recht. Da riskierst du vielleicht wirklich ein bisschen viel. Aber das kriegen wir schon hin. Er heißt übrigens Vincent.“
„Und woher weißt du das schon wieder?“
„Hab sein Namensschild gelesen, während du ihn in Gedanken ausgezogen hast.“
„Du bist so klug.“


Na, hat es euch gefallen oder gar neugierig gemacht, wie es weiter geht mit dem Wer-Einhorn?

Wir und vor allem Dominik freuen uns über Rückmeldungen von Euch.
Gerade für Selfpublisher, hinter denen keine Marketingorganisation steht, ein ganz großes Herzensanliegen.

Ab dem 11. Dezember ist “I am Unicorn  (der Link führt zur Verkaufsseite – ist aber kein Affiliatelink) als E-Book erhältlich.

Ihr wollt mehr über Dominik A. Meier und seine Bücher erfahren? Dann geht es hier entlang zu seiner Homepage , auf der er auch weitere Leseproben bereithält.


Grafik © tolino media

Neugierig wer sich alles hinter dem #SPbuch-Kalender verbirgt? Dann *KlickMich* und Ihr gelangt zur vollständigen Übersicht!

AUFGEPASST!

Bei unserem letzten Beitrag am 24.12.2018 rund um den
#SPbuch-Kalender solltet Ihr bei uns (KeJas-BlogBuch) vorbeischauen, denn es warten noch Überraschungen auf Euch!
Kleiner Tipp? Es gibt Geschenke, schließlich ist an dem Tag Heilig Abend.

2
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit den Gedanken! Wir freuen uns auf Eure Kommentare & den Austausch!

avatar
Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo,

ich habe fast meinen Kaffee ausgespuckt, als ich das Foto mit dem Geweih gesehen habe. Der nächste Gedanke: warum habe ich keins?

Dann habe ich über Insta auf den kompletten Beitrag geklickt und mich über die Leseprobe sehr gefreut.
Tumor und Maschinenmensch liegen auf meinem Kindle und wollen dringend gelesen werden…

Ich muss unbedingt Bildungsurlaub beantragen und hoffen, dass ich den bekomme und mein Chef sie Notwendigkeit für Bingelesen auch versteht…

Danke für diesen tollen Beitrag.

LG