„So dunkel der Wald“ | Michaela Kastel [Janna]

Starkes Debüt mit Schwächen

Inhalt laut Verlag:

Ronja und Jannik führen ein Leben ohne Zukunft, seit sie als Kinder von einem gewissenlosen Entführer tief in den Wald verschleppt wurden. Eines Tages gerät die Situation außer Kontrolle, und die langersehnte Freiheit ist zum Greifen nahe. Doch was so lange ein Wunschtraum war, erscheint ihnen plötzlich fremd und beängstigend. Und die Jagd auf sie hat bereits begonnen …

Sprachgewaltig! Ein starkes Debüt! Und doch konnte es mich nicht gänzlich einnehmen, nicht so, wie es diese Geschichte mit vielen anderen Leser*innen schaffte. Hatte ich mir zu viel versprochen? Oder waren es falsche Erwartungen? Eigentlich habe ich nicht viel zu oder über dieses Buch gelesen, nur am Rande mitbekommen, wie begeistert es in der Buchwelt aufgenommen wurde. Und der Klappentext tat sein Übriges!

Triggerwarnung

In diesem Buch werden folgende Themen behandelt, aber nicht detailliert ausgeführt: Entführung, Misshandlung, Missbrauch, *Stockholm-Syndrom

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Ein Mann, der Jäger. Seine Opfer, Kinder. Und viele Jahre im dunklen, dunklen Wald. Dies verändert die (entführten) Kinder, sie arrangieren sich mit ihrer Situation und beginnen es als ein Zuhause anzunehmen, allem Schmerz zum Trotz. Denn was bleibt ihnen übrig … Ihre Kindheit, das Aufwachsen innerhalb einer Hütte, um sie herum nichts als der Wald. Und Paps. Mit immer neuen Gesichtern die kommen und gehen. Mit Lügen. Mit Schmerz. Mit Tod.
Ronja und Jannik. Nika, Theo und Henna. Ihre Vorstellung von Liebe ist Gewalt. Ihr Leben beschränkt, auf die gemeinsame Einsamkeit. Eine Geschichte, die mich in die dunklen Schatten des Waldes zog. Beim Lesen ertönte immer wieder leise das *Stockholm-Syndrom im Hinterkopf. Doch thematisch wird es nicht ausgearbeitet, nur angedeutet.

Ronja will fliehen und diese Flucht verändert das Leben aller in der Hütte. Freiheit ist ein Trugschluss nach all den Jahren. Die Sehnsucht nach einem nie gewollten Leben ist präsent. Wer zu lange in der Dunkelheit lebt, scheut das Licht und verbrüdert sich mit den Schatten. Im Kleinen bei Ronja mitzuerleben, weitaus umfangreicher bei Jannik zu spüren. (Doch) Der Fokus innerhalb der Geschichte lag auf Ronja. Nicht nur weil sie aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, sondern auch den größten Raum innerhalb des Buches erhält. Sie leidet, wie alle Kinder in dieser Hütte, unter dem Einfluss von Paps. Seine Hände, grob und fordernd. Und doch ist er „Paps“. Ein Mann der zur Vaterfigur wird, dem bedingungslos gehorcht wird. Aus Angst. Aber auch aus Zuneigung und eben diese ist nur sehr leise spürbar. Versteckt zwischen den Zeilen. Wenn in dieser Hütte Gewalt Liebe ist, ist Angst Zuneigung. Eine Welt, abgeschottet von der Realität. Oder schlimmer noch, die pure und einzige Realität für die Kinder darin.

In dieser Wirklichkeit bedeuten Berührungen Schmutz und Schande, Zärtlichkeit schürt Angst, und Gefühle sind nur Märchen.
(Seite 166)

Die oben genannte Veränderung durch Ronjas Flucht ist bereits nach 70 Seiten zu erleben und kam für mich definitiv überraschend! Und eben daher ist das Augenmerk auf die Entwicklungen danach gerichtet und die oben genannten (Trigger)-Themen nur angedeutet. Erinnerungsfetzen, nicht mehr als das und doch so intensiv. Die Geschichte hat ihren ganz eigenen Sog und ich konnte das Buch kaum beiseitelegen. Die Beziehung zwischen Ronja und Jannik, Sehnsucht und Angst.

Insgesamt gibt es drei Perspektiven – Ronja, die Ermittlerin Sarah und Tagebucheinträge. Sarahs Sichtweise kann ich noch etwas nachvollziehen, denn sie ist dem Mysterium der verschwundenen Kinder auf der Spur, denn kein einziger Hinweis bleibt zurück. Das Kind für immer verschluckt von der Dunkelheit.
Sarah spricht mit Familie und Freunden, aber der Schmerz der Familie spielt nur eine kleine Rolle, verschwiegene Beobachtungen von Freunden sind nur ein kleiner Blick zurück in die Vergangenheit. Momentaufnahmen der Ermittlung.
Und dann die Tagebucheinträge. Da zunächst nicht deutlich hervorgeht, von wem diese Zeilen stammen, muss ich an dieser Stelle auf einen Spoiler hinweisen!

In weißer Schrift geschrieben, bitte den Abschnitt zum Lesen markieren

Sollen die Tagebucheinträge als Erklärung dienen? Wahrscheinlich. Ich empfand diese Passagen leider als überflüssig! Der Ursprung wird skizziert, aber mir persönlich bringt dies die Geschichte nicht voran, sondern lässt sie stagnieren. Ja, ein paar Seiten lang habe ich überlegt, ob es Janniks Worte sind oder die von Paps. Diese Frage konnte ich mir jedoch relativ schnell beantworten und somit holten mich diese Abschnitte aus der gegenwärtigen Geschichte heraus. Es bedarf für mich keinerlei Erklärungen, warum Paps tut was er tut. Vielmehr hätte sich die Geschichte auf die besondere Beziehung von Ronja und Jannik konzentrieren dürfen. Wie gehen Kinder, junge Erwachsene miteinander um, wenn sie solche Erfahrungen teilen? Wie tief können solche Wunden gehen? Kann sich überhaupt das entwickeln, wonach Ronja sich sehnt? Eine kleine Antwort gibt es am Ende darauf, eben davon hätte ich mehr lesen wollen. 

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Ich hätte mir keine weitere Sichtweise gewünscht, sondern gerne auf eine verzichtet, wenn nicht gar zwei. Bei den Ermittlungen fehlten mir die Emotionen der Betroffenen. Zu schnell werden diese Szenen abgehandelt. Die Tagebucheinträge zogen mich aus der Geschichte heraus.
Es wäre für mich einnehmender gewesen, wenn es nur eine Sichtweise gegeben hätte. Mehr von Ronja und Jannik. Die Auswirkungen jahrelanger Gefangenschaft, die Verbundenheit der Kinder. Während Ronja und Nika wie Katz und Maus miteinander umgehen, so entwickelt sich zwischen Jannik und Theo eine Art Konkurrenz, auf eine ganz eigene Weise. Und mittendrin die kleine Henna die all diese Erlebnisse kaum verarbeiten kann, sich an Ronja schmiegt um nicht vom Wald verschluckt zu werden. Besonders Jannik hätte ich intensiver erleben wollen, ein sehr vielschichtiger Charakter!

Vielerlei Emotionen begegneten mir in diesem Buch! Psychologisch, einnehmend, aber kein Thriller im „klassischen“ Sinne. Hoffnung in karger Dunkelheit. Liebe in all dem Schmerz. Ein anderer Blick auf die Auswirkungen. Und ein Monster welches lange Schatten wirft, denn Freiheit bedeutet noch lange nicht frei zu sein. Auch wenn ich mir mehr Intensität gewünscht hätte und einige Kritikpunkte genannt habe, so hat mich die Autorin Michaela Kastel mit ihrem Stil überzeugt! Die Art wie sie Ronja und Jannik geschrieben hat, hat mich fasziniert und ich bin neugierig auf eine weitere Geschichte aus ihrer Feder!

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆

1 Buch – 2 Meinungen | Kerstins Rezension

*Stockholm-Syndrom
Unter diesem Begriff oder dieser Diagnostik versteht man den Sympathieaufbau zwischen Geisel und Entführer*in. Diese Sympathie kann sich gar zur Kooperation und Liebe entwickeln.


Weitere Eindrücke
Der Blog der Schurken

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Buchdetails
Titel: So dunkel der Wald
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Michaela Kastel
Verlag: emons
Begriffserklärung
Wer sich für eine ausführlichere Erklärung des Stockholm-Syndroms interessiert, hier zwei Artikel:
Wikipedia (Erläuterung)
Spiegel.Online (Fallbeispiel)

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Pink Anemone
Gast

Hallöchen,
diesmal lasse ich mich wieder einmal zu einem Kommentar hinreißen, was ich eindeutig viel zu wenig mache, obwohl ich ständig bei Euch abhänge…oft stundenlang.
Dieses Buch ist auch auf meiner WL und ich schätze es wird auch darauf bleiben. Du hast mich in gewisser Weise mit Deiner Rezi noch neugieriger auf dieses Buch gemacht. Nicht nur weil es ein Debüt ist, sondern auch von der Psychologie her, die dem Buch inne zu wohnen scheint.
Also vielen Dank für diese Rezension.
So, und ich stöbere noch bissl rum hier.

Liebe Grüße
Conny

Heike
Gast

Hallo Janna,
das klingt fesselnd, aber irgendwie etwas unausgegoren. Weiß nicht, ob ich es unbedingt lesen müsste…
Danke für die Vorstellung!
Viele Grüße, Heike