„So dunkel der Wald“ | Michaela Kastel [Kerstin]

 

Aufgabe Nummer 5 der Challenge #WirLesenFrauen
Eva-Maria Obermann sagt:
„Lest das Buch einer deutschsprachigen Autorin“


Inhalt laut Verlag

Ronja und Jannik führen ein Leben ohne Zukunft, seit sie als Kinder von einem gewissenlosen Entführer tief in den Wald verschleppt wurden. Eines Tages gerät die Situation außer Kontrolle, und die langersehnte Freiheit ist zum Greifen nahe. Doch was so lange ein Wunschtraum war, erscheint ihnen plötzlich fremd und beängstigend. Und die Jagd auf sie hat bereits begonnen …

REIZBAR

Es gibt Bücher, in die liest man sich Seiten über Seiten hinein und ahnt im besten Falle, wohin der Weg führt und auf was alles darinnen hinausläuft.
Und dann gibt es diese Bücher, in denen schon nach den ersten Seiten klar ist, dass da etwas kommt, auf das einen nichts und niemand vorbereiten kann. Dieses Debüt von Michaela Kastel gehört zu dieser Sorte Bücher und die Autorin hat mich mit in diesen dunklen Wald genommen. Tief hinein, zu den Kindern und zu diesem Individuum, das alle Paps nannten.

Direkt hier möchte ich für das Buch eine TRIGGERWARNUNG aussprechen. Wer sich rein auf das Genre Thriller verlässt und nur den Klappentext liest, könnte eine negative Leseerfahrung machen.
Es geht um Missbrauch an Kindern, physisch wie psychisch. Es geht um Kindstötungen, Hörigkeit und um eine Traumabewältigung, die in einem Stockholm-Syndrom endet.

Da lernte ich, dass ein Leben unter der Glaskuppel nicht existiert. Und dass man fliehen muss, wenn man merkt, dass die Finsternis heraufzieht.
(S. 49)

Es gibt auch Bücher in denen die Thematik oft bis zum letzten Detail ausgereizt wird und ohne Rücksicht auf Verluste eine grauenvolle Beschreibung nach der nächsten folgt. Klar, Thriller können das, müssen aber nicht. Denn es gibt auch Bücher wie dieses hier, die alles sagen ohne es in Worten auszusprechen. Dennoch erliest man sich alles was sich da abspielt, in dem kleinen Haus, inmitten des Waldes, fern ab von jeder Zivilisation. Kinder im Hause Paps, unfreiwillig und hilflos ausgeliefert. Konditioniert auf Gehorsam, denn wer nicht gehorcht wird hart bestraft. All dies beschreibt Ronja, mittlerweile schon 20 Jahre alt und seit 10 Jahren in den Fängen von Paps. Die Ich-Perspektive zeigt schonungslos auf, was sich in dem Haus abspielt, wer dort noch lebt und wie das tägliche Alltagsgrauen ausschaut.

Neben Ronja ist da noch Jannik, mittlerweile schon ein junger Mann und doch nicht fähig die Fesseln, die ihn mit Paps verbinden, zu trennen. Vielleicht war er zu lange dort, vielleicht hat er zu gut gelernt was blinder Gehorsam ist und vielleicht ist dieser Paps die einzige Bezugsperson, von der er überhaupt irgendetwas lernen konnte, auch wenn es schlechte Dinge sind.

Solange er da war, hat er geschmerzt, doch jetzt gibt es nichts mehr, das die Bruchstücke zusammenhält.
(S. 145)

Neben dem Leben im Wald, erscheinen im Buch auch Kapitel über eine Ermittlerin, deren Gespür für die verschwundenen Kinder sehr deutlich ausgeprägt ist und die nicht locker lässt. Kurze Episoden nur, die mich aber in ihrer Intensität schon mächtig berührten. Die rote Mütze, der Weg in den Wald, ausgelöschte Spuren und ausgelöschte Kinder. Viele an der Zahl, viel zu viele. Vermisstenfälle, die in die Jahre gekommen sind, obwohl die Kinder eben nicht so alt werden durften. Paps ist da sehr konsequent!

Das dieses Buch eher für diese Kinder ist, war mir irgendwann klar. Es geht um sie und nicht um die zurückgelassenen Eltern, Freunde oder Verwandte. Es geht auch nicht um die Ermittlerin, sie ist nur ein Beiwerk, das ein bisschen Moral in alles bringt, denn im Wald bei Paps gibt es genau das nicht.

Auch gibt es Kapitel die ein Tagebuch darstellen. Dort gibt es Einblicke und Übersichten, aber sie haben bei mir ganz viele Fragen aufgeworfen. Von wem dieses geschrieben war, habe ich recht spät erst herausgefunden.

Das Buch ist trotz der Schwere sehr lesenswert. Die psychologischen Komponenten hat die Autorin irre gut herübergebracht. Die Auswirkungen des Ausgeliefertsein, die Hilflosigkeit derer, die dort gar nicht sein wollen und doch nicht den Absprung schaffen.

Ihre Sprache ist zwar schonungslos, aber eben nur zwischen den Zeilen. Sie hat Ronja sehr behutsam erzählen lassen und mit der Stimme dieser jungen Frau, das Unbeschreibbare beschrieben.

Die Dramaturgie beginnt ebenfalls auf den ersten Seiten und sorgte bei mir schon für Gänsehaut ob der Dinge die da wohl kommen werden und derer, die sich langsam mit jedem weiteren Satz einschleichen. Vieles hört sich zu schön an, das Sonnentor zum Beispiel, aber was für ein Grauen sich dahinter verbirgt, wird genauso schnell offenbart, wie die Ängste von Ronja. Weniger um sich selbst, was es für sie noch schlimmer macht. Ihre innere Zerrissenheit, der Wunsch des Aufbegehrens und der Sehnsucht nach Normalität spiegeln sich in ihren Handlungen. Zeit, abseits dessen was ein Kind wirklich erleben sollte und in der nichts hinzugewonnen wurde, außer die Gewissheit, das vergessen können und vergessen wollen so grundverschieden sind und kaum eines davon in irgendeiner Form Frieden bringt.

Doch wir wissen beide wissen, dass etwas wie Glück nicht existiert. Nicht hier.
(S. 272)

Für mich eher Psychodrama als Thriller, aber daran mache ich meine Bewertung nicht fest, dafür hat es mich viel zu sehr hineingezogen und lange nicht mehr herausgelassen.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

1 Buch – 2 Meinungen | Jannas Rezension

– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails 
Titel: So dunkel der Wald 
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Michaela Kastel
Verlag: Emons


Wer mehr von und über unsere, für diese Challenge gelesenen oder geplanten Bücher wissen möchte – hier geht es zum Beitrag:

#WirLesenFrauen

Dort gibt es alle 12 Aufgaben zu sichten und ob wir schon die ein oder andere erfüllt haben.

Zur Autorin:
(Quelle: Emons Verlag)

© Marie Bleyer Fotografie

Michaela Kastel, geboren 1987, studierte sich nach ihrem Schulabschluss an einer katholischen Privatschule quer durch das Angebot der Universität Wien, ehe sie beschloss, Traum in Wirklichkeit zu verwandeln und Schriftstellerin zu werden.
Da sie auch abseits des Schreibens von Literatur umgeben sein möchte, arbeitet sie in einer Buchhandlung. Die Filmrechte zu »So dunkel der Wald« wurden vor Erscheinen optioniert.


Im Oktober dieses Jahres erscheint Michaela Kastels zweites Buch.

Worüber wir schweigen“ steht auf meiner Leseliste der kommenden Neuerscheinungen ganz weit oben.

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Nicole
Gast

Eine klasse geschriebene Rezension, die das Buch wirklich toll rüberbringt ,aber für mich auch deutlich macht, dass das nicht meine Art thriller ist. Deshalb danke an dieser Stelle für die Triggerwarnung, denn das wäre ein thema, über das ich ungern lesen wollen würde und das mich wsl zu sehr mitnehmen würde. Ich bin zwar vieles gewöhnt was Thriller anbelangt, aber hatte es jetzt schon mehr als einmal, das ich ein Buch gelesen habe und es dann um heftige Themen ging, die ich in Buchform nicht lesen wollte. Einen Hinweis darauf hatte ich dann im Klappentext vergeblich gesucht.

Gabi
Gast

Wow … das Buch scheint auf subtile Art sehr intensiv zu sein. Beim Lesen Deiner tollen und super aussagekräftigen Rezension bekam ich das Gefühl, dass das Buch im Augenblick nichts für mich ist, aber wenn ich selbst psychisch wieder stabiler bin (hier verdrehe ich mal von mir genervt die Augen), will ich das definitiv lesen!
Hab einen schönen Sonntag!
LG Gabi

Christin
Gast

Ok, ich hab das Buch eh auf dem Kicker, lese aber gerne neue Meinungen dazu. Bei dir hab ich zum erstem Mal „Trigger“ gelesen und ich bin jetzt ganz ehrlich: Ich wollte diese Info nicht haben. Da sie direkt am Anfang deiner Kritik steht, konnte man sie nicht überlesen :(
Vielleicht ans Ende packen? Nur ein Vorschag.

Ansonsten, danke für die Kritik. So langsam muss es jetzt dochmal zu mehr kommen ;)