„Roman eines Schicksallosen“ | Imre Kertész

Unbeschreiblich

denn wenn diese (…) Zeit auf einmal, auf einen Schlag über sie hereingebrochen wäre, dann hätten sie es nicht ausgehalten – so wie sie es auf die Art eben doch ausgehalten haben.
(S. 273)

Dieses Buch zu rezensieren ist eine Herausforderung.
Nicht weil es unbeschreibliche Dinge enthält, sondern es auf solch eine einmalige und unbeschreibliche Art geschrieben ist.
Eine Lebens- und Überlebensgeschichte des Autoren selbst, der als junger Mensch, mit 14 Jahren, nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt wurde. Er schildert alles aus Sicht des jüdischen Jungen György Köves und alles beginnt an einem Donnerstag.

Es gibt so viele Bücher, die die Thematik des Holocaust beinhalten. Schicksalsberichte in allen Formen. Persönliche Schilderungen, Zeitzeugenberichte, biografische Nacherzählungen, Romane mit realem Hintergrund, fiktive Krimis und vieles mehr.
Gelesen habe ich bereits sehr viele und das aus all diesen verschiedenen Genre, aber „Roman eines Schicksallosen“ sticht heraus. Es ist ein besonderes Buch, geschrieben auf solch eine scheinbare naive Sicht des Jungen und genau dies macht alles aus.

Wo einem alles erst langsam, in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird.
(S. 272)

Der Autor nimmt einen mit diesem Jungen mit, auf eine unvorstellbare Reise. Unvorstellbar, da eben dieser junge Mensch nicht weiß was ihn erwartet. Ein vollkommen unbedarftes Erleben und kommen lassen der Dinge, die da eben kommen. Eigentlich müsste man alles Wissen über die Lager Auschwitz, Buchenwald und alle anderen komplett ausblenden, um zu begreifen was da in diesem einen Kopf vorgeht. Was er sieht, hört, erlebt und wie sich all die Dinge um ihn herum zusammen setzen. Wie sollte ein Mensch all das verstehen? Was erwartet mich? Was muss ich tun und wie verhalte ich mich?
Unbeschreiblich eben, weil es ihm noch keiner beschrieben hat. Situationen, die so neu und so anders sind, als das Leben noch einen Moment zuvor war.

Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, sie hinter sich weiß, kommt bereits die nächste.
(S.272)

Die Ich-Perspektive gibt diesem Buch eine unwahrscheinlich authentische Erzählweise und zieht einen unweigerlich in seinen Bann. Die Leserschaft weiß um was es geht, weiß was da geschieht, kennt nahezu alle Einzelheiten.

Woher sollte er auch wissen, warum er und die anderen jüdischen Jungen und Männern aus den Bussen geholt werden?
Wie sollte er ahnen, dass all dieses noch freundliche Getue eine unvorstellbare Absicht mit sich trägt?
Wer könnte ihm erklären, warum der Zugwaggon so voll ist und warum die Menschenschlangen an dem Bahnhof voneinander getrennt werden?
Woher hätte er auch nur ansatzweise etwas mit den Schornsteinen in der Ferne, dem seltsamen Geruch, der unförmigen gestreiften Kleidung, den Ritualen beim Apell und den Sitten bei der Essensausgabe anfangen können?
Wodurch wären die Arbeitseinsätze, die wenigen Stunden Schlaf, die Enge in den Baracken, der Hunger und Durst, Schmerzen, Krankheiten und der tägliche Tod erklärbar geworden?
Dieses und vieles anderes musste er selbst erkennen, erfahren und erleben.

Gäbe es jedoch die Abfolge in der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen gleich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus…
(S. 272/273)

Mich hatte diese nüchterne Erzählweise fast noch mehr schockiert, als all die vorhergehend gelesenen Details zu Gräuel und Grausamkeiten in anderen Büchern. Dieses hier schildert auch alles, aber eben anders. Behutsamer würde ich sagen, naiver, unwissender und dabei sticht und schlägt es einen doch mit jeder weiteren Seite. Ein Buch das ungemein schmerzt angesichts dieser kindlichen Beschreibungen und Erlebnisse.
Literarisch auf ganz hohem Niveau, bestechend in der Ehrlichkeit und der Kunst etwas zwischen die Zeilen zu packen, so das dieses Unbeschreibliche doch beschrieben wird.

Der Erzähler wirkt so vollkommen unbedarft. Er läuft in diesem Buch herum, nimmt einen fast schon an die Hand. Erzählt über das Kennenlernen anderer Menschen, erzählt über sie und ihre Macken, Eigenheiten und Marotten und so ganz nebenbei, fast schon liebevoll geschildert, sieht er sie im nächsten Moment in Richtung der Duschen gehen, auf einem Karren voller Toter liegend oder als lebender Toter umherwandeln.

„Roman eines Schicksallosen“ zwingt sich einem regelrecht auf. Hat man einmal damit begonnen, gibt es keine Chance darauf aufzuhören, bevor nicht auch die letzte Seite gelesen wurde.
Der Inhalt scheint eine Art Augenverschließen vor der Wahrheit zu sein, der Versuch etwas Geschehenes nicht zu akzeptieren und den Stellenwert der Opfer ganz weit von sich wegzuschieben.
Dabei bewirkt es genau das Gegenteil. Man weiß es und auch wenn die Erinnerungen verblassen, vergisst man es nie! Vielleicht auch, weil es eben nicht vergessen werden darf.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
aus.gelesen  [Radiergummi]•
Wissenstagebuch •
Lesekost •


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Buchdetails 
Titel: Roman eines Schicksallosen
Buchreihe: Einzelband
Autor: Imre Kertész
Verlag: Rowohlt

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Sarah | Pergamentfalter
Gast

Hallo Kerstin,

erst einmal meinen Respekt, dass du Worte für dieses Buch gefunden hast! Und dann auch noch so Treffende.
„Roman eines Schicksallosen“ habe ich 2016 in einem Seminar gelesen und war tief beeindruckt von dem Buch. Ganz wie du schreibst: einerseits ist es erschreckend, andererseits aus einer so kindlich-naiven, neugierigen Perspektive heraus geschrieben, dass man den Horror manches Mal beinahe vergessen könnte. Aber gerade durch dieses „beinahe“ ist er mir noch einmal viel nachdrücklicher bewusst geworden, als es viele andere Bücher, Bilder und Vorträge zuvor geschafft haben.

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
Sarah