„OTTO“ | Dana von Suffrin

Das Buch wurde mir vom Kiepenheuer & Witsch Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt.
Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Familie

Zwei Schwestern – und ein Vater, der mehr als genug ist für eine Familie.
In ihrem Romandebüt erzählt Dana von Suffrin, was es heißt, wenn ein starrköpfiger jüdischer Familienpatriarch zum Pflegefall wird. Und wie schwer es fällt, von einem Menschen Abschied zu nehmen, den man sein ganzes Leben eigentlich loswerden wollte.
Für sein Umfeld war Otto, der pensionierte Ingenieur, schon immer eine Heimsuchung. Aber als er aus dem Krankenhaus zurückkehrt, ist alles noch viel schlimmer. Nach wie vor ist er aufbrausend, manipulativ, distanzlos und von wahnwitzigen Einfällen beseelt – aber jetzt ist er auch noch pflegebedürftig. Seinen erwachsenen Töchtern macht er unmissverständlich klar: Ich verlange, dass ihr für mich da seid. Und zwar immer! Für Timna und Babi beginnt ein Jahr voller unerwarteter Herausforderungen, aber auch der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte, die so schräg ist, dass Außenstehende nur den Kopf schütteln können.

Inhalt laut Verlag

Meine Gedanken waren nur so lange da wie ich, und sie waren Gedanken des Hasses und der Liebe.

Seite 227

Alles beginnt in dieser Geschichte in einem Krankenhaus und genau dort wird auch alles enden. Timna, die Tochter Ottos, nimmt einen an der Hand und führt durch ihr Leben und Gedanken.
Erinnerungen an ihre Kindheit, Jugend und dem Erwachsensein. Wenn man sie denn erwachsen nennen kann, denn eigentlich ist sie immer noch ein Kind, das Kind Ottos. Ein Bürde ungeahnten Ausmaßes und ganz ehrlich, mit ihr würde ich nicht teilen wollen. Auch nicht mit Timnas Schwester Babi oder der Mutter Eva, die schon vor langer Zeit das Weite gesucht hat.
Der im Buch genannte Scheidungsgrund gehörte ebenso zu diesem schwarzen Humor, wie die neue Pflegekraft, deren Einzug in des Haus des alten knorzigen Mannes etwas frisches mit sich brachte.

Otto, der Patriarch der Familie, das Oberhaupt, der alte verschrobene Mann, dessen Sprache und Verhalten seinesgleichen sucht, aber nicht wirklich jemanden finden wird.
Otto ist ein Typ Mensch, den zu lieben alles andere als leicht fällt, aber ich denke dass es ihm zu ziemlich egal ist.

Durch die Ich-Form der Timna bekommt das Buch einen sehr persönlichen Touch und ganz, ganz oft habe ich mich gefragt, wie kannst du diesen Menschen nur ertragen? Wie manipulativ kann eine Person eine ganze Familie und sein gesamtes Umfeld terrorisieren?
Gewiss spielt Ottos Geschichte und seine Lebenserfahrungen eine immens große Rolle, keiner macht sich schließlich selbst.

Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichte.

Seite 89

Vieles was Timna zu erzählen hat, geht in ihre Vergangenheit und die der Familie.
Dabei driftet sie gerne mal ab und unternimmt riesige Zeitsprünge, so dass man schon höllisch aufpassen muss. Aber die Art wie sie durch die Autorin zu Wort kommt, hat doch etwas faszinierendes. Fast schon eine voyeuristische Schilderung von Begebenheiten und Situationen, deren Faszination ich mich nicht entziehen konnte. Mehr als einmal musste ich den Kopf schütteln, auch da mir diese zwei Schwestern so bewusst hilflos vorkamen. Sie sträuben sich gegen Ottos Tiraden und besonders seine „Gabe“ Bitten zu stellen, zeigt auf wie stark die Bindungen zwischen Vater und Töchter sind.

Alles in der Geschichte dreht sich um Otto.
Was für eine Nervensäge!

Ein Mann, der selbst schwer krank, nicht aufhört zu stänkern und abstruse Forderungen zu stellen. Ein perfekt inszenierter Antagonist, der allerdings nicht böse im Sinne von grausam ist, aber eben doch einen Touch von Boshaftigkeit mit sich trägt. Er hat mich kirre gemacht und doch musste ich immer wieder schmunzeln. Otto nimmt kein Blatt vor den Mund, schützt nichts und niemanden und spiegelt einen zutiefst unzufriedenen Menschen wider.

Hört auf, riefen wir, hört auf zu streiten!

Seite 159

Man könnte das Buch für traurig halten und öfters bin ich über Situationen gestolpert, bei denen ich dachte, holla, diese Aussprache ist wirklich derb. Und doch war da immer eine Form von Liebe zu spüren. Ganz verhalten in kleinen Gesten oder Gedanken, die sich in und mit Timna ausbreiteten.

Das Cover ist absolut gelungen, schlicht und doch besonders. Nach Entfernen des Schutzumschlages kam dieser bronzefarbenen Ton zum Vorschein, was dem Buch nochmals mehr etwas erhabenes gab.

Otto muss man nicht mögen! Aber er bleibt in Erinnerung, was nur denen gelingt, die besonders sind. Er ist nicht einfach nur der rote Faden, sondern eine hochexplosive Zündschnur.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆


– Weitere Eindrücke –
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Dieses Buch ist ebenfalls Teil der #WirLesenFrauen Challenge von Eva-Maria Obermann.


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Buchdetails
Titel: OTTO
Buchreihe: Einzelband, 240 Seiten
Autorin: Dana von Suffrin
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
— Rezensionsexemplar —

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Mal wieder eine schöne Rezension von dir. Das Buch stand schon auf meiner Wunschliste, habe dann aber doch hin und her überlegt, ob es wirklich was für mich wäre. Der Charakter des Otto klingt ja wirklich furchtbar! Du hast mich jetzt aber doch wieder neugierig auf die Geschichte gemacht.
Liebste Grüße und einen guten Start in die neue Woche.
Julia