„Nussschale“ | Ian McEwan

Babys Sicht der Dinge

Inhalt laut Verlag

Eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und das Kind, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. Aber so, wie Ian McEwan sie erzählt, hat man diese elementare Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend, fesselnd, philosophisch – eine literarische Tour de Force von einem der größten Erzähler englischer Sprache.

„Babys Sicht der Dinge“ – komische Überschrift? Das mag wohl sein, zu mindestens auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick jedoch, fasst dieser Titel das Buch ganz gut im groben(!) zusammen.

Der Beginn des bewussten Lebens war das Ende der Illusion.
(Seite 11)

Beginnt diese Illusion bereits im Mutterleib? So zu mindestens lässt es der Autor Ian McEwan erscheinen, denn diese sehr ungewöhnliche Perspektive ist fernab einer lächerlichen oder humorvollen Darstellung! Ein ungeborenes Baby sinniert über die Welt, das Leben, das Sein. Manchmal etwas ausholend, aber so oft ein Anstoß der eigenen Gedanken! Wir Menschen sind so komplex und doch werden wir, auch heute noch – im 21. Jahrhundert – in nur zwei Geschlechter aufgeteilt. Ein rosa-blau Denkmechanismus, welches auch das Baby bereits wahrnimmt. Die Farbe Blau, ohne Bezug und Vorstellung dessen ist es seine Farbe, will sie verinnerlichen.

Doch diese gedanklichen Ausflüge sind nur ein Teil der gesamten Geschichte. Diese handelt ebenso von den Erwachsenen. Der Mutter, dem Vater und Claude – der Mann zwischen den Eltern. Szenen die mich zum schmunzeln brachten. Claude, der doofe Claude, dessen Penis das Baby immer wieder direkt vor der Nase hat. Doch ist es keine Komödie. Es ist die Skizzierung von Betrug, Hass und Einsamkeit.

Gott sagte: es werde Schmerz. Und es ward Lyrik. Irgendwann.
(Seite 71)

Und eine Geschichte von Schmerz! Der Schmerz des Vaters, welcher seine Gefühle in Gedichte festhält. Der Schmerz der Mutter, die sich in Wein flüchtet. Und allen voran der Schmerz des Babys! Aus der Ich-Perspektive heraus wissen wir Leser*innen das was das Baby bruchstückhaft hört und sich vorstellt, fühlt und denkt. Nicht mehr und nicht weniger. Doch das reicht aus, um die Sehnsucht herauszulesen. Liebt man bedingungslos? Und wie stark ist das Bedürfnis geliebt zu werden? Wie schmerzvoll die Erkenntnis nicht gewollt zu sein?

Bereits zu Beginn wird deutlich, das Trudy – die Mutter – die Rolle der werdenden Mutter beiseite schiebt. Der Verdacht, sie würde das Baby nicht wirklich wollen, drängt sich direkt auf. Doch je weiter ich las, desto deutlicher wurde, das diese ganze Situation nicht gewollt war. Lösungen müssen her und die gefallen dem Baby absolut nicht. Er versucht Trudy zu leiten, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Doch zu sehr ist sie von John, dem Vater, und Claude abgelenkt.

Smalltalk ist was für Erwachsene, ein Pakt mit Falschheit und Langeweile.
(Seite 94)

Während die Erwachsenen sich ihrem Verderben nähern, begreift das Baby das Konstrukt ‚Leben‘. Gewisse Szenen hätten kürzer gehalten werden können, aber die Reflexion des Seins, der Verhaltensweisen und des Lebens im Allgemeinen gefielen mir sehr gut. Davon, in Kombination mit der Familientragödie, hätte es mehr sein dürfen! Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt, denn das Baby ist philosophisch, tragisch und ernst. Hier und da werden unterhaltende Gedanken eingebaut, aber an keiner Stelle ist die Geschichte überzogen oder albern!

Während des Lesens wurde ich darauf hingewiesen, das es sich bei diesem Buch um eine Shakespeare Adaption handelt. Ich wüsste nicht, ob mir dies von alleine beim Lesen aufgefallen wäre, was aber auch nicht wichtig ist. Schon die Perspektive lohnt sich zu lesen – gewagt, aber sehr gut umgesetzt.
Für mich war „Nussschale“ das erste Buch des Autors und ich bin froh, bereits ein weiteres von ihm auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher liegen zu haben, ich könnte mir vorstellen das noch weitere von ihm einziehen werden.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


– Weitere Eindrücke –
MonerlS bunte Welt °

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   Buchdetails
Titel: Nussschale
Buchreihe: Einzelband
Autor: Ian McEwan
Verlag: Diogenes

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Chrissi
Gast

Guten Abend,

ich habe vor einiger Zeit „Kindeswohl“ von Ian McEwan gelesen und das Buch hat mir unheimlich gut gefallen, seitdem möchte ich unbedingt ein weiteres von lesen. „Die Nussschale“ hab ich schn seit längerem auch der Wunschliste und bisher immer nur gutes gehört, ich bin super gespannt. Die Idee finde ich super interessant.

Viele, viele Grüße
Chrissi

monerl
Gast

So, jetzt ist endlich später! hihi Hab´s leider nicht früher geschafft… Ich wünschte, ich hätte das Buch so wahrnehmen können, wie du oben beschreibst. Die Perspektive fand ich super interessant! Doch die Umsetzung gefiel mir nicht. Ich konnte mich das ganze Buch über nicht an diesen superintelligenten Bauchling gewöhnen. Soll nicht heißen, dass ich ihn mir weniger intelligent gewünscht hätte. Wäre er nicht der, der er ist, könnte die Geschichte so gar nicht funktionieren. Doch insgesamt machte es das ganze Buch über kein Klick. Ich fand es langweilig, wenn der Kleine so ausufernd philosophierte. Es passte für mich nicht in… Read more »

-Leselust Bücherblog-
Gast

Ich habe ja vorletzten Monats „Kindeswohl“ gelesen und das hat mir ganz gut gefallen. Deswegen wollte ich gern noch was von dem Autor lesen. Ich fand diese besondere Perspektive von „Nussschale“ sehr interessant und was du über das Buch schreibst, klingt ja auch gut. Da bin ich doch sehr froh, dass ich das Buch gerade schon aus der Stadtbibliothek ausgeliehen habe. :)
Hab ein schönes Wochenende.