„Nichts was uns passiert“ | Bettina Wilpert

Das Buch wurde mir vom Verbrecher Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


(TW) Sexueller Missbrauch und die Folgen

Inhalt laut Verlag:

Leipzig. Sommer. Universität, Fußball-WM und Volksküche. Gute Freunde. Eine Geburtstagsfeier. Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage. Nach zwei Monaten nah an der Verzweiflung zeigt Anna Jonas schließlich an, doch im Freundeskreis hängt bald das Wort „Falschbeschuldigung“ in der Luft. Jonas’ und Annas Glaubwürdigkeit und ihre Freundschaften werden aufs Spiel gesetzt.

Ein starkes Debüt! Ein einnehmender Erzählstil! Ein Tabuthema im Mittelpunkt! Und doch schwankte ich in meiner endgültigen Wertung. Eine Geschichte die es Leser*innen nicht leicht macht, weh tut, nicht zu hören wollende Wahrheiten skizziert. Mich ließ es kurz anecken, die Charakterisierung von Anna. Nicht weil ich mit ihr aneckte, sondern weil ich fürchte das hier und dort Leser*innen ihr Verhalten nicht nachvollziehen können, kritisieren. Doch ist es eben das, was die Geschichte ebenfalls aufgreift. Es gibt keinen Verhaltenskatalog nach einem sexuellen Missbrauch. Jeder Mensch geht damit anders um und doch erwartet unsere Gesellschaft ein bestimmtes Verhalten und ist empört, wenn man sich entgegen dieser Erwartung verhält.

Eine intensive Geschichte mit leisen Tönen. Sie zeigt auf wie es sich bis zu diesem Abend entwickelte und was danach geschieht. Wie Freunde sich abwenden. Wie das Rechtssystem agiert. Wie es nicht darum geht was wirklich geschah, sondern mit welcher Person man wie viel Sympathie teilt. Wie niemand etwas gesehen haben will. Wie alle etwas gesehen haben. Es wird mit Klischees gebrochen. Ein Täter der sympathisch wirkt. Eine Überlebende die sich nicht der Norm nach verhält. Denn es gibt keine Norm! Nirgend steht geschrieben, wie die Psyche immer gleichwertig auf solch ein traumatisches Erlebnis, wie ein Mensch danach versucht das eigene Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Und wie sie die Schuld bei sich sucht, immer und immer wieder. Langsam daran zerbricht und ausbrechen muss, um die Kontrolle zurück zu erlangen.

Es wird aus der Ich-Perspektive heraus erzählt. Nacherzählt. Eine unbekannte Person die alle Aussagen von Anna, Jonas und deren Umfeld zusammenträgt. Wie sie sich kennen lernten, sich sympathisch waren, tiefsinnige Gespräche führen konnten und sich annäherten. Es ist keine Geschichten von einem Mann der aus dem Nichts heraus eine Frau überfällt. Es ist die Geschichte von Anna und Jonas. Und dem Abend der beider Leben grundlegend und nachhaltig verändert.

Und es ist die Skizzierung unserer Gesellschaft, wie damit umgegangen wird. Es wird zugehört, weitererzählt, hinzugedichtet, sich auf eine Seite gestellt. Es wird nicht gefragt ob er so etwas tun könnte, sondern ob sie vielleicht lügt. Nicht nur in diesem Buch, sondern in der Realität. Alle haben eine Meinung. Und die Frau ist schuld. Zu viel Alkohol, Fehlinterpretation des Abends, zu anzüglich gekleidet. Dies ist auch etwas, dem Anna sich stellen muss. Nicht nur in Bezug auf ihr Umfeld.

Die Autorin hat hervorragend recherchiert, sich mit dem auseinandergesetzt, was geschieht, wenn es zur Anzeige kommt. Sexualstrafrechtparagraphen. Polizeilicher Fragenkatalog. Die Dauer bis es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, wenn eine folgt. In dieser Geschichte ist es ein Mann der eine Frau missbraucht (haben soll). Und doch muss man sich trotz der geringen Prozentzahl immer vor Augenhalten, das es eine Dunkelziffer bezüglich männlicher Opfer oder Überlebender gibt, ebenso in Bezug auf Täterinnen (weiblich). Auch dies wird im Buch aufgegriffen All das auf nicht mal 170 Seiten.

Ich hätte nicht gedacht das auf so wenigen Seiten so viel erzählt wird, nicht bei sexuellem Missbrauch. Die Autorin Bettina Wilpert schafft dies und ist mehr als zurecht für ihr Debüt ausgezeichnet worden! Der Schreibstil mag nicht allen zusagen, dennoch spreche ich ganz klar eine Leseempfehlung aus. Ich war gefangen von dieser Geschichte. Was geschieht mit Anna, was mit Jonas, was in ihrem Umfeld. Und was macht es mit den Leser*innen, nachdem das Buch zugeklappt wird.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★


Weitere Eindrücke
Crow and Kraken
Lesen in Leipzig •
Poesierausch •

Buchdetails | Anzeige |
Titel: Nichts was uns passiert
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Bettina Wilpert
Verlag: Verbrecher(ei)
— Rezensionsexemplar —

Beitrag teilen mit:

Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit den Gedanken! Wir freuen uns auf Eure Kommentare & den Austausch!

avatar