„Nebel im August“ | Robert Domes

Inhalt laut Verlag

Deutschland, 1933: Ernst Lossa stammt aus einer Familie von „Jenischen“, Zigeuner, wie man damals sagte. Er gilt als schwieriges Kind, wird von Heim zu Heim geschoben, bis er schließlich in die psychiatrische Anstalt in Kaufbeuren eingewiesen wird. Hier nimmt sein Leben die letzte, schreckliche Wendung: Obgleich geistig völlig gesund, wird Ernst Lossa 1944 die Todespritze verabreicht. Der Autor berichtet aus der Perspektive des Jungen. Er macht die Denkstrukturen des NS-Regimes sichtbar und berichtet von der damit einhergehenden Ideologie der „Euthanasie“.

Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa

Eigentlich müsste es eher heißen, die Sterbegeschichte des Ernst Lossa.
Mit gerade einmal 14 Jahren ermordet, hatte er nicht viel Leben.
Das Buch von Autor Robert Domes ist biografisch und schildert all die Erlebnisse aus der Sicht des Ernst Lossa.

Dadurch, dass ich die Hörbuch-Variante wählte, hat mich diese Geschichte noch um ein vielfaches mehr bewegt. Diese Stimme, die mir alles erzählte und der ich all diese Stunden lauschte, hat mich vollends erreicht. Es hat mich richtig aus der Bahn geworfen, wie es dem Autor gelang, all diese kindliche und heranwachsende Naivität ohne ein unnötiges Dramatisieren zu beschreiben. Wobei es ein Drama war. Tragisch und grausam, was ein Kind erleben musste und in welche Welt es hineinwuchs.

Durch den Sprecher, der mit einer sehr jungen und doch angenehmen Stimme, für Ernst sprach, bekam diese Geschichte noch viel mehr Persönlichkeit.
Die Art des Erzählens ist eher so, als würde der Junge Ernst über jemand anderen sprechen. Als stände er daneben und würde alles wiedergeben was geschah und was er wahrnahm, und das war sehr viel. Eine Erinnerung an ein Leben, dass bereits im Kinderalter endete und so viel durchmachen musste.

Ich bin kein Zigeuner. Ich bin ein Jenischer!
(Zitat aus dem Hörbuch)

Ernst wuchs in einer großen Familie auf. Die Eltern, wie schon die Großeltern und viele Generationen davor, fuhren durch die Lande, trieben Handel und wurden im Laufe der Jahre immer sesshafter. Aus Augsburg stammend, lebte er dort mit seinen Eltern und den zwei kleineren Schwestern. Als seine Mutter an der Schwindsucht starb, war er vier Jahre alt. Untergebracht bei Verwandten kümmerte er sich um die zwei Mädchen und hoffte, dass sein Vater eines Tages mit ihnen nach Amerika gehen würde. Dem war nicht so, statt dessen wurde sein Vater in ein KZ verbracht. Ernst kam in ein Kinderheim, dann in das nächste und so vollzog er immer wieder die Rituale des Ankommens genauso wie die des Verabschiedens. Wobei keines davon in einem positiven Sinne gesehen werden kann. Es war eher ein Weiterreichen von einem schlimmen Ort zum nächst schlimmeren und immer so weiter. Aus einem Halbwaisen wurde ein Dieb, der unbequem wurde und durch Schikanen immer weiter in seiner Einsamkeit und dem Wunsch etwas besitzen zu wollen, zu neuen Diebstählen verleitet wurde. Aus dem Jungen wurde ein, in dem Akten vermerkter „Asozialer Psychopath“, abgestempelt, unerwünscht und letztendlich lebensunwert.

Dieses Foto entstand im April 1942, als Ernst Lossa in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren aufgenommen wurde.

Bildquelle: Archiv BKH  Kaufbeuren

Ein Jahr später, im Mai 1943 wurde er in die Zweiganstalt Irsee verlegt. Eine Endstation, da zu diesem Zeitpunkt bereits gezielt Patienten aller Altersstufen, durch bewusste Mangelernährung und Fehlbehandlungen zu Tode kamen. Männer, Frauen und Kinder. Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, genauso wie psychisch Erkrankte. Es waren nicht nur die Menschen, die aufgrund eines angeborenen Leidens oder einer schweren Erkrankung sterben mussten, sondern auch solche, die durch Traumata nicht mehr in der Lage waren ein eigenständiges Leben zu führen.

Der Fall des Ernst Lossa wurde unter anderem bei späteren Gerichtsverhandlungen aufgearbeitet und so gibt es viele verlässliche Quellen. Zu den Verurteilungen von Schwestern, Pflegern und Ärzten werde ich hier nichts äußern, außer das die Justiz absolut versagt hat.

Das Buch gibt sehr viele Einblicke in die damalige Zeit und auch wenn das geschilderte Erleben des Ernst fiktiv ist, sind die Hintergründe sehr real. Das Hörbuch kann ich vorbehaltslos empfehlen.

Ernst war kerngesund, zwar stammte er aus ärmlichen Verhältnissen aber er war körperlich wie geistig ohne Beeinträchtigungen. Man schrieb es immer passend und so wurde er unter dem Vorwand einer „benötigten Impfung“ mittels einer Luminal-Spritze getötet.

Ernst Lossa hatte damals niemanden der sich für ihn einsetzte und genau deswegen empfinde ich diese Bücher und ihre Geschichten so wichtig. Dank diesen Autor*innen bekommen all die Unbekannten und Namenlosen eine Stimme und bleiben so unvergessen.

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee)

Stolperstein_Kloster_Irsee,_Ernst_Lossa
Bildquelle © 1971markus  / Wikipedia Stolperstein Kloster Irsee, Ernst Lossa

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
Zukunft braucht Erinnerung °
Das Haus der bunten Bücher °


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Buchdetails
Titel: Nebel im August
Buchreihe: Einzelband
Laufzeit: 408 Minuten (gekürzt)
Autor: Robert Domes | Sprecher: Julian Horeyseck          
Verlag: Lübbe Audio [Print bei cbj]

Wer sich informieren möchte, hier geht es zu der Seite der Stolpersteine

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin, Ich habe bisher weder das Buch gelesen, noch den Film gesehen, dabei steht der Titel schon sehr lang auf meiner „to read“/ „to watch“ Liste. Die Geschichte klingt wirklich sehr erschütternd und bewegend. Und irgendwie warte ich immer auf den Moment, an dem ich mich so fühle, als hätte ich genug Kraft dazu, mich dieser Geschichte zu widmen. Aber auf so eine Geschichte ist man wahrscheinlich nie vorbereitet und ich muss mich einfach irgendwann überwinden und sie lesen. Kein einfaches Thema, aber so wichtig. Ich finde es wirklich toll, dass du dazu so viel liest und auf dem… Read more »

Conny P
Gast
Conny P

genauso empfinde ich das auch, ich habe bisher den Film gesehen und das Buch gelesen und von beiden tief berührt