„Nachtangst – Das Wesen der Stille“ | Emely Dark

Das Buch wurde mir von der Autorin Emely Dark kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Autobiographischer Roman

Inhalt laut Klappentext

Nacht für Nacht kämpft Emely mit den Dämonen ihrer Kindheit. Vom wahnhaft christlichen Vater jahrelang seelisch misshandelt, kann sie auch als Teenager die widersinnige Angst vor Hexen und Wiedergängern nicht abschütteln, die er in ihr gesät hat. In ihren Träumen erwachen die Wesen der Dunkelheit zum Leben und verzehren sich nach ihrem Blut.
Als ein schwerer Schicksalsschlag die junge Frau gänzlich aus der Bahn wirft, beginnen Vision und Realität zu verschmelzen – bis es kein Entrinnen mehr gibt und Emely sich der Wahrheit stellen muss.
Der Wahrheit über die Angst. Aber vor allem über sich selbst.

Ein intensiver Debütroman, denn die Geschichte darin beruht auf wahren Begebenheiten. Die Autorin Emely Dark hat ihr Leben verschriftlicht. Die Namen sind verfälscht und auch das Ende ist fiktiv, doch die Erlebnisse und Erfahrungen sind ihr Leben, als Kind, als Jugendliche.

Emely, nicht nur der Name der Autorin, sondern auch von der Protagonistin. Ein Mädchen ängstlich im Dunkeln, versteckt unter ihrer Bettdecke. Doch ein Monster hält dies nicht auf und so wächst das kleine Mädchen unter dem jähzornigen Vater auf. Ich war bereits von den ersten Seiten gefesselt, detailliert beschrieben werden diese Erinnerungen an die Kindheit nicht. Sie werden erzählt aus Kinderaugen, nachts, wenn der Vater im Türrahmen steht.

Vor ihrem geistigen Auge spann sich ein Bild von rot glühenden Augen, die immer größer zu werden schienen, von Krallen, die sich bedrohlich ihrer Kehle entgegen streckten, sie binnen Sekunden in tausend Stücke rissen.
(Seite 11)

Die ersten Seiten sind intensiv und lassen doch die Frage im späteren Verlauf offen, wie weit der Vater wirklich gegangen ist. Ich sank hinab in die Dunkelheit, nicht wissend ob das Monster sich gewalttätig auslässt oder auch gewaltvoll mehr von seiner Tochter verlangt. Auch wenn nicht genau beschrieben wird, was in diesen Nächten geschieht, so muss ganz klar eine Triggerwarnung her, denn es geht um eine gewaltvolle Kindheit, Drogenkonsum und den Folgen dessen.

Die Vergangenheit sind Rückblicke in die Kindheit, die Gegenwart ist geprägt von einer Jugendlichen und ihrem Versuch, sich in der Welt zurecht zu finden. Emely ist gefangen im System. Sie hat kaum Freunde und fällt negativ in der Schule auf. Wenn ein Kind in der Schule nicht „funktioniert“, dann wird nicht von jeder Lehrkraft hinter die Fassade geschaut. Ein intelligentes Kind ist auffällig, dies reichte für Emelys Lehrerin bereits, um eine Hauptschulempfehlung auszusprechen. Nichts was das Leben aus den Fugen geraten lässt, doch besonders für Emelys Mutter fühlt sich ebendies wie ein weiterer verlorener Kampf an. Neben Emelys Gedanken- und Gefühlswelt, erhielt ich auch Einblick in die innere Zerrissenheit ihrer Mutter. Eine Mutter die ihr Kind nicht früh genug schützte und sich bis zum Ende des Buches Vorwürfe macht, sich zwischenzeitlich nochmals in eine Beziehung begibt, der es an Zuneigung und Verständnis mangelt. Ich werde mich nicht weiter zu Emelys Mutter äußern, denn sie wird bei Leser*innen Unverständnis hervorrufen. Gerade weil ein Kind involviert war. Und doch sind eben solche Beziehungen Realität und die Nachbarn die nichts gesehen haben wollen sind keine Seltenheit. Hier zu urteilen maße ich mir nicht an, denn solche Familienmodelle, die Hintergründe und meine Einstellung dazu, würde einen eigenen Beitrag füllen.

Neben den *Flashbacks, wird Emely von einer Stimme im Kopf begleitet. Um welche psychische Erkrankung es sich handelt wird nicht benannt, ich denke aber, dass es in Richtung schizophrener Ausbrüche geht. Ich bin jedoch Laie auf diesem Gebiet und für die Geschichte selbst hat dies keine großen Auswirkungen. Da noch ein weiterer, rein fiktiver, zweiter Band geplant ist, könnte ich mir vorstellen dass diese Thematik dort mehr Raum erhalten könnte. In diesem Buch steht sie nicht im Fokus, sondern ist vielmehr eine Randgeschichte und die Folgen von Emelys Vergangenheit und dem gegenwärtigem experimentieren mit chemischen Drogen. Wobei zwei Szenen mehr Fragen aufwerfen und der Geschichte etwas Mystisches anhauchen. Etwas schade, da für mich die Ernsthaftigkeit des Themas dadurch abgemindert wird.

In dieser Geschichte geht es nicht darum, mit der Mutter oder dem Vater abzurechnen, sondern die eigenen Erlebnisse zu verschriftlichen, zu verarbeiten. Das Buch skizziert die die Schicksalsschläge eines Lebens, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben oder jemanden anzuklagen. Eine Jugendliche die den Boden unter den Füßen gleich mehrmals verliert und den Halt in der Drogenszene sucht. Eine Mutter die mit den Situationen überfordert ist und sich zu lange von Männern in die Ecke drängen ließ. Ich hätte mir gewünscht das es bei diesen zwei Sichtweisen geblieben und bestimmte Ereignisse intensivier skizziert worden wären.
Doch vielmehr störte mich das Verhalten von Ben, Betreuer einer Wohngruppe für Jugendliche, in der Emelys späterer sehr enger Freund lebt. Den Drogenkonsum im(!) Wohnheim dulden, seine zu betreuenden Jugendlichen heimlich beobachten und Emelys Mutter nicht über ihren Aufenthalt dort informieren? Mir sträubten sich, nicht nur als Pädagogin, alle Nackenhaare!

Während die Geschichte mich zu Beginn direkt in ihren Bann zog, stolperte ich leider über den Schreibstil. Das Buch berührt durch seine Thematik, doch fehlte es leider an Dynamik im Text, da die Sätze (zu) einfach und kurz gehalten sind.
Mein Lesefluss stockte etwas, da die Autorin das Spiel mit den Worten nur in den wenigen Momenten der Wahnvorstellungen und Kindheitserinnerungen nutzt. Bei diesen Szenen ließ sie meinen Gedanken den Freiraum eigene Bilder entstehen zu lassen. Auch wenn es sich hierbei um ein Debüt handelt, hätte ich mir ebendies auch im weiteren Verlauf gewünscht. Ebenso halten sich die Konversationen der Protagonist*innen an der Oberfläche. Ein gut zu folgender Wechsel, aber es fehlte an Intensität und Abwechslung. Es müssen keine Verschachtelungen oder unzählige Nebensätze sein, jedoch darf eine Geschichte die Leser*innen fordern, vor allem bei solch einer. Es darf in die Tiefe gehen, soll mich auf den Grund der Gedanken mitnehmen und mich überfluten mit Emotionen. Dies ist gegeben, wenn Emely sich zurück erinnert, in der gegenwärtigen Erzählung ist es jedoch nicht gezielt ausgearbeitet.

Die Geschichte lebt von der Intensität und dem Wissen, das dies ebenso geschehen ist. Sie erzählt von den Folgen einer gewaltvollen Kindheit. Leider war mir ein gewisser Strang der Geschichte zu mystisch angehaucht und ich bin nicht gänzlich in dieser Dunkelheit versunken.

*Flashbacks:
Ein (plötzliches) Wiedererleben oder eine aufkommende Erinnerung, die mit starken Gefühlen der damaligen Situation einhergeht. Meist werden diese durch innere oder äußere Reize hervorgerufen.

Rezension verfasst von © Janna
★★★☆☆


Weitere Eindrücke
Zeit für neue Genres • 

Buchdetails | Anzeige |
Titel: Nachtangst – Das Wesen der Stille
Buchreihe: geplant als Reihe
Autorin: Emely Dark
Verlag: epubli | [Selfpublisher]
— Rezensionsexemplar —

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4
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Nicole “NiWa” Wagner
Gast

Hallo Janna,

wir haben das Buch total unterschiedlich aufgenommen und bewertet. Ich finde deine Beurteilung des Schreib- und Erzählstils interessant – mich hat er sogar sehr an Stephen King erinnert. Ich hätte mir an keiner Stelle gedacht, dass es zu einfach oder zu oberflächlich sei.

Beim Lesen habe ich den wahren Hintergrund nicht ernst genommen. Ich habe es als fiktiven Mystery- bzw. Horror-Roman gelesen, daher fand ich die feinen mystischen Gruselelemente passend und gekonnt eingesetzt.

Immer wieder interessant, wie unterschiedlich Geschichten aufgenommen und erlesen werden.

Liebe Grüße,
Nicole

Gabi
Gast

In letzter Zeit wird ja vermehrt Wert auf „own voices“ gelegt, denn natürlich kann niemand so authentisch erzählen wie eine Person, die selbst von dem betroffen war / ist, was da geschildert wird. Natürlich gibt es nichts „echteres“ als eigene Erlebnisse und Erfahrungen, aber das in die richtigen Worte zu fassen, um Leser tatsächlich nachvollziehen und mit-erleben zu lassen, das braucht mehr. Diese Gedanken gingen mir beim Lesen Deiner REzension durch denk Kopf. Vielleicht wäre hier eine Kooperation oder Unterstützung durch eine/n Profi-Autor/in besser gewesen? Oder hätte das die Authentizität geraubt? Ein mystischer Aspekt würde mir in einem Lebensbericht auch… Read more »