„Messer“ | Jo Nesbø

Das Buch wurde mir über „vorablesen“ und dem Ullstein Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


~ we´ll understand it all by and by ~

Kommissar Harry Hole ist am Boden. Seine Ehe und seine Karriere hat er aufs Spiel gesetzt. Und verloren. Nach einer durchzechten Nacht erwacht er ohne jede Erinnerung. Seine Kleidung ist voller Blut. Und nun beginnt für ihn der wahre Albtraum.

Inhalt laut Verlag

we´ll understand it all by and by“ ist nicht nur ein Zitat aus dem Buch, sondern auch eine Zeile aus einem Songtext von Hank Williams, welche mehrmals vorkommt und aussagt was nicht nur Harry, sondern einem als Lesender widerfährt – wir werden alles nach und nach verstehen!

Harry war glücklich gewesen. Aber Glück ist wie Heroin, hat man es erst probiert, hat an erfahren, dass es Glück nicht wirklich gibt, findet man sich nie mehr mit dem gewöhnlichem, glücklosen Leben ab.

Seite 62

Harry Hole (sprich Hule) hatte sein Glück gefunden, im Laufe der vorherigen 11 Bände und genauso oft hat er es wieder verloren.

Nun steht er erneut am Scheideweg seines Lebens und dieses Mal kommt es noch schlimmer, noch furchtbarer und wieder schreit sein persönlichster innerer Teufel nach dem Mittel, das ihn vielleicht in Schach halten kann, Alkohol. Harrys Erzfeind Nummer 1, dabei hat er doch so viele andere, viel menschlichere. Ich hatte Angst, wieder einmal, dass er diesem Teufel erneut verfällt und sich wieder selbst abstürzen lässt. Meine Güte, wie kann es nur sein, dass ein fiktiver Charakter aus einem Buch so intensiv erscheint und man immer wieder mitfiebert, sich sorgt und alle Gedanken um diese eine Person kreisen. Es gab so viele Episoden des Absturzes, da sollte man meinen es genügt und so ein bisschen hatte der Autor auch Erbarmen (mit uns Lesenden oder mit Harry?) und hat es nicht zu sehr thematisiert, aber immer wieder angesprochen. Die Alkoholsucht, der trockene Alkoholiker, dessen Sucht gerade bei Ausnahmesituationen wieder ausbrechen kann. Harry ist stark, auch wenn er doch so viele Schwächen hat.

Ich mag es wenn die Schönheit nicht perfekt ist. Irgendwie kaputt. Wie du Harry.

Seite 574

Harry Hole, einst ein gefeierter Polizeiermittler mit gigantischen Erfolgen hat wieder alles verloren. Sein Job auf der Polizeischule ist weg, seine Frau hat ihn rausgeschmissen und so mancher wäre ihn gerne komplett los.
Was im Klappentext steht ist nur eine klitzekleine Sache, denn es wird groß im Buch, richtig groß sogar. Bei diesem 1,93 m großem Mann sollte dies auch der Fall sein. Mit seiner Titanprothese am rechten Mittelfinger, der langen Narbe vom Mundwinkel bis ans Ohr und dem rauen Ton ist der Einzelgänger wohl eher keine Augenweide, doch wer in sein Innerstes lauscht und seinen Gedanken folgt, merkt das hinter dieser verdammt harten Schale ein weicher Kern steckt. Dieses Buch ist für mich und leider auch für Harry mit das persönlichste. Es hat weh getan beim Lesen und ich habe gebibbert, dass es bitte nicht so ist wie es scheint. So ergeht es auch Harry, da können selbst seine 1536 Schallplatten einen nicht ablenken, so sehr er es auch versucht.

Wir Menschen tun so etwas, das unterscheidet uns von den Tieren. Wir rächen uns.

Seite 192

Das Buch hat 4 Teile auf 575 Seiten verteilt, diese wiederum in 53 Kapitel unterteilt und jedes einzelne liest sich hervorragend.

Trotz der vielen Menschen im Buch und ihre Namen, den Ortschaften, Straßen, Häusern und Hütten. Der Weg Harrys ist geprägt von allen, die ihn begleiten, sei es nur in Gedanken. Es erscheinen sogar altbekannte Gesichter wieder auf der Bildfläche und selbst wenn man die Vorgängerbände nicht kennt, ist es leicht alle auseinander zu halten. Svein Finne zum Beispiel, eine verurteilter Vergewaltiger oder Kaja, eine Frau die Harry einmal aus der Drogenhölle Hongkongs geholt hat. Auch Arbeitskolleginnen und Kollegin sind wieder mit von der Partie und es gibt neben den neuen Ermittlungen auch Erinnerungen an alte Fälle.
Richtig genial fand ich Darstellung des ehemaligen Soldaten Roar. Seine Zwänge und wie diese entstanden sind, hat der Autor sehr behutsam und doch unmissverständlich geschildert. Irgendwie haben alle im Buch Verletzungen, die nicht nur oberflächlich sind, sondern ganz tief gehen und Narben hinterlassen haben, die nie mehr verschwinden werden.

Alles und alle spielen zusammen. Der Autor hat da eine sehr komplexes Werk geschaffen und jede Menge Spuren und Fährten gelegt, bei denen letztendlich alle zu einem – nämlich dem Ergebnis – führen. Zum Inhalt möchte ich nicht zu viel sagen, es würde unweigerlich spoilern. Nur soviel, aus einem einzelnen Mordfall werden ganz viele andere Begebenheiten, solche die in der Vergangenheit liegen und solche die erst aktuell im Buch geschehen. Verdächtige und Verdächtigungen kommen zu Hauf, Abwechslung per excellence und das alles in Norwegen. Wobei, es gibt ein paar kleinere Episoden, auch Erinnerungen genannt, die durchaus mal woanders hinführen. Australien zum Beispiel (dort fand der erste Fall Harrys statt) oder nach Afghanistan.

Die Themen im Buch sind sehr vielfältig und man sollte sich wappnen. Auch wenn der Autor nichts unnötig detailliert, spricht er vieles an und lässt einen teilhaben an manch furchtbaren Erlebnissen. Nicht jeder lesende Mensch benötigt eine Trigger Warnung, aber wer es doch wissen möchte, ganz unten in dem grünen Kästchen habe ich einiges genannt.

Es war dennoch ein wahres Lesevergnügen. Das Herausfinden wer denn nun…wie…warum…und überhaupt. Mehr als einmal hatte ich (wieder einmal) Mitleid mit Harry. Habe mir gewünscht dass er nicht vom Weg abkommt, sondern weitermacht, stark bleibt und endlich alles aufklären kann. Was dabei herauskam hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht. Er kann böse sein, sehr sogar, aber er kann auch anders, was sich bei so mancher seiner Handlungen und Gedanken zeigt.

Er graut einem vor der Abstinenz, vor der Trauer über den Verlust, und man verflucht das Wissen darum, was man zu fühlen in der Lage ist.

Seite

Für mich ist dieser Band der beste von allen. Ganz persönlich, unwahrscheinlich komplex und mit einem Harry Hole, der viel mehr als sonst zeigte wie viel Mensch doch in ihm steckt.
Er polarisiert und wird es immer tun!

Man muss die 11 Bände vorher nicht lesen um dieses Buch zu verstehen, aber man sollte sie lesen um Harry Hole und seine Geschichte in allen Episoden seines Lebens kennenzulernen.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


– Weitere Eindrücke –
.Laberladen – folgt.
es folgen noch weitere •


| Anzeige

Buchdetails
Titel: MESSER
Buchreihe: 12. Band
Autor: Jo Nesbø
Verlag: Ullstein
— Rezensionsexemplar —
   Harry Hole – Reihe
Band 1 ~ 1997: Der Fledermausmann (Originaltitel: Flaggermusmannen)
Band 2 ~ 1998: Kakerlaken (Originaltitel: Kakerlakkene)
Band 3 ~ 2000: Rotkehlchen (Originaltitel: Rødstrupe)
Band 4 ~ 2002: Die Fährte (Originaltitel: Sorgenfri)
Band 5 ~ 2003: Das fünfte Zeichen (Originaltitel: Marekors)
Band 6 ~ 2005: Der Erlöser (Originaltitel: Frelseren)
Band 7 ~ 2007: Schneemann, 2017 verfilmt (Originaltitel: Snømannen)
Band 8 ~ 2009: Leopard (Originaltitel: Panserhjerte)
Band 9 ~ 2011: Die Larve (Originaltitel: Gjenferd)
Band 10 ~ 2013: Koma (Originaltitel: Politi)
Band 11 ~ 2017: Durst (Originaltitel: Tørst)
Band 12 ~ 2019: Messer (Originaltitel: Kniv)

Trigger Warnung für folgende Themen (das Kästchen einfach mit dem Cursor markieren)

Im Buch kommen Themen wie Vergewaltigung, Tod, Abtreibung, Suizid, PTBS Alkoholismus und Verlustängste vor.

Beitrag teilen mit:

5
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Deinen Gedanken! Wir freuen uns auf Deinen Kommentar & den Austausch mit Dir!

avatar
-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Was für eine schöne Rezension, die wirklich Lust aufs Buch macht. Aber du setzt die Messlatte auf jeden Fall hoch. Bester Harry Hole, ja? Das klingt wirklich gut.
Und das mit dem Mitleiden und Mitfiebern kann ich sehr gut nachvollziehen. Geht mir auch oft so. Schon beeindruckend, wie die Autor*innen das immer wieder schaffen.
Ich habe ja bei den Hole Bänden leider irgendwann den Anschluss verloren und muss erstmal noch einige alte Fälle nachholen, bevor ich mich „Messer“ widmen kann (möchte die schon gern der Reihenfolge nach lesen), aber du hast mich auf jeden Fall sehr neugierig gemacht. :)
LG, Julia

Gabi
Gast

Liebe Kerstin,
ich finde, Jo Nesbø steigert sich von Band zu Band bei dieser Reihe und mit „Messer“ hat er nochmal einen draufgesetzt. Ich war genauso begeistert wie Du – und habe mich auch dabei erwischt, gegen Ende des Buches immer langsamer zu lesen, damit es noch nicht vorbei ist. Wobei ich das Buch grundsätzlich schon ziemlich langsam gelesen habe, denn so dicht wie die Handlung ist, kann und sollte man sie in aler Ruhe genießen, um kein Detail zu versäumen.
LG Gabi