„Mercy Seat“ | Elizabeth H. Winthrop

Wenn die Hautfarbe das Urteil bestimmt

Inhalt laut Klappentext |Auszug|

Louisiana, die 1940er-Jahre, ein elektrischer Stuhl wird in die kleine Stadt St. Martinsville gebracht für die geplante Hinrichtung eines jungen Schwarzen namens Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. In Wirklichkeit ist sie seine Geliebte gewesen, die sich aus Verzweiflung umgebracht hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. […]

Bücher haben für mich nochmals eine ganz intensive Anziehungskraft, wenn sie auf einer wahren Geschichte basieren. Das Cover und der Klappentext überredeten mich zu einem endgültigen Kauf.

Amerika der 40er Jahre, ein schwarzer Mann wird auf dem ‚Mercy Seat‘ (Gnadenstuhl) zum Tode verurteilt. Die Anklage ist sexueller Missbrauch einer weißen jungen Frau. Seiner Aussage nach jedoch hat dies nie stattgefunden, sondern geschah einvernehmlich. Vielmehr waren sie ein Liebespaar, doch die Frau selbst wird sich nicht mehr dazu äußern, sie ist tot.

Dies klingt zunächst nach einer sehr intensiven Geschichte, die sich nicht jede­*r Leser*in zutrauen mag. Was die Intensität betrifft kann ich nur sagen, das mich einige Stellen mitgenommen haben und anderen mir eine Gänsehaut verschafften und wieder. Was die Thematik betrifft wird es nur zum Ende hin eventuell für wenige Leser*innen (etwas) unerträglich, denn der oben beschriebene Inhalt ist der Ausgangspunkt, nicht der Schwerpunkt des Buches. Will soll auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden, darauf arbeitet die Geschichte hin und beschreibt diese qualvollen Minuten.

Je mehr ich las, desto langsamer wurde ich. Ich nährte mich von Seite zu Seite dem Tag, an dem Will seine letzten Atemzüge machen soll. Doch nicht nur Will lernte ich kenne, auch weitere Personen nahmen einen Raum innerhalb der Geschichte ein. Zu Beginn war ich irritiert über die vielen Namen, da nicht sofort klar ist, in welchem Zusammenhang die Protagonist*innen stehen. Aber die einzelnen Geschichten verbinden sich zu einer. Mehrere Leben die sich nicht überschneiden und doch miteinander in Verbindung stehen.

Menschen die an Wills Schuld zweifeln und dennoch Handlungsunfähig sind. Doch geht es um die Frage der Schuld? Es geht auf jeden Fall um die Hautfarbe. Es geht darum, wie Menschen zur damaligen Zeit miteinander umgegangen sind. Gab es faire Verhandlungen? Oder war der Schuldzuspruch bereits gefällt, wenn man eine dunklere Hautfarbe hatte? Was geschieht innerhalb Familien, wenn die Ehepartner unterschiedliche Weltansichten haben? Und was geht in einem Menschen vor, welchem bewusst ist, die letzten Stunden zu erleben? Die Autorin verwebt dies innerhalb einer einzigen Geschichte.

Ein Buch das mich berührte, welches ich weiter empfehle und mich dennoch nicht vollends einnehmen konnte. Ich hatte mir mehr Intensität gewünscht! Nicht nur Wills Geschichte spielt eine Rolle, auch die Schicksale der anderen Protagonist*innen werden angesprochen. Die Tiefe jedoch blieb dabei leider etwas zurück, denn jede*r einzelne*r hat eine eigene Tragödie. Insgesamt begegneten mir neun Protagonist*innen. Tod, Rassismus, Alkoholismus, Trauer und Angst. Neun Leben, eine Geschichte. Viele Problematiken, Themen und Emotionen. Es wirkt nicht zu viel, aber auf so wenigen Seiten nicht intensiv genug herausgearbeitet.

Wenn Emotionen beim Lesen entstehen, Gedanken, dann hat ein Buch doch alles richtig gemacht!? Vom Bauchgefühl her, absolut ja! Vom Kopf eine Unentschlossenheit, die mich auch im Schreiben meiner Eindrücke verunsichert. Ich habe mich sehr schnell in die Geschichte hineingelesen und bin abgetaucht. Je weiter ich las, desto mehr graute es mir vor dem Ende. Und je mehr bemerkte ich was mir fehlte. Es graute mir, weil ich mit Wills letzten Gedanken konfrontiert wurde, wusste worauf die Geschichte hinauslaufen würde. Ich wusste nicht, dass mir mehrere Schicksale begegnen würden und ich hätte gerne mehr davon gelesen. Mehr von der Gänsehaut, ein Schuldspruch welcher mehr aufgrund der Hautfarbe als auf Tatsachen beruht. Will, der sich damit abgefunden hat. Und mehr von den anderen Charakteren, die in irgendeiner Weise mit seiner Geschichte im Zusammenhang stehen, mehr von ihren Leben und Gedanken.

Besonders das Leben als Schwarze*r in den 40ern mitten in Amerika tritt zu sehr in den Hintergrund, wobei es mir immer wieder begegnete. Zwei Frauen, die weitaus mehr hätten in den Fokus rücken können, denn sie zweifeln. Leise, da sie ihren Männern gegenüber stehen. Ein Mann der die Gegenseite vertritt, für Wills Urteil verantwortlich ist. Im Zwiespalt mit sich selbst. Und ein Mann der die Nachbarskinder nicht in seinem Garten haben will, seiner Frau vorwirft das Loch, welches der Sohn hinterlassen hat mit diesen Kontakten zu füllen. Und Will selbst. Ich würde nicht mal sagen, es hätte auf eine Sicht verzichtet werden sollen, dem Roman hätten jedoch einige Seiten mehr gut getan. Mehr Intensität indem was die Autorin ausdrücken möchte. Mehr verweilen bei den einzelnen Protagonist*innen.

Und doch hatte das Buch mich bereits nach 40 Seiten und bei bestimmten Zeilen lief mir ein Schauer über meine Haut. Ich habe die Geschichte gerne gelesen und auch wenn ich Kritik an der Umsetzung habe, so hat mich das was die Autorin vermitteln wollte gepackt.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


Hier werden die Eindrücke anderer Bloggerinnen folgen, mit denen ich das Buch als „Wanderbuch“ gelesen habe.

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 Der nachfolgende Link führt zur Verlagsseite

   Buchdetails
Titel: Mercy Seat 
Buchreihe: Einzelband
Autor: Elizabeth H. Winthrop
Verlag: C. H. Beck

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Mikka Liest
Gast

Hallo, Von dem Buch habe ich inzwischen schon viel gehört, auch sehr unterschiedliche Meinungen! Du hast deine Kritik gut formuliert, ich kann sie gut nachvollziehen, aber es klingt dennoch nach einem Buch, das ich auf jeden Fall lesen sollte. Ich glaube, auch heute haben Menschen mit einer anderen Hautfarbe es noch deutlich schwerer vor Gericht. Und in Amerika werden ja nicht eben selten Schwarze wegen nichtigster Anlässe verhaftet (z.B. fürs ‚Herumlungern‘ in einem Starbucks) oder von Polizisten erschossen (z.B. weil Nachbarn wegen lauter Musik die Polizei rufen und der Hausbesitzer der Polizei die Garagentür vor der Nase zuschlägt). :-( Ich… Read more »

Kerstin
KeJas-BlogBuch

Huhu Janna
ist ja wohl klar wer das Buch lesen will ;-)

-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Janna, Ich war ja sehr gespannt auf deine Rezension und deine ausführliche Meinung zum Buch. Ich habe es letztes Wochenende ausgelesen und habe das Buch etwas anders empfunden, als du. Mich hat es irgendwie nicht so richtig berühren können. Wills Abschnitte sind mir echt unter die Haut gegangen, aber davon gab es so wenig. Und die anderen Abschnitte haben mir einfach zu oft gewechselt. Da gab es zu viele Perspektiven, als das ich da mit jemandem wirklich hätte mitfühlen können. Ganz gut rübergekommen sind aber die (auch teils gespaltene) Stimmung in der Gesellschaft zu der Zeit, und auch die… Read more »

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo liebe Janna,

das war jetzt eine größere Aktion um kommentieren zu können und Euch ein Like dazulassen.
Ich habe jetzt ein WordPress.com Konto und habe keinen Schimmer wieso, warum und überhaupt… .

Danke für Deine großartige Rezension, aber bei dem Buch passe ich definitiv.
LG
Anja