„Manja – ein Roman um fünf Kinder“ von Anna Gmeyner

Inhalt laut Verlag

Eines der wichtigsten Werke der Exilliteratur erzählt so berührend wie poetisch die Geschichte von fünf Kindern, die 1920 in derselben Nacht gezeugt werden, aber in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aufwachsen. Die fünf verbindet eine innige Freundschaft, die aufgrund der politischen Ansichten ihrer Eltern in Feindschaft umzuschlagen droht.

…no time for wonder…

Für Totschlagen wird man im Frieden zum Tode verurteilt und im Krieg bekommt man Orden. Ich verstehe das nicht!
(Zitat aus dem Hörbuch)

Es gibt Bücher deren Geschichten so tief gehen, dass es einem den Atem raubt und man sich fragt, warum um alles in der Welt musste dies geschehen?!
Manjas Geschichte wurde von der Autorin Anna Gmeyner bereits zu der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben. Nach Großbritannien emigriert, schrieb sie dieses Buch, das bereits 1938 in Amsterdam erschien. 1984 erschien die erste deutsche Ausgabe.

Wo soll ich nur anfangen? Am besten mit der Geschichte des Buches an sich. Es ist das Jahr 1920. Fünf Kinder die in einer Nacht gezeugt werden. Die Umstände dazu sind geprägt von leidenschaftlicher Liebe und unverhohlener Gewalt. Das soziale Umfeld der einzelnen Paare trägt ihres bei. Die Autorin lässt einen teilhaben an diesen Stunden, dem heranpirschen an diese eine Situation und den Umständen die dazu führten. Fünf Männer und fünf Frauen und auch wenn alle Mütter werden, ist nicht jeder ein Vater.

Bei Hörbücher verbringe ich die meiste Zeit damit etwas zu tun, neben dem Hören quasi um die Zeit zu nutzen, da ich beide Hände frei haben. Bei „MANJA“ hat es mich aber immer und immer wieder inne halten lassen. Die Sprecherin Iris Berben hat etwas unwahrscheinlich melancholisches in ihrer Stimme und nur ganz selten erhebt sie sie. Es sind die Situationen die alles ausmachen. Diese Familien um Manja, Franz, Heini, Harry und Karl. Alle Schichten sind vertreten. Die wohlhabenden, die kommunistisch geprägten, die jüdischen und die sozial benachteiligten. Das diese fünf Kinder, vollkommen gleich im Kind sein und doch so unterschiedlich im täglichen Leben eine Freundschaft beginnen, ist der Kern des Buches, der rote Faden. Ihre Treffen an der Mauer, jeden Mittwochabend sind geprägt von dieser Freundschaft über alle Statuten, Religionen und sozialen Aspekten hinweg. So wächst man mit ihnen und erlebt im gleichen Schrecken und Unverständnis, wie sich die Welt um sie herum verändert.

Ich finde andere Menschen verachten, weil sie etwas sind, für das sie nichts können, genauso wie Tieren Beine ausreißen.
(Zitat aus dem Hörbuch)

Mit dem Wandel der Zeit ändern sich auch die Menschen oder war es umgekehrt? Es entsteht dieses Unwohlsein, weil man genau weiß wo all dieser Faschismus endet. So bekommt man es durch die Erzählung wieder hautnah mit. Die anfänglich kleinen Sticheleien, die Beleidigungen, das Beschimpfen und vor allem dieses kollektive grausam sein gegenüber der jüdischen Bevölkerung oder den kommunistisch gesinnten. Ein Pöbel aus Männern und Frauen. Nachbarn, Mitschülern, Lehrer, Kollegen. Aus einstigen Freunden werden Feinde. Aus dem kleinen Mann wird ein mächtiger, nur weil er eine Uniform trägt. Dazwischen immer wieder die Kinder, deren Freundschaft anhält ob all der Erlebnisse.

Man folgt diesen Familien, erlebt ihre Ängste, Sorgen und Nöte mit und will immer wieder hineinschreien wegen all dieser Ungerechtigkeit. Es brennt im Herzen und es ist keiner in Sicht der dieses Feuer löscht.
Wohin nur mit all dem Wissen was geschehen wird? Wie konnte die Autorin auch nur ansatzweise ahnen was geschehen wird? Intuition, Bauchgefühl, selbst erlebtes? Menschenkenntnis? Ich weiß es nicht, ich weiß nur das sie den Ton getroffen hat und ihre Schilderungen so authentisch und ehrlich sind.

Denn wenn man jemand hasst, ist man nicht gerecht und vernünftig.
(Zitat aus dem Hörbuch)

Oft frage ich mich, ob man ein Buch dessen Thematik so schwer und traumatisch ist, als schön bezeichnen kann. Ja, kann man! Es ist schön, auf eine sehr schmerzliche Weise und es bleibt im Gedächtnis mit all diesen Sätzen. Ein Zeitzeugnis über das verlorene Menschsein, über Freundschaften die über alles stehen und doch nichts abwenden können.

Dieses Hörbuch gehört zu den leiseren und doch ist es enorm laut. Die oftmals klagende, wehmütig klingende Stimme der Sprecherin macht es ganz besonders. Die Autorin hat mich nachhaltig berührt und mit ihrer klaren und deutlichen Sprache begeistert. Viele Worte, obwohl man sprachlos ist.

Wo sind alle Menschen wie wir?
Stumm, Hannalein, gelähmt, überschrien von den anderen…

(Zitat aus dem Hörbuch)

Da sitzen sie, diese vier Jungs auf ihrer Mauer, warten auf Manja, schauen in den Himmel und auf den Hohlweg und ich sitze mit dabei.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: MANJA – Ein Roman um 5 Kinder
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: ANNA GMEYNER
Sprecherin: IRIS BERBEN

Verlag: Aufbau Verlag | Printausgabe: Aufbau Verlag

4
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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Da hast du wirklich ganz tolle Worte für dieses Buch gefunden. Und mir trotz des schwierigen Themas total Lust auf das Buch gemacht, wenn man das so sagen kann. Aber die Thematik ist ja auch wirklich interessant. Es ist schon spannend, dass Kinder so völlig wertfrei und unschuldig sind, und dann erst im Älter werden und durch Sozialisation dieses Bewertende bekommen. Umso schöner von Freundschaften zu lesen, die all diesen Umständen standhalten können.
Das Buch kommt gleich auf meine Wunschliste. Danke für die schöne Vorstellung.
LG, Julia

monerl
Gast

Liebe Kerstin,
mit dieser Rezi hast du mich mal wieder voll gefangen! Und Iris Berben! IRIS BERBEN! Sie liest so wundervoll, dass ich mir das Hörbuch allein schon wegen ihr kaufen würde. Ich liebe ja so traurig-schöne Geschichten und von dieser hier, verspreche ich mir viel! Das nächste Guthaben winkt schon! hihi
GlG, monerl