(Hör)Buch trifft Film: „Mängelexemplar“ | Sarah Kuttner

•Schweres Thema leicht gemacht

Inhalt laut Hörbuch- & Printverlag (Ein Mix der Klappentexte):

Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, selbstironisch und liebenswert, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Als auch die cleversten Selbsttäuschungen nicht mehr helfen, tritt sie verzweifelt und mit wütendem Humor ihrer Depression entgegen.

Ein Buch über Depression, das kann nur schwer, bitter und schmerzhaft werden. Aber nicht, wenn Sarah Kuttner die Zeilen dazu verfasst und ein starkes Debüt hinlegt! Ich mochte die Geschichte, auch wenn es hier und da kleinere Kritikpunkte gab. Aber zuerst war ich besonders begeistert davon, dass die Autorin selbst das Hörbuch einsprach. Es gibt viele tolle Sprecherinnen, aber so bekommt die Rolle Karo noch mehr Leben eingehaucht; so war zu mindestens mein Gefühl. Und Sarah Kuttner hat wirklich einen guten Job gemacht!

Ich bin überrascht von der Leichtigkeit des schweren Themas, Depression ist eine Erkrankung die bis heute stigmatisiert und nicht in wenigen Worten erklärt ist. Depression ist vielschichtig und im Ausmaß individuell. Karo selbst hatte bis zum ihrem Ausbrauch nicht mal geahnt, geschweige denn daran gedacht, Depressionen haben zu können. Doch dann kommt alles auf einmal und ihr Leben steht Kopf, von ihrer Gefühlswelt ganz zu schweigen.

Zum einen mag ich es, dass diese Geschichte eher humorvoll als düster erzählt wird, doch dass Themen wie Missbrauch so am Rande erwähnt werden und so leicht geschildert werden erschreckte mich. Es braucht nicht mal wirklich eine Triggerwarnung, da dies in ein, zwei Nebensätze ganz zu Beginn gesagt und danach kaum wieder aufgegriffen wird.
Auch wie der Therapeut am Ende, in seiner ersten Sitzung mit Karo, mit ihr interagiert finde ich grenzwertig. Ohne eine Vertrauensbasis zu haben, erwartet er Offenheit. Ohne Karo länger als eine Stunde zu kennen, sagt er ihr Dinge auf den Kopf zu die zwar der Wahrheit entsprechen, sich für mich aber in dieser Konstellation wie zu früh gesagt anfühlen.

Dies sind jedoch die einzigen Punkte, an denen ich mich störte und auch nur zu Beginn und am Ende etwas Raum einnehmen. Karo ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin, aber ich mochte sie mit all ihren Ecken und Kanten. Mit ihrem Versuch die neue Situation mit spitzem Humor zu sehen. Sie stellt sich dem Monster Angst, auch wenn sie zunächst genau das tut, was sie nicht tun soll: sich selbst therapieren. Karo ändert ihr Leben, sie verdrängt, sie macht Rückschritte. Und die Depression wird nicht als etwas gezeichnet das mal eben wieder verschwindet, auch wenn Karo sich eben dies wünscht. Ebenso ist Karos Krankheitsbild nicht jenes das alle die sich mit dieser Erkrankung nicht auseinandersetzen wohl erwarten würden. Karo ist Karo und ihr Monster ist ihr Monster, ebenso ist ihr Umgang nicht der, den alle Betroffenen so gehen würden. Karo will alles und das am besten auf einmal, um keine Zeit zu verschwenden und so findet sie sich relativ schnell bei einer Therapeutin wieder. Karo windet sich nicht, sondern kommt direkt zum Punkt. Es ist Karos Geschichte.

Durch die Autorin und Sprecherin war das Hörbuch an gewissen Stellen auch recht unterhaltsam, ohne das Thema selbst klein reden zu wollen oder lächerlich zu machen! Sarah Kuttner versteht sich darin ein schweres Thema leicht zu erzählen. Ich litt mit Karo, ich lachte mit Karo.

Buch trifft Film

Wie genial wäre es gewesen, wenn Sarah Kuttner selbst Karo gespielt hätte?! Ich hätte es sehr gefeiert!
In der Verfilmung finden sich einige namhafte Schauspieler*innen und die Geschichte ist nicht schlecht umgesetzt, doch so nahe wie im Hörbuch, kam mir Karo in diesem Format leider nicht. Auch einige Szenen wurden gänzlich anders dargestellt als im Roman, sehr zum Frust meinerseits!
Die Schauspieler*innen sind überzeugend in ihrer Rolle, doch wer die Buchvorlage kennt, wird mit dem Film nicht glücklich werden.

Fazit

Ein paar wenige Kritikpunkte habe ich beim Roman, aber zum einen finde ich es wundervoll das die Autorin selbst das Hörbuch eingesprochen hat und zum anderen mag ich ihre lockere Art, schwere Themen zu skizzieren. Ihr Debüt wird nicht mein letzter Roman aus ihrer Feder gewesen sein!

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails | Anzeige |
Titel: Mängelexemplar
Buchreihe: Einzelband
Autorin & Sprecherin: Sarah Kuttner 
Verlag: Argon | Printausgabe: Fischer

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5
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LeseWelle
Gast

Huhu!
Eigentlich wollte ich das Buch mal lesen, aber vielleicht greife ich doch lieber zum Hörbuch, wenn das so gut ist wie du sagst. :D
Da muss ich noch mal drüber nachdenken. Auf jeden Fall eine gelungene Rezension. :-*
Liebe Grüße
Diana

Babsi
Gast

Danke fürs Verlinken!
Sarah Kuttner liest absolut passend und genial. Ich habe ja neulich auch „Kurt“ gelesen und ihr Stil, ihr Humor und ihre Art kommen auch da gut durch. Bei „Kurt“ ist ihr die Balance mit Humor und Trauer aber ein bisschen besser gelungen.
Den Film werde ich jetzt nicht auf meine Watchlist setzen, da sind genug andere FIlme und Serien drauf. xD

Liebe Grüße,
Babsi

Emma Zecka
Gast

Hey Janna, ich habe „Mängelexemplar“ erst letzte Woche beendet und mich hat die Geschichte etwas ratlos zurückgelassen, weil ich den Eindruck hatte, dass viel um den heißen Brei herum geredet wird. Mir hat lange Zeit der rote Faden gefehlt und ich finde die wirklich wesentlichen Fragen sind erst gegen Schluss, hauptsächlich durch das Gespräch mit dem Psychiater, das Du in Deiner Rezension beschreibst, aufgekommen. Das fand ich leider sehr schade. An sich hat mir „Kurt“, Sarah Kuttners aktueler Roman, viel besser gefallen. Dennoch glaube ich, dass es bei „Mängelexemplar“ vermutlich daran liegt, dass ich die Geschichte noch nicht ganz verstanden… Read more »