„Kühe“ | Matthew Stokoe

Kopfkino Extrem

Inhalt laut Verlag – ein Auszug:

Steven ist 25 Jahre alt. Im Fernsehen beobachtet er all die perfekten, fröhlichen Menschen und träumt davon, selbst das normale Glück zu finden. Vielleicht mit Lucy, die eine Etage über ihm wohnt – auch wenn ihre Besessenheit für *Vivisektionen echt krank ist.  […]
Als Steven Arbeit in einem Schlachthaus findet, offenbart ihm der unvorstellbar perverse Vorarbeiter Cripps, wie man durch das Töten von Kühen ›echte Erfüllung‹ findet. Doch die Tiere beginnen mit Steven zu reden und sie bitten um Hilfe …

! Dieses Buch ist ab 18 Jahren !

Ich bemühe mich, meine Rezension so jugendfrei wie möglich zu formulieren, da mir sehr bewusst ist, das sie öffentlich und für alle einsehbar ist – egal welchen Alters.


Das Buch erschien im englischen unter dem Titel „Cows“ bereits 1998 und war das Debüt von Matthew Stokoe. Heute wird es als Klassiker der Horror-Literatur bezeichnet.

Ich wollte es so! Ich wollte eine Geschichte, ob Buch oder Film, die das erreicht, was dieses Buch erreicht hat. Ich war wirklich so naiv und hatte gedacht, bei all den Horror- und Splatterfilmen die ich kenne, wäre ich abgestumpft. Falsch gedacht. Das Kopfkino welches dieses Buch entstehen lässt ist wirklich heftig!

Misshandlung und Missbrauch bei Tier und Mensch, obszöne Formulierungen, *Sodomie und Tätigkeiten in einer Schlachterei sind hier Programm – und das nicht zu knapp! Was ich nicht erwartet hatte war die darin versteckte Thematik! Und das auf mehreren Ebenen.

Handlungsohnmacht. Einsamkeit. Sehnsucht. Macht. Kontrolle. Sich Auflehnen. Selbstzweifel. Sich selbst finden. Hass. Liebe.

Die Luft, die sie atmeten, war nicht seine Luft, und das Licht das auf sie schien, kam von einer wärmeren Quelle als seiner Sonne. Er verzehrte sich vor Sehnsucht, sie nachzuahmen, Anteil zu haben an der Massennormalität, die wie Kathodenwellen über die toten Nächte seiner Einsamkeit rollen.
(Seite 16)

Matthew Stokoe setzt sich mit Themen auf eine Art auseinander, die mir innerhalb eines Buches, so noch nicht begegnet ist. Fäkalien, Innereien und brutale Gewalt! Ich habe kurz mit mir gekämpft! Denn ein Buch kann intensiver sein als ein Film – da kann man wegschauen. Natürlich kann man über- oder querlesen, aber wirklich wegschauen kann man nicht. Und kaum begonnen zu lesen, sind da auch schon die Bilder im Kopf, die ich dort niemals wollte.

Es ist ein mehr als außer- und ungewöhnlicher Weg, den der Autor bestreitet, um Problematiken und bestimmte Themen zu skizzieren. Beim Lesen selbst und auch nach dem Auslesen ist klar worum es geht. Warum aber solch eine Szenerie? Er fragte sich wohl, warum nicht?

Steven. Das Muttertier. Hund. Zu dritt vegetieren sie in einer kleinen Wohnung in England vor sich hin. Abscheu bestimmt ihr Leben, ihr Miteinander.
Über Steven wohnt Lucy. Die Mutter seiner zukünftigen Kinder. Dies zu mindestens wünscht er sich.
Eine Spirale zwischen Erniedrigung und Sehnsucht. Steven muss raus!

Und so beginnt er mit Mitte 20 in einer Fleischfabrik. Sein neuer Chef Cripps scheint seine Berufung in dieser Arbeit gefunden zu haben. Was sich jedoch dahinter verbirgt ist seine Erfüllung in der Qual anderer, die sich in die Perversion steigert. Cripps Gegenspieler ist der Guernsey-Bulle, welcher sich im Dunkeln verbirgt und wartet.

Steven. Mittendrin. In der Abhängigkeit. In seiner eigenen Hilflosigkeit. In seiner kaum auszuhaltenden Sehnsucht nach Normalität. In seinem Kampf um Macht. In seinem Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Und ich inmitten dieser Geschichte. Der Perversion und Gewalt.

Es geht um Machtverhältnisse und um den Kampf seiner selbst. Steven fühlt sich verloren und sehnt sich nach einem Leben, wie es alle anderen zu führen scheinen. Es ist deutlich und braucht dennoch einen Moment um zu wirken. Ich verstand beim Lesen, doch wirklich setzen konnte sich die Geschichte erst danach. Im Film bin ich einiges gewöhnt, auch in der Literatur bin ich nicht zartbesaitet. Doch so tief in dieses Genre las ich mich bislang noch nicht hinein. Und somit war ich nur zweitrangig mit dem Inhalt der Geschichte beschäftigt. Im Vordergrund stand zunächst die obszöne Brutalität. Ich kann an dieser Stelle nicht durch Zitate verdeutlichen was ich meine, da es dann fernab von einer jugendfreien Besprechung wäre. Der Autor lässt Bilder im Kopf der Leser*innen explodieren. Er benennt die Szenen klar, schildert was passiert. Gewalt, Fäkalien, Sex, und eine vulgäre Sprache ist im groben das was einen erwartet. Das Buch fordert, es forderte mich.

Man muss es mögen, wäre hier völlig fehl am Platz – man muss es aushalten können trifft es eher. Ein Buch bei dem ich wirklich schlucken und überlegen musste, ob ich es beende. Die projizierten Bilder im Kopf sind extrem und wenn ich bei anderen lese, es würde härteres geben oder nicht schocken … dem kann ich nicht ganz zustimmen. Ich will nicht behaupten, es würde nicht noch schockierender oder brutaler gehen, aber „Kühe“ hat es für mich in sich und ich bin wirklich weit entfernt vom ‚zimperlich‘ oder zart besaitet sein!

Für Leser*innen dieses Genres kann ich es empfehlen – für alle anderen: wenn Ihr im Ansatz über einen Kauf nachdenkt, schaut Euch das Buch auf der Verlagsseite (Link in ‚Buchdetails‘) an. Der Festa-Verlag hat neben einer Leseprobe auch eine Skala und verdeutlicht darin sehr gut, was die Leser*innen erwartet. Bei diesem Buch trifft es eben wirklich zu, das es für eine bestimmte Gruppe von Leser*innen die passende Geschichte ist und andere lieber zunächst zu anderen Büchern aus dem Genre greifen sollten.

Optisch ein Hingucker. Wunderschön, auch ohne Schutzumschlag. Aber holy shit – der Inhalt ist heftig!

*Vivisektionen
Ein, für Forschungszwecke, operativer Eingriff am lebenden Organismus.
*Sodomie
Sexuelle Handlungen an und mit Tieren.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆

– Weitere Eindrücke –
Arya Green Vermont °

Buchdetails
Titel: Kühe
Buchreihe: Einzelband  [ein „Festa- Must Read„]
AutorIn: Matthew Stokoe
Verlag: Festa
ISBN: 978-3-86552-528-4 [Hardcover]

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Nicole Wagner
Gast

Ich bin zwar experimentierfreudig, aber das Buch klingt mir doch zu heftig. Grad, wenn Tiere beteiligt sind, habe ich relativ frühe meine Schmerzgrenze erreicht. Dennoch ein interessanter Titel!

Liebe Grüße,
Nicole

rina.p
Gast

Uff – das klingt heftig. Das gehört bestimmt zu Festa-Extrem. Da hab ich mich noch nicht so dran getraut. Meist komme ich mit den blutigen Szenen in Büchern gut klar, da mein Gehirn das irgendwie abmildert. Aber ich erinnere mich an eine Szene in Zerfleischt von Curran – das war auch heftig. So krass beschrieben – da wurde mir auch schon anders. Ich habe auch paar Festa-Extrem hier stehen. Irgendwann….:-)

angeltearz
Gast
angeltearz

Ich glaube, das wäre gar nichts für mich. Thriller ja… Aber Horror… *grusel* :D

laberladen
Gast

Die Geschmäcker sind verschieden und auch Horror-Bücher haben ihre Berechtigung. Aber hier bin ich mir sicher, dass es für mich zu heftig zugeht. Ich frage mich auch bei solchen Büchern immer, wieso jemand so extrem schreibt und jemand so extrem lesen möchte. Den „Spaß“ daran kann ich für mich nicht sehen, so weit ins Extrem zu gehen. Hut ab, dass Du Dir das bis zum Ende „angetan“ hast und sachlich und sehr informativ darüber geschrieben hast. Das hilft mir bei der Entscheidung, das Buch auch künftig zu ignorieren.

LG Gabi

Kerstin
KeJas-BlogBuch

Janna – du kennst mich. Kein Buch für mich. Wenn es solche Themen beinhaltet und so heftiges Kopfkino auslöst – nein, da kann das Cover noch so schön sein oder die Botschaft dahinter noch so eindringlich. Aber absolut geniale Rezension
:-*

Shanlira
Gast

Oje liebe Janna,

wirklich gute Rezension. Ich bin jetzt nur echt zwiegespalten, einerseits hatte ich es nicht auf dem Schirm und wär wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen es zu lesen, aber andererseits bin ich irgendwie neugierig geworden, da es dich so geschockt hat. Wie ich es wohl auffassen würde. Schwierig, wirklich schwierig.

Liebe Grüße
Nicole

Buchbahnhof
Gast

Guten Morgen, liebe Janna,
wow, eine grandiose Rezension hast du geschrieben. Die gefällt mir sehr und ich habe sie gern gelesen. Das Buch werde ich aber definitiv nicht lesen. Danach kann ich nicht mehr schlafen. Nicht ganz mein Genre ;-)
Hab einen wundervollen Sonntag
LG
Yvonne

Marlene
Gast

Ich habe auf der Buchmesse in Leipzig ein Interview mit Edward Lee beiwohnen können. Ich wollte den Mann hinter dem ekelhaftesten und brutalsten Büchern sehen die ich kenne. Ich habe alle Bücher z.B. das Schwein nur angelesen und bei Big Head wird einem sogar schlecht Der Festa-verlag hat echt krasse Bücher. Aber das zeigt das wir doch noch nicht ganz so abgestumpft sind und das ist sehr beruhigend