KOPFKINO

Im Laufe des Lebens verliert alles seine Reize wie seine Schrecken;
nur eines hören wir nie auf zu fürchten:
das Unbekannte.

~ Marie von Ebner-Eschenbach ~ 

Dieser Beitrag schwirrt mir schon so lange im Kopf herum und gerade jetzt, in dieser dunklen Jahreszeit, begleitet er mich nahezu jeden Tag.
Es geht um mein Kopfkino, meine Furcht vor Filmen, deren Geschichten ich nahezu alle, in Buchform hingegen, konsumieren kann.
Das Gefühl von deutlichem Unwohlsein, ausgelöst von Bildern, die irgendwo noch abgespeichert sind. Das daraus resultierende Verlangen sich umzudrehen und zu schauen ob da jemand im Dunkeln steht und dem daraus folgenden schnelleren Schritt hinein ins Haus oder ins Helle. Filme mit spannender Handlung dagegen haben keinerlei Wirkung im negativen Sinne. Ist es wohl doch „nur“ diese Furcht vor dem Unbekannten?

Auslöser, für meine Gedankengänge zum „Kopfkino“, war ungewollter Maßen eine Autorin und ihr Buch. Das Cover von „Werwölfe in Aremsrath“ der Autorin Tanja Hannika, hatte mich so dermaßen in seinen Bann gezogen und um viele Jahrzehnte zurück katapultiert. Es muss irgendwann in den 80ern gewesen sein – AMERICAN WEREWOLF. Den Film habe ich damals, als Jugendliche, gesehen und es gibt immer noch eine Schlüsselszene, die ich gespeichert habe, auch wenn sonst nichts mehr zu Handlung und Darstellern hängen geblieben ist. Das Moor, die zwei jungen Männer und der riesige Mond am Himmel.

Das einzelne Bilder so viel auslösen können, kurze Sequenzen nur, Einspieler oder Momentaufnahmen, ist nichts neues. Jeder Mensch ist anders in seinen Empfindungen und was die einen ab haben können, ist für andere ein ganz furchtbarer Reizauslöser.
Bei mir sind es eben alle Komponenten die Horror ausmachen, allerdings nur durch Bilder. Deshalb schaue ich schon seit Jahren keine Horrorfilme mehr. Weder Splatter, noch solche mit paranormalen Hintergründen. Wahrscheinlich würde mir ein Großteil des Filmes gar nichts ausmachen, aber es sind eben diese einzelnen, meist ultrakurzen Sequenzen, die ich tagelang nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Schon bei einem Tatort (wer hat den mit der Vampirin gesehen?) hatte ich wirklich einen hohen Gruselfaktor, der schon in Richtung gefühlter Furcht abgleitet.
Vor Jahren habe ich mal „28 days later“ gesehen – nie wieder! Und bei TWD passe ich ganz. Warum? Weil ich eben diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekomme und spätestens, wenn ich im Dunkeln raus muss, diese mit herauskriechen.

Ganz anders ergeht es mir da bei Büchern.
Lesend kann ich (fast) alles ertragen.
Vom harmlosen Krimi, über Thriller bis hin zu Horrorromanen. Vielleicht, weil ich es eben nicht sehe? Vielleicht, weil die visuelle Wahrnehmung anders ist, als meine eigene Vorstellungskraft? Es hatte mich interessiert wie es andere lesende Menschen damit geht. Bei Janna wusste ich die Antwort sofort. Sie ist so unerschrocken in Sachen Horrorfilmen und ihre Sammlung an entsprechenden Filme riesengroß.


Eine kurze Umfrage bei Twitter hat ein paar Kommentare ergeben, mit denen ich mich sehr gut identifizieren kann.

 

 

 

 

Aber es gibt eben auch solche, neben Janna, die überhaupt kein Problem haben einen Horrorfilm zu schauen, wenn er im Rahmen der psychologischen Komponente bleibt und kein sinnloses Gemetzel ist.

Bei der Umfrage (sie ging nur über 10 Stunden) kam übrigens dieses Ergebnis heraus und es hat mich doch sehr überrascht.


„Ich sehe was, was du nicht siehst“

In diesem Beitrag habe ich ganz bewusst (und auch aus Eigenschutz) darauf verzichtet, horrormäßige Bilder zu zeigen.
Wie schnell aber aus einem harmlosen Foto ein düsteres, gruseliges, gar furchteinflößendes werden kann, zeige ich Euch einmal anhand dieser Darstellung.

Zugegeben, diese Türe ist nicht mehr die schönste.
Alt, verrostet, und der Lack blättert auch schon ab, hat sie ihre besten Tage hinter sich.

Aber sie hat eben trotzdem etwas positives. Das strahlende Blau des gespiegelten Himmels trägt einiges dazu bei.

Bearbeite ich das Bild nun, habe ich ganz schnell etwas Unheilvolles geschaffen. Liegt es an den Farben oder suggeriert man automatisch etwas negatives da hinein? Ein paar Klicks nur und schon ist das Ergebnis und seine Wirkung komplett anderes.

Wie schwer muss es also sein, eine Szene schriftlich darzustellen, um damit einen Spannungsbogen zu kreieren und dass Ganze dann ohne eine Hintergrundmusik, die dabei ist an unseren Nervensträngen zu zupfen und zu reißen?
Im Film muss der Zombie nur mal kurz in die Kamera fauchen und es stehen einem die Nackenhaare zu Berge, aber in einem Buch? Wie ist das mit dem Auto im Wald, wenn einer der Insassen meint doch mal auszusteigen und man genau, aber sowas von genau weiß was geschehen wird?
Im Film dauert es ein paar Sekunden, dann Kameraschwenk, ein Schrei – vorbei.
Dagegen im Buch? Seite um Seite, damit genau diese Szene lesend vor einem geschieht.
Von daher empfinde ich es als eine Wahnsinns Leistung, Situationen und Begebenheiten so darzustellen, dass man sie als Kopfkino miterlebt ohne dabei wirkliche Bilder zu sehen.

Zur Zeit lese ich ein Buch, in dem es jede Menge an Zombies gibt. Da es für mich aber eher in Richtung Parodie abgleitet, nicht unbedingt das beste Beispiel.
Horror in Büchern hat für mich immer sehr viel mit subtilen Geschehnissen zu tun. Es muss dabei gar nicht mal brutal zugehen. Wer je einen Don Winslow gelesen hat, weiß was brutale Szenen sind und mit Richard Laymons Geschichten fange ich erst gar nicht an.
In „Birdbox“ gab es eine Szene die mir die Furcht den Nacken hochkriechen lies. Die Situation an dem Brunnen, als Malorie (ob einer Augenbinde) nicht sehen, sondern nur fühlen konnte. Diese schriftliche Darstellung hatte für mich auch einen hohen Gruselfaktor, und es war wieder dieses Unbekannte und die Furcht davor.
Auch in „Der Übergang“ von Justin Cronin empfand ich viele Stellen als sehr furchteinflößend und doch habe es, durch die ganze Geschichte an sich, nur positiv in Erinnerung.

Jedes Buch hat dir etwas zu sagen. Jedes eine Botschaft an dich. Jedes hat dir Kräfte zu spenden. Keines ist um seiner selbst willen da. Jedes ist um deinetwillen geschrieben: um dir einen Weg zu zeigen, – den Weg zu dir selbst. Das tun auch solche Bücher, die jede Frage in dir zum Widerspruch aufpeitschen.
Carl Christian Bry (1892 – 1926), eigentlich Carl Decke, deutscher Schriftsteller

In dem Sinne gehe ich dann mal lesen – da wartet ja noch ein Werwolf auf mich ;-) und wie heißt es immer so schön „Am Ende des Tunnels das Licht sehen“- da kann es noch so düster sein, es wird immer wieder hell.

Wie geht es Euch mit diesen Büchern?
Verzichtet Ihr auf Horror in Büchern oder machen Euch diese Geschichten nichts aus?

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Diana
Gast

Ein sehr interessanter Beitrag. :)
Ich mag Horror in jeglicher Form, sei es als Buch oder als Film. Wobei ich es nicht mag, wenn es einfach nur um Gemetzel geht. Es muss schon gruseln, aber mit Stil. :D
Ich habe auch immer großen Respekt vor den Autoren, die Horrorromane schreiben und einen Leser gruseln, weil ich es mir wahnsinnig schwer vorstelle. Wie du schon sagst, ein Bild im Film ist da wohl leichter „herzustellen“.
Liebe Grüße
Diana von lese-welle.de

Gabi
Gast

Eine interessante Fragestellung! Ich bin eigentlich bei beiden Medien nicht wirklich empfindlich, kann so gut wie alles lesen und mir auch so gut wie alles ansehen. Dabei fällt mir ein – es wird wieder mal Zeit für ein Re-Watch von „28 days later“ :-) Es gibt aber schon Filme oder Bücher, die bei mir genau den Punkt treffen, an dem der Grusel ausgelöst wird. Ich konnte z. B. Stephen Kings „Es“ nicht lesen, wenn ich alleine im Haus war, weil ich mich zu sehr gegruselt habe und wissen musste, das jemand in der Nähe ist. Genauso geht es mir mit… Read more »

Jenny
Gast

Ich bin da sehr ähnlich wie, Horrorfilmen kann ich nichts abgewinnen, wobei mich das paranormale mehr abschreckt. Geister, Dämonen oder unsichtbare Kräfte finde ich schrecklich, da ich hier nicht mehr richtig differenzieren kann. Splatterfilme sind da weniger schlimm, müssen aber einfach auch nicht sein.
In Büchern kann ich das auch viel besser ab. Warum, weiß ich nicht, wahrscheinlich liegt es aber auch daran, dass ich eh kaum in die Richtung lese. Thriller und Co machen mir genauso wenig aus wie Splatter, richtige „Geistergruselgeschichten“ lese ich kaum, abgesehen von den Gänsehaut Büchern als Kind :D

Liebste Grüße
Jenny

Christin
Gast

Hehe – ich und kein Horror XD Muahahaha! Wobei ich ja auch auf twitter schon zugestimmt hab, dass der unterschwellige Horror meist viel besser ist, wie sinnloses Abschlachten von Menschen. Deshalb find ich Laymon zum Beispiel nicht immer gruselig. Aber es gibt Bücher von ihm – seine hellen Moment – die sind richtig derb und böse. Sobald er jedoch in den Metzel-Modus umspringt und einfach Blut fließt, das man schon 10 Meilen gegen den Wind riecht, berührt es mich nicht mehr. Die Emotionen müssen wach gerüttelt werden! Gleiches gilt für Filme. 0815- Jump & Scare lässt mich gähnen. Zu den… Read more »

Anja aka Ana
Gast

Hallo, Hallo,

es gibt viele Menschen, die so ticken.

Ich kann beides und gehe auch gerne ins Kino für Horrorfilme.
Allerdings schlafe ich danach schlechter, als nach einem adäquaten Buch.

Danke für den Einblick und diesen Beitrag.

LG

Anja