„Karussell“ | Pavo Pejić

Das Buch wurde mir vom BOD Verlag und dem Autor kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


…und alles dreht sich…

„Dort oben rauchten wir dann Zigaretten und blickten auf den Spielplatz herab mit einer Geringschätzung, als würde uns das alles – die verbeulte Rutsche und der klumpige Sand, das Klettergerüst und die Federwippen im Tierdesign, auf denen wir jetzt nicht mehr sitzen konnten, ohne unkontrolliert auf eine Seite zu kippen – schon lange nicht mehr interessieren, als wären wir nie hier gewesen und auch nie todtraurig darüber, wenn unsere Mütter uns am Ende des Tages abholten und wieder mit nach Hause nahmen.“

Klappentext

Als Kinder wollten wir fliegen.

Seite 7

Ganze 100 Seiten umfasst dieses Buch und ich war mir nicht sicher, ob ich anhand des Klappentextes einen Zugang zu der Geschichte finden würde.

Natürlich hatte ich vorher recherchiert, gerade das Debüt des Autoren Pavo Pejić „Pusskiller“ war ein immenser Reiz dieses Buch zu lesen. „Pussykiller“ ist nicht mehr im Handel erhältlich, nur noch als gebrauchtes Exemplare, aber die wenigen Rezensionen dazu sprechen ihre eigene Sprache und so wollte und durfte ich „Karussell“ lesen.

Schon die ersten Worte holten mich ab, komplett mit der Beschreibung zu diesen Karussells. Habe ich diese doch selbst abgöttisch geliebt und mir mehr als einmal blauen Flecken an den Schienbeinen geholt, weil das Abspringen nie perfekt gelang.

Es ist genau dieses Abspringen in der Erzählung um und von Paul, dem Ich-Erzähler.
Dem Sprung vom Kind sein in das eines Jugendlichen. Das Testen und Ausprobieren, dem Ausloten vom Situationen und Hinterfragen von Zuständen. Ein 15jähriger unter 15jährigen. Problemkinder würden manche sagen und dabei vergessen hinter die Kulissen zu schauen, wie es überhaupt dazu kam. Hausgemachtes das ins Eingemachte geht.

Alles wird immer schlechter, schloss er desillusioniert und bitter.

Seite 77

Pauls Schilderungen sind knapp und präzise.

Er redet und erzählt, über sich, seine Kumpel Dominik und Tobias, aber ganz besonders über Marko. Ein Freund? Ein Seelenverwandter oder einfach ein anderer Mensch, dessen familiäre Hintergründe genauso den Bach runter gehen wie sein eigenes Leben?
Vorprogrammiertes kollektives Versagen. Dabei ergeht sich Paul gar nicht in Vorwürfen oder Schuldzuweisungen, sondern skizziert einfach all das was da ist. Sein Leben, seine Eltern, die seiner Freunde und deren Umfeld. Nicht schön, aber immer wieder einen Versuch wert.

Die Erzählung fließt von einer Erinnerung in die nächste, nicht immer in einer genauen chronologischer Abfolge und der Aufbau im Inneren macht es einem nicht immer leicht.
Keine Absätze, keine Kapitel, sondern durchgehend, wie das Leben an sich selbst. Wenn es einen mit seinen 15 Jahren vor Herausforderungen stellt und alles, mittels dieses Revue passieren und eben die besonderen, wenn auch nicht immer positiven Erlebnisse, einfach wieder hochkommen. Pauls Schilderungen beziehen sich viel auf Alltäglichkeiten, dem Schwänzen der Schule, Streitereien unter den Freunden ebenso wie mit Unbekannten. Er zweifelt vieles an, hinterfragt sich selbst und sein damaliges Verhalten. Rückblicke zu Verhaltensmuster, die er vielleicht gerne geändert sähe.
Es gibt auch gewalttätige Situationen und eine immer wiederkehrende große Schuldfrage, die insbesondere Marko betrifft. Dabei steht aber deutlich mehr zwischen den Zeilen und der Autor versteht es Dinge anzusprechen, ohne sie beim Namen zu nennen. Auch hier sind Pauls Zweifel stark in den Dialogen spürbar.

Das Cover offenbart auch erst auf den zweiten Blick seine Besonderheit. Aus der Ferne betrachtet scheint der Wolkenhimmel, mit diesem Ausschnitt eines Daches nichts außergewöhnliches zu sein.

Erst wenn der Fokus verschiebt wird, kommt die Katze zu Vorschein und dann, ganz klein, etwas links daneben der Vogel. Ein genialer Schnappschuss, beabsichtigt oder unerwartet, interpretiere ich da wieder einmal etwas hinein.

Der Mensch, insbesondere Paul und seine Freunde, könnten die Katze sein.

Mit ihren sieben Leben und der Zuversicht immer wieder auf den Füßen zu landen. Oder der Vogel, der sich einfach über alles erhebt und davon macht. So oder so, mich haben diese 100 Seiten sehr in ihren Bann gezogen und auch wenn es etwas voyeuristisches hatte, die Art des Autoren, diese Erzählung genauso und nicht anders zu gestalten, ist für mich ein gelungenes Werk.

Die Sprache passt zu diesen Jugendlichen. Sie ist klar, ohne Schnörkel und verzichtet auf Plattitüden oder klischeehaftes Getue. Durch Paul kommen die Gedanken und Emotionen gewaltig zu Vorschein und trotz der sozialen Umstände, dem Versagen von Erwachsenen oder eigenen Schwächen, ist es ein durchaus positives Buch.

Ausschnitt aus „Karussell“, mit freundlicher Genehmigung des Autoren.

Die Ahnung, dass es dort weiter ging, dass es mehr gab.

Seite 100

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆


  – Weitere Eindrücke –
InKulurA-online 
Buchstabenträumerei

Zum Autor:
Geboren 1984 ist Pavo aufgewachsen in Hamburg als drittes Kind bosnisch-kroatischer Eltern.
Er sagt über sich selbst: Als Jugendlicher war ich Schulschwänzer und bin zwei Mal sitzengeblieben. Über den Umweg Tourismus („Zur Stadtrundfahrt! Zur Stadtrundfahrt!“) bin ich an mein Studium Sozialarbeit in Hamburg gekommen. Ich sage immer: „Ich habe den Studiengang bloß deshalb gewählt, weil der am aller wenigsten mit Mathematik zu tun hatte.“ Weil ich leider oft vergesse, dabei zu lächeln, während ich Witze erzähle, denken die meisten Menschen, ich meine das ernst. Meinen ersten Roman, Pussykiller, habe ich zum Ende des ersten Semesters begonnen. Ich hatte die Wahl, entweder für die Prüfungen zu lernen, staubzusaugen oder eine Geschichte zu schreiben. Die Geschichte hat einen knappen Sieg gegen das Staubsaugen davongetragen. Später erfuhr ich, dass es für diese Art des Vermeidungsverhaltens die Bezeichnung „Prokrastination“ gibt.


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Buchdetails
Titel: Karussell 
Buchreihe: Einzelband || 100 Seiten
Autor: Pavo Pejić
Verlag: Selfpublisher | BoD – Books on Demant
— Rezensionsexemplar —

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