„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Das Buch wurde mir vom Rowohlt Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.

Inhalt laut Verlag

Dieser nach Gestapoakten geschriebene Roman des volkstümlichen deutschen Erzählers schildert das Schicksal des Berliner Arbeiterehepaars Quangel, das, vom Kriegstod des Sohnes aufgerüttelt, Widerstand auf eigenen Faust wagt. Die Maschinerie eines brutalen Totalitarismus zermalmt die alten Leute schließlich.
Mit einem Nachwort zur Entstehungsgeschichte des Romans

…und überall war Angst…

Aber nicht mit dem Tode wollen wir dieses Buch beschließen, es ist dem Leben geweiht, dem unbezwinglichen, immer neuen über Schmach und Tränen, über Elend und Tod triumphierenden Leben.
(S. 686)

Es beginnt mit einem Brief, den die Briefträgerin Eva Kluge zustellen muss. Sie weiß was darinnen steht und die Empfänger ahnen es. Eine Todesnachricht, der einzige Sohn ist gefallen, irgendetwas über Ehre und Stolz und Vaterland. Punkt. Ende. Aus!
Doch diese Erkenntnis, dass ihr Sohn nicht der einzige ist und sein wird, führt dazu das ein Vater und eine Mutter beschließen nicht mehr tatenlos herumzusitzen, sondern etwas tun wollen, nein, sogar müssen, damit sie nicht wahnsinnig werden, in dem Wahnsinn des Nationalsozialismus während des zweiten Weltkrieges.

Basierend auf der realen Hintergrundgeschichte um das Ehepaar Elise und Otto Hampel, hat Hans Fallada zwar eine fiktive und doch erschreckend real wirkende Geschichte gesponnen. Ein paar Seiten einer Gestapo-Akte, über diese zwei Widerständler aus Berlin, genügtem ihm um damit 700 Seiten zu füllen. Er konnte sie nicht mehr dazu befragen, beide wurden bereits 1943 wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtet. So hat er die Geschichte um das Ehepaar herum geschrieben. Ihre Verhaltensweisen, Gedanken, Gespräche und Taten, so wie er es sich vorstellte. Alles rein fiktiv, selbst die Namen wurden andere. Aus Elise und Otto wurde das Ehepaar Anna und Otto Quangel und diese begleiten einen durch dieses Buch und bleiben auch danach noch sehr lange präsent.

Wir leben nicht für uns, sondern für die anderen. Was wir aus uns machen, machen wir nicht für uns, sondern nur für die anderen…
(S. 584)

Nun sollte man aber nicht meinen, dass es nichts anderes im Buche gäbe als diese zwei Menschen, die damit beschäftigt sind heimlich Postkarten zu schreiben, um diese in einem unbeobachteten Moment in den Treppenhäusern gut frequentierter Häuser abzulegen. Es ist ein Kommen und Gehen in dem Buch und viele der Charaktere begleiten einen bis zur letzten Seite, während andere wiederum irgendwann dem Krieg und dem damit verbundenem Irrsinn zum Opfer fallen.

Im Hause der Quangels wohnen auch die Persickes, glühende Anhänger der Partei und alles andere als angenehme Zeitgenossen. Man geht ihnen aus dem Weg, besser ist das. Oben unter dem Dach wohnt die alte Frau Rosenthal und trotz der freundlichen Hilfe einiger der Hausbewohner ist sie, als Jüdin, aller Willkür ausgesetzt. So lernt man auch den Enno kennen und den Barkausen. Tagelöhner, Nichtsnutze, Diebe. Ihre Frauen bekommen auch gleich das Fett weg, die eine als Hure verschrienen, der anderen drohen Sanktionen weil sie aus der Partei austritt.
Es gibt noch einen Stall voller Kinder, kleine und große. Dementsprechend fallen die Sorgen aus.

Die Verwicklungen der einzelnen Charaktere bilden eine grundsolide Geschichte und die Dialoge sind in ihrer Ursprünglichkeit und den Dialekten eine Zeitreise.
All diese Menschen begegnen sich untereinander, haben etwas gemein oder etwas das der andere will oder eben auf gar keinen Fall will. Nun noch die von der Gestapo kommandierten Kommissare und Ermittler hinzugefügt, dann ist alles komplett. Das Ergebnis – ein Buch voller Angst!
Zu spüren auf jeder Seite, in jedem Gespräch und Gedanken. Immer auf der Hut sein, aufpassen, Vorsicht walten lassen. Ein falscher Satz und man wird denunziert. Die Nachbarschaft ist da sehr effektiv unterwegs gewesen. Lag es an Neid und Missgunst? Wie dumm musste man sein? Wurde zum eigenen Vorteil ganz bewusst in Kauf genommen, dass ein harmloser Mensch im Gefängnis und danach im KZ landete? Wollte man sich bereichern? Eine bessere Wohnung? Eine bessere Arbeit? Oder wollte man eben nicht, dass andere etwas hatten oder konnten? Wie furchtbar muss diese Zeit gewesen sein, in der nicht einmal innerhalb der Familie aufeinander acht gegeben wurde?

…aber nun war die Angst zwischen sie gekommen, und die Angst hatte das Misstrauen mit sich gebracht
(S.212)

Otto und Anna begeben sich mit dem Verteilen ihrer Postkarten in Lebensgefahr und beide wissen es. Ein einziger dummer Zufall kann sie zur Strecke bringen oder ein neugieriger Nachbar, der am Türspion steht und die Nachbarschaft beobachtet.
Aus einer Karte die Woche wurden immer mehr und zwei Jahre lang ging alles gut. Zwei Jahre in dem Widerstand geleistet wurde und zwei Jahre die geprägt waren von Furcht vor dem Entdecken. Die Schlinge zieht sich zusammen, nicht nur für die Quangels. 

Sondern wenn eines half, so war es Mut. Nichtfeigesein, Nieangsthaben.
(S.330)

Man sollte bedenken das dieses Buch von Fallada nach Kriegsende geschrieben wurde, innerhalb kürzester Zeit als er selbst gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe war. So könnte man auch bedenken das die Sprache altbacken wirkt, aber ich habe eben diese Sätze so genossen. Eine wunderschöne Formgebung der Worte. Sätze, die all das widerspiegeln was sich in der Zeit zugetragen hat. Trotz all der negativen Wirkung bleibt hier und da etwas positives zurück. Gewissheit, dass eben nicht alle weggesehen haben, sondern aufrütteln wollten gegen diese Politik der Unmenschlichkeit. Auch wenn es still und leise und heimlich geschehen musste.

Zwei scheinbar unbedeutende Menschen, die mit ihren selbst geschriebenen Karten solch einen Schrecken in den Reihen der Nationalsozialisten verursachten, zeigen das jeder einzelne im Widerstand wichtig und von immenser Bedeutung war.

Es war eine logische Konsequenz wie das Buch endet. Der Autor Hans Fallada hat vieles ausgeschmückt ohne es kitschig wirken zu lassen. Eine mir sehr persönlich wirkende Geschichte, in der der Widerstand enorm wichtig ist und doch eben diese Angst und die Hilflosigkeit der Menschen am prägnantesten ist.
Absolut lesenswert!

Das Nachwort sollte ebenfalls gelesen werden. Dort bekommt man sehr informatives Hintergrundwissen zum Entstehen von „Jeder stirbt für sich allein“.

Ich kann nicht die Hände in den Schoß legen und sagen: Die sind zwar Scheine, aber was geht es mich an?
(S. 396)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: Jeder stirbt für sich allein
Buchreihe: Einzelband  (Neuausgabe)
Autor: Hans Fallada
Verlag: Rowohlt  
— Rezensionsexemplar —

6
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Pink Anemone
Gast

Hallo Kerstin,
eigentlich wollte ich ja nur still und leise stöbern, aber hier muss ein Kommentar her. Ich habe vor Jaaahren dieses Buch gelesen und noch immer ist es mir in Erinnerung. Erschütternd, schockierend, zum Heulen und doch auf aufrüttelnd und bestärkend. Damals habe ich mir das Buch in der Bibliothek ausgeliehen und ich schätze es wird wohl Zeit, mir das Buch selbst zuzulegen. Dieses Buch hat nämlich einen Reread verdient.

Vielen Dank für die tolle Rezension
LG Conny

monerl
Gast

Liebe Kerstin,
toll, dass dich das Buch so mitgerissen hat! Es steht auch auf meiner Wunschliste. Der Autor insgesamt muss von mir noch entdeckt werden, denn ich kenne noch kein einziges Buch von ihm. Aber bald ist er dran! hihi
Eine sehr schöne Rezi, die mich überlegen lässt, ob ich mit diesem Buch anfangen soll.
GlG, monerl

Nicole “NiWa” Wagner
Gast

Hallo Kerstin,

eine ganz wunderbare Rezension zu einem erschütternden Buch! Mich hatte es ebenso gepackt, obwohl die Sprache nicht besonders modern ist. Bei mir ist es zwar schon länger her, dennoch weiß ich noch, dass es mich stark beeindruckt hat.

Liebe Grüße,
Nicole