„Jagdtrieb“ | Hendrik Esch

Das Buch wurde mir über das „Random House Bloggerportal“ vom Goldmann-Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Der junge Anwalt Paul Colossa aus München erbt nach dem überraschenden Selbstmord seines Onkels dessen Kanzlei in Neustadt in der bayerischen Provinz – und damit eine Menge kurioser Fälle. Wie den der hübschen Maja, Tochter des zwielichtigen russischen Unternehmers Victor Rivinius. Maja wird von ihrem Ex-Geliebten gestalkt, und Colossa soll vor Gericht ein Kontaktverbot erwirken. Dabei erliegt Colossa prompt selbst den Reizen der jungen Frau. Blind vor Liebe verstößt er gegen alle Regeln – und übersieht, wie sehr Maja in die dubiosen Machenschaften ihres Vaters verstrickt ist. Unversehens befindet er sich mitten in einer höchstgefährlichen Jagd …

Von Jägern und Gejagten

Vergesst den Wolf auf dem Cover, er kommt in der Geschichte nicht vor. Es gibt auch keine Tannenwälder oder gar Schnee. Das strahlende Weiß könnte eher für Pauls smartes Grinsen stehen, so rein sinnbildlich gesehen, genau wie der Wolf, der Tannenwald und der Schnee. Aber genial ist das Cover schon, oder?

Es gibt Dinge die kann man nicht ändern.
(S. 20)

So ist es mit Pauls Onkel Oscar. Der erfolgreiche Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei hat das Zeitliche gesegnet und im Vorfeld sehr bestimmend festgelegt, wie es nach seinem Tode weitergehen soll. Nun kann sein Neffe Paul, seines Zeichens ebenfalls Rechtsanwalt, endlich sagen Meine Villa, mein Auto, meine Kanzlei und damit auch meine verdammten Fälle und Mandanten.
So ganz nebenbei „erbt“ er auch noch Fräulein Christina (die über alles und jeden in der Kanzlei wacht), Micha (hier wird sich noch etwas offenbaren) und Liliane Draxler (sie tippt schneller als Lucky Luke schießen kann). Eventuell gibt es auch noch eine Barbara in der Wohnung über der Kanzlei?

Das Buch startet rasant aber nicht überdreht mit Paul, einer Beerdigung, dem Einzug in die Kanzlei und seinem ersten Fall. So ganz nebenbei erwähnt, es ist keine gute Idee Handys in Gräber zu werfen, aber das muss man sich selbst erlesen, auch das Gottesmänner in Pauls Augen (hier mache ich jetzt keinen Witz) mal schlecht abschneiden.
Es ist aber nicht nur Pauls erster Fall, an dem er gewaltig zu knabbern hat. Denn irgendwie stimmt da was nicht, mit Oscars Tod, dem Bücherregal, Fräulein Christine und dem Vater seiner Mandantin Maja.

Paul Colossa ist ein sympathischer Charakter. Recht locker drauf aber nicht flapsig. Er hat klare Ansichten und vertritt diese auch. So nimmt er Maja, die unter einem Stalker leidet unter seine Fittiche und will den Typen zu Strecke bringen. Wäre da nicht eben erwähnter Vater, denn dieser Mann gehört zu denen, die neben der Macht auch das nötige Kleingeld haben alles selbst zu regeln.
Ich würde Paul nicht als Frauenheld bezeichnen, dafür ist er stellenweise wirklich zu tollpatschig und verklemmt. Außerdem hat er gerade erst eine Beziehung hinter sich, auch bedingt durch den Umzug in die niederbayrische Provinz.

Letztlich war Paul Colossa doch eher ein Jäger als ein Sammler.
(S. 275)

Mit Paul streift man durch die Kanzlei und findet dabei so manches Verborgenes. Onkel Oscar hatte es wirklich faustdick hinter den Ohren. Der Fall um Maja entpuppt sich immer mehr als gefährliches Unterfangen und so kommt es, dass Paul immer Mal wieder in Situationen gerät, die nicht gerade harmlos sind. Dabei kann er sich aber auch selbst die Hände schmutzig machen, wenn es die Situation erfordert. Er ist definitiv kein Haudrauf sondern eher der Denker, der gerne auch der Gefahr ausweicht. Allerdings hat er keine Hemmung wenn es darum geht eine Straßenlaterne zu erschießen *lach*. Das sind so diese herrlich skurrilen Situationen im Buch, die es eben nicht als normalen Kriminalroman klassifizieren, sondern es schon besonders machen. Generell empfand ich diese Kanzlei als sehr außergewöhnlich, auch wegen den dort angestellten Frauen, die trotz oder wegen ihrer Besonderheiten eine ganz große Fülle an Vielfalt und Frauenpower in diese Geschichte tragen. Paul bleibt dabei aber nicht klein, sondern passt in diese illustre Runde als ruhender Pol. Gemeinschaftssinn und gegenseitiger Respekt wird bei den Colossas groß geschrieben. Auch wenn da etwas aus der Vergangenheit im Argen lag. Eine Art Familiengeheimnis, was mysteriös wirkt aber letztendlich eine logische Aufklärung erfährt.

Das, was das Leben eines Rechtsanwaltes ausmacht, ist gänzlich verschieden vom Rest der sterblichen Menschheit. Einzig Schauspieler, Prostituierte oder Butler mochten ein im Ansatz vergleichbares Leben führen.
(S. 399)

Die Geschichte ist gespickt mit vielen kleinen und feinen Geschehnissen. Manche nur so am Rande, kurze Einspieler, Begegnungen und Situationen. Oft humorvolle Erlebnisse, die durch den Schreibstil erst den richtigen Ton erfahren. Sei es ein älterer Richter, der an Coolness kaum zu überbieten ist oder Paul selbst, der gerne mal in ein Fettnäpfchen tritt, aber ehrlich genug ist dies zuzugeben. Allerdings gibt er nicht so schnell auf und ist auch bereit seinen Kopf hinzuhalten. Das dies im wortwörtlichen Sinn ins Auge gehen kann (sorry, das Wortspiel musste jetzt sein) erfährt man auch noch.

Die Gestaltung im Inneren ist durch die Kapitel sehr übersichtlich. Jedes enthält eine Überschrift mit entsprechenden Erklärung und alles hat etwas mit der Jagd zu tun. Hier war ich jedes Mal wieder aufs neue gespannt, was nun kommt. So ganz nebenbei erweitert es das Allgemeinwissen – ich liebe so etwas.

Da der Autor selbst Rechtsanwalt ist, habe ich die Schilderungen im Umgang mit Mandanten, vor Gericht und die ganzen entsprechenden Vorbereitungsarbeiten und Recherchen als sehr authentisch dargestellt empfunden.
Diesen Kriminalroman kann ich allen empfehlen, die auf Action á la Hollywood verzichten können und lieber gut gezeichnete Charaktere lesen möchten. So nebenbei gibt es natürlich auch Spannung, allerdings eher auf die unterschwellige, Neugierde weckende Art.

Dieses Buch ist übrigens ein Debüt – EIN DEBÜT –  und großartig vom Stil her. So locker flockig, selbst bei eingebauten Urteilen, Rechtshinweisen oder sonstige, für mich als Laie unbekannte Welten der Justiz, niemals langatmig oder gar übertrieben im Fachjargon.
Paul Colossa ist der coole, pfiffige Charakter mit Herz und Seele. Er wird sich mit Sicherheit noch weiter entwickeln, ich hoffe im positiven Sinne, denn erstens ist er echt noch jung und zweites wird oder soll es eine Reihe um den Rechtsanwalt geben. Hier bleibe ich auf jeden Fall am Ball, egal wie das nächste Cover aussehen wird.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

(c) Hendrik Esch

Paul Colossa hat übrigens eine eigene Homepage.
Oder gehört sie dem Autoren Hendrik Esch?
Bevor ich da etwas falsches sagen, frage ich lieber erst einmal einen Anwalt.

Wer mehr wissen möchte, z. B. über Toiletten in Gerichten, Stinkefinger und verdammte Fälle kann sich *HIER* austoben.
Da sind einige sehr interessante Dinge dabei.


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Buchdetails
Titel: Jagdtrieb
Buchreihe: Einzelband 
Autor: Hendrik Esch
Verlag: Goldmann [Random House]
— Rezensionsexemplar/Bloggerportal —

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6
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Hendrik Esch
Gast

Ein Roman offenbart immer einen tiefen Blick in die Seele eines Autors. Deshalb tun Kritiken manchmal sehr weh. Und Lob, das fühlt sich manchmal wie Fliegen an. Deine Rezension war wie Segeln im Sommerwind, so etwas ist so unglaublich motivierend! Herzlichen Dank! Hendrik Esch

Tintenhain
Gast

Tolle Rezension – und ja, das Cover hat was! :-)

Nicole “NiWa” Wagner
Gast

Guten Morgen!

Na, das klingt sogar richtig charmant. Überdrehte Action-Streifen brauche ich weder im Kino noch als Buchversion, da könnte das ja ein ansprechender Krimi für mich sein.

Danke für den interessanten Tipp!

Übrigens, spannend, dass das Cover gar nichts mit der Geschichte zutun hat. Bei der eindrucksvollen Aufmachung hätte ich eine ganz andere Art von Buch erwartet.