„Irmas Enkel“ | Leandra Moor

Das Buch wurde mir vom Tredition Verlag und der Autorin kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Wie wird der Mensch, der er ist?

Als Anni 1946 zum zweiten Mal vor den Traualtar tritt, schließt sie mit ihrem Leben ab. Die vergangenen Jahre haben ihr die Familie geraubt, das Hoffen hat sie verlernt. Ihr einziger Anker ist das Versprechen einer Wahrsagerin, was sie zwingt, diesen Kerl aus dem Nachbardorf zu ertragen. Egal zu welchem Preis.

Auf der Suche nach Lücken in ihrer Familienbiografie trug die Autorin berührende Lebensepisoden zusammen. Der Kern jeder Geschichte war das Dilemma des Schweigens und dessen Weitergabe an die nächste Generation.

Die Geschichte von Irmas Enkeln versinnbildlicht das Empfinden jener Zeit. Hätten sie sich den Gegebenheiten der Jahrzehnte, in die sie hineingeboren wurden, entziehen können?

Inhalt laut Klappentext

Sehr Ihr das kleine Mädchen, da vorne am Gartenzaun?

Mit ihrem hübschen, aber doch schlichten Kleid, inmitten ihrer zwei Brüder? Dahinter, auch fein herausgeputzt, steht ihre Mutter Helene und die alte Frau, die da am Fensterrahmen lehnt und kaum zu erkennen ist, das ist Irma.
Ein alte Fotografie, in Sepiatönen und von eher schlechter Qualität, zeigt drei Generationen und wie heißt es immer so schön „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“.
Was sagt das Foto aus? Es ist alt, ohne Frage. Diese Familie ist nicht wohlhabend, das Haus eine kleine Kate und diese fünf Menschen haben sich für genau diesen einen Augenblick zurecht gemacht. Es könnte nahezu überall aufgenommen worden sein und doch sticht da etwas ins Auge. Die Männer fehlen. Kein Großvater, kein Vater, kein Ehemann und so beginnt auch diese Geschichte. Mit dem Hintergrund warum weder Irmas, noch Helenes Mann zugegen ist.

Ich lebe und das reicht.

Seite 251

Leandra Moor hat diese biografischen Roman aus vielen kleinen Geschichten zusammengetragen, aber dabei hat sie nichts zerstückelt oder zusammengeklebt. Viel mehr wird in der Geschichte der Lebensweg dieses kleinen Mädchens aufgezeichnet. Anni, ohne Vater aufgewachsen, da dieser im 1. Weltkrieg fiel. Begraben konnten sie nur seine Seele, auf dem Friedhof, in einer kleinen abgelegenen Ecke. Dieser Ort wird immer wieder ein Ort der Einkehr für Anni werden und stetig im Buch vorkommen.
Annis Verhältnis zur Mutter ist herzlich, ebenso wie zu ihren Brüdern.
Die Zeiten sind schwer. Als alleinstehende Frau ist die Arbeit auf dem kleinen Hof mühselig und so sind die drei Kinder schon früh an harte Arbeit gewöhnt.

Die Autorin nimmt einen mit in diesem kleinen Ort und hinein in die Kate und auf den Hof. Sie lässt einen teilhaben an dem Leben der Familie, an Freud und Leid.
Die Kinder werden größer, erwachsener und so findet sich auch bald für alle von ihnen eine Liebe. Wie schön könnte es sein, wäre da nicht diese Zeit, das aufkommende neue politische Klima und der unausweichliche Krieg. Anni muss ihre Brüder loslassen und auch die Liebe ihres Lebens. Aus harten Zeiten werden härtere und insbesondere auf ihre Mutter kann Anni nicht mehr zählen, diese hat sich komplett in sich zurückgezogen und damit ist Anni allein auf sich gestellt.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Die erste Hälfte beginnt so um das Jahr 1918 und führt bis in das Jahr 1946. Fast 3 Jahrzehnte, in denen aus dem Kind Anni eine Halbwaise, Jugendliche, junge Frau, Ehefrau und Witwe wird. Zeiten in denen es heißt Glück zu suchen, es zu finden und wieder zu verlieren. Zeiten, in denen geschuftet wird bis zum umfallen, aber auch getanzt und gelacht. Bis sich alles verdüstert, die Männer in den Krieg ziehen und dort bleiben. Zeiten, in denen man besser den Mund hält, sich fügt, arbeitet, hungert und versucht nicht aufzufallen.

Annis Leben ist eine Etappe im Zeitraffer, aber die Geschichte rennt nicht durch die Seiten. Leise und behutsam führt die Autorin durch dieses Leben. Bereitet kleine Details und Besonderheiten, lässt einen mitfühlen ohne sich in kitschigen Klischees zu verlieren. Vielmehr gewinnt man mit jeder Seite mehr an Zuneigung zu Anni.

Zu ertragen, wie der Hörfunk den neuen Krieg in ihr Zuhause jaulte, war zu viel für sie.

Seite 55

Im zweiten Teil des Buches erfährt man über Annis Leben ab Weihnachten 1946, warum sie so einsam in ihrer Kate sitzt und auf was sie sich innerlich und schweren Herzens vorbereitet hat. Es steht im Klappentext und ist eine weitere von vielen Episoden in ihrem Leben. Die Heirat mit einem ihr fast unbekannten Mann, weniger aus Liebe, dafür mehr um den Hof halten zu können und vielleicht auch um das Glück zu finden, dass ihr all die Jahre verwehrt blieb.

Das dieser Mann solch ein Narziss ist und eine mehr als dunkle Vergangenheit hat, war mir schnell klar. Die Autorin schildert sehr schonungslos und wieder wird die Rolle der Frau nicht als die eines Opferlamms dargestellt, sondern als eine, die sich ihrer Situation absolut bewusst ist und irgendwie versucht aus allen das Beste zu machen. Anni ist keine Duckmäuserin, aber das Leben hat sie gelernt dass es Dinge zu ertragen gibt, die eben nur Frauen ertragen können. Mal abgesehen vom Schweigen über bestimmte Vorkommnisse und dem hinnehmen von Gewalt, ist es ganz oft diese Einsamkeit, denn trotz all der Gemeinsamkeiten, bleibt oder blieb doch jede alleine für sich.

Ein Quäntchen Glück war in ihre Seele geströmt, was jedoch abrupt verebbt war,…

Seite 247

Während im ersten Teil so viel über die Lebensumstände während des Krieges erzählt wird, kommt es im zweiten zu Schilderungen rund um die Schließung der Grenzen, Ostdeutschland entsteht, Genossenschaften werden fester Bestandteil der Landwirtschaft und wieder heißt es „Schnauze halten“ und mitmachen.

Annis Geschichte ist ein Beispiel für die Zeiten, in denen Frauen größtenteils auf sich allein gestellt waren. Der Beginn des Krieges, Ehemänner, Brüder, Väter, Freunde ziehen von dannen und was zurückbleibt ist nicht nur Einsamkeit, sondern auch die Gewissheit, dass in nahezu jedem Haus ein Mensch nicht mehr zurückkommen wird. Kämpfe, Bomben, Fliegeralarm werden zum grausamen Alltag. Flüchtlinge, Arbeitseinsätze, Mangelversorgung und Hamsterkäufe gehören ebenso dazu. Mit Ende des Krieges kommen die neuen Herren, vertreiben die alten oder setzen solche an Stellen, die sich wieder an der Macht berauschen. Gewalt an Frauen ist an der Tagesordnung, Körper als Tauschobjekte, damit es etwas zu säen gibt, auch wenn oft eine Frucht entsteht, die nicht gewollt war, aber doch angenommen wird.

Mich hat das Buch ungemein gefesselt. Der lockere Stil dieses Erzählens, die Erinnerungen, Rückblicke, Begebenheiten, Dialoge, Selbstgespräche und immer wieder historische Besonderheiten prägen die Geschichte und alle vorkommenden Figuren.
Irmas Enkel könnten hier um die Ecke wohnen, all dies oder ähnliches erlebt haben.

Das Ende des Buches hat solch eine tiefe Melancholie und besser hätte die Autorin diese Lebensgeschichte nicht abschließen können. Danke für diesen besonderen Tanz.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
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Buchdetails
Titel: Irmas Enkel
Buchreihe: Einzelband, 487 Seiten
Autorin: Leandra Moor
Verlag: Tredition [Selfpublishing]
— Rezensionsexemplar —

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