„Into the water“ von Paula Hawkins

Die Gefahr der Wahrnehmung

Inhalt laut Verlag:

»Julia, ich bin’s. Du musst mich anrufen. Bitte, Julia. Es ist wichtig …« In den letzten Tagen vor ihrem Tod rief Nel Abbott ihre Schwester an. Julia nahm nicht ab, ignorierte den Hilferuf. Jetzt ist Nel tot. Sie sei gesprungen, heißt es. Julia kehrt nach Beckford zurück, um sich um ihre Nichte zu kümmern. Doch sie hat Angst. Angst vor diesem Ort, an den sie niemals zurückkehren wollte. Vor lang begrabenen Erinnerungen, vor dem alten Haus am Fluss, vor der Gewissheit, dass Nel niemals gesprungen wäre. Und am meisten fürchtet Julia das Wasser und den Ort, den sie Drowning Pool nennen …

Ein (Spannungs)Roman der leisen Töne. Ein ruhiger Erzählstil mit einer Vielzahl an Charakteren, welche alle eine Stimme erhalten. Insgesamt sind es elf Perspektiven, sowie Rückblicke, was sich am ‚Drowning Pool‘ zugetragen hat.
Dies mag zunächst (vielleicht) für den ein oder anderen unter Euch nach einer Unübersichtlichkeit des Verlaufes klingen, aber dem ist absolut nicht so. Ineinander stimmig ergänzen sich die Sichtweisen. Ganz minimal werden Ereignisse wiederholt, dies jedoch dient der Verdeutlichung wie unterschiedlich die Wahrnehmung einer gleichen Situation ist.

Der Drowning Pool – Ein Fluss mit Geheimnissen, einer starken Anziehungskraft und erschütternden Geschichten.
Die Geschichte des Flusses, das Wasser selbst, zog Nel magisch an. Bis zu jenem Tag, an eben dieser Fluss sie nicht mehr gehen ließ.

Jahrelang hatten Nel und ihre kleine Schwester Jules keinen Kontakt, nun muss Jules zurückkehren, denn Nel hinterlässt eine Tochter für die Jules ab sofort die Verantwortung tragen muss. Wobei das letzte Wort des vorherigen Satzes mehr als zutrifft. Jules hatte mit ihrer Schwester gebrochen, hat Nels Tochter Lena zuvor nie gesehen. Und auch Lena ist alles andere als erfreut, ihre unbekannte Tante im Haus zu haben.

Wie Katz und Maus schleichen sie umeinander herum, doch wessen Wahrheit trifft zu? Durch den Wechsel der Perspektiven werden die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich, ohne jedoch in seiner Wahrheit greifbar zu sein. Dies ist ein Merkmal des gesamten Buches. Es handelt nicht von Lügen welche aufgedeckt werden wollen, es zeigt auf wie verschiedene Situationen ganz individuell wahrgenommen werden. Genau solche Geschichten faszinieren mich!

Wie soll man bei all den Leichen hier den Überblick behalten?
– Erin, S. 165 –

Eine Vielzahl an Todesfällen findet sich in diesem Buch, ein Fluss mit Geschichte. Und genau diese Geschichten zogen Nel magisch an. Sie recherchierte seine Geschichte, doch nicht alle Schicksale sind alt und so stößt sie in ihrem Heimatort auf eine Mauer des Schweigens und Grolls. Ihre Tochter ist davon überzeugt das sich Nel dem Fluss hingegeben hat, Jules jedoch zweifelt und so beginnt sie zu hinterfragen, stößt auf Nels Notizen.

Aufgrund ihrer Recherchen trauern nicht alle Protagonisten um Nel. Auch sie kommen zu Wort, erzählen ihre Geschichte – ihre Wahrheit. Unausgesprochene Vorwürfe, miteinander verwobene Schicksale. Die Autorin verknüpft gekonnt die Fiktion eines Buches mit nachvollziehbarer Realität – die individuelle Wahrnehmung, sowie dem Glauben sein Gegenüber zu kennen.

Verschiedene Puzzleteile die nach und nach ein Gesamtbild entstehen lassen. Ein ruhiger Erzählstil welcher Fragen aufwirft und mich in seinen Bann zog. Es ist ein Spannungsroman mit leisen Tönen und vielen Stimmen. Die Geschichte der Frauen des ‚Drowning Pool‘. Jules versuch mit dem Verlust ihrer Schwester zu Recht zu kommen, sowie die Rückblicke in ihre Kindheit. Auch Nels Tochter und insgesamt neun weitere Protagonisten erzählen über ihre Trauer, ihren Verlust. Die Vielzahl an Protagonisten machte für mich den Reiz aus und ist absolut stimmig im Buch. Das Spiel mit Wahrheit und Wahrnehmung.

[…] die Geschichten, die du erzähltest, waren nie die Wahrheit, sie waren deine
Wahrheit […].
– Jules, S. 291 –

Auch Jules Zwiegespräche mit ihrer toten Schwester sprachen mich als Leserin sofort an! Jules redet direkt an Nel gewandt. Sie kämpft mit unbeantworteten Fragen, mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit, mit ihrer neuen Rolle als Zieh-Mutter und ich wäre dem gesamten Buch auch nur mit dieser Erzählperspektive verfallen gewesen.

Was mich nicht direkt störte und ich doch schade fand, war der Wechsel des Erzählstils aus der Ich-Perspektive und der dritten Person. Für mich persönlich wäre das Buch ein Stück intensiver gewesen, hätten alle Protagonisten aus der Ich-Person heraus ihre Geschichte erzählt.

Das Buch hat ebenso wie sein gesamter Verlauf kein temporeiches Finale was mir sehr zusagt, da ich keine zwanghaft spannungsgeladenen Szenen beim Lesen brauche. Aber ebenso wenig gefallen mir in die Länge gezogene Enden. Die letzten 50 Seiten hätten definitiv kürzer gefasst werden dürfen, denn es war deutlich abzusehen was mich erwarten wird.
Dies jedoch sind nur kleine Kritikpunkte und somit zog das Debüt der Autorin („Girl on the train“) sowie dessen Verfilmung bereits bei mir ein.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆

– Weitere Lesermeinungen –
Laberladen (Gabi)
Paper and Poetry Blog (Mia)
Thrillertante (Alex)
Kathrineverdeen (Lex)

     Buchdetails
Titel: Into the Water 
Buchreihe: Einzelband 
AutorIn: Paula Hawkins 
Übersetzt aus dem Englischen: Christoph Gröhler
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3-7645-0523-3 [Paperback]

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lex
Gast

Hi Janna, ich hatte gesehen, dass du uns verlinkt hast und wollte auch schon ewig kurz schreiben. :-D Erstmal ein Dankeschön hier!
Ja, bei dem Buch gehen die Meinungen wieder mal auseinander. Ich fand es eigentlich nicht schlecht, aber letztendlich waren es mir doch zuviele Perspektiven, nicht alle hatten für mich ihren Reiz. Was die letzten 50 Seiten angeht bin ich dann ganz bei dir, da ist einfach die Luft raus. Trotzdem würde ich auch das nächste Buch von Paula Hawkins lesen… bin gespannt, was da kommt.

Alles Liebe, euch einen schönen Abend
Alex

Ela
Gast

Den Titel habe ich auf der Hörbuchwunschliste und möchte ihn in den nächsten Wochen hören.
Ich bin sehr gespannt wie er mir gefallen wird. Deine Rezi macht ja sehr neugierig. Vor allem wegen den veschiedenen Perspektiven.
Liebe Grüße
Ela

trackback

[…] „Kejas-Blogbuch“ ⇔ hat Janna Paula Hawkins Buch „Into the water“ besprochen. Und ich muss zugeben, […]

j125
Gast

Hallo Janna, ich hab das Hörbuch gehört und bin anfangs mit den vielen Perspektiven ein bisschen durcheinander gekommen. Das lag aber vermutlich eher am Medium, als an der Geschichte selbst. Insgesamt stimme ich dir aber zu, dass die Personen gut auseinanderzuhalten sind und sich passend ergänzen. Ich habe mich gerade ernsthaft gefragt wer den jetzt „Lena“ ist :D In dem Hörbuch wird der Name nicht so ausgesprochen, wie ich ihn im Deutschen aussprechen würde, sondern eher wie „Lenna“. Deswegen war ich jetzt verwirrt. Mich hat die Geschichte positiv überrascht, aber dennoch werde ich „Girl on the train“ nicht lesen. Ich… Read more »

j125
Gast

P.S.: Ich weiß nicht, ob euch das schon bekannt ist, aber wenn man den Kommentar zu lang verfasst, verschwindet der „Kommentar absenden“ Button im Nichts (und wenn man den Kommentar noch länger macht, auch nach und nach die Homepage/Name/Mail Zeilen). Ich hatte eigentlich Absätze in meinem Kommentar, die ich aber rausnehmen musste, damit der absenden Button wieder auftaucht ;) Keine Ahnung ob das nur bei mir so ist, aber es ist ein bisschen ungünstig :D

irveliest
Gast

Hallo Janna,
die eimzelnen Sichtweisen finde ich generell auch interessant, aber hier herrschte für mein Empfinden nur Verwirrung pur. Vielleicht lag es auch daran, dass ich es gehört habe und die Aufteilung auf die verschiedenen Sprecher etwas unglücklich empfunden habe.
Liebe leider sehr verspätete #litnetzwerk-Grüße, Heike

World of books and dreams
Gast

Hallo Janna,

das Buch liegt schon seit dem Erscheinen auf meinem Sub, aber als ich zu Beginn nur negative Meinungen gelesen habe, hab ich es erstmal liegen lassen. ^^

Das was du jetzt schreibst, klingt aber wieder ganz interessant, so dass ich es mal wieder weiter nach oben auf die want to read Liste packe. ;)

Liebe Grüße
Silke

Die Leserin
Gast

Ha, ha. Dieses Buch wandert ständig rauf auf meine Leseliste, dann wieder runter, wieder rauf, wieder runter. Die Meinungen zu Into the water gehen ja stapelweise auseinander.
Aber eigentlich mag ich Geschichten, in denen jeder seine eigene Wahrheit erzählt. Also wieder rauf auf die Leseliste. *lach* Vielleicht sollte ich kurzen Prozess machen, und es endlich einfach selbst lesen. :-)

laberladen
Gast

Ich mag ja Bücher mit viel Action sehr gern. Aber auch die ruhigeren Töne gefallen mir gut, wenn der Autor es schafft, mich trotzdem und genau damit zu fesseln, dass man genau hinsehen und die Charaktere wirken lassen muss.
Wie schön, dass Dir das Buch auch so gut gefallen hat. Ich sehe, wir verstehen uns :-)

LG Gabi

Tintenhain
Gast

Das deckt sich so ziemlich mit der Beurteilung meiner Buchfreundin aus dem Lesekreis. Ich hab das Buch aus der Bücherei hier liegen, befürchte aber fast, dass ich es wieder abgeben Muss, bevor ich es gelesen habe. ☺

Liebe Grüße
Mona