„In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ | Paola Peretti

Das Leseexemplar wurde mir vom dtv Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.

Die letzten Schritte zum Kirschbaum

Inhalt laut Verlag

140 Schritte: So viele trennen Mafalda noch von dem Tag, an dem es vollkommen dunkel um sie herum sein wird. Als das Mädchen vor drei Jahren erfuhr, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmt, flüchtete es auf den Kirschbaum im Schulhof. Dank der neuen Hausmeisterin fand es wieder zurück auf den Boden der Realität. Seitdem wird Mafalda von Estella morgens mit einem Pfiff begrüßt, sobald sie in die Straße zur Schule einbiegt. Anfangs kann sie von dort aus den Kirschbaum noch sehen. Doch mit jeder Woche werden es weniger Schritte. Tapfer geht sie ihrem Schicksal entgegen − unmerklich geleitet von Estella, die ihr zeigt, dass das Wesentliche im Leben für die Augen unsichtbar ist.

Dieses Buch basiert auf den Erfahrungen der Autorin – sie beschreibt ihre Erblindung die Schritt für Schritt erfolgt. Nur das sie Mafalda als Erzählerin schrieb, ein neunjähriges Mädchen, keine Autobiographie, sondern ihre Erlebnisse gepackt in einen Roman, mit einem anderen Verlauf. Doch so wie die Autorin selbst, fühlt sich auch Mafalda manchmal erdrückt von der Fürsorge ihrer Eltern. Ihr Augenlicht schwindet zunehmend und ich als Leserin begleitete sie auf ihren letzten Schritten im Licht.

Die Dunkelheit – für [Kinder] ist ein fenster- und türloser Raum, in dem Monster lauern […].
Vor dieser Art Dunkelheit habe ich keine Angst: ich fürchte mich vor der Dunkelheit in meinen Augen.
(Kapitel 1)

Noch kann Mafalda sehen, doch ihr Augenlicht wird immer schlechter. Sie beginnt die Schritte zu zählen, die Entfernung, in der sie ihren Kirschbaum auf dem Schulhof noch sehen kann. So auch sind die Abschnitte des Buches unterteilt – je mehr ich las, umso weniger Schritte hatte Mafalda. Bis zu jenem Tag, an dem sie keinen Schritt mehr zählt, nichts mehr sieht.

Die Geschichte ist wundervoll zu lesen und ein Wohlfühl-Roman. Und genau hier liegt auch meine Kritik! Ein kleines Mädchen das mit den voranschreitenden Monaten immer weniger sieht. Da möchte ich keine Wohlfühl-Atmosphäre, ich möchte das es mich emotional berührt und nachhallt! Emotionen sind zu finden, aber nur in kleinen Auszügen. Das Buch soll Mut machen, das wird immer deutlicher und dieser Weg erfordert Mut. Aber er beherbergt auch so viele Rückschläge, Tränen und Frustration, die mir hier fehlten.

Mafalda verliert eine Freundin und findet einen Freund. In der Hausmeisterin der Schule findet sie einen Menschen, welcher bedingungslos ehrlich ist. Sie ist neun Jahre, sie schreibt eine Liste und streicht die Dinge, die sie nicht mehr machen kann. Mafalda hat Eltern die sie bedingungslos lieben und aufgrund dessen unbewusst erdrücken. Eine Ärztin die im Beisein des Mädchens mit den Eltern spricht als wäre sie nicht da.
All dies hätte zu einer emotionalen Talfahrt werden können. Die Geschichte hätte einen Einblick geben können, wie die Welt im Dunkeln verschwindet. Hätte und Könnte – ich möchte dieser Geschichte nicht absprechen, sich wundervoll lesen zu lassen, aber solch ein Riss im Leben hinterlässt Spuren.

Eine Geschichte die besonders zu Beginn einnehmend ist, mich berührte, aber im weiteren Verlauf zu sehr in rosa Watte gepackt wurde. Es soll ermutigen, es soll skizzieren das Aufgeben keine Lösung ist. Genau dies wird deutlich und die Stärke des kleinen Mädchens und auch ihre Ängste sind greifbar. Doch das Ungewisse, die beängstigende Dunkelheit, erdrückt Mafalda – jedoch nur in kleinen Zügen. Für mich persönlich verweilt die Autorin nicht lang genug in diesen Szenen und schwenkt sehr schnell zu positiven Ereignissen. Ein Schicksalsschlag muss nicht nur von dunklen Gedanken begleitet werden, aber es wirkt innerhalb dieses Buches zu leicht.

Und doch gibt es so viele Szenen die mich abholten!! Mafalda und ihr Kater, ein für sie wichtiger Wegbegleiter und ihrer Meinung, schlechte Nachrichten sollten nur im Beisein eines Katers überbracht werden, kann ich nur zustimmen! Zwei Bücher spielen eine große Rolle in der Geschichte. Mit „Der kleine Prinz“ erlernt Mafalda die Braille-Schrift und „Der Baron auf den Bäumen“ bringt sie auf eine Idee. Von Abschnitt zu Abschnitt entsteht eine zarte Gänsehaut, denn immer wieder wird deutlich, wie wenig Zeit ihr noch bleibt.

Auch wenn ich das Buch gerne gelesen habe, Mafalda`s Schicksal wird leider nicht lange in mir nachhallen. Vielleicht war das auch die Intension der Autorin? Einen Roman zu erschaffen, der die Schwere dessen in eine Leichtigkeit zaubert, um anderen Menschen mit (anderen) Schicksalsschlägen zu ermutigen? Ich für meinen Teil hätte mir mehr Intensität gewünscht.

Rezension verfasst von © Janna
★★★☆☆


– Weitere Eindrücke –
Lesen in Leipzig °
Nicht ohne Buch °

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              Buchdetails
Titel: In der Nacht hör‘ ich die Sterne
Buchreihe: Einzelband
Autorin: Paola Peretti
Verlag: dtv
— Rezensionsexemplar —

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Janna, Eine schöne und differenzierte Rezension. Das Buch liegt auch noch auf meinem SuB und irgendwie hast du es geschafft, dass ich jetzt gleichzeitig mehr und weniger Lust habe, das Buch zu lesen. ;D Ich wusste gar nicht, dass das Buch auf den wahren Erfahrungen der Autorin beruht. Das macht es für mich gleich viel reizvoller. Aber das es dich nicht so berühren konnte, ist ja echt schade und schreckt mich auch ein bisschen ab. Na mal sehen. Vielleicht ist das ja ein gutes Buch für die Weihnachtszeit, wenn es eher so ein Wohlfühlbuch ist (klingt echt komisch, das… Read more »

Anja aka Ana
Gast

Liebe Janna,
ich habe das Buch in der Hand gehalten. Aber mich schreckt „Wohlfühlbuch“ in diesem Zusammenhang tatsächlich ab.
Da wir bei vielen Dingen doch sehr ähnlich ticken, lasse ich es daher einfach in der Buchhandlung liegen.
Vielen lieben Dank für Deine wundervolle Rezension.

LG Anja

Philo
Gast
Philo

Hallo Janna,
das hört sich aber nicht so gut an, obwohl es besonders in schwierigen Zeiten manchmal hilfreich sein kann, so ein leichtes Buch zu lesen, dass einem vielleicht stärker die positiven Dinge sehen bzw. suchen lässt, als auf den negativen zu verweilen oder kann das Buch auch das nicht? Zeigt es denn Gründe auf, warum nur so kurz auf der “dunklen“ Seite geblieben wird, gibt es Übergänge dazwischen?
Freue mich auf deine Antwort, obwohl das Buch nicht nach etwas klingt, was ich lesen würde, hat mir wenigstens das die Rezension gezeigt, danke dafür.
Mit freundlichen Grüßen
Philo

Jennifer
Gast

Hi Janna,

habe das Buch auch gelesen und eben rezensiert :)
Interessant wie dein Urteil ausfällt. Ich kann nachvollziehen, was du meinst, auch wenn es bei mir eher umgekehrt war: Ich fand es gut, dass das Buch nicht ins total depressive abdriftete, sondern sehr positiv blieb. Ich mag es gar nicht, wenn solche Schicksalsschläge dramatisiert werden, dass die Situation für Mafalda dramatisch ist, ist dem Leser schließlich schon klar.

Was mich eher nervte waren die Bezüge zu Cosimo, das fand ich anfangs noch charmant, aber es wurde mir dann recht schnell eintönig.
Bin mal gespannt, was andere von dem Buch halten…
Liebe Grüße
Jennifer