„Herbst der Untertanen“ | Nino Haratischwili

 

Vorhang auf!

Im Rahmen der Literaturreise um das Ehrengastland Georgien auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bin ich an der bekannten, georgisch stämmigen Autorin Nino Haratschiwili, nicht vorbeigekommen. Da ich von der Zeit her „Das achte Leben (Für Brilka)“ mit seinen über 1000 Seiten nie geschafft hätte, habe ich mir mal etwas gänzlich anderes herausgesucht.
Drei Theaterstücke!

Man erliest sich immer zu Beginn die Örtlichkeiten und die teilnehmenden Personen und springt dann direkt hinein in das Geschehen.

DAS JAHR VON MEINEM SCHLIMMSTEN GLÜCK:

Eine Frau erwacht verletzt im Wald. Gegenüber: ein verunfallter Wagen, und darin, regungslos: ein Mann. Die Frau hat ihr Gedächtnis verloren. Nur das Lied ‚Gloomy Sunday‘ aus dem Autoradio scheint eine Spur zum Puzzle ihrer Identität und zu einer bitteren Liebesgeschichte zu sein. Nach und nach kehren die Erinnerungen zurück. Doch es sind solche, mit denen sich schwer leben lässt.

Der Start in das Buch mit dem Frauenchor hat mir sehr gut gefallen. Ungezwungene Gespräche, fast schon komisch, wäre die Situation auf die sie hinauswollen nicht zu ernst. Aber dann ging es auch schon los mit dem ersten Theaterstück. Diese Frau im Wald, man erfährt Seite um Seite um wen es sich handelt. Man erlebt Situationen mit ihr und so auch Freude und Leid. Eine Liebschaft, hemmungslos und leidenschaftlich, dessen Ende vorprogrammiert ist. Keiner ist ein Gewinner.

HERBST DER UNTERTANEN:

Eine herrschaftliche Villa irgendwo auf der Welt. Seit Wochen tobt ein Bürgerkrieg. Über den Verbleib des Hausherrn, des ersten Mannes im Staat, ist nichts bekannt. Auch die Hausangestellten haben die Flucht ergriffen – bis auf eine altgediente Köchin, die Haushälterin und eine junge Aushilfe. Abgeschnitten von der Außenwelt sind die drei Frauen auf sich gestellt. Alte Vorurteile und neue Rivalitäten brechen sich Bahn; die Villa wird ihrerseits zum Schlachtfeld.

Wahnsinn, Wahnsinn – besser kann ich es gar nicht beschreiben. Herrlich zu lesen wie sich die drei Frauen Rina, Luci und Kaela sich im Haus gegenseitig um den Verstand reden. Dabei ist eine immer das Opfer von fiesen Gemeinheiten, doch wie so oft, irgendwann läuft das Fass über.

SCHÖNHEIT:

Das Königliche Ungarn im Jahr 1611: Die reiche, mächtige Gräfin Erzsébet Báthory wird auf ihrer Burg festgesetzt und wegen Mordes an ihren Dienerinnen angeklagt. Sie soll die Jungfrauen getötet haben, um sich mit deren Blut zu verjüngen. Haratischwili greift die berühmte Legende der ‚Blutgräfin‘ auf, um eine Geschichte von Liebe und Intrigen zu erzählen – und von einer Frau, die zum Vamp wird, da sie sich einer patriarchalen Gesellschaft nicht fügt. 

Dieser Part hat mich komplett abgeholt und ich bin mir sicher, dass ich auch hier wie gebannt im Publikum gesessen hätte. Die berühmt berüchtigte Gräfin und ihre Schauertaten sind mal auf eine ganz andere Weise dargestellt. Die Autorin hat sich nämlich nicht dem WIE sondern dem WARUM gestellt und damit eine komplett neue ´Blutgräfin´ geschaffen. Hier sind es die Dialoge die geführt werden. Das langsame Herantasten an die Begebenheiten. Schilderungen aus dieser Burg und den Gemütszustand einer Frau, die einst mächtiger war als alle Männer im Bunde. Eine Art gefallener Engel, der letztendlich nichts anderes sucht als die wahre Liebe und dabei so bitter enttäuscht wird. Herrlich!

Jedes der Stücke würde ich mit Verzückung anschauen, weil sie Geheimnisse zu Tage bringen und aufzeigen wie der Mensch mit seinesgleichen umspringt ohne sich zu bewusst zu sein, was seine Taten für Konsequenzen haben.

Auch wenn diese Geschichten nicht in Georgien „spielen“, ist es dennoch ein Beitrag zu dem Literaturtrip, in den social media unter dem #littripGE18 zu finden. Von der Autorin erscheint in Kürze ein neues Buch „Die Katze und der General“ und wenn ihr Stil, dem aus den Theaterstücken auch nur ansatzweise ähnelt, ja dann, wird es doch Zeit sich an etwas über 1000 Seiten zu trauen.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆

Wer mehr über Georgien, seine Autorinnen und Autoren erfahren möchte – bei „Eine Reise nach Georgien“ geht es zu dem Beitrag, in dem sich noch vieles mehr findet.


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Buchdetails
Titel: Herbst der Untertanen
Buchreihe: Einzelband  
Autorin: Nino Haratischwili
Verlag: Verlag der Autoren

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-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin, Ich habe bisher kaum georgische Literatur gelesen (außer „Bestseller“ von Beka Adamaschwili, was mich ja absolut begeistert hat!). Von Nino Haratischwili (Achtung, da hat sich bei dir ein Tippfehler eingeschlichen) habe ich schon viel Gutes gehört und ich habe in der Bücherei gerade „Die Katze und der General“ bestellt. Ich bin sehr gespannt auf die Geschichte und darauf, wie der Schreibstil der Autorin mir gefallen wird. Ich habe sehr hohe Erwartungen. Die Theaterstücke klingen auch wirklich gut. Die Frau scheint ihr Handwerk ja wirklich zu verstehen. Hach, ich freu mich darauf, ein Buch von ihr zu lesen. Und… Read more »