„Heeresbericht“ | Edlef Köppen – Andreas Karmers

Es ist ja immer noch Krieg?! Leck mich am Arsch!

Inhalt laut Verlag

Mit der Begeisterung seiner Zeitgenossen zieht der Student Adolf Reisiger 1914 in den ersten Weltkrieg, die im Blut und Dreck des Stellungskrieges, der Giftgaseinsätze und Materialschlachten schnell erstickt. Das Grauen und der allgegenwärtige Tod verwandeln den kriegsbegeisterten Freiwilligen in einen überzeugten Pazifisten, der den Verstand zu verlieren droht…

Bild by Kerstin | Cover – Bildquelle: Audible

Der Kaiser ruft und die Menschen folgen. Ab in den Krieg, so gehört es sich wohl. Damals im Jahr 1914. Und so folgte auch der junge Adolf Reisiger diesen ehrenwert erscheinenden Worten und ward als Kreigsfreiwilliger in Frankreich an der Front.

In Heeresbericht schildert er seine Eindrücke und es erscheint einen als wäre dieser Mann so voller Naivität, wie er da sucht, die Front, den Feind, den Krieg. Ein unbedarfter, netter Mensch, der als Kanonier mit seinen Tagebucheinträgen beginnt. Diese Einträge ergeben den Bericht. Wobei das Wort es nicht ganz trifft, denn es ist so ungemein persönlich. Reisiger, der Kriegsfreiwille, der Kamerad, der Soldat, der so naive Mann erlebt es dann hautnah und kann es kaum glauben. Als Zuhörer ergeht es einem genauso. Jetzt endlich hat er es verstanden, jetzt endlich erfährt er was es bedeutet – Krieg. Nichts Ehrenwertes ist da mehr und somit erlebt man Reisigers Verwandlung.

Das also ist der Krieg? Da steht ein Mensch, laut und kräftig. Und die Sonne scheint und es ist blauer Himmel. Und plötzlich liegt der Mensch am Boden und Blut spritzt. Das ist ja ekelhaft!

Reisiger Auftrag beginnt als Kanonier und weil er so verdammt gut ist an der Batterie wird er schnell Gefreiter, Unteroffizier, Vizewachtmeister, Offizierstellvertreter und dann Leutnant der Reserve, alles innerhalb von 4 Jahren. Waren das wirklich 4 Jahre in der Geschichte? Die Zeit rast. Von Frankreich im Westen, nach Russland im Osten und dann wieder zurück.  Begleitet von Kameraden, Freunde hat man nicht, die leben einfach zu kurz. Der Krieg zeigt seine hässliche Fratze, mitten in Reisigers Gedankenfluss, offenbart die Maschinerie in der Menschenleben verheizt werden. Nachschub, immer mehr Nachschub wird gebraucht. Was ein Glück rufen Kaiser und Gesippschaft das Volk auf das zu tun was ein Volk eben tun muss. Jungen ‚produzieren‘, sorry, da fällt mir kein anderes Wort zu ein. Diese Aufrufe werden im Hörbuch auf solch realistische Art rübergebracht. Die Stimmen der vielen unterschiedlichen Sprecher und Sprecherinnen passen perfekt. Zum Beispiel ein Ausschnitt aus einem Zeitungsinserat, in dem allen angeraten wird sein Geld bitte dem kaiserlichen Topf zur Verfügung zur stellen, da ein Krieg schließlich viel kostet, wobei nicht die Verpflegung der Soldaten finanziert wird sondern die Aufrüstung an Waffen und Material. Oder die Preise des örtlichen Puffs – der Beischlaf für nen 10er. Soldaten sind ja auch nur Männer und die Frauen müssen ja irgendwie an Geld kommen. Macht macht sprachlos.

Wieder zu Reisiger, der Kerl hat aber auch ein Glück. Während rechts und links, vor und hinter, sogar über und unter ihm, die Kameraden verrecken, hat er Glück und kommt überall durch. Schwerste Gefechte in denen die Waffen trommeln und der Regen fällt, Reiter mitsamt Pferde niedergemacht werden im Maschinengewehrhagel und Giftgaseinsätze mit hoher Effezienz – Reisiger will leben! Dafür muss er töten und es dämmert ihm die ganze Zeit über das es nicht das ist was er erwartet hatte. All das Elend bekommt aus seinen Sichten eine persönliche Note und geht tief unter die Haut.

Schnellfeuer. Schnellfeuer. Der Irrsinn ist wach. Das entsetzlichste Entsetzen.
(Buch Zitat)

Die Schilderungen zu den Alltäglichkeiten der Soldaten sind sehr plastisch dargestellt. Die gekalkten Gräben, die offenen Felder, die Beobachtungsposten, so manche kleine Feier und immer wieder, allem voran, Reisiger und seine Gedanken. Er hat was im Kopf und es macht Spaß ihm zuzuhören beim Sinnieren und Denken. Wogegen es weniger gefiel das zu sehen was er sah. Die Männer die tot am Boden liegen. Abgerissene Arme und Beine. Spätestens bei der kurzen Diskussion was besser ist – Kopf oder Bauchschuss – vergeht einem alle Freude. Habe ich Diskussion gesagt? Vergesst es, war es nicht. Die Männer hatten genügend solcher Verwundeter gesehen, die ihre Gedärme festhielten- Kopfschuss, eindeutig!

Darf man solch ein Buch als ’schön‘ bezeichnen? Oder als toll? Welche Worte soll ich benutzen? Großartig würde es treffen, ehrlich, persönlich, schockierend. Durch die Ohren mitten ins Herz. Manche bräuchten es auch für den Kopf. Reisiger hatte es begriffen. Andreas Karmers hat mit der Hörbuch-Variante etwas ganz großes geschaffen. Keinerlei Verherrlichung des Krieges oder Darstellung von Heldentum ist in dem Buch zu finden. Sondern reine, erschütternde Wahrheiten.

Ich. Ich. Ich. Ich mache den Krieg nicht mehr mit!
(Buch Zitat)

‚Heeresbericht‘ schmerzt, es zeigt die Geschichte dieses Krieges anhand einer einzigen Person – Reisiger eben. Seine Erlebnisse sind so traumatisch, da wundert einen das Ende nicht. Als Hörbuch ein Traum auch wenn die Geschichte eher ein Alptraum ist. Oft sachlich und nüchtern, aber anders wäre es wohl kaum zu ertragen.

In den Jahren 1914 – 1918 starben über 8 Millionen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten. Wofür? Tausende wurden verstümmelt, weitere Tausende erlitten schwerste psychische Schäden. Wofür?

Cover ~ Bildquelle: Nikol Verlag

Edlef Köppens persönlichste Geschichte wurde bereits im Jahr 1930 im Horen Verlag herausgegeben und ist auch heute noch als Print erhältlich. Er hat in Heeresbericht seine eigenen Erlebnisse verarbeitet.

Wer mich gezielt fragt – dem empfehle ich auf jeden Fall das Hörbuch. Die Intonierung mit den vielen einzelnen Stimmen, insbesondere jene Kapitel, die Ausschnitte aus Rundfunk und Tageszeitung darstellen, bekommen solch eine Intensivität, die man beim Lesen gar nicht darstellen kann.
Was mich vollends begeisterte waren die Lieder, die sich im Hörbuch an passender Stelle befanden. „Sag wo wohnt der liebe Gott“ erzeugt solch eine Gänsehaut und auch der Abschluss mit dem Leipziger Rundfunkchor lässt einen sprachlos und voller Emotionen zurück. Unbedingt hören!!!

Der Krieg ist das größte Verbrechen das ich kenne.
(Buch Zitat)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


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Buchdetails
Titel: Heeresbericht 
Buchreihe: Einzelband – ungekürzte Ausgabe
Autor: Edlef Köppen | Andreas Karmers
Sprecher & Sprecherinnen: Peter Bieringer, Frank Arnold, Gert Haucke, Manfred Lehmann, Michail Paweletz, Hansi Jochmann, Martin Freitag, Marc Bator, Kerstin Ranf, Uwe Friedrichsen, Uli Krohm, Dierk Prawdzik, Thomas B. Hoffmann, Felix Isenbügel, Ottokar Lehrner, Thomas Arnold, Benjamin Utzerath,  Wolfgang Grundacker, Stefan Maria Fischer, Frank Roder, Karin Nennemann, Martin L. Schäfer, Jasper Vogt, Louis C. Oberlander, Helmut Krauss, Dieter Thomas Heck, Isabella Lewandowski, Michael Bideller, Ulrich Mayer

Verlag: Karmers Hamburg  |  Printausgabe: Nikol

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Nicole Wagner
Gast

Guten Morgen, Kerstin!

Die Empfehlung mit dem Hörbuch nehme ich gerne an. Vielen Dank für diesen Tipp, das Buch bzw. Hörbuch wäre mir sonst gar nicht aufgefallen.

Liebe Grüße,
Nicole