„Gott wohnt im Wedding“ | Regina Scheer

Das Buch wurde mir vom Penguin Verlag über das Random House Bloggerportal kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Hausansichten

Ich bin das älteste Haus in der Straße.
(S. 8)

Da stehe ich, mit meinen über 120 Jahren, fest auf Grund und Boden, kann hier nicht weg und komme doch überall hin.
Ich sehe viel und höre noch mehr.
Es sind die Gespräche der Menschen untereinander, miteinander oder übereinander, die mir die Welt zeigen.
Auch wenn ich vieles davon gar nicht sehen wollte, kann ich doch nicht weghören.
Denn ich bin immer da, auch wenn viele der Menschen, die hier ein- und ausgingen, nicht mehr da sind.

Zu mir sind immer wieder Menschen gekommen, wie diese Heimatlosen. Meist konnten sie nicht lange bleiben. Andere Bewohner blieben ihr Leben lang.
(S. 89)

Als ich gebaut wurde, floss der Schweiß der Arbeiter in meine Mauern. Sie saßen darauf oder lehnten dagegen, immer im Gespräch, manchmal stillschweigend. So lernte ich sie kennen, die Wanderarbeiter, die Investoren, Bauherren, zukünftigen Mieter. Ich hörte ihre Sorgen und Nöte, ihre Zukunftsvisionen und erfuhr woher sie kamen und wohin es sie trieb.

Meine Wände sind stabil, mein Dach schützt alle. Wind und Wetter können mir nichts, ich stehe da, ob es regnet oder die Sonne scheint. Dennoch kann ich die Menschen nicht vor sich selbst schützen und so waren es wieder die Gespräche, die mir erzählten was in der Welt geschieht. Der erste Krieg schien für viele ein Abenteuer und doch wurden sie eines besseren belehrt. Aber dieser Krieg war nicht hier, nicht in meiner Straße. Es waren die Menschen die zurückkamen und ihre Verletzungen oft genug nicht verbergen konnten, die mir dieses Grauen mitbrachten. Es gab auch solche Verletzungen die nicht sichtbar waren, dennoch erfuhr ich alles, denn viele der Menschen zeigten mir ihre Träume.

Der zweite Krieg dagegen habe ich an mir selbst gespürt und daran, was die Menschen erneut zu erzählen hatten. Sie flüsterten mehr, sie versteckten sich auch in meinen Mauern. Ich wusste alles und konnte wieder niemanden warnen.
So war Gertrud eine der in mir wohnenden, von der ich sehr viel erfuhr. Ihre Kontakte zu Leo und Martin, zwei jüdische Jungen, die unter meinem Dach Zuflucht fanden. Heute ist Gertud alt, nicht so alt wie ich, aber für einen Menschen schon. Sie lebt noch immer hier, bekommt Hilfe von Laila, einer jungen Sintiza, die eher durch Zufall hier landete. Lailas Geschichte ist mit mir verbunden, denn hier wohnten und wohnen schon immer viele Roma und Sinti. Durch sie habe ich vom Porajmos erfahren, wie ich durch Leo und andere jüdische Hausbewohner von der Shoa erfuhr. Viele Namen, von Verstorbenen und Überlebenden, von Lagern und Orten. Von Begebenheiten und Zuständen, damals wie heute.

Ich habe gesehen, wie meine Bewohner in den Krieg zogen…Ich habe gesehen, wie sie zurückkamen. Wenn sie überhaupt zurückkamen.
(S. 184)

Leo ist zurückgekommen und er ist auch gealtert. An seiner Seite hat er seine Enkelin Nira, die nun erfährt was für eine Geschichte sich hier zutrug.
Die Autorin Regina Scheer hat mir eine Stimme gegeben und lässt mich in ihrem Buch sprechen, ihr könnt es gut an der kursiven Schrift erkennen. Die einzelnen Kapitel erzählen aber auch über all diese Menschen, die ein Zuhause bei mir gefunden haben, auch wenn ihr eigentliches zu Hause weit entfernt ist.
Viele, die in mir wohnen, sind für andere Fremde, doch ich habe sie kennengelernt. Weiß alles über ihre Familien, Herkunft und Vergangenheit.
So oft sie auch füreinander da sind, so oft sind sie auch alleine. Laila hilft ihnen so gut es geht, bei Behördengängen, Übersetzungen und kleinen Alltäglichkeiten.

Doch hier gibt es nicht nur gute Menschen, ich weiß es genau, spüre es immer wieder und ahne, dass es mit mir und meinen alten Balken schon lange nicht mehr zum Besten steht. Alles ist im Umbruch, ein altes Haus wie ich bringt schon lange keinen Ertrag mehr und letztendlich sind es die Mieter, die ausgenutzt und hintergangen werden. Notfalls sogar mit Gewalt.

Jeder hat seine Geschichte, und auch die der Vorfahren trägt er mit sich herum, selbst wenn er sie nicht kennt.
(S. 188)

Leos Geschichte ist mit der von Gertrud ganz dicht verwoben. Lange ist es her und doch wissen beide noch alles. Auch Lailas Geschichte ist mit der einiger anderer Mieter verbunden. Alles haben Gemeinsamkeiten und es sind traurige Geschichten, aus einer Zeit, als die Menschen von einem Ort fliehen mussten um im Nächsten auch keine Heimat zu finden. Viele derer sind wieder freiwillig gegangen, einige sind geblieben und andere wurden einfach so abgeholt.

Es wiederholt sich vieles, einzig gleich bleibt die Ausgrenzung und die Verzweiflung darüber. Wer sich durch dieses Buch liest erfährt nicht nur etwas über mich, sondern ganz viel über wunderbare Menschen, Schicksale und Zufälle. Es schlichen sich Gedanken ein und wieder raus.

In mir wurde geboren und gestorben, gelacht und geweint. Die Menschen tanzten, feierten, saßen im Treppenhaus oder versteckten sich unter dem Dach.
Vom Keller bis zum Speicher war ich mit Leben gefüllt, manches sah man, anderes nicht. Selbst so manchem Getier bot ich einen Unterschlupf. Auch von ihnen sind viele nicht gebleiben, wie die Menschen.

Ich bin das Haus.

Vielleicht bleibt ein kleines Stück von mir in einem Aschekorn verfangen.
(S. 392)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★

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Klappentext Rückseite

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Buchdetails 
Titel: Gott wohnt im Wedding 
Buchreihe: Einzelband | Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten
Erschienen am  25. März 2019 

Autorin: Regina Scheer
Verlag: Penguin [Random House]
— Rezensionsexemplar —

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Pink Anemone
Gast

OMG!! Was für eine ergreifende und tolle Rezension. Ich hätte endlos weiterlesen können und wollen. Und was für eine tolle Idee, ein Haus sprechen zu lassen? Das ist wirklich fern von 08/15. Tja, was bedeutet das nun? Wir wissen es alle *Buch auf die WL schiebe*