3 Geschichten – 3 Eindrücke |Ralf Rothmann – Hillary Jordan – Annette Hess

Kerstins Dreierlei

Schicksalszeiten


„Der Gott jenes Sommers“ von Ralf Rothmann

Anfang 1945 muss die zwölfjährige Luisa Norff mit ihrer Mutter und der älteren Schwester aus dem bombardierten Kiel aufs Land fliehen. Das Gut ihres Schwagers Vinzent, eines SS-Offiziers, wird ein unverhoffter Raum der Freiheit: Kein Unterricht mehr, und während alliierte Bomber ostwärts fliegen und immer mehr Flüchtlinge eintreffen, streift die Verträumte durch die Wälder und versucht das Leben diesseits der Brände zu verstehen: Was ist das für eine Beunruhigung, wenn sie den jungen Melker Walter sieht, wer sind die Gefangenen am Klostersee, wohin ist ihre Schwester Billie plötzlich verschwunden, und von wem bekommt die Perückenmacherin eigentlich die Haare? Und als ihr auf einem Fest zu Vinzents Geburtstag genau das widerfährt, wovor sich alle Frauen in jenen Tagen fürchten, bricht Luisa unter der Last des Unerklärlichen zusammen.

Mein erster Eindruck: Es ist kalt zu Beginn des Jahre 1945 in Deutschland. Die Stadt Kiel brennt und Luisa, deren Vater dort ein Offizierskasino betreibt, lebt mit Mutter und älterer Schwester auf einem Gutshof im Norden. Es geht ihnen gut, besser jedenfalls als vielen anderen. Luisa ist 12, hat feuerrotes Haar und liebt es zu lesen. Ein offenes, aufgeschlossenes Mädchen, das kurz vor der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Um sie herum tobt ein Krieg und doch liegt er für sie eher im Verborgenen. Sie ist zu jung dafür, sollte man meinen, wenn da nicht die Aufmerksamkeit auf solche Dinge wäre, denen Kinder eigentlich keine Aufmerksamkeit schenken sollten (oder müssen).

Auf den zweiten Blick: Der Alltag ist geprägt von Fliegeralarm, Neuigkeiten aus der Stadt und von der Front, gelegentlichen Besuchen des Vaters und vielen unterschwelligen Sorgen. Die einen sorgen sich um einen verlorenen Endsieg, die anderen davor was nach dem Krieg kommt. Schon jetzt ist alles knapp und oft muss improvisiert werden. Täglich kommen neue Flüchtende auf dem Gutshof an und so wird auch der letzte mögliche Raum gegeben, damit alle unterkommen. Es gibt Spannungen, Vorurteile und doch kann sich Luisa noch viel ihres Kindseins bewahren. Unschuld und Schuld sind in dieser Geschichte ganz dicht beieinander gepackt. Das nichts wissende Kind, die scheinbar unwissenden Erwachsenen und dem kollektiven (schlechten) Gewissen derer, die immer noch Party machen, obwohl alles schon die Bach heruntergeht.

Zwischendurch gibt es Abschnitte von und über eine Mann namens Merxheim und seinem Gefährten Bubenleb. Passagen, niedergeschrieben während des Dreißigjährigen Krieges, in dem der Tod und all seine erschreckenden Gesichter lauert. Aber Merxheim hat eine Aufgabe, er will Gott an den Ort und zu den Menschen bringen. Dafür benötigt er eine Kirche, und da es keine gibt, baut er eben eine. Diese Abschnitte haben mich anfänglich irritiert, fand sie aber mit zunehmenden Maße immer schöner in Sachen Sprache und Ausdruck.

Last but not least: Luisas Geschichte ist die der Moral, des langsamen Erkennens, des Begreifens und Verstehens und auch wenn vieles aus ihrer Sicht auf eine naiv geschilderte Art harmlos oder nicht erklärbar wirkt, weiß man beim Hören (oder Lesen) doch sehr genau um was es geht.

Von den zwei Sprecherinnen sehr gefühlvoll und stimmig zu den jeweiligen Situationen gesprochen, hat mich das Hörbuch sehr gut unterhalten.

Wertung: ★★★★☆

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Buchdetails 
Titel: Der Gott jenes Sommers
Buchreihe: Einzelband, Laufzeit 418 Minuten, ungekürzt
Autor: Ralf Rothmann | Sprecherinnen: Wiebke Puls, Shenja Lacher
Verlag: Hörbuch Hamburg 

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„Mudbound – Die Tränen von Mississippi“ von Hillary Jordan

Mississippi, 1946: Laura McAllan ist ihrem Ehemann zuliebe aufs Land gezogen, wo er als Farmer einer Baumwollplantage Fuß fassen will. Doch ihr ist die Umgebung fremd, und auf Mudbound gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Unterstützung erhalten sie durch die Jacksons, ihre schwarzen Pächter. Die aufgeweckte Florence Jackson hilft Laura, wo sie nur kann. Aber auch wenn der Alltag sie an ihre Grenzen treibt und sie für gewöhnlich nicht auf den Mund gefallen ist, würde sie es nicht wagen, Missstände anzumahnen. In diese angespannte Situation geraten zwei Kriegsheimkehrer: Florences Sohn Ronsel und Lauras Schwager Jamie. Deren Freundschaft wird zu einer Herausforderung für beide Familien, und so lassen Missgunst und Ausgrenzung die Stimmung bald kippen

Mein erster Eindruck: In diesem Hörbuch entführen eine die zwei Sprecherinnen und vier Sprecher nach Mississippi ins Jahr 1946. Das verspricht Abwechslung aber auch Spannung darauf, wie diese Stimmen zu den Charakteren passen und ob diese damit vorstellbar sind.

Auf den zweiten Blick: Begeistert war ich schon innerhalb kürzester Zeit. Die bildhaften Vorstellungen der Umstände haben einfach gepasst, in diese Zeit und zu den Personen.
Laura hat sich eigentlich schon damit abgefunden keinen Mann abzubekommen, dabei ist sie klug, selbstbewusst und hübsch. Doch das Glück ist ihr hold und so heiratet sie doch noch und wird auch noch Mutter. Alles gut soweit, bis sie mit ihrem Mann auf das Land zieht. Inmitten des Nichts findet sich außer Baumwollplantagen kaum etwas, dass ihr ein schönes Leben verspricht. Im Gegenteil, denn sie bekommt einem mehr als grantigen Schwiegervater dazu und Kleinstadtbewohner, die immer noch diverse Clans befürworten und schwarze Menschen eher als minderwertig ansehen.

Aus dieser Eintönigkeit reißt die die Arbeit, ihre Kinder und die Pächterin Florence. Oder ist es doch eher der Bruder ihres Mannes? Oder Ronsel, der Sohn von Florence? Diese beiden jungen Männer sind schwarz und weiß, beide haben im Krieg in Europa gedient und beide tragen ihre Erinnerungen als versteckte Trauma mit sich herum. Ihre Schilderungen und Erlebnisse in der Zeit während des Krieges und nun, wieder zu Hause werden ebenfalls ausgesprochen gut von den Sprecher wiedergegeben. Die beiden wachsen einem ans Herz und sind in ihrer Menschlichkeit sehr besonders dargestellt.

Die Zeit, in der diese Geschichte ihre Handlung hat, ist noch sehr deutlich geprägt von Rassismus und der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen aller Colour.
Es wird sehr deutlich, wie groß diese „Stände“ sind, wie abhängig die (meist schwarzen) Pächter waren und wie unverschämt diese von der weißen Bevölkerung ausgenutzt und behandelt wurden. Hier kamen die Emotionen, der ungerecht behandelten Menschen, ausgesprochen authentisch rüber. Wut über diese abfällige schreiende Ungerechtigkeit, ungesühnte Misshandlungen, geduldeter Missbrauch, Willkür bis hin zu Lynchjustiz – alles findet sich wieder.

Aber es kommen auch die Freundschaften zur Sprache, die keine Unterschiede kennen oder diese einfach so akzeptieren wie sie sind. Die Geschichte um Laura und Florence ist geprägt durch diese mutigen Frauen, auch weil sie erkennen, dass ihre Stärke an einem Miteinander festzumachen ist.

Last but not least: Durch die vielen Sprecherinnen und Sprecher hat jeder der Charaktere eine eigene Stimme bekommen und damit richtig viel Leben erhalten. Ihnen zu lauschen war sehr besonders und hat mich ganz weit in diese Geschichte getragen. Egal ob ich mit Laura an dem furchtbaren Verhalten des Alten litt, mit Florence Sorgen um den Sohn teilte, oder mit Ronsel und Jamie im Krieg war. Alle haben ganz viel Persönlichkeit erhalten und ich habe ganz ehrlich stellenweise große Angst um so manchen gehabt.

Die Sprache ist absolut passend in dieser Geschichte. Es fällt immer wieder das N-Wort, dann aber im Zusammenhang mit einem Dialog, dessen Wortwahl der damaligen Zeit entsprach. Worte aus den Mündern von Männern und Frauen, die Gleichheit nicht einmal schreiben können, dafür sich aber unter Kutten verstecken, vielleicht weil sie sich nicht trauen ihr (weißes hässliches) Gesicht zu zeigen.

Eine sehr schöne, stellenweise richtig spannende, aber auch oft genug traurige Geschichte, die ich vorbehaltslos empfehle.

Wertung: ★★★★★

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Buchdetails

Titel: Mudbound – Die Tränen von Mississipi
Buchreihe: Einzelband, Laufzeit 584 Minuten, ungekürzt
Autorin: Hillary Jordan
Sprecher und Sprecherinnen: Eva Meckbach, Patrick Güldenberg, Detlef Bierstedt, Steve Windolf, Maria Hartmann, Walter Kreye

Verlag: Hörbuch Hamburg

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„Deutsches Haus“ von Annette Hess

Frankfurt 1963. Eva, gelernte Dolmetscherin und jüngste Tochter der Wirtsleute Bruhns, steht kurz vor ihrer Verlobung. Unvorhergesehen wird sie gebeten, bei einem Prozess die Zeugenaussagen zu übersetzen. Ihre Eltern sind, wie ihr zukünftiger Verlobter, dagegen: Es ist der erste Auschwitz-Prozess, der in der Stadt gerade vorbereitet wird. Eva, die noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, folgt ihrem Gefühl und widersetzt sich ihrer Familie. Sie nimmt die Herausforderung an, ohne zu ahnen, dass dieser Jahrhundertprozess nicht nur das Land, sondern auch ihr eigenes Leben unwiderruflich verändern wird.

Mein erster Eindruck: Hui, das Buch wirft echt sehr viele Fragen auf.
Es geht ins Deutschland der 1960er Jahre. Hin zu Wirtschaftswundern, neuen Perspektiven und Möglichkeiten. Zeiten des Aufschwungs und der gelungenen Neuanfänge. Wäre da nicht etwas, dass einfach totgeschwiegen wurde und nun, in dieser Geschichte, durch die junge Eva wieder herausgegraben wird.

Auf den zweiten Blick: Hervorragend von Eva Meckbach gesprochen, erfährt man immer mehr über Eva und ihre Familie. Alltäglichkeiten in der hauseigenen Gaststätte „Deutsches Haus“. Eva, die als Dolmetscherin arbeitet, der Vater immer am Herd stehend, die Mutter immer den Gastraum und ihre Töchter im Blick, die ältere Schwester auf einer Säuglingsstation arbeitend. Vier Menschen, deren Leben geprägt ist von einer Endlosschleife an Alltäglichkeiten.

Wie schnell aus diesem Alltäglichen eine Situation der Unbequemlichkeit wird, merkt man an den Reaktionen der einzelnen, als Eva bei einem Prozess mitarbeiten soll. Es geht um Zeugenaussagen, die sie übersetzen soll und es wirkt sehr bedrückend als sie, diese junge, unbedarfte Frau erkennt um was es geht. Auschwitz!
Sie erfährt Dinge, deren Schilderungen sie zutiefst schockieren und verstören. Dennoch hat sie einen inneren Zwang mitzuarbeiten und will, nein, muss sogar immer mehr wissen. Dabei lehnt sie sich sogar gegen ihre Eltern und ihren zukünftigen Ehemann auf. Die Rolle der Frau wird dabei ganz bewusst in der damaligen Zeit dargestellt. Der Mann hat das Sagen und wehe Frau begehrt auf. Eva ist dabei ein sehr gut gelungenes Beispiel für eine Frau, die sich ganz bewusst ihrer Emanzipation bewusst wird. Nicht nur ein einfaches Aufbegehren, sondern das gezielte Umsetzen von eigenen Wünschen und Vorstellungen.

In dieser spießbürgerlichen Welt aus hausgemachten Mahlzeiten, Sitten und Gebräuchen, erschließt sich einem immer mehr, wie sehr doch über alles was 20 Jahre zuvor geschehen ist, ein riesiges Tuch des Schweigens gelegt wurde.
Hier hat die Autorin sehr deutlich aufgezeigt, wie eine ganze Generation ein Thema einfach „vergessen“ hat. Weggesperrt aus den Erinnerungen und den Schlüssel dazu weggeworfen. Evas unschuldige Art ist der Gegensatz dazu und bringt einen mit ihren nachdenklichen Momenten, Überlegungen und Schlussfolgerungen dazu, sich doch sehr intensiv damit zu befassen.
Stellenweise waren diese Zeugenaussagen sehr schockierend, wobei die überhebliche Gelassenheit der Angeklagten nochmal um ein vielfaches schlimmer war.

Was mich allerdings sehr störte, waren diese vielen „Baustellen“ in dieser Geschichte. Es begegnen einem scheinbar sehr wichtige Personen im Buch, deren Schicksal sich aber irgendwann in Luft auflöst. Die Tragödie um das Verhalten eines Volkes, von Männern und Frauen die Dinge nicht nur hörten sondern sahen, ging unter die Haut. Das daraus allerdings auch eine Nebengeschichte um Evas Familie gestrickt wurde, hat den eigentlichen und mir wichtigsten Bestandteil, den Prozess um die Verbrechen in Auschwitz, zu sehr verdrängt. Natürlich ist die Frage, was die eigene Familie damals getan, oder eben nicht getan hat, immens wichtig, nahm mir aber zu viel um diesen eigentlichen Prozess weg. Die damaligen Opfer bekommen zwar Namen aber keine Gesichter in dieser Geschichte. Die Konsequenzen einzelner Handlungen und kollektiver Mitschuld ging, in der Vielfalt der einzelnen Komponenten, einfach unter.
Auch das, was um ihre Schwester herum aufgebaut wurde, war mir etwas zu viel, auch wenn es insbesondere um das Geschehen in diversen Heil- & Pflegeanstalten, während der NS-Zeit, eine Parallele aufwies und aufzeigte wie sehr sich Menschen in eine Rolle hineinleben können, ohne dabei auch nur ansatzweise ein schlechtes Gewissen zu haben.

Last but not least: Durchaus eine hörenswerte Geschichte, deren Ernsthaftigkeit allerdings durch eine Überflutung an anderen, ebenfalls sehr ernsten Themen, einfach auf der Strecke bleibt. Hier war es mir wirklich des Guten (oder eben des Schlechten) zu viel.

Wertung: ★★★☆☆

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Buchdetails 
Titel: Deutsches Haus
Buchreihe: Einzelband, Laufzeit 535 Minuten, gekürzt
Autorin: Annette Hess | Sprecherin: Eva Meckbach
Verlag: Hörbuch Hamburg

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Anja
Gast

Hallo,
Mudbound klingt gut. Mal sehen ob es das bei audible gibt.
Danke für die Vorstellung der drei Hörbücher.
Wie immer ein gern gelesener Beitrag.

LG