„Endgültig“ | Andreas Pflüger

Worte sehen

Inhalt laut Verlag:

Seit Jenny Aaron bei einem missglückten Einsatz vor fünf Jahren das Augenlicht verlor, arbeitet sie als Verhörspezialistin beim BKA. Sie versteht es perfekt, zwischen den Worten zu tasten und das dahinter Verborgene zu erspüren. Als ihre früheren Berliner Kollegen sie bei einem Mordfall um Mithilfe bitten, wird Aaron jäh in ihre Vergangenheit gerissen: Reinhold Boenisch, für dessen Verurteilung sie als junge Polizistin sorgte, soll im Gefängnis eine Psychologin getötet haben. Aaron nimmt den Fall an und muss schon bald erkennen, dass Boenisch nur der Anfang ist – eine Schachfigur in einem Komplott. Nach und nach wird ihr offenbar, dass ihr bisheriges Leben eine einzige Vorbereitung auf die folgenden beiden Tage war. Um dieses Leben wird Aaron kämpfen müssen wie nie zuvor.

Ich war direkt verzaubert vom Schreibstil! Kurz und prägnant, einnehmend! Die Sätze sind nicht verschnörkelt oder ausufernd, sondern konzentrieren sich auf ihren Kern.

Das Buch beginnt mit Aaron und ihrem Einsatz, der für ihr späteres Leben verehrende Folgen haben soll. Der Prolog dient jedoch nicht einzig dazu, den Leser*innen Aarons Schnittpunkt ihrer zwei Leben zu verdeutlichen, sondern ist auch für den zukünftigen Verlauf von Bedeutung.

Jenny Aaron ist Verhörspezialistin, sie sieht die Worte, sie hört die Emotionen, aber ihre Welt ist schwarz. Eine blinde Polizistin und allein dies machte mich schon wahnsinnig neugierig auf die Geschichte! Und eben dadurch ist es ein Buch, welches wundervoll zeigt, dass eine Geschichte auch ohne (detailreiche) Beschreibungen der Umgebung auskommt.

Ich mache mir während des Lesens immer Notizen, doch diesmal sind diese eher gering. Nicht weil mir so wenig gefiel oder ich keine Gedanken zum Verlauf hatte. Vielmehr liegt es daran, dass mich die Geschichte einfach gefesselt hat! Sobald ich eintauchte in Aarons Dunkelheit, war ich darin gefangen. Der Autor Andreas Pflüger versteht sich darin, mir die Welt der Blinden näher zu bringen und mich in die Geschichte fallen zu lassen.

Fünf Jahre liegen zwischen dem Unfall und der aktuellen Ermittlung. Fünf Jahre in denen Jenny Aaron sich nicht aufgab, sondern kämpfte. Sie hat in diesen Jahren gelernt, die Worte zu sehen und ihre Umgebung zu hören.

Zwischen Worten tasten.
Das Verborgene erfühlen.
Dem Schall von Lügen lauschen.
(Seite 87)

Und Aaron begeisterte mich schon bei ihrem ersten Verhör! Sie nimmt jede Bewegung wahr, hört die Nuancen der Stimme und sieht, was den Sehenden verborgen bleibt. Auch wenn aus der dritten Person heraus geschrieben wurde, war ich der Protagonistin nahe. Sie ließ mich Teil haben an ihren Gedanken, ihren liebsten Düften, den Gerüchen die sie kaum erträgt an Dingen die sie gerne berührt oder ihr einen Schauer bereiten. Sie ließ mich daran teilhaben, wie sehr sie dafür kämpfen musste, ihre Umgebung zu hören und sie ließ mich an ihrem Schmerz teilhaben. All das stimmig eingearbeitet innerhalb eines Thrillers.

Die Geschichte ist ein gelungener Wechsel zwischen vergangenem und gegenwärtigem. Es schafft ein Gesamtbild. Während Aaron und ihre Kollegen in dem aktuellen Fall ermitteln, wird sie zurück in die Vergangenheit gezogen. Der Mann der die Gefängnistherapeutin ermordete, verlangt einzig mit ihr zu sprechen. Und dieser Mann ist für Aaron kein Unbekannter. Sie kennt ihn, sie war bei ihm zu Hause.

Je mehr ich las, umso mehr Berührungspunkte gab es zwischen den verschiedenen Ereignissen. Und nie war es zu viel. Der Autor trifft genau den richtigen Ton, peitschte mich durch die Seiten, ohne dass ich mich gehetzt fühlte. Ich musste weiterlesen. Zu fasziniert war ich von der Protagonistin und den Menschen um sie herum. Kollegen, Freunde und Täter.  Die Protagonisten in diesem Buch, egal welche Rolle sie haben oder wie selten diese in Erscheinung tritt, sind fein skizziert und interessant.

Und nicht nur Aaron wurde von dieser einen Frage gequält, auch ich wollte wissen was damals geschah, an dem dunkelsten Tag ihres Lebens. Auch diese Ungewissheit wird immer wieder aufgegriffen, erklärt Aarons Handlungen im späteren Verlauf. Ich bin wirklich begeistert davon, wie mehrere Erzählstränge zu einem werden, ohne auch nur im Ansatz konstruiert zu wirken. Ich war gefesselt! Von Aaron, von der Geschichte und vor allem von Pflügers einnehmendem Schreibstil. Ich kann keinen Satz einfangen um zu verdeutlichen was genau ich meine. Es ist sein Gesamtwerk, seine Art Aaron erzählen zu lassen. Kein Wort zu viel und dabei authentisch und gefühlfühl.

Man liest heraus das sich der Autor eingehend mit der Blindheit beschäftigt hat und u.a. mit der Kerstin (Lichtscherben Blog), selbst spät erblindet, im intensiven Austausch stand. Auch wenn ich als Sehende niemals nachempfinden kann, wie blinde Menschen die Welt wahrnehmen, so hat mit der Autor diese etwas näher gebracht.

Eine gelungene Umsetzung, die mich sehr neugierig auf den Folgeband macht, welcher zum Glück bereits in einem meiner Bücherregale auf mich wartet!

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★


– Weitere Eindrücke
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   Buchdetails
Titel: Endgültig
Buchreihe: 1. Band
Autor: Andreas Pflüger
Verlag: Suhrkamp
Jenny Aaron – Reihe
Band 1 ~ „Endgültig“
Band 2 ~ „Niemals“
Band 3 erscheint voraussichtlich Herbst 2019

6
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laberladen
Gast

Wie schön, dass Dich Andreas Pflüger mit seiner Jenny Aaron auch so begeistern konnte. Nun ja, eigentlich war ich mir ziemlich sicher, dass Dir das Buch gefällt. Und ich finde Band 2 mindestens genauso gut, also kannst Du Dich auf ein weiteres Lesevergnügen freuen. Ich fiebere ja schon dem dritten Band entgegen :-)

LG Gabi

Nisnis Bücherliebe
Gast

Liebe Janna,

es freut mich, dass dich Endgültig begeistern konnte. Ich fiebere nun Band drei entgegen und hoffe, dass es eines Tages eine Verfilmung geben wird.

Liebe Grüße

Anja

Ela
Gast

Hallo Janna,
danke fürs vorstellen. Ich hab mir gleich mal das Hörbuch auf die Wunschliste gepackt, denn kurz und schnörkelos, direkt auf den Punkt kommend, klingt schon mal richtig gut. ;)
Auch das Thema Blindheit finde ich in diesem Fall sehr interessant.
LG Ela