[Eine Geschichte – Zwei Bücher] „Wir haben schon immer im Schloß/Schloss gelebt“ | Shirley Jackson

Kein Schauer, aber Beklemmung

Diese Geschichte von Shirley Jackson ist bereits 57 Jahre alt. Erstmals 1962 erschienen und es dauerte knapp 30 Jahre, bis sie ins Deutsche übersetzt wurde.
1991 veröffentlichte der Diogenes Verlag die Geschichte als Taschenbuch. Nun, 2019, gibt es den Schauerroman neu übersetzt als Hardcover im Festa Verlag.

Ich bin ein Fan beider Verlage und gerade weil diese thematisch stark auseinander gehen, war ich mehr als neugierig auf das Buch! Auch die Unterschiede in der Übersetzung reizten mich enorm und so zog das Buch von beiden Verlagen ein – wovon eine Ausgabe zu meiner mit verbloggten und liebsten Kerstin reisen wird.

Für mich persönlich ist es kein Schauerroman, aber (dennoch) eine Geschichte die mich fesselte. Ich habe das Lesen in zwei Teile gegliedert – die ersten fünf Kapitel habe ich in der Diogenes Ausgabe gelesen, die restlichen fünf Kapitel in der Festa Ausgabe.
Die Bücher unterscheiden sich nicht nur in der gewählten Ausgabe (TB / HC) und dem Cover, sondern auch vom Stil und der Seitenzahl. Im Diogenes Buch endet das 5. Kapitel auf Seite 112, Kapitel 6 in der Festa Ausgabe beginnt (erst) auf Seite 130.

Dieser Unterschied liegt zum einen an der unterschiedlichen Schriftgröße, aber natürlich auch an der Übersetzung. Die Übersetzer*innen lassen auch immer ihren eigenen Stil mit einfließen und zum anderen liegen zwischen den beiden Ausgaben fast 30 Jahre. Unsere Sprache ist im Wandel, verändert sich. Worte gehen verloren, neue entstehen und auch die Ausdrucksart im geschriebenen und gesprochenen Bereich verändert sich.
Somit findet sich in diesen zwei Büchern zwar dieselbe Geschichte, die sich aber ganz unterschiedlich lesen lässt.

Ich heiße Mary Katherine Blackwood. Ich bin achtzehn Jahre alt, und lebe zusammen mit meiner Schwester Constance.

Buchbeginn der Diogenes-Ausgabe

Ich heiße Mary Katherine Blackwood. Ich bin 18 Jahre alt und lebe mit meiner Schwester Constance zusammen.

Buchbeginn der Festa-Ausgabe

Die beiden Schwestern leben seit einigen Jahren mit ihrem Onkel in einem abgelegenen alten Haus. Ihre Eltern und die Frau ihres Onkels sind tot, vergiftet. Constanze wurde angeklagt, jedoch freigesprochen und seitdem ist die kleine Familie abgegrenzt vom restlichen Dorfleben – oder vielmehr ausgegrenzt.
Constanze und Onkel Julian bewegen sich nur noch innerhalb des Hauses und im Garten, allein Mary geht für Besorgungen ins Dorf. Eine Tortur! Sie spürt den Hass bei jedem Einkauf und selbst der Hausarzt verrichtet seine Besuche schnellstmöglich. Bloß keine Sekunde zu viel in ihrem Haus verweilen. Einzig Mrs. Crowley kommt die Kleinfamilie gerne auf einen Tee besuchen – zum Missfallen von Mary.
Als dann unerwartet ihr Cousin Charles vor der Tür steht, nimmt das Schicksal seinen Lauf …

Die Geschichte wird aus Marys Perspektive erzählt. Ein Mädchen, das sich wegträumt, ihre Familie mit aufgehängten und vergrabenen Dingen beschützen und nicht erwachsen werden will. Sie baut sich einen Schutzwall aus drei Worten auf und schließt die Welt um sich herum aus. Abgesehen von ihrer kleinen Familie und dem Kater.
Julian ist durch seine Demenz oder dem immer stärker werdendem Alzheimer, eine Diagnose wird nicht deutlich benannt, ein Protagonist der zwar nicht im Mittelpunkt steht, aber auch nicht im Hintergrund verschwindet. Ich konnte ihn mit seiner sympathischen Art und den leicht schmunzelnden Situationen nicht überlesen. Die Autorin hat es jedoch geschafft, dieser Erkrankung eine Leichtigkeit zu geben und nicht lächerlich darzustellen, trotz einiger humorvoller Szenen.
Constanze wirkt neben Mary und Julian etwas fad, passt aber dennoch gelungen in diese Konstellation. Die Bedeutung ihrer Rolle wird auch erst zum Ende hin deutlich, in nur einem kleinen Austausch zwischen Mary und ihr.

Und dann wäre da ja noch das Hasserfüllte Dorf, mit all der Ignoranz und Stichelei. Dies steigert sich im Verlauf zu einem gewaltvollen Kreis.
Nicht zu vergessen ist Cousin Charles, ein Arschloch par excellence! Er umgarnt Constanze, will Julian seine Rechte absprechen und Mary am liebsten direkt aus dem Haus haben.
Erschreckend war, dass Constanze darauf einging, was sie für mich unsympathisch machte. Doch dem wirkt die Erkenntnis am Ende entgegen.

Ein Schauer stellte sich nicht ein, aber das Lesen ließ eine beklemmende Atmosphäre entstehen. Die Menschen im Dorf hätte ich am liebsten gerüttelt und Charles gerne direkt eine Backpfeife ins Gesicht verpasst! Und dann kam dieser verhängnisvolle Abend … ein Ereignis das alles veränderte. Das Glück in der Katastrophe?
Und trotz klarer Beschreibung gab es einen Freiraum für eigene Spekulationen. Ein Mythos mit bösen Geschichten war geboren!

Für welche Ausgabe Du Dich entscheidest liegt bei Dir, aber das Lesen an sich kann ich klar empfehlen. Ich habe es vom Cover abhängig gemacht, obwohl ich Hardcover bevorzuge. Natürlich ist ein Taschenbuch vom Lesen her angenehmer (Stichwort Gewicht und Handhabung), wobei sich ein HC einfach so hübsch im Regal macht! Hier finde ich jedoch das TB-Cover passender und somit wandert die dickere Ausgabe weiter in ein anderes Bücherregal.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆


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Buchdetails
Titel: Wir haben schon immer im Schloß/Schloss gelebt
– Einzelband
Autorin: Shirley Jackson
Taschenbuch: Diogenes (nur noch gebraucht erhältlich)
Hardcover: Festa


Buchtrailer von PsychothrillerGmbH (Buchbeginn):


Filmtrailer– ein deutscher Start ist (bislang) unbekannt


Kennst Du eine der beiden Printausgaben oder bist (etwas) neugierig auf die Geschichte geworden?

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LeseWelle
Gast

Hallo Janna,
eine sehr interessante Idee, eine Geschichte in zwei Ausgaben geteilt zu lesen. War das nicht etwas verwirrend, eben weil die Sprache sich ändert und die persönliche Note von den Übersetzern anders ist?
Aber das Buch an sich ist mir auch schon ins Auge gesprungen. Vielleicht schaue ich es mir doch mal genauer an. Macht mich doch irgendwie neugierig. :)
Liebe Grüße
Diana

Buchbahnhof
Gast

Hallo Janna,
eine spannende Rezension. Im ersten Moment war ich tatsächlich auch erstaunt, als du schriebst, dass das Buch erst bei Diogenes und jetzt bei Festa erscheint. Weiter können Verlage ja kaum auseinander liegen. Interessant, dass die Geschichten in der Übersetzung doch voneinander abweichen.
Kennst du „Die Blackstone Chroniken“ von John Saul? Die könnten dir auch gefallen, denke ich.
LG
Yvonne

Conny´s Bücherbubble
Gast
Conny´s Bücherbubble

Hallo Janna, eine tolle Rezi, die mir zeigt, dass es duchaus Sinn macht das gleiche Buch von verschiedenen Verlagen mal zu lesen, Ich habe da bisher noch nie drauf geachtet. Gerade in meinen längeren Bücherreihen findet sich eine bunte Verlagsmischung

Lieben Gruß Conny

Kerstin
KeJas-BlogBuch

Wuhuuu Janna, die Rezension ist GENIAL und ich freue mich jetzt doppelt auf das Buch. Es liegt schon in greifbarer Nähe und ich glaube ich muss doch direkt mal reinschnuppern. Hab lieben Dank :-*