„Ein Kind Gottes“ | Cormac McCarthy

A child of God

Inhalt laut Verlag

Tennessee in den sechziger Jahren:
Lester Ballard ist ein Ausgestoßener einsam und gewalttätig. Als ihm nach und nach die Reste eines normalen Lebens abhandenkommen, wird er zum Höhlenbewohner, zum Serienmörder, schließlich zum Nekrophilen. Er gerät in Haft, in die Psychiatrie, in die Gewalt rachsüchtiger Männer. Lester Ballard, „vielleicht ein Kind Gottes, ganz wie man selbst“.

Tennessee, 60er Jahre – ein raues und derbes Land, voller rauer und derber Männer. Die Frauen stehen ihnen in nichts nach und trotz der Schönheit des Landes, der Jahreszeiten voller sommerlicher Hitze und eisiger Wintermonate ist da, dort, irgendwo, einer der nicht so ist wie die anderen.
Ein Kind Gottes wohlgemeint. Diese Bezeichnung hat in dem Sinne nichts mit Religion oder Christ sein zu tun. Es sind eher die Menschen gemeint, die aufgrund einer Behinderung, körperlich oder geistig, eingeschränkt zur Welt kamen – oder wie bei Lester, in den psychischen Verfall getrieben wurden. Die Eltern und auch die Großeltern habe ihres dazu beigetragen und vielleicht war Lester prädestiniert ein Wahnsinniger zu werden.

Er sah halb irre aus.
(S. 17)

Achtung: die Geschichte kann triggern!
Es kommt zu Gewaltdarstellungen und sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen sowie nekrophilen Darstellungen

So derb und rau wie das Land, ist auch die Sprache im Buch. Kein Blatt nimmt der Autor vor den Mund. Beschreibt detailliert und lässt einen doch im Ungewissen. Es ist bei McCarthy immer das, was man nicht liest. Er hat die wunderbare Gabe in einem fließenden, manchmal kurzen Sätzen beherbergenden Text, auszusprechen was sich sonst keiner traut. Gewalt, Sex, Begierden und selbst das Alltägliche und Normale wird auf den Punkt gebracht. Es ist so wie es ist. Lester ist ein Schwein! Kein Typ, den man dort in den Wälder begegnen will und auch sonst nirgends. Ein verrohtes Stück Scheiße (sorry), dass es dennoch schafft Emotionen zu wecken. Verdammt, der Dreckskerl hat mir ja sogar irgendwie leid getan.

Eins muss ich allerdings über Lester sagen. Man kann die ganze Sippe bis zu Adam und Eva zurückverfolgen, wenn man will, und ich will verdammt sein, wenn er sie nicht alle übertroffen hat.
(S. 82)

Worum geht es eigentlich? Der Klappentext verrät schon viel zu viel und ist doch nicht so ganz korrekt.
Es geht definitiv um diesen Lester. Ein junger Mann noch, der viel zu schnell seine Eltern verlor und unter den Fittichen des Großvaters auch mehr schlecht als recht groß wurde.
Das alles wird aber nur so nebenbei erzählt. Immer in kurzen Episoden und Kapiteln, in denen auch mal andere zu Wort kommen, die eigentlich gar nichts zu sagen haben.
Letztendlich folgt man Lester auf seiner Odyssee aus dem normalen Leben, wenn man seines denn so nennen möchte, hinein in das schon immer bestehende „ausgestoßen sein“.
Nur, dass es Lester nun wirklich an die Schwelle des Menschseins treibt.
Eine Schwelle die er kontinuierlich überschreitet. Mit jedem weiteren Tag und jeder weiteren Tat.
Der Ausgestoßene und Verlassene verkommt in seiner Einsamkeit.

Verkommen, so kann man ihn ohne schlechtes Gewissen nennen. Immer mehr verroht dieser Mann, der seiner letzten Behausung beraubt, eine Zuflucht in den Höhlen findet.
Einsamkeit strömt durch jede der Seiten. Einsamkeit die auch Lester verspürt. Da sich die Lebenden nicht mehr mit ihm abgeben wollen, hält er sich an die Toten.
Es wird stellenweise sehr grausam, weniger wegen den Beschreibungen sondern wegen den Gedanken, die sich beim Lesen einstellen. Manchmal wünscht man sich eine weniger stark ausgebildete Vorstellungskraft, gerade wenn man solche Bücher liest.
Dennoch hatte ich nie den Eindruck, dass all diese Schilderungen der Gewalt oder der Übergriffe, der reinen Effekthascherei galten. Dafür war es zu verschwommen und doch weiß man genau was Lester da tut und es lässt einen sprachlos zurück.

McCarthys Schreibstil ist für mich immer wieder eine Offenbarung. Solch wunderschöne Sätze, solch Tiefe und Melancholie – all das wird durch diese rohe Gewalt nicht zerstört, sondern bekommt eine ganz eigene Wahrnehmung.
Die vulgären Worte sind auf die Charaktere gemünzt und spiegeln eine Gesellschaft wider, jenseits der Moral oder gar guten Sitten. Wer genau liest erkennt die Punkte des Versagens aller in der Gemeinschaft dieser Menschen.
Alles scheint verlottert und heruntergekommen und so wirkte dieses Buch wie ein schwarz-weiß Film in bester Noir-Manier. Keine Helden, keine Heldinnen.
Die Reduktion auf das Wesentliche. Somit reichten die 191 Seiten auch aus.

Man sollte sich darauf einstellen, dass dieses Buch an die Substanz geht.
Keine Geschichte für zwischendurch. Dafür ist sie viel zu grausam.
Dennoch liest es sich unwahrscheinlich schnell und gut.
Lester zieht einen hinein in sein Leben und sein Wüten, ob man will oder nicht.

Dann war da nichts als Stille und der schwere Blütenduft des Jelängerjelieber in der schwarzen, hochsommerlichen Nachtluft.
(S. 23)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


– Anzeige –
Nachfolgender Link führt zur Verlagsseite

Buchdetails
Titel: Ein Kind Gottes
Buchreihe: Einzelband
Autor: Cormac McCarthy

Verlag: Rowohlt

4
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her Eure Gedanken! Wir freuen uns auf Eure Kommentare & den Austausch!

avatar
Nicole Wagner
Gast

Ich habe jetzt auch Lust auf McCarthy bekommen. „Die Straße“ habe ich bisher von ihm gelesen, das fand ich klasse.

Tii Ana
Gast

Wow, ich bin auch McCarthy Fan, aber das Buch hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm.

Vielen Dank für Deine wundervolle Rezension, Kerstin.
Jetzt bin ich angefixt.

LG Anja