„Dort dort“ | Tommy Orange

„Wir fanden einander“

So viel Energie, so viel Schönheit, so viel Erkenntnis.
Jacquie ist endlich nüchtern und will zu der Familie zurückkehren, die sie vor vielen Jahren verlassen hat. Dene sammelt mit einer alten Kamera Geschichten von indianischem Leben. Edwin sucht seinen Vater. Und Orvil will zum ersten Mal den Tanz der Vorfahren tanzen. Ihre Leben sind miteinander verwoben, und sie sind zum großen Powwow in Oakland gekommen, um ihre Traditionen zu feiern. Doch auch Tony ist dort, und Tony ist mit dunklen Absichten gekommen. Tommy Orange erzählt mit rauer poetischer Kraft, brodelnder Energie und grimmigem Lachen die Geschichten der ersten Bewohner Amerikas neu.

Inhalt laut Verlag

So oft schon habe ich mir diese Frage gestellt.

„Darf ich ein Buch für schön empfinden und es lieben, auch wenn es hässlich ist?
Wenn die Geschichte im Inneren so sehr blutet und der Schmerz spürbar durch die Seiten zieht?
Wenn es mich tritt und schlägt mit all der Wucht der Worte und der Taten, die beschrieben werden?
Wenn es offenbart, was alle schon lange wissen und über das doch kaum mehr einer spricht? Wenn es mich zutiefst berührt, ob der Schilderungen und all den Konsequenzen, die noch immer in den Seelen rumoren, toben und eine Tragödie heraufbeschwören?

Sie nahmen alles und zermahlten es zu Staub, fein wie Schießpulver.

Zitat aus dem Hörbuch

Der Sprecher Christian Brückner entfacht mit seiner unvergleichlichen DeNiro-Stimme schon mit den ersten Worten einen Sog auf diese Geschichte. So ist es auch die Geschichte mit der er beginnt. Ein Vorstellen von Menschen und deren unmenschliches Verhalten in einer Zeit als es galt neues Land zu erobern und dabei die, dort seit Ewigkeiten lebenden, Menschen zu vertreiben. Vorzugsweise mit Gewalt, eine Sprache die nicht alle sprechen, aber alle verstehen. Geschichte in der Geschichte über die Native Americans und der systematischen Vernichtung. Völkermord um eines neuen Volkes Willen, ohne Rücksicht, gnadenlos und barbarisch.

Die ersten Kapitel gehen unter die Haut, erzählen über einst Geschehenes, historisch belegte Vorgänge, sowie von Traditionen und der Versuch diese zu brechen.
Vorsichtig erzählt Tommy Orange und lässt nichts aus.
Eine wunderschöne Sprache, fern aller Obszönität, leise und andächtig und doch schmettert und dröhnt es ganz laut durch des Buch. Diese schreiende Ungerechtigkeit!

Was sind wir?

Zitat aus dem Hörbuch

Insgesamt 12 Personen/Charaktere wird im Laufe dieses Buches einzeln, in abwechselnder Folge, benannt, erzählt, erklärt und gefolgt.
Opal Viola Victoria Bear Shield, die wegen ihres Namen von anderen aufgezogen wurde und mit ihrer Schwester Jaquie Red Feather und der Mutter schon auf einer Gefängnisinsel lebten. Um zu protestieren und aufmerksam zu machen, aber auch weil da einfach kein Zuhause war. Dort war kein Ort für sie und dort war überall und doch auch nirgends.

Tony, der mit einem fetalen Alkoholsyndrom zur Welt kam, und der dieses „Drom“ mit sich herumschleppt und annimmt, um die Bedeutung kennt und für den dieses „Drom“ Fluch und Segen und eben seine Mum ist.

Auch die Brüder Orvil und Lony, der Geschichtenerzähler Dene Oxendene und so manche Tante und so mancher Onkel kommt zur Sprache oder spricht selbst. Generationenübergreifende Erlebnisse. Sie haben alle keinen Bezug zueinander und doch haben sie Gemeinsamkeiten. Solche die ganz tief verwurzelt sind und sich nicht einfach herausreißen lassen.

Er weiß nicht, dass er nicht dort ist, denn er ist genau dort.

Zitat aus dem Hörbuch

Es spitze sich zu im Laufe des Buches. Ganz langsam und behutsam lässt der Autor die Personen handeln, es besteht keine Eile, das Ziel ist bekannt und läuft nicht weg. Das große Powwow, ein Zusammentreffen um der Gemeinsamkeit willen.
Alle werden dorthin kommen und so ist es unweigerlich, dass eben diese 12 Charaktere auch dort sein werden. Einzeln, in kleinen Gruppen, freudig erregt und ergriffen gespannt. Hunderte von Menschen, ihre Traditionen pflegend und inmitten wartet man auf diese 12 und fürchtet sich.

Es bahnt sich an, was unweigerlich kommen wird. Mit jeder weiteren Seite, die gerne mal abschweift in die Vergangenheit, kommt die Gegenwart doch immer näher. Dort, dort wird es geschehen und gerade in den letzten Kapiteln wird diese Langsamkeit und Zärtlichkeit mit der Tommy Orange alles erzählte in einen Sturm, ja einem Orkan gleich umgewandelt und fegt gnadenlos und erschütternd alles durch die Seiten.
Eine dramaturgische Meisterleistung, die weiterhin durch den Sprecher perfekt intoniert wird. Es hat mich umgehauen!

Zu meiner eingangs gestellten Frage – ja, ich liebe dieses Buch, diese Geschichte und wie Tommy Orange sie erzählt.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

– Weitere Eindrücke –
folgen… •


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Buchdetails
Titel: Dort dort
Buchreihe: Einzelband
Laufzeit: 8 Stunden, ungekürzt
Autor: Tommy Orange | Sprecher: Christian Brückner
Verlag: Argon | Printausgabe: Hanser

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8
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Marlene
Gast
Marlene

Hallöchen Kerstin Es freut mich sehr das dir Dort, dort genauso gefällt wie mir und dich die Stimme von Christian Brückner auch so in den Bann gezogen hat wie mich damals bei der Lesung. Eine noch nie dagewesene Geschichte die so gnadenlos mit Klischees abrechnet und uns eine Bevölkerungsgruppe näher bringt die niemals so war und ist wie in den schrulligen Cowboy-und-Indianerfilmen
LG Marlene

Kathrin
Gast

Liebe Kerstin,

auch an dieser Stelle noch einmal von Herzen DANKE, dass du dich diesem Buch gewidmet hast! Aus deiner Besprechung kann man in jeder Zeile deine Begeisterung und die tiefen Eindrücke herauslesen, die THERE THERE bei dir hinterließ! Damit bin ich mir nun endgültig sicher, dass ich diese Geschichte lesen muss – bin aber weiterhin unschlüssig in welchem Format und in welcher Sprache.

So oder so freu ich mich, dass Tommy Orange damit den Native Americans eine Stimme gibt und diesen Teil der amerikanischen Geschichte/Gesellschaft abseits der Klischees und Fremdbeschreibungen porträtiert.

Liebe Grüße
Kathrin

Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Kerstin, was für eine Besprechung. Ich bin absolut begeistert.

Das Buch habe ich wahrgenommen, aber irgendwie hat es mich gar nicht angesprochen.

Was passiert?
Du kommst um die Ecke und ich denke: WOW!

Jetzt packe ich es auf die audible Liste für das nächste Guthaben.