„Die Zeugen“ | Jurica Pavicic

Das Buch habe ich bei einer gemeinsamen Verlosung des Bücherportals Lovelybooks und dem Schruf & Stipetic Verlag gewonnen. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Kroatien im Krieg 1992: In einem Vorort von Split wird ein serbischer Unternehmer ermordet. Womit die Täter nicht gerechnet haben: Die Tochter des Mannes wird Zeugin des Verbrechens. Die Männer entführen sie. Zunächst wird das Verbrechen erfolgreich vertuscht, denn die Täter verfügen über gute Beziehungen zu einflussreichen Personen. Doch immer mehr Leute werden in den Fall hineingezogen. Krešo will das Mädchen retten. Seine Kriegskameraden wollen sie umbringen. Krešos Schwester Lidija will den Fall an die Öffentlichkeit bringen. Der Arzt Matić will einem Verwandten helfen und der Journalist Galjer nur eine bessere medizinische Behandlung für seine Frau. Und das Mädchen kann nur darauf warten, umgebracht oder gerettet zu werden.

Minenfeld

„Die Zeugen“ hatte mich sehr gereizt, da ich nur sehr wenig um die Thematik des Balkankrieges in Romane gelesen habe. In diesem Buch ist das Jahr 1992 in Kroatien der Zeitpunkt des Geschehen und noch ist der Krieg nicht in all seinen furchtbaren Ausmaßen vorangeschritten. Er wird nur sehr wenig im Buch thematisiert. Man liest ein bisschen etwas über die Donnerschläge und den erhellten, weil brennenden Himmel, aber weitestgehend bleibt er im Hintergrund.

Dennoch, vielleicht wäre all jenes in dieser Geschichte nicht geschehen, hätte kein Krieg geherrscht. Vielleicht wären diese jungen Männer anderweitig unterwegs gewesen und vielleicht hätte sie nicht ein Exempel statuieren wollen und dann, ja vielleicht dann, wäre alles ganz anders gekommen?!

Alles beginnt mit Krešo und seinen Kameraden inmitten eines Minenfeldes. Auf dem Weg zu einer feindlichen Stellung kommt es, wie es meist dabei kommen muss. Ein falscher Tritt, eine Explosion und während ein junger Mensch stirbt, bleibt einem anderen nur noch ein gesundes Bein. Blut, Schock, Versorgung und Abtransport in die nächste Klinik. Der Glückliche weiß noch nichts von eben diesem Glück, denn die, die zurückbleiben, haben nur noch Wut im Bauch und die muss jetzt raus. Im Krieg ist alles erlaubt heißt es, also sucht man sich einen Menschen anderer Zugehörigkeit, am besten noch gutbetucht. Nur Mist wenn auch das daneben geht und letztendlich ein kleines Mädchen alles ausbaden muss.

Morgen würden die Dinge ihren Lauf nehmen.
(S. 169)

Das Buch ist als Roman richtig klasse, nur für mich etwas weniger ein Kriminalroman. Die Menge an Personen und deren Namen waren anfänglich etwas irritierend, aber man gewöhnte sich an sie und schnell war auch klar, wer von all den Männern und Frauen auf welcher Seite stand.

Krešo, der nun als Kriegsversehrter nicht die besten Zukunftschancen vor Augen hat, wird von seiner Schwester Lidija ordentlich zurecht gerückt. Sie selbst ist Reporterin und gemeinsam mit Galjer fängt sie an, in dem Fall um das verschwundene Mädchen, Nachforschungen anzustellen. Irgendwie hängen da ein paar Typen mit in der Sache, von denen ausgerechnet Krešo meint, dass sie ihm Schaden wollen. Die Polizei selbst blockt noch, man will dem Kind nicht schaden oder vielleicht will man bestimmten Leuten nicht auf die Füße treten?

Alle Personen in der Geschichte sind sehr ausdrucksstark dargestellt, selbst das alte Großmütterchen. Jeder kennt jeden oder zumindest jemanden der jemanden kennt. Eine riesige Gemeinschaft, die untereinander eingeschworen scheint, in der aber auch ganz klare Strukturen und Regel herrschen. Was schnell klar wird, ist auch der notwendige Einfluss, um überhaupt irgendetwas erreichen zu können. Vitamin B in allen Dosen und Potenzen. Das merkt auch an der privaten Situation von Galjer ganz deutlich, dessen Frau schwer krank eben nur in einem bestimmten Krankenhaus Hilfe bekommen kann, denn in dem aktuellen liegen zu viele Kriegsverletzte. Ein Teufelskreis aus dem es kein Entkommen scheint.

Immer wieder aufs Neue wunderte er sich über diesen Sumpf, der zum Himmel stank.
(S. 63)

Die Suche nach dem Mädchen wir immer mehr zu sehr persönlichen Angelegenheiten und genau darüber lernt man alle noch viel besser kennen. Was da für Sorgen und Nöte mit herumgeschleppt werden (müssen)!
Das Land selbst, Kroatien, kommt dabei auch nicht zu kurz. Die Landschaft, die Farben der Natur und selbst der scheußlich kalte Südwind beherrschen viele Elemente im Buch. Aber auch die Unzulänglichkeiten, mal ganz abgesehen vom Krieg, werden angesprochen. So zieht man mit um die Häuser und Siedlungen. Sieht unverputzte Bauten, unfertige Rohbauten und kann den Geruch der Mülldeponie quasi wahrnehmen. Man sitzt mit im Bus oder dem Auto, fährt von A nach B, immer auf der Suche nach Hinweisen, Erkenntnissen oder irgendwelchen Dingen von Belang. Ab und an landet man sogar mit in einem Café, das „Porsche“ wird jedenfalls recht oft besucht.

Den Titel „Die Zeugen“ finde ich sehr passend getroffen. Obwohl nur wenige mit bei der Aktion, die zur Entführung des Mädchens führte, dabei waren, wissen es doch so viele. Keiner sagt was, eine Mauer aus Schweigen umhüllt die Täter, aber selbst liegen sie im Disput mit sich, ihrem Gewissen und den Grundeinstellungen um Moral und Ethik. So mancher harte, wütende Mann entpuppt sich dabei doch als eine verdammt weiche Seele.

Das Buch liest sich nicht so einfach weg, es fordert einen sehr, den Menschen im Buch zu folgen, ihre Beweggründe zu erkennen und auch zu hinterfragen. Viele wirken unsympathisch und kaum einer kommt gut weg, aber man kann sie sich gut vorstellen. Wie eingangs geschrieben, vielleicht wäre all dies nicht so gekommen. Ein Trauma löst ein anderes aus und vielleicht bedarf es manchmal einer erneuten traumatischen Erfahrung um zu sehen wo der Weg hinführt, oder wo er besser nicht hinführen sollte. Viele „vielleicht“, aber ohne wäre es ja zu einfach.

und in diesem Moment hatte er das Gefühl, dass alle böse Entwicklungen ihren Zenit überschritten hatten, dass das Leben sich wendete wie die Sonne bei der Tag- und Nachtgleiche und die guten Zeiten allmählich zurückkehrten…
(S. 229)

Es ist eine schöne Geschichte, anders kann ich das gar nicht beschreiben. Ja, es gibt Opfer und es gibt Täter, es herrscht im Hintergrund ein grausamer Krieg, aber für mich liegt der Schwerpunkt auf dem Ehrgeiz einzelner, hervorgerufen aufgrund einer sehr gesunden Lebenseinstellung. Niemand ist verloren, solange auch nur ein einzelner sein bestmögliches versucht, allen und allem zum Trotz. Da hat mich ganz besonders Krešo schwer beindruckt.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆


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Buchdetails
Titel: Die Zeugen
Buchreihe: Einzelband  
Autor: Jurica Pavicic
Verlag: Schruf & Stipetic

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Gabi
Gast

Zum Einstieg schreibst Du gleich etwas, das mir auch durch den Kopf gegangen ist – das Setting ist selten für einen Krimi / Thriller und schon alleine deshalb weckt es Interesse. Ich habe vor kurzem einen Krimi gelesen, in dem in Rückblicken auf eine Kindheit in Bosnien während des Krieges geschaut wurde. Allerdings eben aus Sicht eines Kindes, das die politischen Zusammenhänge nicht versteht und vieles naiv auch übersieht. Natürlich bleibt trotzdem das Trauma der Flucht und Verlust der Heimat (Flucht in die Schären von Viveca Sten). Das hat mein Interesse geweckt, nach Büchern, in denen der Krieg im ehemlaigen… Read more »

Dagmar Schruf
Gast

Vielen Dank für die schöne Rezension! Wir freuen uns, dass das Buch dir gefallen hat und zum Nachdenken anregt. Liebe Grüße, Dagmar und Blanka