„Die Wiedererweckten des Herbert West“ | Tim Curran [Kerstin]

Inhalt laut Verlag:

In H.P. Lovecrafts Kurzgeschichte »Reanimator – Der Wiedererwecker« lernen wir Herbert West kennen – einen ebenso genialen wie irregeleiteten Forscher, der davon überzeugt ist, dass der menschliche Körper nichts weiter als eine organische Maschine sei, die man selbst nach dem Tod wieder »neu starten« könne. Als Sanitäter begibt sich West unter anderem an die Flandern-Front des Ersten Weltkrieges, denn dort gibt es genug menschliches Material für seine Experimente …
Tim Currans Hommage »Die Wiedererweckten des Herbert West« lässt uns tiefer in dieses dunkle Kapitel eintauchen. Wir erfahren von geheimen Laboren, Legionen wandelnder Toter und grausamen Experimenten, einer Monstrosität, die sich von den Toten ernährt, und einem unvorstellbaren Wesen jenseits von Leben und Tod, welches sich im Schutze der Nacht auf die Suche nach seinem wahnsinnigen Schöpfer begibt.

Tim Curran gilt nicht umsonst als Meister seines Fachs. Als Autor von Horrorgeschichten schafft er es, wie kaum ein anderer, Ängste erst zu wecken und diese dann mit jeder weiteren Seite zu schüren, bis einem die Nackenhaare zu Berge stehen und man in dem Sog immer tiefer hinabsteigt in dieses Grauen.
So ist es nicht verwunderlich, dass er eine sehr alte Geschichte als Vorlage für dieses Werk genommen hat. H.P. Lovecraft war ebenfalls ein Meister des Grauens und so wird dessen einst erschaffener Reanimator Dr. Herbert West ein Teil dieses Buches.

Curran treibt einen ins Flandern des 1. Weltkrieges, zusammen mit Creel, einem amerikanischen Kriegsreporter, dessen Obsession der Tod und dessen fotografische Darstellung ihn überall dorthin zieht, wo das Grauen Krieg zuschlägt. Dies ist sein 13. Kriegsschauplatz und als würde diese Zahl nicht schon ein Vorbote sein, erwartet ihn dort die Hölle.

Es war der Gestank von Eiter und Zersetzung, wie ihn entzündete Wunden und Gangrän verströmten, Galle und unreine Bandagen, im Feld angelegt.
(S. 138)

Man sollte sich auf etwas gefasst machen. Auf die Schützengräben, den Matsch und Schlamm, das Blut und die körperlichen Ausscheidungen. Auf Verwesung und dessen Gestank. Die Schlachtfelder, das Niemandsland zwischen den feindlichen Stellungen und zerbombte Flächen. Einstiges fruchtbares Land, aufgerissen und vernarbt und dazwischen all die Toten, die keiner mehr einsammeln kann, die Verwundeten und Sterbenden.
Der Stellungskrieg in all seiner Unmenschlichkeit wird schonungslos dargestellt.

Creel ist mit einem Aufklärungstrupp unterwegs, was er sieht und hört lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Und doch ist da noch etwas, irgendetwas Unheilvolles, als wäre der Krieg und das Gemetzel nicht schon genug. Die Soldaten flüstern Gerüchte und da ist sie wieder, diese Angst, viel mehr nur als ein Unwohlsein und es steckt alle an. Gesehen hat keiner genau was geschehen ist und doch weiß jeder etwas zu berichten. Creel stürzt sich darauf und sammelt selbst Eindrücke in nächtlichen Patrouillen. Immer dabei, immer wieder der Matsch, die Gräben, das Blut und die verwesenden Soldaten im brackigen Wasser. Alles umwabert vom Nebel und der Undurchdringlichkeit der Nacht. Das Schmatzen der Schritte durch die vom Dauerregen aufgeweichten Erde, oder ist es etwas anderes das da schmatz?

Jeder wurde mit einem Mal der langen Schatten gewahr, die sich rings um sie ausdehnten, und fürchtete, was sich darin verbergen mochte.
(S. 38)

Das Buch ist mit seinen etwas über 200 Seiten eher schmal und doch ist es kein Buch, das man mal eben so weg liest. Es fordert einen ungemein, was auch an dieser Atmosphäre liegt. Die Darstellungen sind so plastisch, dass man den Eindruck hat, mit diesen Männern umher zu irren. Der Krieg wird weniger durch die Schlachten dargestellt, sondern durch das Sterben der Männer. Auch deren Verwandlungen, bedingt durch das Trauma des Erlebten haben mich erschüttert. Es sind immer nur kurze Begegnungen, die Männer sterben einfach zu schnell und zu viel, aber sie prägen diese Geschichte.

Wir hatten dieses Buch unter dem #Zombiecurran gelesen – kein sonderlich gelungener Hashtag, muss ich ja zugeben. Denn es geht meines Erachtens gar nicht um diese von Dr. West „reanimierten“ Gestalten. Also, bitte nicht auf Zombies warten, da kommt ganz lange kein einziger, jedenfalls nicht so, wie wir diese wandelnden Tote kennen.
Dr. West selbst kommt nur in einzelnen kurzen und kursiv dargestellte Kapiteln vor. Das reicht aber auch. Der Mann ist jenseits von Gut und Böse und auch wenn die Absicht, dem Tod ein Schnippchen schlagen zu wollen, ja eher eine positive ist, werden seine Experimente immer abscheulicher. Wer den Weg in seine Scheune wagt, kommt nicht darum die Behältnisse zu sehen, in den es brodelt und rumort. In Flüssigkeiten treibende Körperteile, die trotz des Wissen um deren Sterblichkeit etwas sehr Lebendiges an sich hatten. Man muss Lovecraft nicht gelesen haben, West erklärt sich und seine Versuche in diesem Buch selbst.

Tim Curran kann einem das Fürchten lehren und mit „Die Wiederweckten des Dr. Herbst West“ ist es ihm bei mir mehr als gelungen.
Es ist nicht einfach nur eine Horrorgeschichte, sondern stellenweise richtig poetisch. In dem Buch wimmelt es nicht nur so von Maden und Ratten, sondern von vielen Sätzen, deren Aussagekraft so stark wie der Krieg grausam ist!

Die unaufhörlichen, hartnäckigen Gefechte und Entbehrungen, Unmenschlichkeiten und Leiden im Grabenkrieg verflüssigten ihren Verstand zu einer Suppe aus morbiden Wahnsinn und pandemischer Melancholie.
(S. 94)

Tim Curran ist ein Muss für alle, die den subtilen Horror dem reinen Splatter vorziehen. Grausam sind beide Arten, aber bei Curran liest man eben anders und das hat mir richtig gut gefallen (trotz meiner Abneigung gegen Zombies).

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆

1 Buch – 2 Meinungen | Jannas Kurzmeinung

– Weitere Eindrücke –
Pink Anemone °
Scarecrows Area°


– Anzeige –
Nachfolgende Links führen zu Verlags- und/oder Autor*innen-Seiten, Amazon oder Twentysix

Buchdetails
Titel: Die Wiedererweckten des Herbert West
Buchreihe: Einzelband
Autor: Tim Curran
Verlag: Luzifer

Beitrag teilen mit:

2
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Deinen Gedanken! Wir freuen uns auf Deinen Kommentar & den Austausch mit Dir!

avatar
Nicole “NiWa” Wagner
Gast

Ui, das wandert wohl auf die Merkliste. Eigentlich hatte ich von der Aufmachung her ganz andere Erwartungen an dieses Buch. Doch grad mit dem subtilen Horror kann es etwas für mich sein.