„Die Toten im Schnee“ | Giuliano Pasini

Geschichte in Geschichten 

Inhalt laut Verlag

Case Rosse, ein Bergdorf im Apennin, ist Sitz des kleinsten Kommissariats Italiens. Hier hat Roberto Serra das Sagen; er ist aus Rom gekommen und wird von den Einheimischen als Außenseiter behandelt. Doch am Neujahrstag des Jahres 1995 zwingt ein Mordfall Roberto, sich in die Angelegenheiten der verschlossenen Bewohner des Ortes zu mischen: Auf einem Hügel vor dem Dorf liegen drei Leichen im Schnee. Wer sind diese Toten? Für den Kommissar beginnt eine Ermittlung, die ihn tief in die Geschichte von Case Rosse führt, den Ort, an dem er eigentlich Zuflucht vor seinen eigenen Dämonen suchte …

Bild by Kerstin

Dieses Buch hat mich überrascht – auf angenehme Art.
Nur anhand des Klappentextes war ich auf einen Kriminalroman gespannt, der in einem verschneiten Bergdorf seine Handlung hat und mit dem Außenseiter Roberto Serra einen ungewöhnlichen Ermittler versprach.
Das die Geschichte aber so tief in die Vergangenheit des Dorfes und damit in die der Menschen dringt, hätte ich nicht erwartet.

Der Tanz trägt mich davon, er macht mich zu etwas anderem. Er lässt keinerlei Vermittlung zu, er wirbelt auf, was er auf seinem Weg findet.
(S. 193)

Bereits im Prolog lernt man Roberto kennen und man erfährt, wie auch er, zum ersten Mal diesen „Tanz“.
Eine Art Vision die ihn heimsucht, hervorgerufen durch ein Traumata und von einer ganz besonderen Aura umgeben. Man könnte es ins Mystische einordnen aber ohne diesen „Tanz“ würde man vieles, das durch Robertos Augen gesehen wird nicht wahrnehmen. Somit hat dieser immer wiederkehrende Zustand eine große Rolle im gesamten Buch. Roberto erfährt Situationen in ungeschönter Klarheit, die allesamt aber aus der Sicht anderer Personen erfolgten.
Nur so kann er die Geschichte um den Ort Case Rosso verstehen und damit auch den drei Toten im Schnee zu Gerechtigkeit verhelfen.

Ja, der Mensch kann eine Bestie für seinesgleichen werden.
(S. 167)

Der Außenseiter Roberto, der eigentlich in dieser kleinen Einöde in Ruhe leben und arbeiten möchte, bekommt regelmäßig die unverhohlene Abneigung der Einheimischen zu spüren. Er ist nicht vor hier, er ist ein Fremder!
Deshalb kann er nicht verstehen was diese Gemeinschaft zusammenhält, was sie alle miteinander verbindet. Er kennt nicht den Schrecken, der in diesem Ort und der ganzen Gegend Einzug gehalten hatte, damals vor vielen Jahrzehnten im 2.Weltkrieg.
Einheimische, die als Unterstützter der Nationalsozialisten vehement und mit unsagbarer Grausamkeit gegen alle Widerständler vorgingen. Männer, Frauen, Kinder – unzählige Opfer.

Doch was haben eben diese drei Toten im Schnee damit zu tun?
Der Ehrgeiz Robertos ist geweckt und so fängt er an zu graben. Er erhält Unterstützung durch einen Kollegen und einer Frau, der er ganz besonders verbunden ist. Hier hätte ich auf diese „Romanze“ verzichten können. Es hat der Geschichte an sich nichts eingebracht, war aber doch hilfreich um Robertos Rückzug in diese Gegend zu verstehen.
Der Autor führt einen als Leser tief in die Vergangenheit und lässt einem gleichermaßen an den erschütternden Bildern teilnehmen die Roberto „sieht“.
Dabei bedient er sich einer wunderschönen Sprache und zieht einen ganz tief hinein.

Alle waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich um ihre eigenen Trümmer zu kümmern.
(S. 159)

Die Ermittlungen sind geprägt von Robertos „Tanz“. Wichtiger empfand ich aber die Charaktere diverser Dorfbewohner. Es wird geschwiegen. Über die Vergangenheit zu sprechen ist ein Fauxpas. Somit wird es spannend herauszufinden, wer welche Rolle innehat und wie die Verbindungen untereinander sind. Wer hatte Schuld auf sich geladen, wer gehörte damals zum Widerstand. Welche Familien wurden ausgelöscht und wer hat überlebt?
So nach und nach ergibt sich ein Bild in dieser verschneiten Gegend.
Es ist auch diese Umgebung, die der Geschichte nochmals ein besonderes Flair gibt. Es ist kalt, es liegt Schnee, die Wege sind unzugänglich und die Düsternis des Ortes trägt noch einiges dazu bei.
Das Auffinden der drei Toten und die Aufklärung aller Umstände wird mit vielen Emotionen erzählt, ohne das es kitschig wirkt.
Man sollte sich darauf gefasst machen Dinge zu lesen die schockieren und erschüttern.

Eine massakrierte Familie ist eine massakrierte Familie, und ein Mörder ist ein Mörder. Es spielt keine Rolle wo sie geboren sind.
(S. 119)

Ein ungewöhnlicher Kriminalroman, der in historischer Hinsicht sehr gut recherchiert ist und vieles preisgibt das in der damaligen Zeit geschehen ist.
Stellenweise grausam in den Schilderungen, doch ohne dabei auf eine Effekthascherei zurückzugreifen. Eher eine Hommage an die mutigen Partisanen und Widerständler, die mehr ertrugen als ein Mensch zu fähig ist.
Das Abschlusswort des Autors in seiner Danksagung hat mich, wie auch die Geschichte, sehr beeindruckt : …wie wichtig es ist, nicht zu vergessen.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★☆

#widerdasVergessen


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Buchdetails
Titel: Die Toten im Schnee
Buchreihe: Einzelband 
Autor: Giuliano Pasini
Verlag: PIPER 

10 Kommentare

    1. Hallo liebe Mikka
      das ist es auch wirklich. Kann es nur empfehlen
      Sehr spannend und informativ.
      Wenn du es mal liest bin ich auf deine Meinung gespannt
      Liebe Grüße
      Kerstin

  1. Da versteckt sich doch hinter einem kleinen Krimi doch glatt ein richtiggehender historischer Kriminalroman vom Feinsten. Nach dieser Rezension wanderte der sofot und auf der Stelle auf meine WL. (ich habe mir übrigens geschworen nicht mehr als 3 Bücher von Euch auf meine WL zu setzen, sonst artet das wirklich aus *g*)
    Liebe Grüße aus dem nächtlichen Wien
    Conny

    1. Guten Morgen Conny
      drei pro Woche??? 😉
      Das Buch kann ich echt empfehlen.
      Hab einen entspannten Montag und eine tolle Woche.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  2. Hi Kerstin,
    da sieht man mal wieder, wie irreführend und oft einschränkend die Genre-Zuweisung sein kann.
    Das, was du beschreibst, hätte ich bei einem Krimi so nicht erwartet. Eine positive Überraschung!
    LG, Daniela

    PS: Ich hab dich, bzw. euch für den Liebster Award TAG nominiert und freue mich freuen, wenn ihr annehmt!

    1. Hallo liebe Daniela, herzlichen Dank für dein Kommi. Da gebe ich dir absolut Recht. Der Klappentext und die GenreZuordnung sind manchmal weit vom Buch entfernt. Hier war es zum Glück positiv. Danke auch für den Tag, an dem wir beide aber schon teilgenommen haben. Hab einen guten Wochenstart. Liebe Grüße Kerstin

  3. Nach dem Klappentext hätte ich auch „nur“ einen Krimi erwartet. Historisches Setting ist ein Plus für mich und wenn es dann über eine spannende Krimihandlung hinausgeht und noch mehr Tiefe bekommt, dann bin ich schon überzeugt. Vielen Dank für diese tolle Buch-Entdeckung!

    LG Gabi

    1. Hallo liebe Gabi, das Buch habe ich nur aufgrund einer Empfehlung entdeckt und die war Gold wert. Eine sehr besondere Geschichte die genau meins war. Kann ich absolut weiterempfehlen vor allem wenn man historische Hintergründe mag. Geht unter die Haut was sich damals abgespielt hat. Liebe Grüße Kerstin:-*

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