„Die schwarze Fee“ | Kerstin Ehmer

Das Buch wurde mir vom Pendragon Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Milieu

Berlin tanzt auf dem Vulkan. Glitzernde Tanzpaläste, wilde Partys, Drogen, sexuelle Freizügigkeit – die deutsche Hauptstadt gilt zur Zeit der Weimarer Republik als eine der aufregendsten Städte Europas. Russische Emi­granten, darunter Schriftsteller, Gelehrte, Politiker und Anarchisten, haben nach der Revolution in Berlin Zuflucht gefunden vor dem Zugriff der sowjetischen Geheimpolizei. Mittendrin Kommissar Ariel Spiro, den zwei Giftmorde ins russische Milieu führen. Und dann ist da noch Nike, seine große Liebe, die ihn um Hilfe bei der Suche nach ihrem neuen Freund Anton bittet. Unversehens geraten beide in einen Strudel aus Politik und Gewalt.

Inhalt laut Verlag

Nach dem ersten Band um Kommissar Ariel Spiro, „Der weiße Affe“, geht es mit diesem Buch in eine mehr als gelungene Fortsetzung und direkt in das Berlin der 1920er Jahre.

Mit voller Wucht katapultiert die Autorin Kerstin Ehmer einen hinein in diese Geschichte und direkt zu einem ersten Mordfall. Dabei benutzt sie aber, wie schon im Vorgängerband, einen sehr klaren Stil um Situationen und Menschen zu beschreiben. Fast schon vornehm, ohne dabei snobistisch zu wirken.

Die Stadt liegt auf der Chaiselongue und ringt mit ihrem absackenden Kreislauf.

Seite 391

Der Kriminalroman entpuppt sich schon auf den ersten Seiten als eine perfekte Milieustudie.

Durch die Erzählstränge einzelner Personen, immer mit den entsprechenden Namen als Kapitelbeginn gekennzeichnet, folgt man ihnen durch dieses Berlin der angeblich goldenen 1920er Jahre. Schnell lässt sich erkennen dass es alles andere als gülden ist, wenn man auf der falschen Seite lebt. Armut krallt sich in das Leben der Menschen und bringt neben Hunger auch Krankheiten mit sich. Ein Nährboden, auf dem sich alles tummelt, miteinander vermischt, sich wieder abgrenzt und dabei immer versucht ist dem anderen noch mehr zu schaden. Kerstin Ehmer zeigt ein gnadenloses und erschreckend authentisches Bild dieser Stadt und seiner Menschen. Dabei ist der Übergang fließend. Von der Gosse und erbärmlich hygienischen Zuständen, direkt in Nobelrestaurants und verschwenderischen Luxus. Ariel Spiro scheint dabei anfänglich nur eine Nebenrolle zu spielen. Der vom Land stammende Mann, den es in diese Großstadt verschlagen hat und der nicht nur einen Mörder sucht, sondern auch einer einstigen Liebe folgt. Doch Spiros Rolle ist wichtig.

Weitaus wichtiger empfand ich die Rollen dreier Frauen in diesem Buch.
Nike – eine angehende Ärztin, die erkennen muss wie gefährlich nicht nur die Lebensumstände derer sind, die in der Gesellschaft ganz unten leben, sondern auch wie politische Einstellungen zu katastrophalen Situationen führen.
Helene – Mutter und Ehefrau, politisch sehr aktiv und eine entschiedene Gegnerin des aufkommenden Nationalsozialismus. Sie sorgt sich um ihren Sohn Anton und für ihn ist sie bereit weit mehr als Grenzen zu überschreiten.
Polina – eine russische Emigrantin, deren Heimweh sie noch zerbrechlicher schein lässt, als sie tatsächlich ist.
Diese drei Frauen geben der Geschichte zwar einen sehr weiblichen Charakter, aber die Handlungen der Frauen stehen denen der Männer in nichts nach. Ganz im Gegenteil sogar! Es wird persönlich, bei jeder einzelnen von ihnen und genau dies hat für eine immense Spannung im Buch gesorgt.

Einen Abend lang fühlte sie sich an Bord eines Ozeandampfers, hell erleuchtet und funkelnd, treibend auf einer schwarzen See aus Elend und Nacht.

Seite 172

Der Kriminalroman bietet eine Fülle an Gesellschafts- und Sozialkritik und spiegelt die damalige Zeit auch in Hinsicht auf politische Machenschaften.

Dabei nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund und führt einen in Situationen und Begebenheiten, die unter die Haut gehen. Auch die Vielfalt der Menschen, von denen die meisten lieber „unter dem Radar“ blieben und doch alles auslebten was möglich war, kommt in diesem Band wieder zur Sprache. Auch dabei bleibt die Autorin sich und ihrem Stil treu und zeigt die Sehnsüchte und Wünsche der einzelnen auf, ohne abwertend zu werden.

Die bildhaften Beschreibungen machen alles sehr lebendig und selbst kleinste Details erschienen mir nie überzeichnet oder zu langatmig dargestellt. Die Autorin gibt den Menschen im Buch richtig viel Augenmerk, zeigt auch die negativen Seiten auf und erschafft so Charaktere, die einem im Bewusstsein bleiben. Neben den oben genannten Frauen, hatte ich so auch ein sehr deutliches Bild von Hartmuth Bludau, einem Sittenpolizist oder von Kraftschick, Helenes Ehemann. Es tummeln sich viele im Buch, aber sie lassen sich perfekt auseinander halten und bilden fast schon eine kleine verschworene Gemeinschaft, von der sie aber nichts wissen.

Den ersten Band muss man nicht kennen, um diesen zu lesen. Es erklärt sich vieles von selbst und beide Geschichten sind in sich selbst abgeschlossen.
Wer Spiro dennoch etwas näher kennenlernen möchte und alle Seiten dieses Berlins erlesen möchte, sollte sich den ersten Band nicht entgehen lassen.
Auf jeden Fall erhoffe ich mir eine weitere Reise mit Ariel Spiro und der Autorin, irgendwann, wieder in Berlin, dem Umland oder wo es sonst hinführt.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


  – Weitere Eindrücke –
Die dunklen Felle 
Martinas Buchwelten


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Buchdetails
Titel: Die schwarze Fee
Buchreihe: 2. Band 
Autorin: Kerstin Ehmer
Verlag: Pendragon
— Rezensionsexemplar —
      Ariel Spiro – Reihe
Band 1 ~ „Der weiße Affe
Band 2 ~ „Die schwarze Fee“

Auch dieses Buch bekommt seinen Platz in der
Challenge #WirLesenFrauen von Eva-Maria Obermann.

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8
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Anja aka Ana
Gast
Anja aka Ana

Hallo meine Liebe,

wundervolle Rezension. Ich habe den 1. Teil gelesen und fand ihn wirklich gut. Irgendwann werde ich auch diesen Teil lesen.
Aber im Moment fehlt mir einfach die Zeit.

LG

Anja

Steffi
Gast

Hey Kerstin,
das Buch klingt richtig genial. Da werde ich mir auf jeden Fall mal Band 1 auf die WuLi legen.

Danke dir fürs Zeigen. :)

Hab einen tollen Abend! <3

Martinas Buchwelten
Gast

Hallo Kerstin,
ich habe Band 1 und 2 gelesen und bin ebenso fasziniert von dieser Reihe, aber vorallem auch vom tollen Schreibstil.
Noch besser gefällt mir aber die Reihe von Alex Beer um Emmerich August, das in Wien zur selben zeit spielt. Vielleciht auch, weil ich Österreicherin bin, aber ich finde in den Krimis einfach die Atmosphäre jund Milieustudie so gelungen! Der Schreibstil ist bei Ehmer allerdings poetischer.

Gabi
Gast

Liebe Kerstin,
ich hab schon enteckt, dass Ariel Spiro ein zweites Mal ermitteln darf und war gespannt auf die ersten Rezensionen. Mir hat „Der weiße Affe“ sehr gut gefallen, und was Du über Band 2 schreibst, lese ich natürlich am allerliebsten. Milieustudie, starke Charaktere, bildhafte Beschreibungen, immense Spannung – da ist alles aufgeführt, was ich mir von einer Fortsetzung zum weißen Affen erhofft hätte.
Jetzt freue ich mich noch viel mehr darauf, „Die schwarze Fee“ zu lesen!
LG Gabi