„Die Mauer“ | John Lanchester

Das Buch wurde mir von vorablesen (über gesammelte Punkte) und damit durch den Verlag, kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


Inhalt laut Verlag:

Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer – und somit dem sicheren Tod – übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen.
John Lanchester geht in seinem neuen Roman alle Herausforderungen unserer Zeit an – Flüchtlingsströme, wachsende politische Differenzen und die immer größer werdende Angst in der Bevölkerung – und verwebt diese zu einer hochgradig spannenden Geschichte über Liebe und Vertrauen sowie über den Kampf ums Überleben.

Postkarte ist von Inkognito – Motiv „Lesende Frau“ aus „Im Land der Bücher“ Quint Buchholz/Carl Hanser Verlag

GEWALTIG

Die Postkarte auf dem Buch kam genau richtig und zum passenden Lesemoment. Sie hat jede einzelne Seite berührt, ist die Zeilen entlanggefahren, hat sich Stellen als Lesezeichen gemerkt und mir gezeigt wo es weitergeht. So wie die Frau darauf habe ich mich auch gefühlt – ich wollte diese Buch umarmen und nie wieder loslassen!

Es ist alles Betonwasserwindhimmel
(S. 196)

Die Mauer, ein tausende von Kilometer langes Ungetüm, so hoch, dass man den Eindruck gewinnt, sie würde über einen zusammenstürzen.
So lang, dass sie komplett um das Land herumreicht und oben so breit, dass ein drei Meter breiter Weg entstanden ist. Entstanden um das Land zu schützen, vor dem stetig ansteigenden Meeresspiegel und ganz besonders um die ANDEREN davor abzuhalten ins Land zu kommen. Direkt am Meer steht dieses Bollwerk. In die Landschaft hineingebaut, unverwüstlich und unüberwindbar. Auf der einen Seite das Land, auf der anderen das Meer. Obenauf stehen die Männer und Frauen, die für 2 Jahre dort ihren Dienst versehen – die VERTEIDIGER.
So landete ich auch auf dieser Mauer, zusammen mit Joseph, einem jungen Mann, der in der Zeit nach dem Wandel geboren ist und dessen Eltern noch das Vorher kennen.

Der Wandel war kein Ereignis, sondern ein Prozess – ein Prozess, der an manchen der vom Unglück heimgesuchten Orten noch immer nicht aufgehört hat.
(S. 143)

Zum Inhalt möchte ich gar nicht viel verraten, der Klappentext ist schon perfekt gehalten. Es hat einen Hauch von Dystopie aber es ist so erschreckend real, auch wenn solch eine Mauer (noch) nirgendwo steht.
Mich hat das Buch wirklich umgehauen, mit der Stimme Josephs und seinen Gedankengängen. So oft verliert er sich in seinen Überlegungen um die Mauer, seine Aufgabe, dem Dasein im allgemeinen. Seine Überzeugungen, die irgendwann anfangen zu bröckeln, der kollektive Zusammenhalt und die Gewissheit dass eine ganze Generation versagt hat.
Ein einlullendes Erzählen um die ersten Tage auf der Mauer, den Menschen die dort mit ihm stehen und stundenlang in Kälte und dunkler Nacht auf das Meer starren, um bloß nicht zu versagen. 12 Stunden Nachtdienst, 12 Stunden Ruhezeit. 2 Wochen am Stück, dann 2 Wochen Ruhe um anschließend mit dem Tagdienst weiterzumachen. Ganze zwei Jahre und wenn man Pech hat, eine Abmahnung kassierte, kann es sogar noch länger werden. Keiner darf über diese Mauer. Ein ganz klarer Befehl und daran halten sich alle. So folgt ein Tag dem anderen, eine Nacht der nächsten und Joseph versteht es sehr einen zu unterhalten. Seine Schilderungen zu seinen persönlichen Eindrücken legt sich wie die Kälte, die auf der Mauer herrscht und von ihr ausgeht, auf das Gemüt und man ahnt, dass da etwas kommen wird.

Denn irgendwo in den hintersten, dunkelsten Höhlenmenschenecken deines Kopfes gibt es da einen Kobold, der sagt: Aber wäre es denn nicht viel interessanter, wenn etwas passieren würde?
(S. 57)

Das tägliche Einerlei auf der Mauer könnte langweilig werden, würde der Autor nicht in gewisser Regelmäßigkeit Wörter hinwerfen, die einen wie ein Köder anziehen. Man erliest sich so viel zwischen Josephs scheinbaren Belanglosigkeiten und spätestens bei den Wörtern „einschläfern“ oder „Dienstlingen“ reißt es einen wieder aus der Monotonie der eisigen Bedingungen. Die Kälte vom Typ 1 ist übel, geht durch Mark und Bein und lässt einen mit frieren, aber die Kälte des Typ 2 ist um ein vielfaches schlimmer. Sie sorgt für einen Zustand der Gleichgültigkeit, frisst und nagt an einem.

Ich bin durch die Seiten geflogen, immer mit der Furcht was da noch kommt und ob Joseph diese 2 Jahre durchhalten wird. Man lernt die Menschen kennen, die ein paar Hundert Meter entfernt in den anderen Wachhäusern, oben auf der Mauer, stehen und für Joseph eine Wichtigkeit entwickeln, wie es eigentlich nur eine Freundschaft kann. Zweckgemeinschaften, aus denen mehr werden kann, wenn diese dämliche Mauer nicht wäre und die Gefahr die dort lauert.

Man erfährt kaum etwas über die ANDEREN. Es gibt keine Namen, keine Länder, keine tiefgreifenden Geschichten dazu. Dennoch verbirgt sich etwas im Buch, dass irgendwann mit aller Kraft und Stärke emporbricht und eine Katastrophe auf beschwört. Ich habe es geahnt und doch hat mich der Autor auch damit wieder überrascht und fasziniert.
Josephs Schilderungen reißen nie ab, er quatscht und quatscht, versieht seinen Dienst, schläft, isst und friert.
Es ist kein auf und ab, sondern ein gleichmäßiges dahinschweben auf den Wörtern und Sätzen.

Man musste die guten Momente auskosten, wann immer sie sich boten
(S. 278)

„Die Mauer“ ist keine Abenteuergeschichte und kein dystopisches Spektakel.
Es ist kein Buch voller Spannung oder heroischen Kämpfen.
Wer so etwas darinnen sucht, wird das vergebens tun.
Es ist kein Platz für Heldentum im Buch und doch findet man es.

Konsequent und in einer ausgesprochenen Nüchternheit erliest man sich die Gesellschaftskritik und die Folgen für die Kinder einer Generation, die nur bis zu der Mauer, aber nie darüber hinaus, gedacht hat.
Für mich war es eine sprachgewandte literarische Sensation.
Die Mauer an sich ist gewaltig, aber das Buch empfand ich als noch viel gewaltiger.

– was wäre wenn, was wäre wenn, was wäre wenn-
(S. 278)

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

Weitere Eindrücke –
Kaffeehaussitzer •
Bleisatz
Feiner reiner Buchstoff


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Buchdetails
Titel: Die Mauer
Buchreihe: Einzelband | 
Autor: John Lanchester
Verlag: Klett Cotta
— Rezensionsexemplar —

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10
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Pink Anemone
Gast

Ich darf wirklich nicht zu viel bei Euch stöbern. Immer wieder nehme ich mir vor, dass ich mir nur ein Buch herauspicke, um es auf die WL zu setzen. Tja, es bleibt immer nur beim guten Vorsatz und dann hüpfen doch immer mind. 2 Bücher auf die WL.
So auch dieses Buch hier – Eine Dystopie, welche gleichzeitig aktuell ist.
Vielen, vielen Dank für die Rezi und das Entdecken dieses Buches.

Liebe Grüße
Conny

Chrissi
Gast

Hallo Kerstin,

vielen Dank für die Rezension.
Ich habe bereits ein anderes Buch von John Lanchester auf dem SuB liegen, allerdings eine super dicke Schwarte mit über 500 Seiten, das hat mich dann doch irgendwie immer wieder abgeschreckt es zu lesen… Aber wenn er dich sprachlich überzeugen konnte, dann sollte ich vielleicht doch noch mal einen Versuch wagen.

Viele liebe Grüße
Chrissi

Bettina
Gast

Liebe Kerstin,

was sind wir uns bei diesem Buch einig :-) Mich hat es auch sehr beeindruckt, weil es literarisch sehr intensiv Handlungsbedarf aufzeigt. Im Buch klingt an, dass Umweltveränderungen Prozesse sind, aber eben auch, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nur noch läuft und dass eigene Handlungsspielräume dann einfach nicht mehr da sind.
Einen Gedankengang von dir habe ich mir ausgeliehen, um deine Rezension auch bei meiner zu verlinken:
„… die Folgen für die Kinder einer Generation, die nur bis zu der Mauer, aber nie darüber hinaus, gedacht hat.“

Viele Grüße
Bettina

Nicoles Bücherwelt
Gast

Liebe Kerstin,
danke für deine tolle Rezension! Ich habe dieses Buch schon seit einiger Zeit auf der Merkliste, nun bin ich noch neugieriger geworden und möchte es demnächst auch lesen. :)
Liebe Grüße
Nicole

-Leselust Bücherblog-
Gast

Liebe Kerstin,
Schon als ich dieses Buch in der Verlagsvorschau entdeckt habe, hat mich der Klappentext sofort angesprochen. Aber dann wurde ich irgendwie doch unsicher, ob ich dieses Buch lesen soll. Mit dem ganzen Stress gerade, muss ich mir meine Lesezeit wirklich gut einteilen und Prioritäten setzen. Aber deine Rezension hat mich jetzt endgültig überzeugt, dass ich dieses Buch lesen MUSS.
Also vielen Dank für deine Buchbesprechung, aus der man deine Begeisterung wirklich herauslesen kann. Ich bin sehr gespannt, wie mir das Buch gefallen wird.
Liebe Grüße, Julia