„Die Kinder des Borgo Vecchio“ | Giosuè Calaciura

Das Buch wurde mir vom Aufbau Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt.
Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.


~ schmerzhaft, grausam, schön ~

Irgendwo im Süden, im Herzen der Stadt, wo die Menschen arm sind und das Gesetz der Straße gilt: Hier wachsen Mimmo, Cristofaro und Celeste auf. Sie haben Träume und Hoffnungen, obwohl ihnen der kindliche Blick längst abhanden gekommen ist.
Mimmos Vater, der Fleischer des Viertels, betrügt seine Kunden mit einer präparierten Waage. Cristofaros Vater, ein Trinker, schlägt seinen Sohn jeden Abend. Und Celestes Mutter Carmela, die Prostituierte des Viertels, schickt ihre Tochter auf den Balkon, wenn sie ihre Freier empfängt.
Die drei Kinder haben ein Idol: Totò, Ganove, der besser schießt als jeder andere. Sie wollen so sein wie er, sie wissen nicht, dass auch Totò von einem anderen Leben träumt …

Inhalt laut Verlag

Selten lasse ich mich von Zitaten, Meinungen oder Sprüchen auf Buchcover oder deren Rückseite beeinflussen.

Dieser Satz hier trifft es aber auf den Punkt: „Eines der schönsten und grausamsten Bücher des Jahres“ (Corriere della Sera) – steht auf der Rückseite.
Es ist schön anzuschauen, ohne Frage. Die Stimmung welche das Cover transportiert, trägt Gerüche, Töne und den Geschmack nach Sommer mit sich. Doch es bleibt einem sprichwörtlich im Halse stecken. Alles im Buch ist unausgesprochen und doch haben diese wenige Seiten solch eine immense Kraft alles zu implizieren.
„Die Kinder des Borgo Veccio“ ist ein sehr gewalttätiges Buch, dessen brutale Grausamkeiten aber eben nicht gewaltverherrlichenden Darstellungen beinhaltet, sondern vielmehr zurückgreift auf die eigene Vorstellungkraft, dem Vermögen etwas deuten zu können oder einfach zwischen den Zeilen alles herauszulesen.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, dieses Buch ist ein weiteres Lese-Highlight in 2019 für mich!

Im Borgo Vecchio wusste man, das Cristofaro jeden Abend das Bier seines Vaters weinte.

Seite 7

Es gilt drei Kindern zu folgen, inmitten dieses Armenviertels in Palermo. Häuser mit mehreren Mietparteien, enge Gassen, verborgene Winkel und das Meer direkt vor der Türe.

Mimmo, Cristofaro und Celeste leben inmitten dieser eigene kleine Welt, in der die Menschen versuchen mit dem wenigen, was sie haben, zurechtzukommen. Die drei umgibt eine sehr besondere Freundschaft, gegründet auf dem gegenseitigen Leid und der Gewissheit, wenn sie nichts tun, macht keiner etwas.
Es finden sich Märkte in den engen Gassen, auf denen alles verkauft wird, zur Not auch ein einzelner Schuh oder das eigene Kind. Familiengeschichten voller Absonderlichkeiten und ein kollektives Versagen derer die Vorbild sein sollten.
Es sind die Kinder in diesem Buch, in diesem Viertel, um die sich alles dreht und doch keiner drum schert. Erwachsene die am Abend zuhören, wenn der Vater wieder zuschlägt und doch jeden Tag wegsehen. Da werden Fernseher laut gestellt um danach wieder leise gemacht zu werden. Der Autor verpasst allem eine Note von scheinbarer Harmlosigkeit und doch spricht er alles an. Keine leichte Kost und stellenweise verstörend. Man liest es nicht, da der Autor es nicht direkt schreibt und weiß doch genau was geschieht.

Es sprach mit ihm, wie es noch nie mit ihm gesprochen hatte, mit der Schlichtheit der Droschkengäule und der Wahrhaftigkeit der Leidenden

Seite 142

Neben den Kindern tragen auch ein paar wenige Erwachsene einiges an Last mit sich herum.
Da wäre Totò, der Straßendieb, etwa. Keiner rennt so schnell wie er und doch kann er seinem Schicksal nicht entfliehen. Carmela, Celestes Mutter, eine Prostituierte, die ihre Tochter auf den Balkon schickt, wenn ein Freier kommt. Eine Frau mit Sehnsüchten und Vorbestimmung. Der Vater von Cristofaro, ein prügelnder Alkoholiker. Giovanni, Mimmos Vater, der lügt und betrügt. Eine besondere Rolle erhält aber ein Pferd, Nanà, dessen Schicksal ebenso unabdingbar ist, wie die Gier und der damit verbundenen Grausamkeit des Besitzers.

Der Autor hat eine sehr poetische Art die Alltäglichkeiten zu erzählen und dabei hatte ich sehr oft den Eindruck alles aus einer Art Vogelperspektive zu sehen. Wer die Filme „Krabat“ oder „Das Parfüm“ kennt, hat bestimmt noch die Stimme des Sprechers Otto Sander im Ohr – genauso muss man sich dieses Buch vorstellen!

Eine stellenweise sehr absurd wirkende Geschichte, was sie aber wiederum genau ausmacht. Da sind einzelne Hintergrundgeschichten eingeflochten, die mir wie eine Flucht aus der kaum zu ertragenden Realität vorkamen. Fast schon märchenhaft beschreibt der Autor Situationen, wie dieses aus Tieren bestehende Frühwarnsystem, wenn die Polizei mal wieder im Anmarsch ist. Genauso die geschilderte Flugbahn einer Pistolenkugel und deren Einschlagkraft.

Diese Buch wirkt surreal und ist mit einer ungeheuren Anziehungskraft ausgestattet. Der Stil dieses „das Kind nicht beim Namen nennen“ könnte verniedlichend wirken, tut es aber nicht. Wer sich darauf einlässt, sollte es bewusst lesen und all das erkennen was der Autor aussprechen will. Was ihn davon abhält weiß ich nicht, aber das er letztendlich kein Blatt vor den Mund nahm und alles Übel beschreibt, hat mir sehr gut gefallen.

Der Autor erhebt nicht einfach nur den Zeigefinger, er schlägt diese Geschichte den Erwachsenen um die Ohren!

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★


– Weitere Eindrücke –
folgen

Triggerwarnung (bitte in dem farblich hinterlegten Feld mit dem Cursor markieren, dann wird es sichtbar)

Diese Geschichte enthält „verborgene“ Themen wie Vernachlässigung besonderer Schutzbefohlener, körperliche Gewalt gegenüber Kindern, sexuelle Gewalt gegenüber Kindern, Tierquälerei


| Anzeige |

Buchdetails
Titel: Die Kinder des Borgo Vecchio
Buchreihe: Einzelband
Autor: Giosuè Calaciura
Verlag: Aufbau Verlag
— Rezensionsexemplar —

Beitrag teilen mit:

Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Deinen Gedanken! Wir freuen uns auf Deinen Kommentar & den Austausch mit Dir!

avatar