„Die juten Sitten – Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten“ | Anna Basener [Kerstin]

Audible weist darauf hin, dass dieser Titel für Hörer unter 18 Jahren nicht geeignet ist.

Das neue Audible Original Hörspiel entführt in die Halbwelt der 1920er Jahre in Berlin: Die berühmte deutschstämmige Hollywoodschauspielerin Hedi (Jeanette Hain) sitzt in einem Frauengefängnis in Hollywood. Sie hat einen Mann erschossen. Dem Journalisten der New York Times, der sie dazu befragen will, erzählt sie allerdings nichts von dieser Tat, sondern berichtet in Rückblenden von ihrer ungewöhnlichen Kindheit in einem Berliner Bordell namens „Ritze“. Immer an der Grenze zwischen Legalität und Illegalität wächst sie bei ihrer furchtlosen Oma Minna (Ursula Werner) auf, die das Bordell betreibt. Ihr Vater Fritz (Edin Hasanovic) ist ein egozentrischer Gigolo, der von seiner Tochter nichts wissen will. Zur „Ritze“ gehören Colette (Saskia Rosendahl), die schönste Hure Berlins, und die strenge Domina Natalia (Natalia Belitski), die Hedis großes Vorbild ist. Diese außergewöhnlichen Frauen sind es, die Hedi geprägt haben und denen sie mit ihrer Geschichte ein Denkmal setzt. Dies tut sie mit viel Humor und einer großen Portion Liebe.
Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten und Personen, die Handlung ist jedoch frei erfunden.

FSK 18 – dies könnte so manchem hörenden Menschen davon abhalten sich dieses Hörspiels anzunehmen. Allerdings ist diese freiwillige Selbstkontrolle doch sehr gut getroffen, denn in dem Hörspiel geht es hoch und vor allem heiß her. Dennoch ist es kein pornografisches Werk. Also, nur Mut Leute, hüpft hinein in das Bordell „Ritze“, lernt die Menschen dort kennen und vor allem erfahrt Hedis Lebensgeschichte.

©2019 Anna Basener (P)2019 Audible Studios

Hedi
„Ein Mord ist keine Filmrolle, davon kann ich nicht erzählen.
Aber ich erzähle Ihnen von Berlin damals…“

Hedi sitzt in der Todeszelle, nicht in Deutschland, nein in den USA. Eine in die Jahre gekommene Schauspielerin, deren Aura nicht nur den jungen Journalisten gefangen nimmt. Ihm soll sie von dem Mord erzählen, wegen dessen sie verurteilt ist, doch so einfach ist das nicht. Denn alles was zu diesem Mord führt hängt mit der Kindheit Hedis zusammen.

Wer wächst schon in einem Bordell auf, inmitten der anschaffenden Frauen und Männer, sitzt mit ihnen zusammen in der angegliederten Kneipe und schnürt Korsagen. Dabei ist Hedi sehr behütet in dieser außergewöhnlichen Gemeinschaft. Sie ist ein Tabu für alle anderen und wird von allen umsorgt. Hedi weiß alles Kind alles und doch auch wieder nichts. Ihre Großmutter, Minna, ist die Besitzerin des Bordells und zieht Hedi auf. Die Mutter ist weg, der Vater kann und will sich nicht um Hedi kümmern. Von Minna hätte ich gerne auch ein Bild gesehen – sie war für mich der Charakter schlechthin in diesem Hörspiel. Ihre Schnodderschnauze und stellenweise derbe Aussprache hat sie immer wieder dadurch wett gemacht, dass sie sich einfach um alle kümmerte.

©2019 Anna Basener (P)2019 Audible Studios

Colette
Die erste Hure, die ein Mann kennenlernen sollte ist Colette. Sie ist die schönste Frau…

Bei Colette musste ich so sehr lachen als sie erklärte, was es mit ihrem französischen Akzent auf sich hat. Eine Frau, die alle Blicke auf sich zieht, die selbstbewusst ihren „Job“ macht und eisern spart, um sich einmal einen ganz großen Traum zu erfüllen. Doch leider verliebt sie sich mit Haut und Haaren in den falschen und dabei offenbart sich, wie zart diese ansonsten so vorlaute Frau doch in ihrer Seele ist.

©2019 Anna Basener (P)2019 Audible Studios

Fritz
Mein Vater ist ein schöner Mann. Nichts kann ihn entstellen, äußerlich… Ich kann ihn nicht leiden…  

Das ist Hedis Vater!
Er prostituiert sich selbst, allerdings sucht er sich seine zahlenden Kundinnen unter der gehobenen Gesellschaft und landet so regelmäßig in den Betten vermögender Damen. Fritz ist der Antagonist, ein Egoistenschwein und einer, dem selbst die eigenen Tochter nichts wert ist.
Fritz sorgt für Chaos in der Gemeinschaft der Frauen, zu dem sich aber auch noch ein weiterer Mann gesellt.

©2019 Anna Basener (P)2019 Audible Studios

Natalia
Sie war eine Stiefeldame. Alles an ihr war schwarz … Manchmal durfte ich mit ihrer Peitsche spielen.

Natalia wirkt auf diesem Bild so unnahbar und genau das ist die auch. Sex? Auf keinen Fall! Sie bringt ihre Kunden mittels anderer, besonderer Hilfsmittel zum Höhepunkt. Doch hinter dieser rauen Fassade versteckt sich auch nur eine einsame Seele, deren geheime Träume Wunschdenken sind.

Das Hörspiel ist ein Ohrenschmaus. All die Geräusche, Hintergrundelemente und Dialoge lassen das Berlin der 1920er Jahre so authentisch erscheinen. Es kam mir fast vor, als säße ich inmitten der Personen und lauschte ihnen.

Ganz besonders empfand ich die Musik, vom aufputschenden Swing einer Bigband bis hin zum melancholischen Saxophon gibt es all die Emotionen wieder, die zu dem jeweiligen Zeitpunkt herrschten. Hedis Erzählungen sind eine Rückführung in ihre eigene Kindheit und sie hat einen daran auf ganz besondere Weise teilhaben lassen. Ich konnte den Journalisten verstehen, dass er immer wieder in das Gefängnis kam um mehr zu erfahren. Solch ein unbedarfter Kerl, der mehr als einmal mit hochroten Ohren den Besucherraum verließ.

In den Dialogen gibt es immer wieder Schilderungen zu den damaligen Zuständen, insbesondere die Rolle der Frauen betreffend. In der Geschichte kommt, die als Nackttänzerin bekannt gewordene, Anita Berber vor, eine reale Figur also inmitten der fiktiven Geschichte um Hedi und ihre „Familie“. Eine Frau der das Kokain zum Verhängnis wurde. Die Droge vor der Minna alle warnt und die in ihrem Etablissement nichts zu suchen hat. Auch wird die Thematik um die Prostitution auf der Straße angesprochen. Kaum einer der betroffenen Menschen hatte die Möglichkeit einer festen Bleibe, medizinischer Versorgung oder Schutz vor Gewalt. Gerade nach dem 1. Weltkrieg, der unzählige Opfer forderte und zig verkrüppelter Menschen ausspie, war es für viele die einzige Option an Geld zu kommen. So erfährt man immer wieder aus Hedis Erzählungen oder den Begebenheiten um das Bordell und aus dem Leben der Menschen damals. Selbst das Konkurenzdenken und Gehabe unter den Bordelbesitzer*innen sorgt für ein ganz wichtiges Element in dieser Geschichte und wieder dreht sich da einiges um Hedi als Kind.

Das Hörspiel ist mit Sicherheit nichts für prüde Ohren, dafür gibt es viel zu viele sehr genau geschilderte Details. Es gibt eine Szene, die aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnis zu einem sexuellen Übergriff führt. Das hätte ich mir in der Schilderung anders gewünscht. Dennoch lohnt es sich, vollkommen vorbehaltslos in diese Zeit abzutauchen, den Stimmen zu lauschen, die Geschehnisse auf sich wirken zu lassen und berauscht durch die Musik alles aufzunehmen.

Für mich war dieses Hörspiel seit sehr langer Zeit das erste. Hörbücher höre ich regelmäßig und sehr oft, aber diese Art Wiedergabe einer Geschichte, hat mich doch ganz mächtig beeindruckt und bestens unterhalten.

Rezension verfasst von © Kerstin
★★★★★

1 Buch – 2 Meinungen | Jannas Rezension

– Weitere Eindrücke –
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Titel: Die juten Sitten: Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten.
Buchreihe: Einzelband
Spieldauer: 8 Std. und 30 Min.

Autorin: Anna Basener
Sprecher*innen: Jeanette Hain (HEDI), Saskia Rosendahl, (COLETTE) Natalia Belitski (NATALIA), Edin Hasanovic (FRITZ), Ursula Werner (MINNA), Leonard Scheicher
Verlag: Audible Studios

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4
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Janna
KeJas-BlogBuch

Hachz, ich freu mich SO das dir das Hörspiel ebenso gut gefiel wie mir <3

Petrissa
Gast

Hallo Kerstin,

„Minna“ – da musste ich irgendwie schmunzeln. Das ist sicher ein Vorurteil, ich glaube, der Name war damals nicht so selten. Aber mein erster Gedanke war: Heißen nicht alle Puffmütter so? ^^

Ich bin mir sehr, sehr unsicher mit dem Hörbuch. Deinen drittletzter Abschnitt finde ich sehr spannend. Das würde mich schon interessieren. Aber ich kann es nicht gut aushalten, wenn Frauen in so ohnmächtigen Situationen sind.

Na ja, ich werde mal noch ein bisschen abwarten. Monerl wollte es ja auch hören. Vielleicht kann ich da bei ihr mal reinhören.

Liebe Grüße
Petrissa