„Die Juten Sitten – Goldene Zwanziger, dreckige Wahrheiten“ | Anna Basener [Janna]

Zwischen Sex und Äther 

Inhalt laut Verlag:

Die berühmte deutschstämmige Hollywoodschauspielerin Hedi (Jeanette Hain) sitzt in einem Frauengefängnis in Hollywood. Sie hat einen Mann erschossen. Dem Journalisten der New York Times, der sie dazu befragen will, erzählt sie allerdings nichts von dieser Tat, sondern berichtet in Rückblenden von ihrer ungewöhnlichen Kindheit in einem Berliner Bordell namens „Ritze“. Immer an der Grenze zwischen Legalität und Illegalität wächst sie bei ihrer furchtlosen Oma Minna (Ursula Werner) auf, die das Bordell betreibt. Ihr Vater Fritz (Edin Hasanovic) ist ein egozentrischer Gigolo, der von seiner Tochter nichts wissen will. Zur „Ritze“ gehören Colette (Saskia Rosendahl), die schönste Hure Berlins, und die strenge Domina Natalia (Natalia Belitski), die Hedis großes Vorbild ist. Diese außergewöhnlichen Frauen sind es, die Hedi geprägt haben und denen sie mit ihrer Geschichte ein Denkmal setzt. Dies tut sie mit viel Humor und einer großen Portion Liebe.

Ein Hörspiel das auf wahren Begebenheiten und Personen beruht, mit einer Handlung, die frei erfunden ist. Und ein Hörspiel das nicht für Minderjährige geeignet ist – diesen Hinweis finde ich sehr gut gewählt! Viel Sex, Drogen und Gewalt – innerhalb des Hörspiels finden sich zwei Triggerszenen, in der Sex als Gewaltakt dargestellt wird.

Bild / Grafik © Audible Studios

Natalia ist definitiv meine Lieblingsrolle! Die Domina in der „Ritze“ Berlins. Ein Bordellname der passender nicht sein könnte, im Hinblick auf die Bauart des Hauses, das sehr beengt ist. Und natürlich in Bezug auf das, was dort angeboten wird – zu mindestens von Colette. Während Natalia Schmerz anbietet, verdreht Colette nicht nur den Männern den Kopf. Und dann sind da noch Minna, die Geschäftsführerin der „Ritze“ und ihre Enkelin Hedwig, ein achtjähriges Mädchen das zwischen Sex und Äther aufwächst. Fritz, Minnas Sohn, lebt schon lange nicht mehr bei ihr – zu billig und dreckig sind ihm die Sitten der „Ritze“.

Colette und Natalia – zwei Prostituierte die unterschiedlicher nicht sein könnten. Diese drei Frauen und das kleine Mädchen wohnen zusammen in der „Ritze“, zu einer Zeit, in der die Prostitution im Wandel ist. Ärzte bieten Untersuchungen an, das Gewerbe soll anerkannt werden und die Wissenschaft beginnt sich für das Sexualleben zu interessieren. Doch nicht nur ihre Tätigkeiten unterscheiden sie. Während Colette kein großes Interesse an Hedwig hat, ist Natalia wie eine Stiefmutter.

Bei Fritz, Hedwigs Vater, muss ich gestehen, auch wenn er ein Arschloch ist, seiner Stimme habe ich sehr gerne gelauscht! Aber das war es dann auch schon, was mir an seiner Rolle gefiel. Auch wenn er den Frauen aus der „Ritze“ in einer Nacht und Nebel Aktion zur Seite steht, wissen wir Zuhörer*innen das er dies nur aus einem Grund tut … Eine Sehnsucht die nicht gestillt wird und vielleicht nur deswegen so reizvoll für ihn ist.

Das Hörspiel wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Hedwigs Kindheit und der verurteilten Hedi, der großen Schauspielerin Hollywoods. Die letzten Tage vor ihrer Hinrichtung auf dem elektronischen Stuhl, trifft sie sich immer wieder mit einem Journalisten und erzählt vom Aufwachsen in einem Bordell und gelangt somit Schritt für Schritt zu ihrem heutigem Verbrechen, dem Mord an einem ihr, so scheint es, unbekannten Mann.
Es war keine Märchenbuch-Kindheit und doch will sie, heute als erwachsende Frau, ebene jene Zeit nicht missen. Sie hat es geliebt bei ihrer Oma zu wohnen, mit Natalia aufzuwachsen und hat sich die Stärken dieser drei weiblichen Persönlichkeiten zu eigen gemacht.

Ohne Prostitution bloßzustellen oder lächerlich zu machen, skizziert die Autorin den Alltag in einem Bordell. Gerade dies gefiel mir unheimlich gut – kein Gefühl davon, dass zwanghaft Grenzen überschritten werden wollen oder die Geschichte überzogen dargestellt werden würde. Es ist keine Geschichte die mit Moral betrachtet werden will oder sollte – es sind die juten alten Sitten des Puffs. Es sind die goldenen Zwanziger mit dreckigen Wahrheiten!

„Scham kann sehr geil sein.“

In Bezug auf die Szene in der diese Aussage getroffen wurde, ist es mehr als ein Wagnis des Hörspiels. Ich weiß worauf es abzielte, doch der Zeitpunkt ist unpassend gewählt. Ich habe beim Hörspiel geschmunzelt und gekichert, ich habe aber auch innehalten müssen, denn besonders (diese) eine Szene um Minna herum verlangt doch einiges ab – nicht nur währenddessen, auch danach. Und doch war es stimmig innerhalb dieser Geschichte, wäre aber in anderen Erzählungen ganz klar ein Kritikpunkt!

Abgesehen davon, habe ich das Zuhören geliebt! Die Protagonist*innen nahmen mich mit in die süffigen 20er, in ein Berlin der damaligen Zeit. Ich wollte wissen, was hinter Hedis Tat steht, wie sie aufwuchs. Ich litt und lachte mit Minna, Hedwig, Natalia, Colette und auch mit ihrem späteren Mitbewohner Emil. Ein junger Heranwachsender, welcher ebenso ein Teil dieser kleinen, sich selbst ausgesuchten Familie wird.

Ich will mehr, zu schnell war es ausgehört! Nicht nur das es in den Zwanzigern spielt und die Sprecher*innen sehr passend gewählt wurden, auch die Geschichte selbst hat mich in ihren Bann gezogen. Berliner Schnauze, hemmungslos offen, Humor und auch Gewalt – all das gibt sich die Hand innerhalb dieses Hörspiels. Mit einem Schluck Wodka und einem Bissen Äther-Blüte.

Rezension verfasst von © Janna
★★★★★


1 Geschichte – 2 Meinungen: Kerstins Rezension

Weitere Eindrücke
Masha Sedgwick
(mit wundervollen Bildern, ein kurzer Einblick in die 20er und einem Interview der Autorin)

Buchdetails | Anzeige |
Titel: Die juten Sitten: Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten.
Buchreihe: Einzelband 
Autorin: Anna Basener
Sprecher*innen: Jeanette Hain, Saskia Rosendahl, Natalia Belitski, Edin Hasanovic, Ursula Werner, Leonard Scheicher
Verlag: Audible Studios

Beitrag teilen mit:

6
Ein Blog lebt von der Interaktion, also immer her mit Deinen Gedanken! Wir freuen uns auf Deinen Kommentar & den Austausch mit Dir!

avatar
Petrissa
Gast

Liebe Janna,

eine großartige Rezension. Ich weiß zwar immer noch nicht, ob es was für mich ist, aber habe nach den beiden Rezensionen von Euch zumindest ein besseress Bild, was mich erwarten würde.

Und Danke auch für die Triggerwarnungen! ♥
Liebe Grüße
Petrissa

Schurkenblog
Gast

Dank dir, gehört! Grandios! Ich bin bezaubert und total begeistert von diesem Hörspiel. Hier passt einfach alles – die Musik, die Auswahl der Sprecher, die historischen Hintergründe und die Story. Mega!
Also gerne mehr Tipps von dir!

Kerstin
KeJas-BlogBuch

Ok Janna, das muss ich hören!!!
Was für eine geniale Rezension. Das Setting hört sich sehr besonders an und die Charaktere sind wohl auch sehr außergewöhnlich.
Haben will :-)))