„Die ewigen Toten“ | Simon Beckett

Das Buch wurde mir vom Rowohlt Verlag kostenlos zum Lesen und Rezensieren zur Verfügung gestellt. Meine Rezension basiert ausschließlich auf meinen persönlichen Leseeindrücken und wird durch eine Bereitstellung des Buches nicht beeinflusst.

Zu alten Wurzeln finden

Inhalt laut Verlag:

Nur Fledermäuse verirren sich noch nach St. Jude. Das Krankenhaus im Norden Londons, seit Jahren stillgelegt, soll in Kürze abgerissen werden. Doch dann wird auf dem staubigen Dachboden eine Leiche gefunden, eingewickelt in eine Plastikhülle. Die Tote, das sieht David Hunter sofort, liegt schon seit langer Zeit hier. Durch das trockene und stickige Klima ist der Körper teilweise mumifiziert.
Als beim Versuch, die Leiche zu bergen, der Boden des baufälligen Gebäudes einbricht, entdeckt der forensische Anthropologe ein fensterloses Krankenzimmer, das nicht auf den Plänen verzeichnet ist. Warum wusste niemand von der Existenz dieses Raumes? Und warum wurde der Eingang zugemauert, obwohl dort nach wie vor Krankenbetten stehen? Betten, in denen noch jemand liegt…

Hunter is back! Da habe ich mich seit vergangenem Jahr drauf gefreut, auch wenn mich sein Vorgänger „Totenfang“ (Band 5) etwas irritiert zurück ließ – ein etwas anderer Verlauf als gewohnt, doch in diesem Buch geht es zurück zu den Wurzeln – Hunter wie wir ihn lieben! Der Fall beginnt direkt beim Fundort und all die privaten Geschehnisse spielen zwar eine Rolle, nehmen jedoch nicht allzu großen Raum ein, was mir persönlich sehr zusagt!

Die meisten Menschen glauben zu wissen, wie Verwesung riecht. Sie denken, der Geruch wäre markant, unverwechselbar, der faule Gestank des Grabes.
Sie irren sich.
(Buchbeginn)

Forensik statt Landschaft. Etwas, das ich im 5. Band kritisierte, da weniger der Fall im Fokus stand, sondern vielmehr Hunter als Person. Zwar sind auch im neusten Band private Ereignisse zu finden, doch eher als Randgeschichte, die erst zum Ende hin an Bedeutung gewinnen. Vielmehr geht es diesmal wieder um die forensische Arbeit von Dr. David Hunter! Genau das, was ich an dieser Reihe liebe. Die Ermittlungen sind nicht der Fokus der Geschichte, sondern das was die Leichen erzählen. Immer wieder bin ich fasziniert davon, wieviel durch Knochen und ihren Merkmalen auf Geschlecht, Alter und Lebensumstand zurückführen lassen. Der Autor schildert die Obduktionen sehr verständlich, man braucht also keine Fachkenntnisse, um den Schritten des Protagonisten folgen zu können. Es wird nachvollziehbar geschildert und ich erhielt immer wieder neue Einblicke in diesen Beruf.

Kleine Rückblicke bezügliche Hunters privater Vergangenheit und einzelnen Fällen, in denen er hinzugerufen wurde, wurden immer wieder eingearbeitet. Aber für Kenner*innen der gesamten Reihe lässt dies keine Langeweile aufkommen, da manches nochmal ins Gedächtnis zurückgerufen wird. Manchmal dachte ich mir zwar, dass es überflüssig sei, aber das war wirklich nur minimal gegeben. Nicht-Kenner*innen der Reihe würde ich zum Beginn der Reihe raten, wer es sich aber absolut nicht verkneifen kann, kann auch gut bei Band 6 einsteigen – nimmt sich nur damit selbst etwas Spannung in Bezug auf Hunters Privatleben und den einschneidenden Ereignissen (sollten die vorherigen Bände dann doch im Anschluss gelesen werden).

Eine Leiche, zwei Tote. Ein geschlossenes und heruntergekommenes Krankenhaus befördert eine Leiche zu Tage, dessen Todesursache eine Vielzahl an Fragen aufwirft. Doch was David Hunter und die weiteren am Fall arbeitenden Menschen vor Ort ergreift, ist die offene Bauchhöhle.

Die inneren Organe waren so geschrumpft und zersetzt, dass sie nicht zu erkennen waren.
Doch nicht das war es, was alle hatte verstummen lassen.
(Seite 31)

Ein Fötus, diese Erkenntnis erschütterte das gesamte Team. Und mich. Wann liest man schon von solchen Umständen? Und es bleibt nicht bei dieser Entdeckung, das Krankenhaus beherbergt mehr als nur eine Leiche, dessen Körper eine weitere in sich trägt. Nicht mal 50 Seiten später finden sich in dem Irrgarten des Krankenhauses weitere Tote, versteckt hinter einer Mauer. Immer mehr Fragen entstehen und der Fall erhält immer neue Wendungen. Auch wenn die Ermittlungen immer mal stagnieren, war es nie langatmig. Besonders die Frage nach dem ‚Warum‘ ließ mich durch die Seiten huschen, aber bei welchem Krimi ist dies nicht der ausschlaggebende Punkt des weiter lesen Wollens.

England von seiner düsteren Seite. Ein altes Krankenhaus umgeben von einem Wald, welches besonders gerne von der Drogenszene besucht und genutzt wird. Eine alte Frau die dort herumschleicht und kein Blatt vor den Mund nimmt. Zwei Fälle bei denen erst nach und nach klar wird, ob sie miteinander in Verbindung stehen oder getrennt zu ermitteln sind. Auch wenn es bei diesem Genre immer komisch klingt, man kennt die verschiedenen Protagonist*innen und ich fühlte mich zwischen den Zeilen direkt wohl. Ein gelungener Spannungsbogen mit interessanten Informationen bezüglich der Forensik. Allein deswegen ist die Reihe für mich schon lesenswert, hier stehen Hunter und seine Arbeit mehr im Mittelpunkt, als die polizeilichen Ermittlungen. Dennoch fehlen keine Informationen was Täter*innen oder weitere polizeiliche Ergebnisse betrifft, da Hunter immer im Austausch mit ihnen steht.

Ich war ahnungslos. Ich hatte nicht wirklich eine Idee, worauf es hinauslaufen könnte! Je mehr ich las, desto weniger wusste ich. Während eine Tatwaffe aufgrund der Knochen analysiert wurde, widerspricht sich dies durch einen weiteren Blick auf die Merkmale. Kaum wurden Verbindungen gefunden, kamen Zweifel auf. Erst kurz vor der Aufklärung war greifbar, was sich hinter den Morden verbirgt.
Natürlich hatte ich hier und da eine Vorstellung, denn es ergaben sich Situationen die einen Verdacht aufkommen ließen. Mehr mag ich an dieser Stelle zu meinen anfänglichen Gedanken jedoch nicht schreiben, denn dann könntet Ihr eins und eins zusammen zählen … vermiest nur die eigene Ermittlung!

Ein, zwei Sätze kann ich mir aber einfach nicht verkneifen
SPOILER (Ende der Geschichte)
(In weißer Schrift, Abschnitt zum Lesen bitte markieren)

Mein Gedanke, dass die Frau aus dem Wald noch eine Bedeutung spielt war genau richtig. Nur der Grund erschien mir doch sehr gewagt, aber ehrlich? Unvorstellbar ist es nicht – oder was mein Ihr? Ich hoffe doch Ihr habt das Buch ausgelesen und nicht aus reiner Neugier hier reingelesen?! Denn dann habt Ihr Euch leider nun wirklich fies selbst gespoilert ….

Doch das ist auch gar nicht der Grund, warum ich einen Spoiler einbaue. Vielmehr geht es um die Szene auf Seite 435 – dort wird ganz klar Jessop als Fahrer genannt, der sich vom Unfallort (Mears / Oduya) entfernt. Fünf oder sechs Seiten später ist es Grace – hä?! War zu erwarten, keine Frage – ebenso das sie nicht die Leiche im Autowrack ist. Aber ich ecke wirklich damit an, dass ganz klar Jessop benannt wurde – das hätte man definitiv anders formulieren können und machte nach Seite 441 einfach absolut keinen Sinn …

SPOILER ENDE

Randnotiz: Charakterschwein, egal ob blutiger Anfänger oder Jahrzehnte lange Berufserfahrung. Arsch ist Arsch, anders kann ich Meras, der in Konkurrenz zu Hunter steht, leider nicht bezeichnen. Zwei Fälle, zwei Forensiker, ein Tatort – nicht immer eine gute Mischung. Innerhalb dieser Geschichte hat mich Meras` Verhalten Hunter gegenüber sauer aufstoßen lassen! Und ja, er braucht hier seinen ganz eigenen Abschnitt, weil er mich beim Lesen zur Weißglut getrieben hat! Auch Ward (leitende Ermittlerin) machte mich in kleinen Momenten sauer, aber da konnte ich es aus der Gesamtsituation heraus verstehen. Natürlich hat auch Mears seine Gründe, da wäre auch noch alles in Ordnung gewesen. Doch er und Hunter verbringen beruflich eine Nacht im Leichenschauhaus und was sich Mears danach leistet – OORR! Völlig unabhängig von den noch folgenden einschneidenden Ereignissen, ich mag ihn nicht!

Und das Ende? Bis Seite 434 war alles gelungen, auch wenn die Aufklärung etwas überspitzt war. Ich war rundum zufrieden mit dem Verlauf und störte mich nicht an den Hintergründen der Morde. Aber warum der darauffolgende Verlauf? Natürlich sind Cliffhanger fies und natürlich hätte ich mich darüber aufgeregt – keine Frage. Und doch wäre mir ein offenes Ende in Bezug auf die privaten Ereignisse lieber gewesen! Im Fall selbst entwickeln sich bereits zwei Szenen gegen Ende, die sich für mich schon sehr an der Grenze des „Zuviel des Guten“ bewegen, aber noch im Bereich des annehmbaren sind. Es geschieht einiges, überholt sich aber nicht selbst in wenigen Sätzen und wird nachvollziehbar aufgelöst. Die Morde werden wie gewohnt innerhalb dieses Buches aufgeklärt und abgeschlossen, da hätte es nicht auch noch die Küchenszenerie gebraucht. Der Autor Simon Beckett hat darauf hingearbeitet, diese Ahnung schlich sich immer mehr ein, aber das war ein Ereignis das auch erst im Folgeband hätte aufgegriffen werden können. Der Schlusssatz war aber wohl das Ziel dessen? Somit hätte der Autor keinen anderen Verlauf beschreiben können und ich verkneife mir mal meinen Schreckensgedanken, der sich nach dem Auslesen einschlich.

Trotz Kritik kann ich sagen, dass ich die Seiten inhaliert habe und die wenigen Makel nur einen kleinen Teil im gesamten Leseerlebnis einnehmen. Also Herr Beckett, wann erscheint Band 7?!

Rezension verfasst von © Janna
★★★★☆

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Buchdetails | Anzeige |
Titel: Die ewigen Toten
Buchreihe: 6. Band
Autor: Simon Beckett
Verlag: Wunderlich (Rowohlt)
— Rezensionsexemplar —
David Hunter – Reihe
Band 1 ~ „Die Chemie des Todes“
Band 2 ~ „Kalte Asche“
Band 3 ~ „Leichenblässe“
Band 4 ~ „Verwesung“
Band 5 ~ „Totenfang
Band 6 ~ „Die ewigen Toten“

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Nina
Gast

Huhu Janna, ich hatte dir meine Eindrücke ja schon via Instagram geschrieben, bevor ich deine Rezension gelesen hatte. Das habe ich nun nach dem Auslesen des Buches endlich nachholen können und in vielem stimme ich dir zu. Das Ende war für mich auch einfach zu viel des Guten und viel zu lang. Dennoch geschieht alles irgendwie viel zu schnell, wie in einer Art Zusammenfassung und mit wenig Gefühl. Auch die Beziehung (am Ende) zwischen David und Rachel fand ich persönlich arg weit hergeholt, das war mir zu wenig nachvollziehbar und ging mir ebenfalls zu schnell, wurde beinahe lapidar abgehandelt. Zum… Read more »

Nina
Gast

Ach, und noch kurz zu Mears: Ich hätte sehr gerne mehr über ihn erfahren, die Figur an sich hat mich echt neugierig gemacht. Ich hatte auch die ganze Zeit über gehofft, es kommt noch etwas mehr als „der ist halt irgendwie so, hat ein großes Ego, ist aber total unsicher“, aber so war es für mich ein wenig dürftig. Klar gibt es solche Typen im realen Leben, bei denen man die Beweggründe ihres Handels auch nicht erfährt, aber von einer literarischen Figur erwarte ich doch ein wenig mehr.

Heike Dewald
Gast

Liebe Janna,
hach…diese Reihe muss ich unbedingt auch irgendwann lesen. Forensik finde ich mega interessant und Privates als Nebenfaden ist mir auch sehr recht, da sei ihm der Schwenker in Band fünf verziehen. ;-)
Liebe Lesegrüße, Heike

Nicole
Gast

Eine toll geschriebene Rezension. Ich bin ja froh, dass der Band wieder besser geworden ist, denn bei mir fing es schon mit dem 3. Band an, dass mich Beckett nicht mehr packen konnte. Zu vieles wiederholte sich vom Aufbau her und auch sonst gab es immer wieder Dinge, die mich gestört haben oder manches das mir zu sehr zusammengeschustert war, nur um den Fall noch etwas in die Länge zu ziehen. Den 5. Band muss ich ja noch lesen und bin gespannt, wie der mir gefällt, vor allem wenn du schreibst das der etwas ungewohnt ist. Vielleicht tut mir das… Read more »

Nicoles Bücherwelt
Gast

Hallo liebe Janna,

eine sehr gute und ausführliche Rezension! Auch deinen eingebauten, unsichtbaren Spoiler (gute Idee!) habe ich natürlich auch gelesen und muss ich dir recht geben – die Sache war etwas verwirrend.
Ich war im Vorfeld auch schon sehr gespannt auf das Buch und es hat mir ebenfalls sehr gut gefallen – besonders zum Ende hin passiert ja einiges!
Vielen lieben Dank fürs verlinken – ich habe dich ebenfalls unter meiner Rezension verlinkt. :)

Liebe Grüße
Nicole

Sarah
Gast

Ich bin also nicht die einzige, die das Ende mit den vielen Entwicklungen, etwas kritisch sieht. „Sich selbst überholen“ passt da als Beschreibung schon ganz gut – auch wenn ich die Entwicklungen mochte. Die letzte Szene… jaa ein Cliffhanger wäre fies gewesen, aber so ist es… hm. „In Ordnung“? Kann man das so sagen? Ich weiß es nicht. Ich mag das Buch und will unbedingt einen weiteren Band aber ob es den ohne Cliffhanger geben wird? Ich hab da etwas Angst, um ehrlich zu sein…

Ganz liebe Grüße und danke fürs Verlinken!

Gabi
Gast

Die erste Rezension zum neuen Beckett – da musste ich doch schnellstens hierher kommen und lesen, wie Dir das Buch gefallen hat. Das Ganze stimmt mich hoffnungsfroh, wenn ich auch wegen des Endes ein bisschen Bange bin. Trotzdem freue ich mich nach dem Lesen Deiner tollen Rezension noch viel mehr darauf, den neuen Hunter zu lesen!

LG Gabi